„Ohne Kunststoff ist das moderne Leben nicht vorstellbar“

Seit über 25 Jahren behauptet sich die Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung in Spechtsbrunn am Markt. Im NTI-Interview erklärt Geschäftsführer Peter Gramß den Erfolg in einer unter enormen Preisdruck stehenden Branche: „Wir bleiben hier nur durch einen maximalen Automatisierungsgrad konkurrenzfähig. Außerdem muß man genügend finanzielles Polster besitzen, um die Vorfinanzierungen für neue Geschäfte, für Maschinen, Werkzeuge, Materialien, zu stemmen.“ Und damit nicht genug: Wenn der Kunde neben einem vernünftigen Preis auch mit der Qualität und dem Service zufrieden sei, dann könne es gelingen, einen Kunden langfristig zu binden.

NTI: 1989 haben Sie Ihr Unternehmen im bayerischen Tettau gegründet. Herr Gramß erinnern Sie sich noch, wie alles begann? Was brachte Sie dazu, den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen?

GRAMSS: Im Herbst 1989 mußte die Firma, in der ich als Verfahrensmechaniker tätig war, Insolvenz anmelden und mir wurde daraufhin vom Insolvenzverwalter gekündigt. Mit drei Spritzgießmaschinen und ein paar ausgewählten Aufträgen aus der insolventen Firma habe ich dann im Kleinen mit nur einem Mitarbeiter die Produktion aufgebaut.

NTI: Vor allem weil Ihr Unternehmen immer wieder aus den Nähten platzte, sind Sie bereits zweimal umgezogen und nun in Thüringen ansässig. Was macht den Standort Spechtsbrunn für Sie unverwechselbar?

GRAMSS: Trotz der spärlichen Infrastruktur, die nächste Autobahn ist mit der A73 gut eine halbe Stunde entfernt, gefällt uns der Standort Spechtsbrunn sehr gut. Unsere Mitarbeiter kommen in einem Umkreis von zirka 30 Kilometern sowohl aus Thüringen als auch aus Bayern. Durch Spechtsbrunn führt einer der bekanntesten Wanderwege Deutschlands, der „Rennsteig“ und Spechtsbrunn ist durch die Naturnähe ein hervorragender Startpunkt für alle möglichen Freizeitgestaltungen, wie Wandern, Mountainbiken, Skifahren. Außerdem liegt Spechtsbrunn nicht weit von meinem Wohnort Kleintettau entfernt, so daß ich auch am Wochenende kurz mal für eine Stunde ins Büro fahren kann.

NTI: Welche Investitionen waren bisher für die Entwicklung und den Fortbestand des Unternehmens nötig?

GRAMSS: Insgesamt wurden mehr als 13 Millionen Euro in den Standort in Spechtsbrunn investiert. Wir haben neben dem Kauf des Gebäudes in Jahr 2004 zweimal erweitert. Zuerst wurde im Jahr 2008 eine große Produktionshalle, in der wir nun mehr als 70 Spritzgießmaschinen betreiben, und 2011 dann eine dreistöckige Lagerhalle, eine zusätzliche Laderampe und eine neue Wirkungsstätte für unseren Werkzeugbau angebaut. Jetzt wird die Verwaltung und das Lager auch schon wieder zu klein und wir müssen über einen weiteren Neubau nachdenken.

NTI: Wieviel Mut braucht ein Mittelständler heutzutage für Investitionen?

GRAMSS: Mut und Risikobereitschaft muß man als Unternehmer immer mitbringen, aber noch wichtiger sind der Glaube an das eigene Know-how und der Wille, besser zu sein als die Konkurrenz.

NTI: Haben Sie auch Rückschläge verkraften müssen?

GRAMSS: Mein größter Fehler war, daß ich mich als reiner Techniker 1991 entschlossen habe, einen Kaufmann als Mitgesellschafter aufzunehmen. Wir waren dann je zur Hälfte an der Firma beteiligt. Allerdings zeigte sich schon früh, daß mein Kompagnon nicht die gleiche Motivation und Leistungsbereitschaft an den Tag legte, wie erwartet. Dies spiegelte sich dann natürlich irgendwann auch in den Jahresabschlüssen der Gesellschaft wider. Zehn Jahre später – kurz vor unserer Zahlungsunfähigkeit – verließ er dann endlich das Unternehmen wieder, ohne daß es einer Abfindung bedurfte und es gelang mir mit finanzieller Unterstützung durch meine gesamte Familie, die Firma wieder aus den roten Zahlen zu bekommen.

NTI: Kunststoffverschlüsse für namhafte Hersteller aus der Kosmetikindustrie, der Nahrungsmittelindustrie und der Pharmaindustrie machen ein wesentliches Geschäftsfeld ihres Betriebes aus. Wie bleibt man im harten Wettbewerb langfristig im Geschäft? Wie gelingt es Ihnen, Kunden zu binden?

GRAMSS: Der Preisdruck in unserer Branche ist enorm. Wir bleiben hier nur durch einen maximalen Automatisierungsgrad konkurrenzfähig. Außerdem muß man genügend finanzielles Polster besitzen, um die Vorfinanzierungen für neue Geschäfte, für Maschinen, Werkzeuge, Materialien, zu stemmen. Der Kunde muß neben einem vernünftigen Preis auch mit der Qualität und dem Service zufrieden sein, dann kann es gelingen, einen Kunden langfristig zu binden. So haben wir zum Beispiel die Firma Queisser Pharma, Produzent des Doppelherz-Tonikums, schon seit über 20 Jahre als Kunden.

NTI: Ihr Unternehmen hat sich einer ökologischen Produktion verschrieben. Wie funktioniert das in der Praxis und sind damit nicht eigentlich höhere Kosten und Aufwendungen verbunden?

GRAMSS: Die Produktion mit Wärmerückgewinnung und der hauseigene Betrieb eines Blockheizkraftwerks mit einer Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung ist langfristig gesehen mit niedrigeren Kosten verbunden, da wir die Heizung für das gesamte Gebäude einsparen und auch noch einen kleinen Teil an Strom produzieren, den wir sofort in unsere Produktion einspeisen.

NTI: Thüringens Industrie droht ein Fachkräftedilemma. Wie sichern Sie Ihren Fachkräftenachwuchs? Und wie lassen sich junge Leute für Ihre Branche begeistern?

GRAMSS: Wir haben nicht nur einen Mangel an Fachkräften, auch die einfachen Hilfsarbeiter fehlen in der Region. Durch die hohe Industrialisierung in unserem Raum haben die Schulabgänger natürlich auch genügend Auswahl. Hier versuchen wir, durch Ausbildungsmessen und Anzeigen in diversen Zeitschriften, die von Schülern unserer Region gelesen werden, auf uns aufmerksam zu machen. Auch die Anzeigen im Internet und über soziale Netzwerke werden immer wichtiger.

NTI: Thüringens Unternehmer zeichnen sich vor allem durch ihre Bodenständigkeit aus. Wie engagieren Sie sich in und für Ihre Region?

GRAMSS: Wir unterstützen seit Jahren Sportvereine, Kindergärten und die freiwilligen Feuerwehren aus unserer Umgebung mit finanziellen Mitteln.

NTI: Herr Gramß, die Existenz des Reinraumes hat Ihrem Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnet. Welche Perspektiven sehen Sie in diesem Bereich?

GRAMSS: Mit dem Reinraum ist es uns möglich, die besonderen Anforderungen von Drogerie- oder Pharmaartikeln zu erreichen. So fertigen wir hier zum Beispiel einen Zungenreiniger oder auch einen Globuli-Spender. Die Entwicklungen solcher Produkte sind zwar langwierig, aber werden dann auch langfristig abgenommen. Wir wollen in diesem Bereich weiter wachsen und können uns eine Erweiterung bei Bedarf in den nächsten Jahren durchaus vorstellen.

NTI: Was sind für Sie künftige Herausforderungen und Visionen?

GRAMSS: Mit 56 Lebensjahren denkt man zwangsläufig auch an die Unternehmensnachfolge. Alle drei Kinder sind im Unternehmen integriert. Die Söhne sind mehr im technischen Bereich und die Tochter ist als Wirtschaftsfachwirtin in der Verwaltung tätig. In den nächsten zehn Jahren soll der Generationswechsel vollzogen sein.

NTI: Ein Leitspruch Ihres Hauses lautet: „Wir formen Kunststoff.“ Herr Gramß, was fasziniert Sie eigentlich an diesem Werkstoff?

GRAMSS: Ohne Kunststoff ist das moderne Leben gar nicht vorstellbar. Man muß sich nur mal überlegen, wie unsere Welt ohne Kunststoff aussähe, zum Beispiel mein Arbeitsplatz am Computer: Tastatur, Maus, Bildschirm und Drucker – alles besteht zu großen Teilen aus Kunststoff.

Das Interview führte JÖRG SCHUSTER.

 

Spechtsbrunner Kunststoffverarbeitungsunternehmer Peter Gramß: „Wir müssen über einen weiteren Neubau nachdenken.“ Fotos (3): GG-ARCHIV

Unternehmerfamilie Gramß: „In den nächsten zehn Jahren soll der Generationswechsel vollzogen sein.“

Gramß-Standort in Spechtsbrunn: Insgesamt mehr als 13 Millionen Euro investiert.

NTI-Ausgabe 03-2016

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