„Streßfrei ans Ziel“

Als schnelle Verbindung zur Ostsee hat sich der Warnowtunnel, Deutschlands erstes privatfinanziertes Straßenbauprojekt, bewährt. Im NTI-Interview berichten Yvonne Osterkamp und Olaf Wiechmann, Geschäftsführer der Warnowquerung GmbH und Co. KG, über aktuelle und künftige Tunnel-Herausforderungen.

NTI: Der Warnowtunnel gilt als die Abkürzung in Rostock, ja als schnelle Verbindung zur Ostsee. Können Sie sich noch an das Verkehrsgeschehen in der Region vor 2003 erinnern?

WIECHMANN: Um schnell an die Ostseeküste zu kommen, mußte man sich eine verkehrsarme Zeit aussuchen, denn eigentlich gab es kaum eine Möglichkeit, Rostock zu umfahren. Mit der Fertigstellung der A 20 und der Eröffnung des Warnowtunnels im September 2003 wurde der äußere Tangentenring um die Hansestadt Rostock realisiert, was zu einer spürbaren Entlastung des innerstädtischen Verkehrs geführt hat. Vorbei war die Zeit der Staus und des zähfließenden Verkehrs. Dieser Zustand hielt allerdings nicht lange an. Da Rostock eine wachsende Stadt und mittlerweile der wirtschaftliche Motor einer ganzen Region ist, haben wir heute wieder eine ähnliche Situation in der Innenstadt.

OSTERKAMP: Der Warnowtunnel bietet bei Stau in der Innenstadt immer die Möglichkeit, schnell und streßfrei ans Ziel zu gelangen. Auch für die nächsten Jahre sind steigende Einwohnerzahlen für Rostock prognostiziert. Da ist es gut, daß mit dem Warnowtunnel eine zusätzliche Alternativstrecke zur Verfügung steht. Da auch Güterverkehre und Gefahrguttransporte den Tunnel passieren dürfen, wird auch in dieser Hinsicht die Innenstadt sicherer und sauberer. Und nicht zuletzt war die Querverbindung durch den Warnowtunnel für Firmen ein Grund mehr, sich im Überseehafen anzusiedeln.

NTI: Als Deutschlands erstes privatfinanziertes Straßenbauprojekt muß sich die Warnowquerung refinanzieren und ist mautpflichtig. Sind die Autofahrer hierzulande bereit, für eine schnellere Verbindung zu bezahlen und können sich auch regelmäßige Nutzer die Tunnelfahrt leisten?

OSTERKAMP: Ja, es wurden neue Wege beschritten, um eine einfache Frage zu beantworten: Wollen wir eine zusätzliche Umgehung in Rostock oder nicht? In den 90er Jahren war mit öffentlichen Mitteln in absehbarer Zeit keine Querung der Warnow zu realisieren. Mit dem Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetz von 1994 war dann eine Lösung in Sicht und die Stadt-Oberen haben die Chance genutzt und sich für die Vergabe einer Konzession an Private für die Finanzierung, den Bau und den Betrieb entschieden. Die Wirtschaft, die Einwohner und die Touristen profitieren von der Querung unter der Warnow.

WIECHMANN: Wir finden, daß es eine faire Sache ist, wenn nur der Nutzer bezahlt und für sich entscheidet, ob es ihm einen Nutzen bringt oder nicht. Wenn Sie zum Beispiel morgens und abends eine halbe Stunde sparen, haben sie eine ganze Stunde mehr Zeit für Familie, Freunde oder das Hobby. Gewerbetreibende können statt zwei oder drei vielleicht fünf oder sechs Termine abarbeiten. Der Stadthaushalt ist nicht mit zusätzlichen Millionen belastet und mit teilweise deutlich kürzeren Fahrzeiten hat sogar die Umwelt etwas davon.

 

„Wenn Sie zum Beispiel morgens und abends eine halbe Stunde sparen, haben sie eine ganze Stunde mehr Zeit für Familie, Freunde oder das Hobby.“

 

OSTERKAMP: Und um regelmäßige Nutzer zu entlasten gibt es unsere rabattierten Produkte: „Oscard“, „RFID-Streifen“ oder „Tag“, mit denen je nach Fahrzeugklasse im Sommer zwischen 25 und 36 Prozent gegenüber dem Barpreis gespart werden können. Wir können nach nunmehr 13 Jahren im Betrieb immer noch eine Zunahme der Verkehrszahlen verzeichnen. Im Januar 2017 begrüßen wir den 50millionsten Tunnelnutzer. Diese Zahlen sprechen für sich.

NTI: Aber das Problem, immer Kleingeld parat haben zu müssen und darauf zu vertrauen, daß die Technik an der Mautanlage nicht versagt, bleibt, oder?

WIECHMANN: Das mit dem Kleingeld muß ja nicht sein. Beim Kassierer ist jede Zahlungsart möglich. Dort können Sie sogar mit 12 ausländischen Währungen bezahlen. Ansonsten mit EC- oder Flottenkarte – „Uta“, „DKV“ oder „Routex“, mit unserer Oscard – das ist eine Smartcard mit dem Abbild unseres Maskottchens Otter Oscar, oder mit dem besagten Kleingeld. Wer sich als Kunde bei uns registriert und ein Lastschriftmandat erteilt, fährt mit einem an der Frontscheibe angebrachten RFID-Streifen oder einem „Tag“ ganz entspannt durch die Mautstation, wobei dieser Kunde auch noch die Wahl zwischen allen Spuren hat. Und wenn wirklich mal Hilfe benötigt wird, gibt es in jeder Spur einen Hilfe-Knopf, der Sie sofort mit einem Kollegen von uns verbindet, um das entstandene Problem schnell zu lösen!

NTI: Kann sich ein solches Projekt tatsächlich einmal für Investoren refinanzieren? Welche Investitionen sind für den laufenden Betrieb des Bauwerkes erforderlich?

OSTERKAMP: Grundsätzlich ja, aber als Investor braucht man viel Geduld, bis man in die Gewinnzone kommt. Mit der Hansestadt Rostock wurde ein Investitionsplan vereinbart, in welchem ganz konkret die Erneuerungszyklen für alle technischen Anlagen, Straßen und so weiter festgelegt sind. Über die Konzessionslaufzeit von 50 Jahren sind zirka 57 Millionen Euro aufzuwenden, um das Bauwerk im Jahre 2053 in einem guten Zustand an die Hansestadt Rostock zu übergeben. Aktuell haben wir im Jahr 2015 ein neues Überwachungs-, Steuerungs- und Datenerfassungsprogramm installiert. 2016 wurde der Verkehrsrechner erneuert und in das neue System eingebunden, 2017 und 2018 werden die Videoanlage erneuert und die Gefahrguterkennung sowie die Brandmeldeanlage und Voice Recording erneuert und eingebunden. Dieses über vier Jahre laufende Projekt wird zirka zwei Millionen Euro kosten. Außerdem stehen natürlich die laufenden unterjährigen Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten an, die pro Jahr zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Euro kosten. Dafür haben die Nutzer aber auch einen Tunnel und eine Straße, die stets in einem Top-Zustand sind!

NTI: In welchem Umfang sichern der Betrieb und die Werterhaltung des Tunnels Arbeitsplätze und Aufträge von Unternehmen in der Region?

OSTERKAMP: In unserer Firma sind derzeit 31 Mitarbeiter aus Rostock und Umgebung beschäftigt. Seit vielen Jahren bilden wir einen Auszubildenden zum Bürokaufmann beziehungsweise zur Bürokauffrau aus. Bei der Vergabe von Wartungs- und Instandhaltungsaufträgen arbeiten wir gern und eng schon über viele Jahre mit etlichen regionalen Firmen zusammen. Bei manchen Aufträgen sitzen die Partnerunternehmen allerdings auch im Ausland. So wird zum Beispiel unsere Mautsoftware aus Südafrika geliefert und entsprechend gewartet.

NTI: Vor sieben Jahren kürte der ADAC die Warnowquerung als sichersten Stadt-Tunnel in ganz Europa. Was bedeutet das konkret? Wie gelingt es, auch künftig immer auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben?

WIECHMANN: Sicher zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, auf dem modernsten Stand zu sein. Hilfreich ist es sicherlich. In der heutigen, sehr schnellebigen Zeit befindet man sich immer nur kurze Zeit auf dem neuesten Stand der Technik. Es ist einfach nicht bezahlbar, jede Neuentwicklung mitzumachen. Viel wichtiger ist jedoch, daß man Mittel und Methoden findet, um sich ständig zu hinterfragen, wo noch nicht erkannte Risiken auftreten können beziehungsweise wie bekannte Risiken beobachtet und minimiert werden. Dabei spielt gut geschultes und trainiertes Personal eine große Rolle. Hilfreich zur Seite stehen auch Dokumente, deren Abarbeitung in besonderen Situationen eine gewisse Ruhe schafft.

OSTERKAMP: Wir suchen den Kontakt zu Fachkollegen und sind auch auf Tunnelkongressen und Fachtagungen dabei, um stets die neuesten gesetzlichen Vorgaben zu kennen und umsetzen zu können und um auch technische Neuerungen mitzubekommen. Wir haben beispielsweise als erste Tunnelbetreiber behindertengerechte Notruftaster im Tunnel installiert, obwohl dies bisher nur eine Empfehlung ist und die neue Richtlinie für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln noch nicht in Kraft gesetzt wurde. Es ist unser Anspruch, stets sicher und modern zu sein und dafür engagieren wir uns.

NTI: Für den Warnowtunnel wirbt auf originelle Weise das Maskottchen Otter Oscar. Wie beliebt ist der Tunnel als Sehenswürdigkeit der Region?

WIECHMANN: Bei Tagen des offenen Tunnels, in der Reihe „Wirtschaft erleben“ oder bei Besuchen von Vereinen oder Interessenvertretungen waren und sind entsprechende Veranstaltungen immer sehr gut besucht. Es ist eben nicht nur eine graue Betonröhre, sondern es gehört viel mehr dazu. Zum Beispiel all die verschiedenen technischen Systeme oder auch unzählige Anekdoten aus dem Leben am, vor, hinter und über dem Tunnel. Insofern ist der Tunnel in seiner Funktion und auch darüber hinaus fest in der Region verankert.

Das Interview führte JÖRG SCHUSTER.

 

Warnowquerung-Geschäftsführerin Yvonne Osterkamp: „Es wurden neue Wege beschritten.“

Fotos (4): WQG-ARCHIV

Warnowtunnel-Maskottchen „Otter Oscar“: Tunnel fest in der Region verankert.

Warnowquerung-Geschäftsführer Olaf Wiechmann: „Es ist eine faire Sache, wenn nur der Nutzer bezahlt.“

Rostocker Warnowtunnel: Deutschlands erstes privatfinanziertes Straßenbauprojekt.

Aus NTI-Sonderausgabe "Ostsee" 2017

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Auf Luthers Spuren

Die Ausgabe 3/2017 berichtet über ein ereignisreiches Jahr in der Wartburgregion.

Werbung