„Einmalige Kombination“

Ein „Klexx“ zieht in die Welt: Zum Reformationsjahr hat die Spirituosenfabrik Aromatique GmbH eigens und mit einem halben Jahr Entwicklungszeit eine neue Spezialität entwickelt.

Eine Vorbemerkung zum Verständnis der Überschrift vorab: Im kommenden Jahr wird dem 500. Jahrestag der Reformation gedacht. Was insofern Unsinn ist, war die Reformation doch ein jahrzehntelanger europaweiter Prozeß einer religiösen, hier christlichen Erneuerung mit dem Ergebnis der Spaltung der christlichen Kirche in, wenn auch vereinfachend, die evangelisch-reformatorische und die römisch-katholische des Papstes. Das Jahr 1517 wird deshalb als Startschuß zumindest der deutschen Reformation angenommen und mittlerweile weltweit von dem einen Teil der Christen gefeiert, weil just am 31. Oktober dieses Jahres der im heutigen sächsisch-anhaltinischen Eisleben geborene Mönch Martin Luther seine berühmten 95 Thesen wider dem Ablaßhandel, also dem schnöden Geschäft Geld gegen Sündenerlaß zum Zwecke der Bereicherung der katholischen Kirche an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg genagelt haben soll.

Zweifellos war Martin Luther für uns Deutsche ein großer und wichtiger Mann. Neben seiner Rolle in der und für die Reformation übersetzte er 1521 auf der Wartburg die Bibel aus dem Griechischen in die deutsche Sprache, was in Verbindung mit dem gerade erfundenen Buchdruck zur Ausbildung und Ausbreitung des Frühneuhochdeutschs führte. Er setzte sich für die Bildung aller Bevölkerungsschichten ein und nicht zuletzt stammen von Luther eine ganze Reihe von Redewendungen, ohne die auch heute noch die deutsche Sprache deutlich ärmer wäre. Als drei Beispiele sei an dieser Stelle nur das „Perlen vor die Säue werfen“, das „im Dunklen tappen“ oder der „Wolf im Schafspelz“ erwähnt.

Aber freilich war Martin Luther nicht nur groß und wichtig, sondern beileibe auch kein Heiliger. So hatte er nicht viel für die jüdische Religion oder den Islam übrig, behinderte Menschen waren für ihn ausnahmslos Teufelsgeschöpfe, vermeintliche Hexen hatten zu brennen und als die Bauern zwischen 1524 und 1526 für die Aufhebung der Leibeigenschaft kämpften, interessanterweise von seinem Reformator-Kollegen Thomas Müntzer politisch angeführt, stellte er sich gegen die Bauern und Müntzer, und dies als ein Mann der „gnädigen“ Kirche und obwohl allein im deutschen Sprachraum zwischen 75.000 und 130.000 Bauern und Thomas Müntzer selbst ihr Leben für ein besseres Leben und ein Mehr an Gerechtigkeit und Freiheit ließen.

Aber nun zur eigentlichen Sache: Unter dem Wort Aromatique versteht man einen Gewürzlikör, der seit 1828 im thüringischen Neudietendorf herstellt wird. Anlaß seiner „Erfindung“ war ganz offenbar der regionale Anstieg von Magen-Darm-Erkrankungen, die der einheimische Apotheker Daniel Traehn mit einer Eigenkomposition aus Gewürzen namens „tinctura aromatica composita“ bekämpfen wollte. Was augenscheinlich gelang, die Nachfrage steigerte und schlußendlich dazu führte, daß ein weiterer Apotheker, namentlich Theodor Lappe, die Rezeptur übernahm, sie weiterentwickelte und das Ergebnis als „Magenbitterlikör“ vermarktete. Der Aromatique, so viel ist mal sicher, war ein Kult-Getränk der DDR. Und ist es nach der Wende in den fünf neuen Bundesländern immer noch. Während es zu DDR-Zeiten in Neudietendorf mehrere „Aro“-produzierende Likörfabriken gab, wird dieser mittlerweile nur noch von der am 15. August 1991 gegründeten Spirituosenfabrik Aromatique GmbH hergestellt, die aber schon damals auf eine über einhundertjährige Geschichte zurückblicken konnte, geht sie doch auf die 1876 von Reinhold Schmidt gegründete Branntwein- und Likörfabrik, die wiederum im Jahre 1897 von Thomas Kramer übernommen wurde, zurück.

Das mittelständische Familienunternehmen mit aktuell 17 Mitarbeitern produziert und vermarktet den „Aro“ sowie weitere Liköre, darunter auch solche, die nach Granatapfel, sauren Apfel, Sauerkirsche, Pfefferminze oder Mango schmecken, seit 1995 von einem im Neudietendorfer Gewerbegebiet errichteten Neubau aus.

Hier treffen sich nun hochmoderne Produktionsanlagen und traditionelle, weil jahrhundertalte Rezepturen sowie der Komfort der Gegenwart mit der Qualität, wie sie durch die „Handarbeit“ einer Manufaktur entsteht. Das kommt an in den neuen Ländern, zunehmend auch in den alten sowie im Ausland, für das Märkte wie England, Nordirland, Israel oder die Vereinigten Staaten stehen. In den Letztgenannten, namentlich in Los Angeles, feierte der „Aro“ im vergangenem Jahr seinen bisher international spektakulärsten Erfolg. Und zwar mit 98 von 100 möglichen Punkten sowie im Wettstreit mit 365 Spirituosen von 130 Herstellern aus 34 Ländern und dem Titel „Best of Show“.

Was hat das alles mit der Reformation und Martin Luther zu schaffen? Natürlich haben es die Neudietendorfer und ihr Chef Lutz Sander nicht immer leicht. Der Wettbewerb im Spirituosenmarkt ist knüppelhart und um so schwieriger, wenn man mit ungleichen Waffen, die hier Marketingbudget und Werbedruck heißen, kämpfen muß. Zum besseren Verständnis des Kampfes zwischen Goliath und David: Während der Kräuterlikör Jägermeister von 650 Mitarbeitern an drei Unternehmensstandorten hergestellt und im Jahr 2015 bei einem Exportanteil von knapp 80 Prozent in 108 Länder weltweit verkauft wurde, gehört der Magenbitter Kümmerling seit 2010 zur Henkell und Co. Sektkellerei KG, die wiederum ein Bestandteil des Konzernmultis Dr. August Oetker KG mit über 30.000 Mitarbeitern und mehr als 12 Milliarden Euro Umsatz ist. Soviel zur Chancengleichheit und Sätzen wie „der Markt wird es schon richten“.

Weil es so ist, wie es ist, sind die Neudietendorfer per se gezwungen, statt auf Millionen schwere Werbekampagnen, auf die Qualität, Nischen und auf die Regionalität zu setzen. Die Qualität der Produkte aus dem Hause Aromatique steht dabei außer Frage. Von der zeugen die jährlichen Prämierungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der Titelgewinn in Kalifornien genauso wie die Tatsache, daß die Neudietendorfer für ihren Aromatique, keine fertigen Essenzen und Aromen verwenden, sondern den Grundstoff, das geschmackliche „Herz“ nach der Originalrezeptur von 1876 selbst herstellen und auch für alle weiteren Produkte nur natürliche Zutaten verwenden.

 

Weil es so ist, wie es ist, sind die Neudietendorfer per se gezwungen, statt auf Millionen schwere Werbekampagnen, auf die Qualität, Nischen und auf die Regionalität zu setzen.

 

Beim Thema Regionalität kommen nun Martin Luther, das Reformationsjahr und die Feierlichkeiten der evangelischen Kirchen rund um den Globus ins Spiel. Für diesen Anlaß haben die Neudietendorfer nämlich eigens und mit einem halben Jahr Entwicklungszeit eine neue Spezialität entwickelt. Die ist so schwarz wie Tinte, riecht und schmeckt nach Tannenbaum, ist mit ihren 42 Prozent Alkoholgehalt teuflisch stark, heißt „Luther´s Tintenklexx“ und ist „ein Kräuter, der“ – womöglich oder besser hoffentlich – „die Welt verändert“.

Dabei bezieht sich der Name Tintenklexx auf die Legende, nach der der Teufel Martin Luther im Winter 1521/1522 in seiner Stube auf der Wartburg während der Bibelübersetzung belästigt haben soll. Als der Mönch, vertieft in seine Arbeit, ein Kratzen und ein Schaben hörte sowie dazu noch eine Teufelsfratze sah, soll er beherzt nach dem Tintenfaß gegriffen und gezielt nach dem von Luthers Arbeit nur wenig begeisterten Teufel, an den Luther, wohl der Mittelalterzeit geschuldet, tatsächlich glaubte, geworfen haben, um den zu verscheuchen. Wegen des Wurfes, so die Legende weiter, blieb an der Wand neben dem Ofen ein blauer Tintenfleck kleben und zwar an einer Stelle, an der heute nur noch ein Loch zu sehen ist.

Das Besondere an Luther´s Tintenklexx, den es vom zwei Zentiliter-Fläschchen bis zur 0,70 Liter-Flasche gibt, sei, so die Welt-Veränderer aus Neudietendorf, die einmalige Kombination aus dem vergleichsweise hohen Alkoholgehalt, dem runden Geschmack und einer angenehm weichen Milde. In diesem Sinne bleibt zu wünschen, daß das kommende Reformationsjahr ein gutes wird für Luther und seinen Tintenklecks in der Flasche.

 

JÜRGEN RAABE

Neudietendorfer Kräuterlikör „Luther´s Tintenklexx“: „Schwarz wie Tinte, riecht und schmeckt nach Tannenbaum und ist mit 42 Prozent Alkoholgehalt teuflisch stark“.

Fotos (4): SAG-ARCHIV

Weitere Produkte aus dem Hause der Spirituosenfabrik Aromatique GmbH: Liköre, die nach Granatapfel, sauren Apfel, Sauerkirsche, Pfefferminze oder Mango schmecken.

Original: Nach der Rezeptur des Kramer-Aromatique wird auch heute noch der „Echte Neudietendorfer Aromatique“ hergestellt.

Auf dem neuesten Stand der Technik: Im April 2012 wurde in Neudietendorf eine moderne Abfüllanlage in Betrieb genommen.

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