„Nischen erschließen“

Auf ein außerordentlich positives Fremdenverkehrsgeschäft kann das Ostseeheilbad Graal-Müritz verweisen. Im NTI-Interview erklärt Dr. Bernd Kuntze, Geschäftsführer der Tourismus und Kur GmbH Graal-Müritz, daß man sich auf den Lorbeeren nicht ausruhen wolle. „Wir werden uns in unseren Bemühungen auf die Vor und Nachsaison konzentrieren und hier unser Profil versuchen zu schärfen. Denn gerade in dieser Zeit kann man sich wunderbar erholen und entspannen.“

NTI: Herr Dr. Kuntze, die Tourismusbranche bestätigt auch im Jahr 2016 mit beeindruckenden Zahlen ihre Bedeutung als Wirtschafts- und Imagefaktor für Mecklenburg-Vorpommern. Wie fällt Ihre Bilanz für das Ostseeheilbad Graal-Müritz aus?

KUNTZE: Auch Graal-Müritz kann ein sehr positives Resümee für das Jahr 2016 ziehen. Nach dem Rekordjahr 2015 haben wir nochmals unsere Übernachtungszahlen um zirka drei Prozent gesteigert.

NTI: Für das Projekt „Erlebnis Natur“ erhielt die Tourismus und Kur GmbH Graal Müritz den ADAC-Tourismuspreis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

KUNTZE: Natürlich waren wir sehr glücklich, aber auch überrascht, daß unser Projekt eine solche Wertschätzung erfahren hat. Es zeigt aber, daß wir mit unserem Ansatz, noch mehr für die Umweltbildung und Erziehung der jungen Generation in spielerischer Form im Urlaub zu tun, richtig liegen. Der Preis ist sowohl Ehre aber auch Verpflichtung, diesen Weg weiter zu beschreiten.

NTI: Können Sie uns das Projekt näher erklären?

KUNTZE: Das Projekt soll die Attraktivität und die Anziehungskraft unseres Ortes als Tourismusdestination stärken. Es erweitert das Angebot für den Familienurlaub und gibt Großeltern die Chance, erlebnis- und abwechslungsreiche Urlaubstage mit den Enkelkindern zu gestalten. Da die Objekte auch beliebte Fotomotive sind, erhöht sich zwangsläufig der Bekanntheitsgrad des Ortes. Entsprechend der Zielsetzung ist das Projekt auf eine längerfristige und nachhaltige Umwelterziehung der jungen Generation ausgerichtet. Für die einheimischen Kindereinrichtungen ergeben sich neue, interessante Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung und Umwelterziehung, insbesondere im „Grünen Klassenzimmer“. Erlebbare Natur – und Landschaftselemente bringen Besuchern und Einheimischen, insbesondere Kindern die naturräumlichen Besonderheiten von Graal-Müritz – Wald, Wiesen, Moor, Meer und Strand – nah und regen an, die vielfältige Natur mit wachen Augen zu entdecken. Insgesamt gibt es fünf Elemente.

NTI: Welche sind das?

KUNTZE: Auf dem Barfußpfad erspüren Kinder unterschiedliche Naturmaterialien – Sand, Kies, Holz, Tannenzapfen. In der Erlebniswelt Küstenschutz erleben Kinder die Wirkung des Wassers auf die Küstenlandschaft durch eine Wasserspiellandschaft mit Info-Tafeln. In der Erlebniswelt Küstenwald werden die Hauptelemente Klangwald und „Grünes Klassenzimmer“ durch den Pavillion und den Blickpunkt Wald ergänzt. Der Ostseelehrpfad bietet interaktive Informationstafeln. Diese enthalten Wissenswertes über die Ostsee als Natur-, Lebens- und Wirtschaftsraum. Über das integrierte Handy-Audio-Guide-System können kindgerechte Geschichten zu den dargestellten Wissensgebieten abgerufen werden. In der „GROßartigen Flora und Fauna“ laden übergroße Skulpturen von Tieren und Pflanzen aus Meer und Strand zum Anfassen und Entdecken ein, Erklärungen dazu gibt es auf Schautafeln.

NTI: Wie ist die Idee entstanden und wie hat sich die Sache entwickelt?

KUNTZE: Entstanden ist das Gesamtprojekt aus einer Idee unserer Grundschule, die zunächst nur Informationstafeln für Kinder errichten wollte. Diesen Grundgedanken hat dann eine Arbeitsgruppe in unserer Gemeinde unter Einbeziehung aller Kinder- und Jugendeinrichtungen, Umweltverbänden und Trägern des Tourismus aufgenommen, Ideen gesammelt, das Gesamtprojekt entwickelt und letztlich mit finanzieller Unterstützung unseres Landes umgesetzt.

NTI: Zum ersten Mal wurden die Graal-Müritzer für vier Jahre mit dem „Lifeguarded Beach-Bewachter Strand“-Siegel der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft ausgezeichnet. Wie wichtig ist Ihnen diese Würdigung und welchen Wert legen Urlauber tatsächlich auf derartige Prädikate?

KUNTZE: Die Sicherheit unserer Gäste zu gewährleisten, ist eine der wichtigsten Aufgaben für unsere Rettungsschwimmer und natürlich für den ganzen Ort. Deshalb haben wir dies von unabhängigen Gutachtern überprüfen lassen, denn hin und wieder wird man ja auch „betriebsblind“ und Außenstehenden fällt manchmal das eine oder andere auf, was man übersieht, und das kann in Fragen Sicherheit fatale Folgen haben. Ich glaube, daß die Gäste diese Auszeichnung nur sekundär wahrnehmen, darum geht es auch nicht in erster Linie. Uns ist es viel wichtiger, die Gewißheit zu besitzen, alles getan zu haben, um Unfälle weitestgehend auszuschließen und ungetrübten Badespaß zu garantieren. Und das wird nach außen durch das „Rote Banner“ sichtbar.

NTI: Beim Thema Strand geraten Sie schon mal ins Schwärmen. Vor Jahren haben Sie in der Neuen Thüringer Illustrierten berichtet, daß Ihr Ostseebad mit die schönsten Strände an der ganzen Ostsee überhaupt habe. Wie präsentieren sich Ihre Strände in Sachen Wasserqualität, Sauberkeit und Service?

KUNTZE: Graal-Müritz hat immer noch eine der besten Wasserqualitäten an der deutschen Ostseeküste. Umweltschutz, Sauberkeit und Service messen wir in Graal-Müritz eine hohe Priorität zu. Denn nur wenn dies und die Sicherheit gewährleistet sind, kommen die Gäste immer wieder zu uns. Und daß wir dabei einen guten Stand erreicht haben, zeigt die Tatsache, daß Graal-Müritz 2016 zum 18. Mal mit dem Gütesiegel – der „Blauen Flagge“ – der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung ausgezeichnet wurde, die genau diese Kriterien voraussetzt.

NTI: Das Nacktbaden hat in Graal-Müritz Tradition. Wie gut besucht sind Ihre FKK-Strände heute und ist Freikörperkultur bei Besuchern aus Ost und West gleichermaßen beliebt?

KUNTZE: Nach wie vor ist FFK sehr beliebt. In Graal-Müritz halten wir spezielle Strandabschnitte für FKK-Anhänger vor. Es gibt aber doch deutliche Unterschiede zwischen den Gästen aus den alten und den neuen Bundesländern. Bei den Besuchern aus dem Osten ist das Nacktbaden noch spürbar beliebter.

 

„Nach wie vor ist FFK sehr beliebt.“

 

NTI: Herr Dr. Kuntze, die Thüringer rangierten in den letzten Jahren in Ihren Besucherrankings zumeist an sechster, siebenter Stelle. Sind Sie als gebürtiger Thüringer eigentlich mit diesem Abschneiden zufrieden?

KUNTZE: Als gebürtiger und gefühlter Thüringer wünschte ich mir natürlich noch mehr Gäste aus meiner Heimat. Aber als Verantwortlicher für den Tourismus in unserem Ostseeheilbad habe ich die Gesamtheit im Blick und da sind mir die Sachsen, Bayern oder die Gäste aus NRW genauso lieb wie die Thüringer. Meine Verantwortung liegt darin, eine hohe Auslastung der Kapazitäten zu erreichen, egal aus welchem Bundesland die Besucher kommen.

NTI: Aber, daß deutlich mehr Urlauber aus Sachsen-Anhalt als aus Thüringen zu Ihnen kommen, verwundert. Könnten nicht noch mehr Thüringer kommen? Wie ließen sich diese vielleicht gezielter ansprechen?

KUNTZE: Wo die wirklichen Ursachen dafür liegen, haben wir nicht untersucht. Sicher spielen da viele Faktoren eine Rolle: Bevölkerungszahl, Entfernung, Einkommensstruktur, Bekanntheitsgrad und so weiter. Und da hat Thüringen nicht immer die besten Voraussetzungen. Vielleicht reichen auch unsere Werbeaktionen in Ihrem Bundesland noch nicht aus, um den Anteil der Thüringer weiter zu erhöhen.

NTI: Bei den Kapazitäten geraten Sie langsam aber sicher an Grenzen. Bei der Auslastung von Pensionsbetten und privaten Ferienwohnungen ist wohl das Ende der Fahnenstange erreicht. Bei den Hotelkapazitäten haben Sie sich vor Jahren in einem NTI-Interview für weitere ein bis zwei Häuser im oberen Segment ausgesprochen, die außerdem für eine Qualitätssteigerung sorgen sollten. Über welche Entwicklungen können Sie diesbezüglich berichten?

KUNTZE: Zur Zeit. befindet sich ein Vier-Sterne plus-Apartment-Hotel kurz vor der Fertigstellung und wird Ostern 2017 an den Start gehen. Danach sind Abriß und Neubau des Residenz-Hotels und des Hotels Ostseewoge vorgesehen, die ebenfalls im oberen Segment angesiedelt sein werden. Damit versprechen wir uns eine weite Qualitätssteigerung.

NTI: Was sind künftige Vorhaben und Visionen in Ihrem Tourismusgeschäft?

KUNTZE: Zunächst gilt es, auch in den kommenden Jahren die außerordentlich positive Bilanz der letzten Jahre zu halten. Wir stoßen in der Tat an unsere Grenzen, besonders in der Haupturlaubszeit. Zuwächse sind kaum noch zu realisieren, besonders weil wir keine weiteren Kapazitätserweiterungen wollen. Deshalb ist eine Stabilisierung des Erreichten unser Hauptziel. Was nicht heißen soll, daß wir uns auf den Lorbeeren ausruhen wollen, sondern wir werden uns in unseren Bemühungen auf die Vor und Nachsaison konzentrieren und hier unser Profil versuchen zu schärfen. Denn gerade in dieser Zeit kann man sich wunderbar erholen und entspannen.

„Ahrenshoop ist bekannt als Ort der Maler, Zingst als die Stadt der Fotografie, warum soll Graal-Müritz nicht als Seebad der Literaten gelten?“

 

NTI: Was heißt das konkret?

KUNTZE: Deshalb werden wir ein Projekt „Kur- und Heilwald“ realisieren, das dazu beitragen wird, unsere natürlichen Gegebenheiten – den Küstenschutzwald – für die Gäste noch erlebbarer zu gestalten. Unser Bemühen geht auch dahin, „Nischen“ für uns zu erschließen. In Graal-Müritz haben bekannte Literaten wie Kafka, Kästner, Tucholsky, Trojan und Seidel und viele mehr ihre Sommerfrische oder ihren Genesungsaufenthalt verbracht. Das noch stärker zum Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, könnte den Bekanntheitsgrad weiter erhöhen. Ahrenshoop ist bekannt als Ort der Maler, Zingst als die Stadt der Fotografie, warum soll Graal-Müritz nicht als Seebad der Literaten gelten?

Das Interview führte JÖRG SCHUSTER.

 

Graal-Müritzer Tourismus- und Kurgesellschaftschef Dr. Bernd Kuntze: Sehr positives Resümee für das Jahr 2016.

Foto: TKGGM-ARCHIV

Profil schärfen: Bemühungen auf die Vor und Nachsaison konzentrieren.

Fotos: MANFRED WIGGER (2), ANDRE PRISTAFF

Ob zur Rhododendronblüte, zum Fest der Moorgeister oder für einen Wellnessaufenthalt: Graal-Müritz steht in der Besuchergunst mit ganz oben.

Fotos: ALEXANDER RUDOLPH,

HR. STELTER, MANFRED WIGGER

Aus NTI-Sonderausgabe "Ostsee" 2017

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