„Der ländliche Raum in Thüringen lebt“

Unsere kleinen Städte und die vielen Dörfern sind voller Menschen mit Ideen und viel Engagement. Das meint Birgit Keller (Die Linke), die seit eineinhalb Jahren das Amt als Thüringer Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft führt. Im NTI-Interview gibt sich die Politikerin optimistisch: „Wenn wir dies weiter fördern, wird der ländliche Raum Thüringens eine Zukunft haben“.

NTI: Frau Ministerin, Führungswechsel waren im Thüringer Landwirtschaftsministerium bisher die Ausnahme. In fast 24 Jahren gab es bis zu Ihrer Amtsübernahme nur zwei CDU-Minister. Als Linkspolitikerin und Frau sorgen Sie für frischen Wind. Wie wurden Sie denn von den Landwirten, Jägern und Forstleuten aufgenommen?

KELLER: Ein Regierungswechsel sorgt immer für ein wenig Unruhe in den Ministerien. Ich war also nicht überrascht, als ich zu Beginn ein wenig Skepsis wahrgenommen habe. Wir mußten uns erst einmal kennenlernen und schauen, wie wir gemeinsam arbeiten können. Das halte ich für völlig normal.

NTI: Und wie funktioniert die Arbeit inzwischen?

KELLER: Nach eineinhalb Jahren kann ich sagen, wir haben einander schätzengelernt. Besonders in der jetzt für die Landwirte schwierigen Zeit, ist das eine wichtige Basis für gute Arbeit.

NTI: Die Landwirtschaftsbranche wird bisher von Männern dominiert. Welche Chancen sehen Sie, daß sich hier vor allem in Führungspositionen stärker als bisher Frauen profilieren können?

KELLER: Ich habe auch schon vor meiner Amtszeit viele Frauen in der Landwirtschaft kennengelernt, die sehr erfolgreich Betriebe leiten. Das zeigt doch, daß sich das Image der Grünen Branche wandelt. Diese Veränderungen sehe ich mit Freude. Übrigens nicht nur als Frau sondern auch als jemand, für den die Gleichberechtigung ein wichtiges Gut ist. Neben der Zahl von Frauen in Führungspositionen ist auch die Bezahlung wichtig. Wir sind noch nicht bei einer geschlechtergleichen Bezahlung angelangt.

NTI: Wie attraktiv sind eigentlich landwirtschaftliche Berufe heute? Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

KELLER: Landwirtschaft ist modern und überaus komplex. Mähdrescher kosten heute genausoviel wie ein Einfamilienhaus und sind oft voller Hightech. Die Nachwuchssicherung ist eine permanente Aufgabe, der wir uns kontinuierlich stellen. Selbst wenn die Zahl der Auszubildenden bei knapp 600 recht stabil ist, dürfen wir uns nicht darauf ausruhen. Hier ist vor allem der Berufsstand gefordert. Die Agrarbranche kann beim Werben um die Schulabgänger nur über ein gemeinsames Handeln auch in Zukunft gegenüber der Konkurrenz bestehen. Unter Federführung meines Ministeriums arbeiten wir an einer breiten Allianz zur Nachwuchssicherung in den Grünen Berufen. Leider wird der Abschluß durch die Haltung einiger Berufsverbände zur Ausbildungsumlage verhindert. Ich hoffe aber noch auf ein Umdenken bei den Verantwortlichen, denn Nachwuchsgewinnung verursacht Kosten, die solidarisch von allen Betrieben getragen werden sollen und nicht nur von einigen wenigen.

NTI: Die aktuelle Milchkrise nimmt für die Bauern hierzulande dramatische Formen an. Sie bedroht Existenzen. Sie fordern, zusätzlich zu den inzwischen bewilligten Hilfsmaßnahmen, die Milchproduktion zu senken. Wie realistisch ist dieses Ansinnen? Die EU wirkt diesbezüglich nicht gerade handlungsbereit.

KELLER: Die Landesregierung läßt die Thüringer Milchbauern nicht im Stich. Deshalb engagieren wir uns so stark bei den Verhandlungen auf Bundes- und EU-Ebene. Die Milchmenge muß runter. Das ist das Gebot der Stunde. Denn die Nachfrage wird nicht steigen. Ich bedauere es sehr, daß es bis dato keine ernstzunehmenden Signale der Wirtschaftsbeteiligten zum baldigen Abschluß freiwilliger Maßnahmen zur Mengensteuerung gibt. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinen Länderkollegen den Bund aufgefordert, sich auf EU-Ebene für eine zeitlich befristete entschädigungslose Mengenbegrenzung nach den einschlägigen Artikeln der Gemeinsamen Marktorganisation einzusetzen. In Thüringen haben wir im April beim Fachgespräch Milch alle Marktbeteiligte an einen Tisch geholt. Im Ergebnis wird derzeit ein Liquiditätssicherungspaket der Thüringer Aufbaubank verhandelt, das unter anderem Bürgschaften, Kreditmediation, Junglandwirtunterstützung und Thüringen-Kapital für den Agrarbereich vorsieht. In diesem Sinne führte das TMIL auch Gespräche mit anderen Banken. Zudem engagiert sich die Thüringer Landgesellschaft bei der zeitweisen Übernahme von landwirtschaftlichen Betriebsflächen.

„Die Landesregierung läßt die Thüringer Milchbauern nicht im Stich.“

NTI: Wie erleben Sie die derzeitige Situation der Thüringer Milchbauern?

KELLER: Sie ist besorgniserregend, weil die Krise die Existenz unserer Bauern bedroht. Es darf nicht sein, daß Milch bald billiger ist als Wasser und daß die Landwirte trotz harter Arbeit nicht genügend Geld verdienen. Deswegen dränge ich, daß schnell Änderungen greifen müssen.

NTI: Auf dem Thüringenstand der diesjährigen Internationalen Grünen Woche war erstmals der Verein Thüringer Ökoherz präsent. Wie hat sich die ökologische Landwirtschaft im Freistaat in den vergangenen Jahren entwickelt?

KELLER: Erstmals war auch der Thüringer Ökolandbau auf der Grünen Woche vertreten. In einem Bioladen konnten über 100 Produkte von 20 regionalen Kleinunternehmen verkostet und erworben werden. Obwohl der Absatz der Produkte hinter den Erwartungen der Ökoakteure blieb, war das Interesse am Stand sehr hoch. Ein solches Interesse spüren wir in der gesamten Branche. Auch auf der Weltleitmesse „BioFach“ in Nürnberg, wo sich unser Freistaat gemeinsam mit Sachsen-Anhalt präsentierte. Im vergangenen Jahr hat in Thüringen sowohl die Anzahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe als auch der Anteil der Ökofläche wieder zugenommen.

NTI: Von Ihnen stammt der Satz, Ökologische Landwirtschaft trifft den Nerv der Zeit. Wie hat sich das Verbraucherverhalten verändert?

KELLER: Der Umsatz, den der Handel in Deutschland mit Bioprodukten im vergangenen Jahr erwirtschaftet hatte, ist um zehn Prozent gestiegen. Dazu hat das erweiterte Bio-Sortiment des Lebensmitteleinzelhandels, vor allem auch in den Discountern, beigetragen. Der Preiskampf macht aber auch um die Biobranche keinen Bogen. Der höhere Aufwand für die ökologische Wirtschaftsweise wird vom Kunden noch nicht ausreichend honoriert. Hier gilt es, stärkere Aufklärungsarbeit bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu leisten, was auch Bestandteil des Ökoaktionsplans der Thüringer Landesregierung ist.

NTI: Aber wieviel Ökolandbau ist in Thüringen eigentlich möglich? Und welchen Stellenwert soll die konventionelle Landwirtschaft haben?

KELLER: Eine Polarisierung zwischen den beiden Bereichen Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft halte ich für nicht angebracht. Konventionelle und ökologische Landwirtschaft haben sich einander genähert. Tierschutz und Nachhaltigkeit gilt in beiden Bereichen. Im Ökolandbau streben wir einen deutlichen Ausbau an. Wobei ich hier nicht nur an die Fläche, sondern auch an eine qualitative Steigerung denke. Zigtausend Hektar mehr Öko-Grünland sind gut für die Statistik, aber wohin mit dem Öko-Rindfleisch, das schon heute im hohen Maße konventionell vermarktet werden muß? Wir brauchen eine deutliche Verbesserung in den Bereichen, in denen die größten Defizite zu verzeichnen sind: bei Obst und Gemüse, bei Brot und Backwaren und bei Milchprodukten.

NTI: Seit über 20 Jahren bewirbt das Thüringer Agrarmarketing Produkte der Thüringer Land- und Ernährungswirtschaft mit dem Thüringer Herkunftszeichen „Geprüfte Qualität aus Thüringen“. Sie haben angekündigt, dieses Qualitätszeichen aufgrund der Herausforderungen an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Was bedeutet das konkret?

KELLER: Die rot-rot-grüne Landesregierung setzt sich für die Stärkung regionaler Produkte und deren Wertschöpfungsketten ein. Dies ist nicht zuletzt auch im Koalitionsvertrag festgelegt. Das Thüringer Qualitätszeichen „Geprüfte Qualität aus Thüringen“ unterstützt die Unternehmen dabei, denn so sind Produkte aus Thüringen schnell zu erkennen. Wir wollen die Meßlatte an das Qualitätszeichen nun noch höher legen, indem wir den regionalen Anteil, der bisher mit 50 Prozent definiert war, für bestimmte Produktgruppen auf 100 Prozent erhöhen. Wie wir mit Produkten umgehen, die diesen Anspruch aus objektiven Gründen nicht bedienen können, wird momentan gemeinsam mit den Produzenten beraten. Eine Zusatzkennzeichnung für Bio-Produkte und Gentechnikfreiheit soll das Qualitätssiegel ergänzen.

NTI: Bei der von Ihrer Regierung geplanten Gebiets- und Verwaltungsreform haben Sie sich Ausnahmen für den Thüringenforst erbeten. Wieso läßt sich die Forststruktur nicht den künftigen regionalen Zuschnitten anpassen? Hätte man denn solche Überlegungen nicht von vornherein berücksichtigen können?

KELLER: Auch für die Forstverwaltung soll das Prinzip der Einräumigkeit gelten, allerdings nur dort, wo es wirklich Sinn hat. Die Forststrukturen sind über lange Zeiträume entstanden und haben sich als Flächenverwaltung zweckmäßigerweise nicht an der Verteilung von Menschen, sondern an der Verteilung des Waldes, seiner Funktionen und seiner unterschiedlichen Eigentümer, in der Landschaft orientiert. Es ist also wichtig, eine vernünftige Bewirtschaftung der Wälder zu sichern.

NTI: Der Zuschnitt Ihres Ministeriums ist bislang ungewohnt. Kritiker meinten, daß Infrastruktur und Landwirtschaft nicht in einem Ministerium zusammenpassen. Sie haben die Struktur Ihres Hauses verteidigt und erklärt, gerade diese Kombination ermögliche eine Politik für den ländlichen Raum aus einem Guß. Können Sie uns das an Beispielen erklären?

KELLER: Ländliche Regionen sind vielfältig und weisen unterschiedliche Entwicklungstendenzen auf. Während viele Regionen prosperieren, stehen strukturschwache und periphere ländliche Regionen vor bedeutenden sozialen, ökonomischen und demographischen Herausforderungen. Dies hat Einfluß unter anderem auf die Einkaufsmöglichkeiten, die gesundheitliche Versorgung, Kultur- und Bildungsmöglichkeiten sowie den öffentlichen Personennahverkehr. Es ist also wichtig, die ländlichen Räume im Rahmen eines integrierten Ansatzes als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungs- und Naturräume zu sichern und weiter zu entwickeln. Wir müssen komplex und themenübergreifend denken und handeln, um komplexe Herausforderungen zu meistern.

„Wir müssen komplex und themenübergreifend denken und handeln, um komplexe Herausforderungen zu meistern.“

NTI: Die Förderung der ländlichen Räume stand in den letzten Jahren immer als Schwerpunkt. Trotzdem hat sich das demographische Dilemma verschärft. Wie schätzen Sie die Zukunft der ländlichen Räume in Thüringen ein?

KELLER: Wir werden weniger und immer älter. Diese Veränderungen müssen wir intelligent und mit dem nötigen Einfühlungsvermögen und Augenmaß gestalten. Wir denken  regional und handeln lokal. Der ländliche Raum in Thüringen lebt. Unsere kleinen Städte und die vielen Dörfern sind voller Menschen mit Ideen und viel Engagement. Wenn wir dies weiter fördern, wird der ländliche Raum Thüringens eine Zukunft haben.

NTI: Besteht nicht die Gefahr, daß es einmal die von einem renommierten Wirtschaftsgeographen vor Jahren in der Neuen Thüringer Illustrierten prophezeiten Wüstungen geben wird, auf die wir uns einstellen sollten?

KELLER: Wir haben ja erlebt, daß diese Wüstungen nicht eintraten. Thüringen und damit seine ländlichen Räume haben Potential. Unser Ziel ist es, die Regionen zu stärken und die regionalen Wertschöpfungsketten zu sichern. Unsere Förderinstrumente geben hierfür Impulse. Allein kann die Politik diese Aufgabe aber nicht schaffen. Hier sind wir auf die Menschen vor Ort angewiesen, die sich mit ihrem Lebensumfeld identifizieren und es lebenswerter gestalten möchten. In meiner Amtszeit habe ich viele dieser engagierten Macher getroffen. Und ich werde mich weiter dafür einsetzen, daß diese ihre Ideen umsetzen können.

Interview: JÖRG SCHUSTER

Thüringer Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Die Linke) während einer Pressekonferenz zum Biopreis: „Der höhere Aufwand für die ökologische Wirtschaftsweise wird vom Kunden noch nicht ausreichend honoriert.“

Neue Thüringer Agrarministerin Birgit Keller: „Wir denken  regional und handeln lokal.“

 

Fotos (4): TML-MARTIN GERLACH

Im April durchgeführtes „Fachgespräch Milch“: Alle Marktbeteiligten an einen Tisch geholt.

NTI-Titel zu Entwicklungen der Thüringer Landwirtschaft, Ausgaben 8/1994, 3/1998, 3/2002, 3/2004, 12/2007 und 9/2014: „Landwirtschaft ist modern und überaus komplex“.

Freistaatliche Landwirtschaftsministerin Keller bei einer Bauernprotestveranstaltung auf dem Erfurter Anger: „Die Milchmenge muß runter!“

 

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