Wachsende Schlagkraft

In Zeiten, in denen viele Ackerbauern, Schweinehalter und Milcherzeuger rote Zahlen schreiben, investiert die Agrargesellschaft Pfiffelbach in ein neues Getreidelager.

Pfiffelbach, zwischen Weimar und Apolda gelegen, hat ein neues Wahrzeichen: Ein rund 26 Meter hoher Getreidesilokomplex der Agrargesellschaft Pfiffelbach thront über dem Sitz der Gemeinde Ilmtal-Weinstraße und gibt den Blick auf viele Wälder und die vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Landschaft frei.

So kann sich der Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft, Dr. Klaus Sühl (Die Linke), freuen, daß hier in wirklich nicht gerade sonnigen Zeiten für die deutsche Landwirtschaft rund zwei Millionen Euro in die ländliche Zukunft investiert wurden.

Man darf sich von Krisen nicht ins Boxhorn jagen lassen und sollte in guten Zeiten den Speck für schlechte Tage anfressen“, meint Dr. Lars Fliege zur Einweihung optimistisch. Etwa 9500 Tonnen Getreide können jetzt in den neun zylindrischen Silos eingelagert werden, erläutert der Geschäftsführer der Agrargesellschaft Pfiffelbach. Mittels moderner Technik sei es möglich, rund 150 Tonnen Getreide pro Stunde einzulagern. Das entspreche immerhin der Leistung von drei Großmähdreschern in einer Stunde. Insgesamt habe man mit dem neuen Silokomplex an der Willerstedter Straße die Lagerfläche von 23.000 auf 32.000 Tonnen erweitert.

 

Man darf sich von Krisen nicht ins Boxhorn jagen lassen.“

 

Diese Zahlen lassen ahnen, daß allein dieser Zusammenschluß von hiesigen Landwirten für die Region von großer Bedeutung ist: „Die Agrargesellschaft Pfiffelbach gilt mit 85 Mitarbeitern als der größte Arbeitgeber im Ort und bewirtschaftet die Flächen von zwölf Ortschaften“, berichtet Landgemeinde-Bürgermeister Thomas Gottweiss (CDU).

Doch warum investieren die Pfiffelbacher in ein Getreidesilo? „Maßgeblich wollen wir damit unsere Ernte-Logistik absichern und die Qualitätsrisiken minimieren“, macht Fliege gleich auf mehrere aktuelle Probleme aufmerksam: So werde zum einen das Ernte-Zeitfenster, bedingt durch steigende Sommerniederschläge, immer kleiner und der Qualitätsanspruch der Abnehmer wächst immer weiter. Dabei zählt die Getreideernte zu den am stärksten wetterabhängigen Prozessen in der Landwirtschaft: Der Feuchtegehalt des Korns entscheidet letztlich über den Erntezeitpunkt und die -dauer, erklärt Fliege.

Mit dem neuen Lager, das auch über eine Trocknungsanlage verfügt, wachse die „Schlagkraft“ der Agrargesellschaft, da die Ernteabläufe planbarer werden und auch im Grenzbereich der Getreidefeuchten weiter gedroschen werden kann. Zudem könne man zukünftig auf Marktpreise besser reagieren. Man müsse noch weniger Produkte als bisher direkt aus der Ernte heraus verkaufen, sondern könne zu einem späteren Zeitpunkt sowohl mit den Landhändlern vor Ort als auch mit weiter entfernten Streckenhändlern Geschäfte machen. Insbesondere bei Raps erhoffen sich die Pfiffelbacher in diesem Jahr eine deutliche Preissteigerung im Vergleich zur Erntezeit.

Kein Wunder, daß die Silobauer aufs Tempo drückten: zwischen April und August entstand das moderne Hochlager. In dem neuen, zweireihigen Getreidesilo sollen zudem auch andere angebaute Fruchtarten wie Durum-Hartweizen, aber auch Raps oder Braugerste eingelagert werden.

Das sogenannte „Greening“ habe auch in Pfiffelbach zu Veränderungen in den Anbauflächen geführt: Die Direktzahlungen an Landwirte sind nun an zusätzliche Umweltleistungen gekoppelt. Die Mittelthüringer setzen dabei auf einheimische Leguminosen und haben dazu auf 500 Hektar Erbsen angebaut. Durch die Einlagerung und die damit mögliche Vermarktung zu einem späteren Zeitpunkt verschafft sich Fliege vor allem die Möglichkeit der Belieferung spezieller Verarbeiter und somit eine bessere Honorierung als zum Erntezeitpunkt.

Damit soll sich die notwendige Liquidität der Agrargesellschaft verbessern, denn die vielen landwirtschaftlichen Arbeitsschritte, vom Säen über das Düngen und Pflegen bis zur Ernte, kosten trotz modernem Maschinenpark viel Geld übers Jahr.

Man sei mit den neuen Silos zukunftssicherer aufgestellt, bringt es Fliege auf den Punkt. Schließlich haben unsere „Altvorderen“ schon zurecht gemeint, daß ein guter Bauer eine Ernte auf dem Feld, eine Ernte in der Scheune und eine Ernte auf dem Konto haben solle.

Doch das sei heute nicht mehr so einfach möglich: Allein die seit zwei Jahren anhaltende Milchkrise hat auch in Pfiffelbach an der Liquidität gekratzt: „Statt mindestens 36 Cent, die die Produktion von einem Liter Milch kostet, haben wir am Tiefpunkt der Krise von Mai bis Juli nur 23 Cent von der Molkerei bekommen“, stöhnt Fliege. Das ist ein Minus von 13 Cent pro Liter. Bei rund 23.000 Litern „Euterlimonade“, die seine 760 melkenden Kühe am Tag geben, entstanden so 3000 Euro Verlust – an einem Tag! Das steckt auch eine breitaufgestellte Agrargesellschaft nicht einfach weg, betont der Landwirtschaftsexperte, der sich – natürlich – einen reellen Milchpreis wünscht.

So klingt bei Fliege, trotz Kofinanzierung vom Land Thüringen beim Getreidesilo, auch ein wenig Kritik an der rot-grünen Landespolitik mit an, die zum Beispiel ihr Liquiditätshilfeprogramm, nicht nur seiner Meinung nach, viel zu spät verabschiedete.

Skeptisch sieht der Pfiffelbacher zudem das aktuelle Thema „Gebietsreform“: Die Agrargesellschaft sei in der örtlichen Gemeinschaft fest verankert und stärkt den ländlichen Raum in der Region zwischen Weimar und Apolda. Fliege nennt die Pflege der Vorflut und andere infrastrukturelle Maßnahmen, die gemeinsam mit der Gemeinde durchgeführt werden. Bei einer großen Gebietsreform „drohe“ der Landgemeinde eine „Eingemeindung“ nach Apolda. Fliege bezweifelt in einem solchen Fall, daß die Stadt Apolda das notwendige Interesse, und die finanziellen Mittel für die Region der heutigen Landgemeinde Ilmtal-Weinstraße aufbringen wird. Man sei dann aber dennoch mit kompetenten Mitarbeitern, Milch- und Getreideproduktion, Sauenzucht, Landhandel, moderner Landtechnik und strategischen Investitionen wie dem neuem Getreidesilo und der Biogasanlage zukunftssicherer aufgestellt. Und bereits im nächsten Jahr planen die Pfiffelbacher ihre nächste Investition: Ihre Milchkühe sollen dann einen neuen Stall mit optimalen Haltungsbedingungen erhalten.

 

ANDREAS KÜHN

 

Pfiffelbacher Agrargesellschaftschef Dr. Lars Fliege: „In guten Zeiten den Speck für schlechte Tage anfressen.“

Fotos (5): ANDREAS KÜHN

Neuer Getreidesilokomplex der Agrargesellschaft Pfiffelbach: Ernte-Logistik absichern und Qualitätsrisiken minimieren.

NTI Ausgabe 04-2016

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Auf Luthers Spuren

Die Ausgabe 3/2017 berichtet über ein ereignisreiches Jahr in der Wartburgregion.

Werbung