Bodenständigkeit

Im Privat-Bungalow fing für Helmut Heinz einst das Unternehmerleben an. Am 1. April 1991 gründete er die H. Heinz Meßwiderstände GmbH und begann zusammen mit zwei Mitarbeitern, Glasmeßwiderstände herzustellen. Der Mann, der in den 1980er Jahren die Produktion im Thermometerwerk Geraberg leitete und als ein hervorragender Fachmann auf dem Gebiet der Temperaturmeßtechnik galt, wollte unbedingt und unbeirrt seine Vision verwirklichen: Helmut Heinz war überzeugt davon, daß Bauelemente und Systeme zur genauen Messung der Temperatur in der Industrie wie auch im täglichen Leben zukünftig allgegenwärtig werden würden und der Markt für die Temperaturmeßtechnik rasant wachsen würde. Daß sich das Unternehmen einmal zu einem der erfolgreichsten Mittelstandsbetriebe in Thüringen entwickeln sollte, daran war zum Gründungszeitpunkt nicht einmal zu denken. Heute beschäftigt das Unternehmen an den Elgersburger und Ilmenauer Standorten insgesamt 150 Mitarbeiter und feierte, wie die NTI in Ausgabe 1/2016 berichtete, in diesem Jahr das 25jährige Jubiläum.

Viele Thüringer Erfolgsgeschichten fingen einmal ähnlich abenteuerlich an.

In Bad Langensalza, wo einst intensiv Schafzucht betrieben wurde, wagten einige Ortsansässige nach der Wende einen Neuanfang, indem sie ausgerechnet damit begannen, eine Produktion für Fenster aufzubauen. Das war ein radikaler Schnitt. „Es gab Mitarbeiter, die gerade ihre Prüfung als Facharbeiter für Tierproduktion abgelegt hatten und in der folgenden Woche Fenster bauen mußten“, erinnerte sich Bernhard Helbing, der Geschäftsführer der TMP Fenster + Türen GmbH. „In kleinen Schritten, wohl überlegt, oft vom Bauchgefühl geleitet und mit dem Herzen entschieden, haben wir uns dorthin entwickelt, wo wir heute stehen“, bilanzierte Helbing in einem NTI-Interview (Ausgabe 3/2015). Der Bad Langensalzaer Unternehmer erklärte die erstaunliche Entwicklung seines Betriebes so: „Es war wie in der Natur, beobachten, eben schauen, wie es der andere macht und aus den Fehlern lernen.“

Über 25 Jahre später produzieren die Bad Langensalzaer absolute Qualitätsprodukte für Kunden in der ganzen Welt. Aus dem kleinen Betrieb wuchs eine respektable Unternehmensgruppe mit 280 Mitarbeitern.

Bei der UST Umweltsensortechnik GmbH im südthüringischen Geschwenda hatte alles 1991 im ehemaligen Pförtnerhaus des Thermometerwerkes in Geraberg begonnen. Dem war der Verkauf des Bereiches Elektrische Meßtechnik des einst 2000 Mitarbeiter starken DDR-Betriebes an ein Hanauer Unternehmen vorausgegangen. Ein Jahr später entstand daraus unter anderem die UST Umweltsensortechnik. Gestartet war der Betrieb mit vier Mann, heute produziert das international agierende Unternehmen, wie die NTI in Ausgabe 5/2015 berichtete, mit rund 100 Mitarbeitern jährlich mehrere Millionen Gas- und Temperatursensoren sowie Tausende Gasspürgeräte für mehr als 1200 Kunden weltweit.

Solche verrückten Geschichten sind es, die seit nunmehr 25 Jahren die Inhalte der Neuen Thüringer Illustrierten bestimmen und die Zeitschrift so unverwechselbar gemacht haben. Es hat einen Grund, daß die NTI sich von Anfang an publizistisch in besonderer Weise dem hiesigen Mittelstand verschrieben hat und vor allem die zu Wort kommen läßt, die hier seit der Wende ihre Unternehmen gegründet, zurückerkämpft, aufgebaut und etabliert haben und die tagtäglich Visionen mutig verwirklichen: „Die NTI ist schließlich auch ein wenig abenteuerlich aus der Taufe gehoben worden. Der Verlag ist selbst ein konzernunabhängiges mittelständisches Unternehmen und die Gründer und Mitarbeiter kennen die Probleme, Sorgen, Nöte und Erfolgserlebnisse der im Gegensatz zu den börsennotierten Global Playern regional verwurzelten und ihrem Umfeld verpflichteten Betriebe aus eigener Erfahrung“, erklärte die Zeitschrift in einem Beitrag in der Ausgabe 5/2011.

Die für Thüringen typisch mittelständisch geprägte und kleinteilige Wirtschaft hat ganz wesentlich zum Aufschwung des Freistaates beigetragen. Sie hat sich in komplizierten Zeiten als erstaunlich robust, als flexibel und überlebensfähig erwiesen. Auch weil sich Unternehmer wie Helmut Heinz ihre Bodenständigkeit bewahrt haben. Ein Unternehmen ist wertlos ohne seine Mitarbeiter. Das wissen Vater und die inzwischen ebenfalls die Geschicke der Firma lenkende Tochter Haike Heinz ganz genau und legen Wert auf eine gut ausgebildete und motivierte Belegschaft, die sie als ihr wichtigstes Kapital und die Grundvoraussetzung für eine nachhaltig erfolgreiche Entwicklung betrachten. Frauen, die zwei Drittel der Belegschaft ausmachen, werden besonders unterstützt, das Unternehmen kümmert sich um Kindergartenplätze, übernimmt zum Teil die Kosten für die Kinderbetreuung und hilft Mitarbeitern bei der Wohnungssuche. Im Unternehmen wird aber nicht nur hart gearbeitet, sondern auch gemeinsam gefeiert, gewandert und Sport getrieben. Die Firmenfeiern und die jährlichen Waldfeste und Wandertage sind mittlerweile legendär.

Unternehmer stünden zu ihrer wie selbstverständlich übernommenen Verantwortung für das eigene Tun ebenso wie für und gegenüber ihren Mitarbeitern, ihren Geschäftspartnern und Kunden sowie nicht zu vergessen, für ihre Wirtschaftsregion und damit Thüringen, berichtete die NTI am 26. Februar 2016 in der Nachrichtenspalte „Thüringen aktuell – News“ ihres Onlineportals nti-online.net: „Von diesem erheblichen Mehrzufluß an Finanzmitteln profitieren Kommune und kommunale Unternehmen. Von der Verantwortung und Haftung für dessen bestmöglichen Einsatz jedoch sind sie befreit“, kritisierte Roland Handrek die geltende Haftungsfreistellung für Politiker an Beispielen aus der Region. Handrek ist Sprecher des CDU-Wirtschaftsrates Deutschland, Sektion Nordthüringen, zu der die Kreise Eichsfeld, Nordhausen und Kyffhäuser gehören.

Traurige Berühmtheit erlangte Nordhausen unter anderem mit gleich zweimaliger Erwähnung im Schwarzbuch 2015 des Bundes der Steuerzahler. Kein Unternehmer könne sich nach Handreks Darstellung aus seiner Verantwortung stehlen. Es sei dringend an der Zeit und legitim, mehr persönliche Verantwortung und Haftung auch von den politisch Handelnden zu fordern. „Das Risiko darf im Interesse nach Forderung eines verantwortungsvollen Handelns nicht allein in der Abwahl - ohne persönliche Haftung und Konsequenzen - nach Ablauf einer Legislaturperiode bestehen“, wird Roland Handrek im NTI-Onlineportal mit der Forderung zitiert, Politikerhaftung rechtlich zu verankern und die politischen Entscheider am Verlustausgleich zu beteiligen.

Keine Frage: Das käme einer Revolution gleich. Wenn künftig auch Politiker mit aller Konsequenz für ihr Handeln geradestehen müßten, dann würden natürlich Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen nicht ausbleiben. Aber viele Entscheidungen würden dann von vornherein wohlüberlegter und ausgereifter getroffen. Für uns alle wäre das ein Gewinn.

JÖRG SCHUSTER

 

NTI-Ausgabe 02-2016

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