„Ein offenes Haus“

Vom 27. bis 31. Juli findet in Bad Blankenburg die mittlerweile 121. Bad Blankenburger Allianzkonferenz unter dem Motto „Freispruch für alle“ statt. Diese älteste deutsche Bibelkonferenz wird von der Deutschen Evangelischen Allianz (EAD) veranstaltet. Im NTI-Interview berichtet deren Generalsekretär Hartmut Steeb, der darüber hinaus die Evangelische Allianzhaus gGmbH leitet, über die DEA, ihre Geschichte und Gegenwart sowie über die Angebote des Allianzhauses.

NTI: Herr Steeb, mit einiger Wahrscheinlichkeit dürften nur wenige unserer Leser mit dem Begriff der Evangelischen Allianz etwas anfangen können. Klären Sie diese bitte mit wenigen Worten auf!

STEEB: Die Evangelische Allianz in Deutschland ist ein Netzwerk von evangelisch-reformatorisch gesinnten Christen aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Wir sind Mitglied der Weltweiten Evangelischen Allianz, die bereits 1846 in London, auch unter Beteiligung deutschen Theologen aus verschiedenen Kirchen ihren Anfang nahm. Im internationalen Sprachraum hat sich dafür der Begriff „evangelical“ eingeprägt, der auch auf deutsch „evangelikal“ ausgesprochen wird. Als DEA geht es uns dabei nicht um eine organisatorisch zu fassende Kirchen-Einheit, sondern vielmehr um ein Netzwerk von Christen aus Gruppen und Gemeinschaften sowie aus Landes- und Freikirchen. Geleitet wird der Verein von einem Hauptvorstand, von dem etwa die Hälfte der Mitglieder auch einer Evangelischen Landeskirche angehört. In der Öffentlichkeit geht man derzeit davon aus, daß sich rund 1,3 Millionen Christen in Deutschland zu den Inhalten dieser Bewegung bekennen. Es gibt sie in rund 1000 verschiedenen Orten im gesamten Bundesgebiet.

NTI: Würden Sie uns kurz den Anspruch, die Arbeitsfelder und Aufgaben der DEA sowie ihre Einordnung beziehungsweise Stellung innerhalb der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beschreiben!

STEEB: Was unser internationaler Verbund will, sagt eigentlich unser Motto: Gemeinsam glauben – gemeinsam handeln. Es geht also um Zusammenarbeit und Kooperation und nicht um die Betonung der Unterschiede, die es fraglos zwischen den verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften gibt. Wenn man unser Netzwerk als Bewegung verstehen möchte, dann sind wir eine Einheitsbewegung, eine Gebetsbewegung, eine evangelistische, sprich missionarische Bewegung, eine gesellschaftspolitisch-diakonische Bewegung und zuletzt sowie als gemeinsame Basis eine Bibelbewegung.

 

„Es geht um Zusammenarbeit und Kooperation und nicht um die Betonung der Unterschiede, die es fraglos zwischen den verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften gibt.“

 

NTI: Ist es richtig, die Anhänger der Evangelischen Allianz wie folgt zu beschreiben: Das sind besonders engagierte reformatorische beziehungsweise protestantische Christen, die öfter als andere die Bibel lesen und deren Aussagen versuchen, in ihr tägliches Leben einfließen zu lassen. Dazu Menschen, die besonders intensiv pädagogische und diakonische Arbeiten im Namen der Kirche leisten und die viel öfter als so mancher Kirchsteuerzahler den Gottesdienst in der Kirche besuchen.

STEEB: Mit diesem, vielleicht etwas zu einfachem Bild, könnte ich leben. Die Bundeskanzlerin hatte einmal evangelikal als „intensiv evangelisch“ definiert. Das gefällt mir auch gut. Wobei mir wichtig ist: „Evangelisch“ nicht konfessionell verstanden, sondern dem Evangelium gemäß.

NTI: Was vereint und verbindet die unterschiedlichen Allianzkreise in Deutschland?

STEEB: Zuerst einmal natürlich der Glauben, die Bibel und die Kontakte untereinander. Für die Letztgenannten gibt es jährlich drei Großveranstaltungen. Da wäre zum einen die „Internationale Gebetswoche“ Anfang Januar in rund 1000 Orten zu nennen, an denen in der Summe jeweils rund 300.000 Besucher teilnehmen. Dann gibt es unser „GemeindeFerienFestival Spring“, das in diesem Jahr zum 18. Mal stattfand, und das man sich als ein Festival von Christen mit Begegnungen, Gesprächen, Freizeitangeboten sowie viel Kunst und Kultur vorstellen muß. Unsere vielleicht wichtigste Veranstaltung jedoch ist die Bad Blankenburger Allianzkonferenz als ältestes deutsches Bibeltreffen. Die erlebt exakt 130 Jahre nach ihrer Premiere 1886 hier in Bad Blankenburg mit 28 Beteiligten in diesem Jahr unter dem Motto „Freispruch für alle“ ihre 121. Auflage. Zu der erwarten wir wieder rund 2500 Teilnehmer aus allen deutschen Allianzkreisen sowie auch viele internationale Gäste.

NTI: Die sich auf welches Programm freuen können?

STEEB: Wie immer auf ein volles und spannendes. Das besteht aus gemeinsamen Bibelarbeiten und Gottesdiensten, aus Seminaren und Workshops, Gesprächsrunden und Evangelisationen, einem Kinderfest, Liederabenden und Konzerten. Es gibt also Angebote für alle Altersgruppen und Interessen, wobei alle unsere Angebote wie bei der DEA üblich „streng freiwillig“ sind.

NTI: Warum hat die DEA seit 1991 wieder ihren Hauptsitz in Bad Blankenburg und findet hier ihre Hauptveranstaltung statt?

STEEB: Weil in Bad Blankenburg das Herz der DEA schlägt. Anna von Weling, eine in Neuwied in Rheinland-Pfalz geborene Hofdame mit schottischen Wurzeln, erwarb 1886 ausschließlich mit privaten Mitteln und der Hilfe von Sponsoren, zu denen auch das Fürstenhaus Schwarzburg-Rudolstadt gehört haben dürfte, die sogenannte „Villa Greifenstein“ und baute diese zu einem Christlichen Vereinshaus aus. Im gleichen Jahr, und zwar vom 13. bis zum 15. September, lud sie zu einer ersten Konferenz Christen der verschiedenen Kirchen unter dem Titel „Allianzkonferenz zur Vertiefung des Glaubenslebens“ ein. Dieses Datum ist die Geburtsstunde der Allianzkonferenzen sowie gleichzeitig die Keimzelle der DEA. Im Laufe der Jahre wuchs die Teilnehmerzahl an den Konferenzen deutlich, so daß noch zu Lebzeiten Anna von Welings drei weitere Gebäude erstellt wurden, die als Erholungsort für reisende Diener Gottes sowie als Internatsschule und Heim für Kinder aus sozial schwachen Familien, vor allem Waisenkinder, aber auch als Konferenzorte, zuletzt eine Konferenzhalle mit 800 Plätzen auf dem Areal unterhalb der Burg Greifenstein errichtet wurden. Nach dem Tod Anna von Welings im Jahr 1900 übernahm anschließend die DEA das Gebäudeensemble und baute 1906 die heutige Konferenzhalle mit 1800 Plätzen. Bemerkenswert an dieser ist neben der säulenfreien Deckenkonstruktion gewiß auch, daß noch heute die Originalbestuhlung aus dem Jahr 1906 vorhanden ist und genutzt wird.

NTI: Der Hauptsitz der DEA erklärt sich also nur aus historischen Gründen?

STEEB: Keineswegs. Dafür müssen wir aber in die Jahre kurz vor der Wiedervereinigung zurückgehen. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten gab es die DEA sowohl in der DDR als auch in der BRD sowie parallele Allianzkonferenzen. Ganz besonders in den späten 80er Jahren unterschieden sich diese Veranstaltungen vor allem bei der Altersstruktur der Teilnehmer. Während an den Konferenzen in der DDR über 80 Prozent der Teilnehmer unter 25 Jahre waren, war das im anderen deutschen Staat genau entgegengesetzt. Da praktisch alle Kirchen unter einer Überalterung leiden, war uns nach dem Zusammenschluß der beiden Allianzen in Folge der Wiedervereinigung sofort klar: Hier im Osten spielt zukünftig die Musik. Wir wollen uns bewußt von West nach Ost anschließen. Hier in Bad Blankenburg ist die DEA zu Hause. Und so ist ja dann auch gekommen.

NTI: Das Evangelische Allianzhaus präsentiert sich beileibe nicht mehr nur als Ort für die Allianzkonferenz und die vom Haus angebotenen Freizeiten für Gemeinden des Allianzkreises, sondern als moderner Hotel- und Tagungskomplex mit rund 100 Betten sowie einem Drei-Sternestatus für ein Hotel Garni. Demnach stehen die vier umfassend sanierten Häuser und ein Neubau nicht nur Anhängern der Allianz, sondern auch „normalen“ Touristen und Gästen offen?

STEEB: Das ist vollkommen richtig. Wir sind ein offenes Haus für alle. In unseren Gästehäusern kann man seinen Urlaub verbringen, Firmen können Seminare und Schulungen veranstalten, Vereine trainieren, tagen oder ihre Jahresfeste gestalten, Verbände Konferenzen mit bis zu 200 Teilnehmern ausrichten und Familien ihre Feste feiern. Die Seminar- und Konferenzräume sind mit zeitgemäßer Tagungstechnik ausgestattet und auch die Konferenzhalle mit ihren 1800 Plätzen kann bei Bedarf genutzt werden. Dazu dürfen unsere Gäste eine geschmackvolle und abwechslungsreiche Küche in Vollpension erwarten oder unsere Spezialitäten im hauseigenen Cafe „Leuchtblick“ genießen.

NTI: Und wie werden die Angebote des Allianzhauses außerhalb Ihrer ursprünglichen Klientel angenommen?

STEEB: Immer mehr und besser. Darüber hinaus arbeiten wir aktuell an unserer Öffentlichkeitsarbeit, um Bedenken oder gar Vorurteile erst gar nicht entstehen zu lassen. Als Christen sind uns alle Gäste willkommen und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen alles daran, daß die sich bei uns wohlfühlen und gerne wiederkommen.

Gesprächspartner war JÜRGEN RAABE.

Evangelisches Allianzhaus in Bad Blankenburg: „Als Christen sind uns alle Gäste willkommen.“    Fotos (4): EAD-ARCHIV

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