Alleinstellungsmerkmal

Auf der Brücke zwischen Abend und Nacht.

Juli 2016, Insel Usedom, Zinnowitz, gegen zehn Uhr am Abend, mitten auf der Brücke zwischen Abend und Nacht: Die Ostseebühne Zinnowitz, verortet in einer kleinen Talsenke, von der aus man das Meer ahnen kann und in der sogenannten zweiten Reihe des Dorfes, taucht urplötzlich ins Dunkel. Die Bühne, die gerade eben noch den Vorplatz des Vinetischen Königspalastes zeigte, versinkt in Schwärze. Rabenschwärze. Dann hört man Musik. Poppige, sphärische, immer lautere und mündend in einem wilden wie genialen Konglomerat aus irischem, norddeutschem oder schottischem Folkrock.

Der Zweikampf zwischen Trommeln und elektrischen Gitarren auf der einen und Geigen und Akkordeon auf der anderen Seite endet in einem Rhythmus, für den dereinst der Begriff Ohrwurm erfunden wurde. Parallel zur Musik durchziehen Sternschnuppen das Dunkel. Nein, das sind keine Sternschnuppen, sondern scharf abgeschossene Lichtstrahlen. Die zeichnen Linien, Sterne und Kreuze. Dann malen sie geometrische Figuren: Kreise, Röhren, Kegel, wippende und sich drehende Ebenen als eine perfekte Illusion für die Augen. Die sehen anschließend Schlünde aus Licht. Aus denen brodeln urplötzlich Wellen. Ostseewellen. Schwarz-weiße und dann solche in den Farben des Regenbogens. Das etwa fünfminütige Laserspektakel gestattet einen Blick auf die Sitznachbarn. Staunende und gleichsam hochkonzentrierte Augen wegen des schieren Mangels an Ablenkung. An die 900 Paar Füße wippen im Takt. Befohlen hat das ihren Besitzern niemand.

  Die Musik wird lauter, ekstatischer und das Licht greller. Dann endet die Show, wie sie begonnen hat: Abrupt. Die Folge: Rabenschwärze, Teil zwei. Anschließend erhellt wieder das Bühnenlicht die Szenerie. 27 Schauspielerinnen und Schauspieler der Vorpommerschen Landesbühne bilden händehaltend und strahlend eine Kette, die an die Bühnenkante hin zu ihrem Publikum tritt. Falsch. Die wenigsten der Akteure sind ausgebildete Schauspieler. Vielmehr sind es die Studentinnen und Studenten der Theaterakademie Vorpommern aus Zinnowitz, darunter allein zehn aus dem ersten Studienjahr. Dazu kommen vier Zinnowitzer Laiendarsteller, die allesamt Wiederholungstäter sowie ein nicht zu unterschätzender Faktor für die vielen einheimischen Besucher der „Vineta-Festspiele“ sind. Das Publikum klatscht, kreischt, trommelt und pfeift. Als der Beifall seinen Höhepunkt erreicht, beginnt die Zugabe, die aus zwei Songs und Tänzen aus der Vorstellung besteht und bei der Gelegenheit zwei neue Ohrwürmer gebärt. Weil der Beifall danach partout nicht enden will, dreht die Schauspieler- und Eleven-Riege abschließend den Spieß um und beklatscht nun selbst das Publikum. So faszinierend bunt, enthusiastisch und fast alle Sinne berührend kann Theater sein. Wer anderes spricht, der gehört derweil schon lange ins Bett.

  Auch in diesem Jahr ist die sagenhafte Stadt Vineta, von der niemand weiß, ob es sie je gegeben hat, – Befürworter ihrer Existenz vermuten sie vor der Küste von Zinnowitz, dem benachbarten Koserow, Barth oder der polnischen Usedom-Schwester Wollin –, nicht untergegangen. Nicht in dieser Nacht und auch nicht in den 32 davor oder danach. So oft nämlich wird das Stück anno 2016 mit dem Titel „Vineta – Die Stadt der Diebe“ aufgeführt. Der Titel führt in die Irre. Niemand der Akteure macht sich während der zweieinhalbstündigen Mixtur aus Fantasy-Abenteuer, Schauspiel und Musical des Straftatbestandes Diebstahl schuldig. Vielmehr geht es darum, wie sich die nordische Ostseemetropole ihren Reichtum und ihre Macht sichert: Und zwar, indem die Stadt auf einen Urtrieb der Menschen setzt und deshalb den Betrieb von Glücksspielautomaten und Spielcasinos gestattet. Vineta wird insofern zu einem mittelalterlichen Vorbild für Las Vegas, Monaco oder Baden-Baden. Das ist zwangsläufig auf der moralischen Ebene nicht eben korrekt, aber letztlich nur ein Spiegelbild für die Sucht und die Gier der Vineter und ihrer Gäste nach Geld, Einfluß und Macht.

  Der heimliche Star des Ganzen ist ein von Erwin Bröderbauer gespielter Zuhälter und Manager des Glückspiels. Eine dialektische Figur, ausbalanciert zwischen cleverem Kämmerer, dreistem Jongleur der unterschiedlichsten Interessen und einem nicht nur geldgeilem Egoisten. Ist dieser Fidelus, den man den König der Diebe nennt, nun eine gute oder böse Gestalt? Die Antwort darauf ist eine schwierige. Seine beiden Frauen auf den Zinnowitzer Strandstrich zu schicken, ist unmoralisch, aber nicht verboten. Ständig Geschäfte für das Anwachsen der eigenen Kontostände zu machen, ist im strikt marktwirtschaftlich ausgerichteten Vineta gesellschaftsfähig und deshalb normal. Und sich dabei auch noch um einen gesunden Haushalt der Stadtkasse zu kümmern, dürfte auch im Mittelalter als vorbildlich gelten. Fidelus intrigiert, dienert vor dem Königshaus, trifft Vereinbarungen, um diese ohne jede Gewissensbisse nach seinem Gusto zu brechen und schmiedet jede Menge Koalitionen. Spätestens dann, wenn er angesichts eines drohenden Angriffs des Nordmeerpiratenheeres sowohl den Vinetern als auch dem an seinem Munde hängenden Publikum zuruft: „Wir schaffen das!“, könnte Fidelus auch Angela heißen. Er macht schlicht und einfach die Vineter Politik. Vermutlich ist die sogar alternativlos.

  Die Zinnowitzer „Vineta-Festspiele“, die es seit zwei Jahrzehnten gibt, haben ein Alleinstellungsmerkmal. Das läßt sich ganz einfach so beschreiben. Nachdem der Applaus des Publikums verklungen und die Bühne im Dunkeln verschwunden ist, liegt der Feierabend für die Schauspieler immer noch in weiter Ferne. Aber vom Anfang an: Wer als Besucher der Vineta-Aufführungen den Vorplatz der Bühne mit seinen hohen Bäumen und in die Runde von Verkaufsständen in hölzernen Buden tritt, der sieht hinter den Tresen für Bier, Glühwein, Cocktails, Bratwurst, CDs und den ganz offenbar kultischen Fettbroten mit Gurke junge Leute. Die stecken in schwarzen T-Shirts mit der Beflockung „Vineta-Team“ und heißen Anna, Klaudia, Marie Thérèse, Momo oder Shero. Dazu sind die schon seit Stunden aufwendig geschminkt, tragen Perücken und mittelalterlich anmutende Gewänder. Der Besucher denkt: Ein netter Gag, der auf das Kommende auf der Bühne virtuell einstimmen soll.

  Doch weit gefehlt. Eben noch hinter den Tresen, stehen die Bier-, Sitzkissen- und Fettbrotverkäufer nur wenige Sekunden, nachdem die Stimme aus dem Off das Handyausschalten einfordert und geöffnete Regenschirme verbietet, mitten auf der Zinnowitzer Ostseebühne. Nicht etwa als Statisten, sondern nun sind sie die Zeitenwandlerin Omniya, Vineter Bürger, Mätressen oder Piraten. Weit über eine Stunde später und in der Pause wieder das gleiche Bild. Die Darsteller, Sänger und Tänzer von eben reichen nun warme Brezeln, kühle Getränke, rechnen Euros zusammen und geben Wechselgeld heraus. Dann geht es genauso schnell wieder zurück auf die Bühne. Aber auch lange nach dem finalen Applaus ist der nicht das Ende. An den Tischen, auf denen gerade noch Bier getrunken, Suppe gelöffelt und Würste gegessen wurden, wird jetzt geschrieben. Und zwar Autogramme. Zahllos viele. Auf braune Unterarme, noch helle Oberschenkel sowie mehrheitlich in das reich illustrierte Programmheft. In dem können diejenigen, denen es in den vergangenen drei Stunden nicht gelungen ist, alle Intrigen, Beziehungen untereinander und das Handeln der Protagonisten in Gänze zu verstehen, die gesamte Geschichte und deren Plot nachlesen. Diese obligatorische Autogrammhalbestunde schafft durchaus Mehrwert. Sowohl für die Darsteller als auch für deren Publikum. Leuchtende und genauso müde wie glückliche Augenpaare auf beiden Seiten der Tische. Die Fragen und Antworten sind nach jeder Vorstellung die gleichen: „Woher kommst du?“, „Wie heißt du?“, „Das war voll cool.“, „Ich will genauso werden wie du.“ und „Danke.“

  Zehn Meter weiter sitzt der Spiritus Rector des Ganzen. Seit fast zwei Jahrzehnten schreibt Dr. Wolfgang Bordel die Geschichten der „Vineta-Festspiele“, formuliert die Liedtexte und führt Regie. Der sitzt auf seinem Stammplatz unter einem der mächtigen Bäume auf dem Vorplatz, den er inmitten Saison nur dann einmal verläßt, wenn ein Rammstein-Konzert ansteht. Schelmische Augen hinter kleinen runden Brillengläsern. Darüber und drum herum weißes Haar, an dem sich, zumindest in letzter Zeit, kein Barbier eine goldene Nase verdient haben dürfte.

  Wolfgang Bordel entwickelt die Geschichte mit allen ihren fantasievollen Verästelungen zunächst im stillen Kämmerlein. Aber er hat dabei auch von Anfang an die Schauspieler im Kopf, die die jeweilige Figur später auf die Bühne zum Leben erwecken sollen. Insofern sind die Texte paßgenau auf deren Können, individuellen Stärken und die Ressourcen, von denen nicht zwingend alle überhaupt wissen, daß sie über genau diese verfügen, ausgerichtet. So entsteht auf den 33 Brücken zwischen Abend und Nacht großes Kino, Sinnlichkeit und Theater. Mit Dr. Wolfgang Bordel sprachen wir in der Premierennacht. Unter seinem Baum und mit einem Bier. Vorab zu diesem Interview noch zwei abschließende Sätze. Die sind freilich subjektiver Natur und lauten so: Wer auf Usedom oder in der Umgebung der Insel Urlaub macht, und die Vineta-Festspiele nicht besucht, ist ein Depp. Selbst wenn der Jonny heißen sollte.

JÜRGEN RAABE

Zinnowitzer „Vineta-Festspiele“: Feierabend in weiter Ferne.

Fotos (2): THOMAS HÄNTZSCHEL/VORPOMMERSCHE LANDESBÜHNE

Aus NTI-Sonderausgabe "Ostsee" 2017

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