Großes Geschenk

Der Landkreis Eichsfeld hat sich im und für den Freistaat Thüringen als ein Erfolgsmodell erwiesen. Die NTI berichtete wiederholt über die Symbiose aus bodenständiger Gewachsenheit und einem neuen kraftvollen Aufbruch in der Region und darüber, wie die Eichsfelder ihre Vorhaben über Jahre hingebungsvoll vorangetrieben haben und damit Unglaubliches möglich machten.

Der Eichsfelder Dieter Althaus beschrieb den besonderen Menschenschlag seiner Landsleute durchaus treffend in der Neuen Thüringer Illustrierten. In einem Interview für die Ausgabe 9/2008 äußerte sich der damalige christdemokratische Ministerpräsident des Freistaates Thüringen zu den Chancen eines zu diesem Zeitpunkt für unmöglich gehaltenen Papstbesuches in seiner Heimat: „Es gibt in der Bibel dieses schöne Beispiel, wo man auf den Herrn wartet und die einen schlafen ein und haben dann kein Öl mehr und die anderen haben das Öl immer präsent und lassen die Lampen brennen. Ich sehe die Eichsfelder jetzt eher in der zweiten Position: Sie lassen die Lampen brennen und haben das Öl auch immer auf der Lampe, um dann auch bereit zu sein, wenn der Papst kommt.“
Die katholische Insel Eichsfeld stand desöfteren und wiederholt im Blickpunkt der Berichterstattung der Neuen Thüringer Illustrierten. Allein sieben Mal widmete die NTI in 25 Jahren dieser unverwechselbaren Region ein ausführliches Titelthema. Die Symbiose aus bodenständiger Gewachsenheit und einem neuen kraftvollen Aufbruch als Eichsfelder Erfolgsmodell zog sich in jeder dieser Ausgaben wie ein roter Faden durch das Thema.
Die Ausgabe 9/1997 stellte den bevorstehenden 2. Thüringentag in Heiligenstadt in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Ein Landesfest, das nach Auffassung der NTI, „im Gegensatz zu vielen anderen Segnungen, die dem Land nach der politischen Wende zuteil wurden, von unten gewachsen ist.“
Von den Planungen „für eine Veranstaltung in einer ganz anderen Dimension, für einen Höhepunkt, der alle bisher dagewesenen Feste im Freistaat in den Schatten stellen könnte“ berichtete die Neue Thüringer Illustrierte in der Ausgabe 7/2007. Bei den Recherchen für ein Titelthema über „Die katholische Insel Eichsfeld und die Moderne“ fiel auf, wie sich die Region, vom restlichen Thüringen unbemerkt, mit erstaunlicher Beharrlichkeit und unverdrossen auf einen Besuch von Papst Benedikt XVI. vorbereitete. „Wenn der liebe Gott dem jetzigen deutschen Papst ein langes Leben schenken sollte, könnte die Vision, daß der höchste Repräsentant der katholischen Kirche ‚im Falle eines Staatsbesuches in Deutschland, das Eichsfeld, stellvertretend für die neuen Bundesländer, besucht’, tatsächlich in Erfüllung gehen“, kommentierte die NTI damals das Vorhaben.
Was zu jener Zeit verblüffte und außerhalb des Eichsfelds als kaum vorstellbar galt, ja sogar belächelt wurde, sollte im September 2011 Realität werden: Der höchste Repräsentant der katholischen Kirche sollte während seines offiziellen Aufenthalts in Deutschland ausgerechnet Thüringen, das Kernland des Protestantismus, und das Eichsfeld bereisen.
Auf das Jahrtausendereignis für diese Region, dem Besuch des Papstes in der Wallfahrtskapelle in Etzelsbach, stimmte die Neue Thüringer Illustrierte im Titelthema der Ausgabe 8/2011 ausführlich ein.. Im NTI-Interview berichtete Eichsfeldkreis-Landrat Dr. Werner Henning (CDU) über einige Etappen auf dem Weg zur Entscheidung des Pontifex, das Eichsfeld zu besuchen. Eigentlich, so erzählte Dr. Henning, habe die Geschichte der Papstvisite wenige Wochen nach der Wahl Benedikt XVI. am 19. April 2005 begonnen. Und seit dieser Zeit wurde sie von den Eichsfeldern über Jahre hingebungsvoll vorangetrieben.
„Der Papst wäre nicht nach Thüringen gekommen, wenn wir Eichsfelder nicht zuvor immer wieder und sehr beherzt unseren Wunsch vorgetragen hätten:“ Das stellte Landrat Henning gegenüber der NTI unmißverständlich klar.
 

„Der Papst wäre nicht nach Thüringen gekommen, wenn wir Eichsfelder nicht zuvor immer wieder und sehr beherzt unseren Wunsch vorgetragen hätten:“

 
Befragt nach den Veränderungen im kirchlichen Milieu seit 1990 bezog der Katholik Werner Henning klar und konsequent Stellung: „Die gibt es, aber sie sind, verglichen mit anderen Regionen, überschaubar. Die sonntäglichen Kirchenbesuche gehen zurück. Das heißt aber nicht, daß die Leute, auch die Jugendlichen, jetzt der volkskirchlichen Gemeinschaft ferner stehen würden. Da hat sich wenig geändert. Doch die eichsfeldische Substanz wird von der Amtskirche in Erfurt wenig gepflegt, da gibt es zuviel Skepsis. Darin drückt sich auch eine Distanz zur Volksfrömmigkeit aus.“ Der Grundton, so die Henningsche Kritik, der dort gepflegt werde, „ist zu rationalistisch, zu nüchtern, zu sehr eine Kirche aus dem Kopf“.
„Während man im Eichsfeld dem Jahrtausendereignis in der Wallfahrtskapelle in Etzelsbach entgegenfiebert, wird der Besuch des Oberhauptes der Katholiken in Rest-Thüringen alles andere als ein Heimspiel für Benedikt XVI.“, schrieb die NTI in der Ausgabe 8/2011. „Im reformatorischen Kernland leben heute 178.000 Katholiken und 550.000 Protestanten. Das ist insgesamt gerade mal ein Drittel aller Thüringer. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hierzulande gilt nämlich als konfessionslos.“
Vor allem über die Millionenkosten, die der Freistaat Thüringen vornehmlich für die Sicherheit seines Besuchers aufbringen mußte, wurde im Vorfeld des Ereignisses heftig diskutiert. „Die bevorstehende Papstvisite in Erfurt und im Eichsfeld verspricht auf jeden Fall eine grandiose und perfekte Inszenierung. Damit steht uns ein Mega-Ereignis bevor, das Thüringen in den absoluten Blickpunkt der Welt-Öffentlichkeit rückt und Nachhaltigkeit garantiert. So etwas können wohl selbst zehn Standortkampagnen des Freistaates Thüringen nicht leisten“, kommentierte die NTI.
 

„So etwas können wohl selbst zehn Standortkampagnen des Freistaates Thüringen nicht leisten.“

 
Insofern hat sich die Zielstrebigkeit der Eichsfelder als ein Segen für Thüringen erwiesen. Dabei machen es die Eigenbrötler aus dem Eichsfeldkreis dem restlichen Thüringen nicht immer leicht. Landrat Werner Henning steht geradezu als Paradebeispiel dafür, daß sich die Eichsfelder weder zu früheren Zeiten verbiegen ließen noch heute anpassen lassen. Und er erklärt die unverwechselbare Eichsfelder Mentalität, die dazu beitragen konnte, Erstaunliches zu bewegen und zu erreichen: „Wir sind keine Untertanen und schauen dennoch respektvoll auf das, was die Rechtsordnung von uns erwartet. Kurz – wir betrachten das Leben als ein großes Geschenk und versuchen, nichts davon zu vergeuden.“
Werner Henning hat die Zeit der Wende in den politischen Verhältnissen des Landes im Eichsfeld erlebt, war damals Leiter der Materialwirtschaft in den Eichsfelder Bekleidungswerken und erlebte täglich, wie es immer schwieriger wurde, die Produktion aufrechtzuerhalten. Nichts funktionierte mehr so, wie es eigentlich sein sollte. Überall herrschte Mangelwirtschaft und immer mehr junge Menschen verließen – insbesondere über Ungarn – das Land. Die Zurückgebliebenen waren traurig und entdeckten in den beginnenden Demonstrationen ein Ventil, die ausweglose Lage auszudrükken. Er selbst habe damals auf allen Montagsdemonstrationen in Heiligenstadt als junger Mann gesprochen und an den regionalen Zusammenhalt appelliert. „Dann gingen die Grenzen auf und wir taumelten in eine andere Zeit, deren Konturen sich zunächst nur schemenhaft, dann aber auch zunehmend nach westlichen Vorbildern abzeichneten.“
 

„Wir sind keine Untertanen und schauen dennoch respektvoll auf das, was die Rechtsordnung von uns erwartet.“

Aus den Demonstrationen heraus wurde Henning quasi dazu aufgefordert, für das verwaiste Amt des Vorsitzenden des Rates des Kreises in Heiligenstadt zu kandidieren. Er tat es und wurde – in Ermangelung eines Gegenkandidaten – am 7. Dezember 1989 vom damaligen Kreistag in diese Aufgabe gewählt. Seine erste Entscheidung traf er am 8. Dezember um 7.30 Uhr. Der damalige Chef der hiesigen Grenztruppen war bei ihm vorstellig und berichtete, daß es am Abend zuvor in dem Dorf Bischhagen – unmittelbar am Grenzzaun – eine Demonstration von Bürgern mit Kerzen gegeben habe, welche einen Grenzübergang auf der Straße nach Göttingen einforderten. Auf seine Frage hin, was er denn tun solle, antwortete Henning: „Wir machen auf.“ So geschah es dann auch und zwei Tage später – am Sonntag, dem 10. Dezember – trafen sich die Menschen von hüben und drüben auf der alten Straße im Niemandsland des Grenzstreifens und feierten – bei klirrender Kälte – auf einem Acker vor dem Gut Vogelsang einen Dankgottesdienst. „Wir heulten wie die Schloßhunde und freuten uns wie die kleinen Kinder. Vielleicht der bewegendste Augenblick während der ganzen Wendezeit. Ähnliche wunderbare Begegnungen gab es dann quasi auf allen ehemaligen Straßen zum früheren Westen, die wir nacheinander öffneten“, erinnerte sich der Landrat in einem anläßlich des 25jährigen Jubiläums der deutschen Einheit geführten NTI-Interview.
 
„Henning ist beliebt im Eichsfeld, weil er die christlichen Werte ehrlich lebt, weil er glaubwürdig ist, weil der Landkreis wirtschaftlich gut dasteht. Seit knapp 25 Jahren wird er regelmäßig zum Landrat gewählt. Immer mit 70 bis 75 Prozent der Stimmen. Das ist selbst für einen CDU-Kandidaten im erzkatholischen Eichsfeld üppig. Als wir durch Kallmerode fahren, ein autogeplagtes Dorf, in dem zig böse Spruchbänder gegen die CDU hängen, weil noch immer keine Ortsumgehung gebaut wurde, erzählt Henning, daß auch hier selbstverständlich CDU gewählt würde, eben, weil man katholisch sei“, beschreibt der Deutschlandfunk in seinem DLF-Magazin vom 3. Juli 2014 in der Reihe „Einheitscheck“ den „unermüdlichen Landrat“.
„Die Partei der CDU profitiert aktuell aus diesem Lebensverständnis ungemein; ob sie das noch zu Recht tut, das muß jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht ist es auch tatsächlich heute schon eine totale Überbewertung der Partei der CDU. Aber hier ist eben noch ein sehr großes Treuebekenntnis gegenüber den alteingeübten Formen da, und genau darin liegt die Gefahr auch für die CDU als Partei, daß sie dieses Vertrauen als Format auch rechtfertigen muß“, erklärte der Landrat dem Deutschlandfunk.
Henning sei kein Parteisoldat, belegt der „Einheitscheck“. Mit der Erfurter CDU-Spitze lege er sich gern an: „Als man laut darüber nachdachte, den Eichsfeldkreis aufzulösen, drohte Henning mit der Abwanderung des Kreises nach Niedersachsen. Als der Innenminister auf einer Veranstaltung verkündete, alles Gute habe die CDU gemacht, widersprach Henning und sagte, sie hätten es schon gut gemacht, aber das Etikett CDU hätte man später drauf geklebt. Und auch, wenn sein Landkreis viele Strukturen aus der DDR übernommen habe und damit gut fährt, etwa die Energie- und Wasserversorgung, hätten sich doch viele geistig kaum weiter bewegt.“
Das sei heute oft sein Kritikpunkt, erklärte Henning dem Deutschlandfunk, daß er spüre, daß wir auch heute noch lange nicht aus der DDR heraus seien. Und manchmal sage er auch auf der Landesebene etwas ketzerisch – nicht bösartig! –, nun, ich kenne vieles von dem, was ich hier erlebe; früher hätte ich das bei der SED-Bezirksleitung erlebt! Dann gucke man sehr verstört und sage: Wie kann man so etwas sagen?
„Der gebildete und charmante Landrat Henning provoziert gern, wenn er findet, daß sich Parteipolitik zu wichtig nimmt“, kommentierte der Deutschlandfunk im Landrat-Porträt. „Ketzertum ist für den gläubigen Katholiken etwas Positives. Es bedeutet für ihn, alte und neue Lebenslügen kritisch zu hinterfragen. Freiheit heißt, sich im gegebenen Rahmen zu bewegen und doch nicht untertan zu machen. Auch nicht der Kirche.“
Daß das Eichsfeld längst als eine dynamische Region in der Mitte Deutschlands wahrgenommen wird, ist auch dem langwierigen, aber letztlich erfolgreichen Bau der Autobahn 38 zu verdanken. Diese gilt als beispielhaftes Verkehrsprojekt Deutsche Einheit. Mit der Fertigstellung im Jahre 2009 wurde nach über 14jähriger Bauzeit eines der bedeutendsten Straßenbauvorhaben im mitteldeutschen Raum vollendet. Vor allem das Eichsfeld hat wie kaum eine andere Anrainer-Region von diesem Autobahn-Anschluß profitiert und sich verändert, indem es unmerklich schneller und flexibler geworden ist.
Die Autobahn 38 habe sich, fast sechs Jahre nach der endgültigen Fertigstellung, als verbindendes Element beim Zusammenwachsen der Regionen in der Mitte Deutschlands erwiesen, resümierte die NTI in der Ausgabe 7/2015. Als Jahrtausendprojekt bezeichnete Dr. Werner Henning sogar das verwirklichte Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 13. Im NTI-Interview beschrieb der Eichsfeldkreis-Landrat, wie die Autobahn seinen beschaulichen und unverwechselbaren Landstrich verändert hat: „Die mit einhergehende Dynamik brachte für Wirtschaft und Tourismus – aber auch für den Austausch des Eichsfeldes mit Göttingen und Kassel, mit Hannover, Rhein-Main- und Ruhrgebiet gewaltige Impulse und mithin Flexibilität und Moderne für den eigenen Raum.“
Henning kann sich noch gut an den Tag im Mai 1998 erinnern, an dem der erste offizielle Spatenstich-Akt für die Autobahn 38 im Landkreis Eichsfeld vollzogen wurde: „Ich erinnere mich sehr gut an das starke Gefühl, zur Begleitung eines im Werden begriffenen Jahrtausendprojektes eingeladen worden zu sein. Was dieses einmal wirklich sein würde, konnten wir im Jahr 1998 wohl alle noch nicht wirklich erfassen. Dafür hatten wir zu lange gewissermaßen versteckt im Grenzgebiet zwischen Ost und West gelegen, wo man uns eine eher übergroße Zurückhaltung und Bescheidenheit antrainiert hatte. Jetzt – nach der mit dem Abriß der alten Grenzanlagen hinter unseren Gärten euphorisch erlebten Welterweiterung – empfanden wir das sich immer mehr konkretisierende Projekt der A 38 als so etwas wie den natürlichen Fortgang zur Anschlußgewinnung an eine neue Zeit, die uns gewissermaßen selbst zum Mittelpunkt des Geschehens machte.“
Fast sechs Jahre nach der Gesamtfertigstellung des Bauwerks konstatierte Eichsfeldkreis-Landrat Werner Henning „Die Autobahn gehört heute faktisch zu unserem Leben, obgleich man sie nicht permanent wahrnimmt.“ Letzteres liege, erklärte der Politiker, wohl daran, daß die Trassierung insgesamt hervorragend gelungen sei und überwiegend in einem kaum wahrnehmbaren großflächigen Landschaftseinschnitt verlaufe, aus dem sie nur bei den Brücken zutage trete. „Damit wird die raumverbindende Funktion der Autobahn in der eigenen Landschaft weithin ausgeblendet – ist aber zur sofortigen Nutzung da, wenn sie für die eigenen Belange gebraucht wird. Insofern ist wohl auch das Eichsfeld unmerklich schneller und flexibler geworden.“
Autobahnbau ist bekanntlich mit wesentlichen Eingriffen in Natur und Landschaften verbunden und findet schon deshalb nicht nur Befürworter. Die A38 stand allerdings vor und während der Bauzeit kaum im Blickpunkt von Kritikern. „Wirklich ernstzunehmende Gegenpositionen zu diesem Projekt hat es nicht gegeben“, erinnerte sich Landrat Henning. „Die wenigen politischen Zwischenrufe kamen da eher aus dem Göttinger Grünenumfeld – erschienen aber auch eher als etwas skurrile liebenswerte Farbtupfer ohne bedrohlichen Charakter. Selbst die Bauern, welche ja wirklich viel Land verloren haben, blieben insgesamt konstruktiv, obgleich es einigen von ihnen schon auch spürbar wehtat.“
Seit auf der A38 der Verkehr rollt, ist auch Heilbad Heiligenstadt, die Kreisstadt des Landkreises Eichsfeld, in den Blickpunkt wirtschaftlicher Interessenten gerückt. Die tausendjährige Stadt liegt im Nordwesten des Freistaates Thüringen im Dreiländereck Hessen – Niedersachsen – Thüringen. Das Mittelzentrum, mit seinen vier Ortsteilen, ist die geographische Mitte Deutschlands. Durch die zirka einen Kilometer entfernte Autobahn mit der Abfahrt Heilbad Heiligenstadt und der direkt durch die Stadt führenden Landstraße L 3080, sieht sich Heilbad Heiligenstadt „hervorragend an das deutsche und europäische Fernstraßennetz angeschlossen“ und wirbt damit, daß „durch die unmittelbare Nähe zur Georg-August-Universität Göttingen, einer Universität mit Weltruf, der Anschluß an ein innovatives Umfeld für industrielle Neuentwicklungen und Start-ups gegeben“ sei.
Ein Beispiel für die Anziehungskraft der Autobahn ist das „Areal 38“ in Heilbad Heiligenstadt. Diese Industriefläche ist nach Auskunft des Landratsamts bereits zu über 90 Prozent ausgelastet. 25 Unternehmen wurden angesiedelt, die mehr als 1110 Arbeitsplätze anbieten. Angestrebt wird nunmehr die Neuausweisung von zirka 25 Hektar Gewerbe- und Industriefläche. Hierfür liegen aktuelle Bedarfsanmeldungen aus der Automobiltechnologie, der Lebensmittel- und Verpackungstechnik sowie der Logistik vor.
„Unser Modell funktioniert gut“, konstatierte kürzlich der Landrat gegenüber der Neuen Thüringer Illustrierten. Auch um seine Region machen die derzeitigen Herausforderungen keinen Bogen. Ein aktuelles Problem besteht auch für den Eichsfeldkreis darin, zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beizutragen. Aber auch dabei geht der Kreis eigene Wege, wie der MDR Thüringen am 4. März 2016 berichtete. „Die Flüchtlinge sind da, ob es mir gefällt oder nicht. Wir machen das Beste daraus“, wird Landrat Henning zitiert. Er halte, berichtete der MDR, nichts von überschwänglicher Willkommenskultur oder einer „Kümmerer“-Gesellschaft. Helfen wo es nötig ist, die Flüchtlinge gut unterbringen – sachlich und unaufgeregt – das sei sein Credo.
Von Juli 2015 bis heute seien laut MDR die Flüchtlingszahlen im Landkreis Eichsfeld von 430 auf 1400 Menschen angestiegen. Der Landkreis habe gut 100.000 Einwohner.
Im Umgang mit den Flüchtlingen habe Henning einen eigenen Ansatz. Man wolle ihnen nicht mehr als nötig hineinreden, sie müßten selbst aktiv werden und vor allem unsere Regeln und Normen akzeptieren. Er erwarte, daß nachts kein Krach sei und daß die Mülltrennung gut funktioniere. Müll und Ruhe – das seien sehr wichtige Dinge, das werde befolgt. Unter dieser Maßgabe lasse sich vieles andere auch im Respekt zueinander gut vermitteln, so Henning gegenüber MDR Thüringen.
Der CDU-Kommunalpolitiker forderte in diesem Zusammenhang mehr Verläßlichkeit von der Landesregierung ein. Es könne nicht sein, daß finanzielle Zusagen am Ende doch nichts wert seien. Er habe es „satt, immer noch Bittsteller zu sein“ und spielte gegenüber dem MDR auf die Anmietung eines Wohnblocks für die Unterbringung von Flüchtlingen in Heiligenstadt an. Die vom Land zugesagten Mittel in Höhe von 160.000 Euro seien bis heute nicht da.
Daß sich Henning derart öffentlich Gehör zu verschaffen versucht, liegt wohl auch daran, daß die Zeiten zunächst vorbei sind, in denen Eichsfelder Urgesteine wie Willibald Böck als Nachwende-Innenminister, Dieter Althaus als Ministerpräsident oder Gerold Wucherpfennig als Bauminister über Jahre im Zentrum der Thüringer Macht die Geschicke im Freistaat mitbestimmten und dabei ganz sicher auch die Eichsfelder Interessen im Blick behielten. Spätestens, wenn es mit der von der jetzigen Landesregierung in Angriff genommenen umstrittenen Gebietsreform für den Landkreis Eichsfeld ernst wird, werden die rot-rot-grünen Regenten in Erfurt die Widerborstigkeit der katholischen Insel so richtig zu spüren bekommen.
Darauf, daß die Eichsfelder in Thüringen ihre Erfolgsgeschichten mit Konsequenz, Ausdauer und Beharrlichkeit im Interesse des Freistaates fortschreiben werden, besteht aber auch für die neuen Machthaber in Erfurt kein Zweifel.
Die Nachwende-Erfolge der Eichsfelder haben übrigens auch damit zu tun, daß diesem Menschenschlag das Lamentieren und Negativdenken nicht eigen ist, daß man hier Entwicklungen durchaus auch zu schätzen und daraus Kraft zu schöpfen weiß. Und daß man bereit ist, Rückschläge wegzustecken und einfach geduldig bleibt.
Und so haben sich zumindest im Eichsfeldkreis die einst vom Kanzler der Einheit versprochenen blühenden Landschaften tatsächlich erfüllt. Auf eine entsprechende Interviewfrage der Neuen Thüringer Illustrierten, ob sich die blühenden Landschaften für seine Region erfüllt hätten, antwortete der Landrat mit „uneingeschränkt ja.“ Dabei, lieferte Henning die Begründung hinterher, sei der Begriff der „blühenden Landschaften“ in der Folge politisch weithin mit einem gewissen zynischen Unterton unterlegt worden, was falsch sei und auch der großen Hoffnung von Helmut Kohl aus der Wendezeit nicht entspreche.
„Richtig ist aber, daß wir eine überaus positive Entwicklung genommen haben, die man sich vor 25 Jahren niemals hätte vorstellen können, wozu auch die nicht zu leugnenden Defizite mit gehören. Alles im Leben ist eben immer relativ, und es wird wohl niemals eine Zeit geben, in der alles perfekt geregelt ist. Und dennoch hat es wohl auch in der Geschichte nie eine bessere Zeit als die jetzige gegeben. Auch das sollten wir nicht einfach ausblenden.“
JÖRG SCHUSTER
 
Eichsfeldkreis-Landrat Dr. Werner Henning (CDU): „Unser Modell funktioniert gut.“          
Foto: WST-ARCHIV
 
 
 
 
 
 
 
NTI-Titel zum Eichsfeld, Ausgaben 9/1997, 7/2005, 7/2007, 8/2009, 8/2011, 5/2014 und 7/2015: Vorhaben hingebungsvoll vorangetrieben.
 
Damaliger Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) während eines NTI-Interviews im Jahr 2008: „Das Öl immer auf der Lampe.“      
 Foto: ANDREAS KÜHN
 
 
 

Ausnahmeregelung

Der Eichsfelder Feldkieker ist eine lokale Spezialität mit einer sehr hochwertigen Qualität und einem ganz eigenen Geschmack.
Die Eichsfelder haben ihre Würste schon immer etwas anders hergestellt, und zwar durch die Verarbeitung des nach der Schlachtung noch warmen Fleisches. Spätestens vier Stunden nach der Schlachtung werden damit die Därme gefüllt. Somit wirken in die biochemischen Prozesse des Fleisches nach der Tötung der Tiere auch die Gewürze mit ein und erzeugen ein besonderes arteigenes Aroma. Ganz im Gegensatz zur Salamiproduktion, bei der das Fleisch erst auskühlt und dann die Wurst gemacht wird. Im Eichsfeld wird sogar Hackfleisch traditionell aus Warmfleisch hergestellt. In Deutschland ist die Warmfleischverarbeitung wenig verbreitet und für die Hackfleischherstellung sogar verboten, dennoch gibt es für das Eichsfeld aufgrund der langen Tradition eine europaweite Ausnahmeregelung. Diese Sonderstellung würdigt die besondere historisch verbürgte Warmfleischverarbeitung von Schweinefleisch im Eichsfeld als ein über Jahrhunderte gepflegtes Verfahren, das sich bis heute erhalten hat.
Dabei ist der Feldkieker aus dem Eichsfeld einzigartig, weil bei diesem Erzeugnis diese Warmfleischverarbeitung noch angewandt wird. Sein Name leitet sich vermutlich von dem alten Spruch ab, daß der Feldkieker bis zum Schrei des Kuckucks im April „auf ’s Feld kieken“ mußte, denn er hing zur Reifung auf geeigneten Böden beziehungsweise Scheunenböden mit Dachluke, die einen Blick auf das Feld gewährte. Seine erste urkundliche Erwähnung geht bereits auf das Jahr 1718 zurück und stammt aus der Gemeinde Hilkerode: Anläßlich einer städtischen Inspektionsmaßnahme wurden dort unter anderem „vierzehn gute groschen pro 3 ½ pfund felt kycker“ bezahlt.
Wenige Jahre später wird der Eichsfelder Feldkieker 1724 in einem Bernshäuser Dokument erwähnt. Als zwei Jahrzehnte später, vom 21. bis zum 23. Oktober 1744, der Domprobst und der Stadthalter des Eichsfeldes anläßlich eines Besuches in Duderstadt bewirtet wurden, zahlte deren Kämmerei laut Ausgabenbuch „vor zwey grosse feld gieker“ zwölf Groschen. Darüber hinaus diente im 18. Jahrhundert der Feldkieker auch als Dankgeschenk auf der kaiserlichen Burg zu Prag, wie Schloßhauptmann Joseph Rudolf berichtete.
Die birnenförmige Wurstsorte gehört zur Familie der schnittfesten Rohwürste und wird aus schlachtwarmem Schweinefleisch hergestellt, nach einer überlieferten traditionellen Rezeptur gewürzt und anschließend in gut belüfteten Räumen luftgetrocknet. Dort reift sie in der Regel vier bis fünf Monate, bevor sie in den Handel kommt. Manche Sorten reifen sogar bis zu zwölf Monate, um ihren besonderen Geschmack voll zu entfalten. Der Reifeverlust ist dabei nicht unerheblich: 33 Prozent stehen diesbezüglich in der Spezifikation der EU-Kommission. Der Eichsfelder Feldkieker ist als ein Nischenprodukt eine lokale Spezialität aus dem Eichsfeld mit sehr hochwertiger Qualität und einem ganz eigenen Geschmack.
Im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaft vom 28. Juni 2012 begründete die Kommission ihre Entscheidung für den europaweiten Geo-Schutz: „Die Eintragungsfähigkeit der Bezeichnung ergibt sich aus ihrem besonderen Ansehen und auch aus der besonderen Qualität. Das Ansehen beruht auf der Herkunft der damit gekennzeichneten Produkte aus dem angegebenen Gebiet.“
HTW
 
 

Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte

Teilung mitten in Deutschland – Im Grenzlandmuseum Eichsfeld hautnah erleben.
Das Grenzlandmuseum Eichsfeld befindet sich im ehemaligen Zollverwaltungsgebäude der DDR an der heutigen niedersächsisch-thüringischen Landesgrenze und bietet viele lebendige Veranstaltungen, Museumsführungen und Sonderausstellungen. In der angeschlossenen Bildungsstätte finden vielfältige Workshops, Seminare, Lesungen und Zeitzeugengespräche statt. Der nahe gelegene sechs Kilometer lange, länderübergreifende Grenzlandweg mit original erhaltenen Sperranlagen ist ein weiterer Teil des Museumsensembles und lädt direkt zur Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte ein. Die Dauerausstellung des Museums zeigt auf über 1100 Quadratmetern wesentliche Entwicklungslinien der deutsch-deutschen Teilung bis zur Wiedervereinigung. Ständig wechselnde Sonderausstellungen im Museum nehmen aktuelle Tendenzen der Forschung auf. Auch die Auseinandersetzung mit den ökologischen Chancen des Grenzstreifens zeigt, daß der Gegenstand interdisziplinär und multiperspektivisch erarbeitet werden kann.
GME-PI
 
 
Dauerausstellung im Grenzlandmuseum Eichsfeld: wesentliche Entwicklungslinien der deutsch-deutschen Teilung bis zur Wiedervereinigung.
Fotos (2): GME-ARCHIV
 
NTI-Ausgabe 01-2016
Thüringen aktuell

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In der nächsten NTI

Der Stadtumbau geht weiter!
Die Ausgabe 2/2017 berichtet über die Herausforderung, wachsende Städte und schrumpfende Regionen im Freistaat gemeinsam zu entwickeln.

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