„Ab und an etwas mehr Weite und Souveränität wagen“

Die Eichsfelder müßten sich nicht dafür entschuldigen, daß sie in ihrem sozialen Verhalten nicht eindeutig den modernen politischen Strukturen zuordenbar sind. Das sagt Dr. Werner Henning (CDU), Landrat des Landkreises Eichsfeld. Im Hinblick auf derzeitige Gebietsreformpläne stellt er im NTI-Interview fest: „Insofern vertraue ich doch ein Stück auf kluges Regieren in Erfurt, welches dem Eichsfeld keine politischen Zuordnungen auferlegt, die es dauerhaft nicht ausfüllen kann. Reine wirtschaftliche Begründungen, daß man uns mit neuen Strukturen quasi zu retten habe, sind bei uns nicht zielführend.“ Der Landkreis Eichsfeld sei ebenso gesund wie solvent.

NTI: Herr Dr. Henning, Sie weilten kürzlich mit einer Thüringer Delegation in Rom und hatten das Glück, gleich mit zwei Päpsten sprechen zu können. Wie kam es denn zum Treffen mit Benedikt, dem Papst in Ruhestand?
HENNING: Die Einladung von Herrn Ministerpräsident Bodo Ramelow, ihn zu der ihm von Papst Franziskus gewährten Privataudienz zu begleiten, bot mir bereits im Vorfeld unverhofft die Gelegenheit, freundlichst auch bei Papst Benedikt Emeritus nach der Möglichkeit einer kurzen Begegnung anzufragen. Daß mir diese völlig problemlos gewährt wurde, hat mich außerordentlich gefreut. Da auch der frühere thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus mit seiner Frau zeitgleich in Rom war, wurden wir schließlich gemeinsam zu einem Treffen mit Papst Benedikt in den Vatikanischen Garten, im Rahmen seines täglichen Spaziergangs, eingeladen.
NTI: Erzählen Sie uns von Ihrer Begegnung mit Benedikt. Wie geht es ihm und spielt in den Erinnerungen an sein bewegtes Leben der Besuch im Eichsfeld im Jahr 2011 überhaupt eine Rolle?
HENNING: Wie verabredet, wurden wir an der Porta Sankt Anna, quasi dem Eingangstor zum Vatikan, von einem Offizier der Schweizer Garde abgeholt und mit einem Auto zur Lourdes Grotte gebracht. Nach nur kurzer Zeit sahen wir von weitem, eine kleine Anhöhe herunter kommend, Papst Benedikt in weißer Soutane, einen Rollator schiebend, auf uns zu kommen. Er wurde von seinem Privatsekretär, dem auch uns bekannten Erzbischof Dr. Gänswein, begleitet. Ich gestehe, daß dieses Bild etwas sehr Ehrwürdiges und Klares ausstrahlte. Der emeritierte Papst, auf dessen Einschätzung grundlegender menschheitlicher Fragen noch bis vor wenigen Jahren die Blicke großer Teile der Weltbevölkerung gerichtet waren, kam jetzt, vom Alter gebeugt, in kleinen Schritten, einen Rollator schiebend, auf uns zu. Erhabenheit und Würde – aber auch Vergänglichkeit und Bescheidenheit lagen plötzlich, zum Greifen nah, beieinander, woraus Begegnung wurde. Mir schien, als habe sich Papst Benedikt auf dieses Treffen zutiefst gefreut und nahm uns – wahrhaft mit offenen Armen – in Empfang. Auch hier gestehe ich, daß ich schwer mit der Situation umzugehen wußte. Hatte noch – Momente zuvor – der uns chauffierende Offizier, sein Knie vor dem Heiligen Vater gebeugt, schien uns eine solche Haltung nicht abverlangt zu werden. Wir waren offenbar nicht Teil der sonst im Vatikan gültigen Etikette, sondern wohl ganz einfach erwartete Freunde aus der Heimat. So begrüßte uns Papst Benedikt eben auch in der uns sehr vertrauten Anredeform der dritten Person Plural – dem Ihr und Euch. Dabei klang in seiner Benennung des Eichsfeldes der Gestus einer tiefen und innigen Vertrautheit, dem auch der Landrat, von ihm sehr selbstverständlich benannt, zugeordnet war. Ja, das Eichsfeld sei schon immer etwas Besonderes gewesen, so der sich herzlich freuende alte Papst. Wir sollten aufpassen, daß wir dieses auch weiterhin bleiben können, in Glauben und Lebensart, also eben das Eichsfeld sich selbst treu bleiben möge. Dabei sprachen wir über seine noch sehr lebendigen Erinnerungen an seinen Besuch des Marienwallfahrtsortes Etzelsbach, die ich mittels eines „Videobuches“ sehr lebendig vorführen konnte. In diesem hatten wir zuvor eine Dokumentation über die von uns, zur Erinnerung an seinen Besuch im Jahre 2011, errichtete Pilgerinformation zusammengestellt. Voran war ein kleiner Bildschirm eingefügt worden, über welchen einige Minuten Videos vom 23. September 2011 in Etzelsbach zu sehen waren. Beim Ansehen dieser Livebilder meine ich, viel Rührung in seinen Augen gesehen zu haben. Übrigens – so Papst Benedikt – denke er jeden Tag an das Eichsfeld, wenn er auf der Bank vor seiner Wohnung sitzt, welche ihm die Familie Jünemann aus Heiligenstadt gebracht habe, die wiederum eine Inschrift von Etzelsbach ziert. Wie es uns denn sonst ginge, wollte er wissen.
NTI: Worüber haben Sie ihm berichtet?
HENNING: Dabei kam die Rede auch auf die vielen Flüchtlinge. Ich berichtete von der Schwere dieser Aufgabe, erklärte aber auch, daß wir uns bislang wohl alle recht gut verhalten hätten. Das freute ihn. Natürlich erzählte ich ihm auch kurz von der an Fahrt gewinnenden Gebietsreform in Thüringen und eben davon, daß wir auf Strukturen hoffen, welche dem Eichsfeld gerecht werden. Ja, auch wir wollten weiterhin unser Bestes für das Eichsfeld tun, das versprachen wir ihm beim Abschied und baten um seinen Segen und sein Gebet im gemeinsamen Anliegen. Damit verabschiedeten wir uns und versuchten, die frischen Erlebnisse in der Kapelle zur heiligen Anna am Tor des Vatikans zu verarbeiten. Mir selbst wird diese Begegnung als eine sehr persönliche in Erinnerung bleiben. Ich empfand mich als Teil der gleichen deutschen Heimat, zu der auch Papst Benedikt gehört, der zu begegnen ihm aber im fernen Rom und in der Einsamkeit seiner hohen Würde nur selten vergönnt ist. Das Eichsfeld – als Bezug zu dieser Heimat – erschien mir gleichermaßen geehrt wie dazu aufgerufen, dem Heimatbild des Heiligen Vaters zu entsprechen.
NTI: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zeigte sich nach seiner Privataudienz beim Heiligen Vater tief bewegt von Papst Franziskus. Wie haben Sie den Benedikt-Nachfolger erlebt und was beeindruckt Sie am aktuellen Oberhaupt der katholischen Kirche?
HENNING: Herr Ramelow hatte vor unserem Hinzutreffen zur Audienz mit Papst Franziskus eine längere Unterredung unter vier Augen. Was in dieser besprochen wurde, kann ich nicht beurteilen. Seine nachherige Schilderung läßt aber vermuten, daß die Inhalte sehr tiefgreifend waren. Wir, die wir den Ministerpräsidenten begleitet haben, wurden nach zirka 30 Minuten einzeln in das Arbeitszimmer des Papstes, die Bibliothek, hineingebeten und persönlich vorgestellt. Ich selbst hatte dabei den Eindruck, einem ebenso genau sehenden wie aufmerksam zuhörenden Manne zu begegnen, der mir von seiner Statur her viel kleiner und schmaler erschien, als ich ihn bislang aus dem Fernsehen vor Augen hatte. Bei der anschließenden Übergabe der mitgebrachten Geschenke war ich erfreut darüber, auf dem Herrn Ramelow zugereichten silbernen Tablett auch das von mir mitgebrachte Buch über den Besuch von Papst Benedikt in Etzelsbach zu sehen, welches von heimischen Autoren und Fotografen zusammengetragen worden war. Aus diesem heraus ragte der Umschlag meines Briefes an Papst Franziskus heraus, in welchem ich die Geschichte des Eichsfeldes in groben Zügen – mit Bonifatius beginnend, über das Wirken der Jesuiten bis hin zur Neuzeit der Preußen und des 20. Jahrhunderts – dargestellt hatte. Herr Ramelow gab sich bei der Übergabe große Mühe, besonders die volkskirchlich-Katholisch geprägte Sozialisation des Eichsfeldes zu beschreiben. Dabei würdigte er auch unsere Bemühungen im Umgang mit den bei uns lebenden Flüchtlingen – aber auch unsere Standhaftigkeit in der eigenen Lebensart während der DDR-Jahre. Bei der Übergabe der speziell thüringischen Geschenke, einer Plastik der heiligen Elisabeth von Thüringen und einer sehr schönen Faksimileausgabe der Lutherbibel, spielten ökumenische und reformatorische Aspekte eine besondere Rolle. Ich denke, daß Papst Franziskus all diese Berichte sehr interessiert und zustimmend aufgenommen hat. 
NTI: Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem Wirken von Papst Franziskus?
HENNING: Seinem ganzen Wesen nach war auch in dieser Begegnung zu verspüren, daß es ihm auf ein sehr lebenspraktisches Christentum ankommt, welches versucht, die im Glauben bekannten Werte auch zu leben. Von dorther – so meine ich – werden zukünftig so manche bisherigen Trennlinien zwischen den Religionen – aber auch zwischen Kirche und Staat, Parteien oder auch politische Philosophien – weiter an Bedeutung verlieren. Es erfolgt eine Annäherung in der sachlichen Beurteilung der Welt, welche des einheitlichen Bekenntnisses im Format oder auch der konkreten Kirchlichkeit nicht mehr bedarf. Religion wird immer weniger an der Formelhaftigkeit ihrer Bekenntnisse gemessen, als am Extrakt des aus diesem Bekenntnis erwachsenden Tuns. Hierauf werden sich die Kirchen auch in der ständigen Neudefinition von „Ökumene“ immer wieder einstellen müssen.
 

„Religion wird immer weniger an der Formelhaftigkeit ihrer Bekenntnisse gemessen, als am Extrakt des aus diesem Bekenntnis erwachsenden Tuns. Hierauf werden sich die Kirchen auch in der ständigen Neudefinition von ,Ökumene‘ immer wieder einstellen müssen.“

 
NTI: Wie schwer fällt es, nach den jüngsten Erlebnissen und Begegnungen in Rom, wieder zurück in den normalen Eichsfelder Alltag zu finden und sich wieder auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren?
HENNING: Eigentlich gar nicht. Ich selbst habe meine Erlebnisse in Rom gewissermaßen als eine besondere Perspektive verstanden, aus der heraus ich auf unseren eichsfeldischen Weg habe blicken dürfen. Erstaunlicherweise schienen mir in diesem Horizont viele zu Hause zum Teil recht zögerlich formulierte Antworten viel selbstverständlicher und beständiger zu sein. Die reine thüringische Innensicht auf unsere Belange impliziert die Gefahr einer zu schmal geschnittenen modernen Formelhaftigkeit, die alles in allem sehr eng ist. Da tut die Perspektive aus der „Ewigen Stadt Rom“ auf unseren sonstigen Alltag doch recht gut. Zumindest liegt in dieser quasi ein Aufruf, ab und an etwas mehr Weite und Souveränität zu wagen oder wenigstens den bisherigen vorsichtigen Ansätzen nicht zögerlich zu entfliehen.
NTI: Der Thüringer Regierungschef berichtete dem Papst unter anderem von den Thüringer Erfahrungen bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms. Herr Dr. Henning, wieviele Flüchtlinge leben denn inzwischen in Ihrem Kreis und wie gut sind Sie auf Neuankömmlinge eingestellt?
HENNING: Derzeit leben bei uns zirka 1500 Flüchtlinge – nunmehr zumeist aus Syrien und Afghanistan. Bislang kamen die meisten aus den Ländern des Westbalkans. Erstaunlicherweise kamen wir gerade mit diesen recht gut zurecht. Viele von ihnen hatten durchaus schon passablen Anschluß an Gruppen der eigenen Bevölkerung gefunden – sei es über die Sportvereine, bis hin zu den eigenen Kirchengemeinden. Andere hatten schon geringfügige Beschäftigungen übernommen und wurden von Bekannten als zielstrebig eingeschätzt, die sich von dem wenigen Geld immer wieder kleine Anschaffungen für die Wohnung genehmigten und darüber freuten. Jetzt gehen die meisten von ihnen „freiwillig“ wieder zurück. Bei aller Einsicht in die gegebenen Zwänge herrscht doch auch ein Stück Betroffenheit und Mitgefühl in die damit verbundenen Schicksale. Die jetzt neu ankommenden Syrer verhalten sich demgegenüber ganz anders.
NTI: Wie?
HENNING: Sie haben viel höhere Erwartungshaltungen an die von uns zu erbringenden Leistungen und nehmen auch ihr eigenes Leben deutlich weniger in die eigene Hand als die Vertreter des Balkans. Man sieht das besonders am Zustand der vielen Einzelwohnungen, in denen wir zu 72 Prozent, also dezentral, unsere Flüchtlinge wohl insgesamt sehr gut untergebracht haben. Aus eigenem Antrieb heraus wird kaum etwas verbessert. Man bleibt auch zumeist unter sich oder will beschäftigt werden. Wir müssen offen sein für die Entwicklung und werden sehen, wie sich alles weiter entwickelt.
NTI: Wenn das Zusammenleben und die Integration von Neubürgern tatsächlich gelingen soll, muß dann nicht aber auch Ankommenskultur eingefordert werden?
HENNING: Natürlich erwarten wir von vornherein von den bei uns ankommenden Flüchtlingen eine grundlegende Anerkennung unserer Erwartungshaltung an sie. Die von mir vertretenen Anforderungen an ein Mindestmaß betreffen insbesondere die Einhaltung der nächtlichen Ruhe sowie einen akzeptablen Umgang mit der Trennung und Verbringung des anfallenden Mülls. Sind diese Voraussetzungen gegeben, dann läßt sich auch das Mit- und Nebeneinander zu den Nachbarn gestalten. Anderenfalls ist Ärger zwangsläufig vorprogrammiert. So er dann auftritt, greifen wir auch ein und ziehen mit unseren Untermietern aus.
NTI: Über den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland.“ kann man streiten. Kritiker eines solchen Satzes meinen, der Beitrag des Islams zu Reformation, Aufklärung und zum Humanismus sei ihnen nicht präsent. Lassen Sie diese Einwände gelten und haben Sie Verständnis dafür, daß es Menschen auch im Eichsfeld gibt, die Vorbehalte und Ängste gegen den Islam hegen?
HENNING: Im Grunde, so meine ich, können wir uns alle überhaupt keine belastbare Meinung zum „Islam“ erlauben. Der Grundfehler ist wohl, daß in der öffentlichen Diskussion der Islam per se als eine dem Christentum vergleichbare Religion verstanden wird. Die das dann vertreten, haben zumeist schon gar keinen Bezug mehr zu den mystischen Ebenen gerade auch des Christentums. Über die Zeit hinweg wurde nämlich gerade bei uns aus der Religion eine bestenfalls christlich verbrämte Kultur. Wie viel an tieferer Religion da dann noch drinsteckt, muß ein jeder zunächst einmal für sich selbst beantworten. Jene aber, welche oftmals lautstark in der Politik Meinungen über das Christentum vertreten, haben selbst kaum noch einen eigenen Bezug dazu und machen daraus quasi kulturelle Rituale, die sie auf Folklorefesten oder an Tourismusbörsen feilbieten. Wenn wir aber schon kaum noch das Christentum als Religion begreifen können, wie wollen wir dann erst recht dem Islam begegnen, in dessen Schnittmengen zwischen religiöser Mystik und bürgerlichen Lebensanweisungen wohl noch ganz andere ethnische Unterschiede mit hineinspielen, für die wir in der christlich-jüdischen Welt überhaupt keine Entsprechungen haben. Nein – mit dem Satz, daß der Islam zu Deutschland gehöre, kann ich deshalb einfach nichts anfangen, weil es eben diesen einen Islam überhaupt nicht gibt und weil Religion weitaus mehr ist, als Politiker und Eventmanager beständig daraus machen. Auf das Eichsfeld bezogen plädiere ich stets dafür, daß die Frage Islam ja oder nein zunächst für uns gar nicht steht, sondern eben nur darauf, daß sich ein jeder zuvorderst selbst an seine Lebensmaxime hält und die in seiner Religion oder auch seinem weltanschaulichen Bekenntnis lebt. So gesehen ist auch nicht der Einzelne Teil seiner Religion, sondern umgekehrt soll ihm die Religion Hilfe zur Bewältigung seines ganz eigenen Lebens sein. Dieses vorausgeschickt kann uns die sichtbare Einheit zwischen den Muslimen und ihrer Religion durchaus auch Ansporn sein, uns selbst wieder etwas mehr im Sinne unserer eigenen Ideale, ob in Religion oder Gesellschaft, zu verhalten.
 

„Die sichtbare Einheit zwischen den Muslimen und ihrer Religion kann uns durchaus auch Ansporn sein, uns selbst wieder etwas mehr im Sinne unserer eigenen Ideale, ob in Religion oder Gesellschaft, zu verhalten.

 
NTI: Können wir die Unterbringung, die Versorgung und die schnellstmögliche Integration von Hilfesuchenden vor Ort überhaupt bewältigen, wenn sich Bund und Land weiterhin aus der Verantwortung stehlen und den Kreisen und Kommunen nur einen Teil der für die Bewältigung dieser Aufgaben entstehenden erheblichen Kosten erstatten?
HENNING: Wir werden die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge vor Ort schon bewältigen müssen, ungeachtet dessen, ob sich Bund und Land korrekt verhalten. An dieser Stelle ist eben auch zu sehen, daß sich die kommunalen Ebenen am Ende des Tages nicht einfach in politische Erklärungen wegstehlen können, auch wenn wir das gern möchten. Die Flüchtlinge werden vor dem Landratsamt aus dem ankommenden Bus ausgeladen und stehen dann sprichwörtlich vor unserer Tür. Da sie dort nicht bleiben können, werden wir immer gezwungen sein, uns etwas einfallen zu lassen – egal, welche Antworten Bund und Land geben. Mit der Integration hat es dann noch eine andere Bewandtnis. Diese soll wohl bei uns vor Ort erfolgen, kann aber nicht einfach von einer Administration umgesetzt werden. Integrieren muß sich letztendlich jeder Flüchtling selbst – nämlich in die hiesige Lebenswelt hinein. Wir können dabei nur helfen, uns offen zeigen oder auch Handreichungen geben. Die Zeit wird es mit sich bringen, ob dieses gelingt.
NTI: Der Deutschlandfunk bezeichnete Sie in einem Porträt durchaus treffend als „Der unermüdliche Landrat“. Immerhin sind Sie, seit Sie 1989 das Amt des Vorsitzenden des Rates des Kreises Heiligenstadt übernommen haben, ununterbrochen als Leiter der Behörde im Amt und somit dienstältester Kreischef im Land. Wie haben die Amtsjahre Sie verändert? Bekommt man in all den Jahren ein dickes Fell?
HENNING: Nein – das Fell wird nicht dicker, sondern eher dünner. Man wird wohl routinierter und kann manches mit Rhetorik überdecken, hört aber auch stärker Untertöne oder empfindet Beleidigungen intensiver. Zugleich lehrt einen aber auch die Erfahrung, zwischen Schein und Sein oder auch zwischen Anspruch und Wirklichkeit besser zu unterscheiden. Vieles wiederholt sich – zum Teil nur in einem anderen farblichen Gewand. Insofern muß man ab und an aufpassen, den als neu verkauften Rezepten nicht ungebührlich gegenüberzutreten – sich aber auch durch den Schein des Neuen nicht blenden zu lassen.
NTI: Ereignisse wie die politische Wende im Eichsfeld, der Thüringentag in Heiligenstadt, der Spatenstich und die Fertigstellung der Autobahn 38 und natürlich das Jahrhundertereignis Papstbesuch haben Sie an entscheidender Stelle miterlebt, mitbewegt, mitgestaltet. Solche Erfolge sind wohl nicht zu toppen. Was sind aktuelle und künftige Ziele in Ihrer Amtszeit?
HENNING: Zuvorderst wünsche ich mir den Erhalt der uns schon recht lange begleitenden Stabilität in Wirtschaft und Gesellschaft. Kein hektisches Manövrieren oder Verändern nur um der reinen Aktion willen – dennoch aber auch viel Offenheit gegenüber Neuem. Alles, was wir zum Bisherigen dazu implementieren, sollte werthaltig sein, ja auch anspruchsvoll – kein Ramsch, eben Qualität haben. Sicher – als Landkreis werden wir dabei immer auch weiter investieren – zumindest auf dem Niveau unserer Abschreibungsquoten, doch deutlich weniger als in den stürmischen Jahren zuvor. Dazu gehört unser aktuell in Worbis begonnener Grundschulneubau, auf dessen Fertigstellung ich mich freue. Zumeist wird es aber um die qualitative Weiterentwicklung und Fortschreibung von Bestehendem gehen. Hierzu gehört die qualitative Verbesserung bestehender Pflegeangebote, inhaltliche Belange in der Schul- und Sozialarbeit, souveräne und zuvorkommende Kommunalverwaltungen, ein Mehr an werthaltigem Austausch zwischen den Sozialplattformen kirchengemeindlichen Lebens mit denen der bürgerlichen Gemeinden bis hin zur Pflege unserer guten Vernetzungen mit unseren westlichen Oberzentren in Göttingen und Kassel. Alles steht und fällt in der Zukunft mit dem Grad der Erzogenheit einer Gesellschaft, die sich nicht dirigistisch von politischen Strukturen behandeln lassen will und dennoch mit ihrer eigenen Souveränität umzugehen weiß.
NTI: Der Landkreis Eichsfeld gilt als prosperierende Region in Deutschland. Die wirtschaftliche Entwicklung kann sich sehen lassen. Hier trifft traditionelles Handwerk Hightech, die Arbeitslosenquote liegt unter fünf Prozent, die Abwanderung gerade bei jungen Leuten hält sich im Vergleich zu anderen Gebieten in Thüringen in Grenzen. Trotzdem steht auch das Eichsfeld vor demographischen Problemen und Herausforderungen. Wie sieht Ihr Demographieplan aus?
HENNING: Schön sind erst einmal die Aussagen Ihrer Analyse. Ja, wir haben noch eine vergleichsweise passable Geburtenrate und können auch unsere jungen Leute über eine starke Heimatbindung noch gut in der Region halten. Dabei dürfte die Realität noch etwas besser sein als die Statistik, denn viele junge Menschen, welche aus beruflichen Gründen ihren Hauptwohnsitz in größeren Städten angemeldet haben, leben zumeist doch noch im Eichsfeld – zumindest an den Wochenenden. Und dennoch muß uns klar sein, daß wir rein administrativ wohl keinen besonderen Einfluß haben. Die jungen Menschen, welche wir heute vermissen, sind eben nach der Wende nicht geboren worden. Daran läßt sich nichts mehr ändern. Und dennoch bedeutet die zahlenmäßige Schrumpfung der Gesellschaft per se nicht das Ende des hiesigen gesellschaftlichen Lebens. Dabei haben demographische Veränderungen schon immer stattgefunden – mal in die eine Richtung – mal in die andere. Unsere Aufgabe besteht nur darin, daß wir uns darauf einstellen. Neben der Pflege des hiesigen Lebensraumes als Biotop für die heranwachsende Generation müssen wir auch den Erwartungen der älteren Generation an den öffentlichen Raum gerecht werden. Auch hier sind unsere Angebote schon heute gut vorzeigbar. In den Gemeinden müssen wir dafür Sorge tragen, daß alte und nicht mehr zu gebrauchende Häuser abgerissen werden und Platz für Neues bieten. Alles im Leben ist dem Werden und Vergehen unterworfen. Um dieses zu akzeptieren und freudig aufzunehmen brauchen wir auch weiterhin ein Stück Gottvertrauen.
NTI: Herr Landrat, Sie hatten vor einiger Zeit Plänen einer Kreisgebietsreform eine Absage erteilt und sogar mit Abwanderung des Kreises nach Niedersachsen gedroht. Jetzt schreiten die Pläne der rot-rot-grünen Landesregierung für eine Gebietsreform unaufhaltsam voran. Welche konkreten Perspektiven sehen Sie in diesem Prozeß für Ihre Region?
HENNING: Wir Eichsfelder müssen uns zunächst nicht dafür entschuldigen, daß wir in unserem sozialen Verhalten nicht eindeutig den modernen politischen Strukturen zuordenbar sind. Die alte Siedlungsgrenze der Cherusker und der Hermunduren geht, mit fränkischen Einschlägen, mitten durch unser Gebiet und hat darüber in der katholischen Landesherrschaft des Erzbischofs von Mainz eine quasi eigene volkskirchlich geprägte Kultur als politische Klammer entstehen lassen. Diese Gegebenheiten wurden auch in den hinter uns liegenden beiden politischen Jahrhunderten zumeist anerkannt, worin wir einen Respekt vor unserer Freiheit sahen. Heute nun gehören wir politisch zum Freistaat Thüringen. Wenn dieses staatliche Thüringen auch unsere politische Heimat sein und bleiben soll, dann muß sich eben die aktuelle Politik mit den besonderen Gegebenheiten des Eichsfeldes befassen und sollte nicht übergroß versuchen, uns in ein postideologisches Raster hineinzuagitieren oder, noch schlimmer, uns für unser Sosein schelten. Auf die Dauer macht man sich damit keine Freunde, woraus immer wieder der Ruf nach anderen gebietsmäßigen Zuordnungen werden kann. Dafür reicht eben das Eichsfeld bis an das niedersächsische Northeim heran. Wenn ich vor einigen Jahren schon an solche geschichtlich verbürgten Geschehnisse von 1848, 1918, der Nachkriegszeit oder auch des Januars 1990 erinnert habe, dann sollten mir die Lenker des Freistaates Thüringen für diese Hinweise dankbar sein und eben keine Drohungen meinerseits dahinter erblicken. Ebenso töricht ist es auch, zu meinen, man könnte ein solches Empfinden im Volk nur mit dem reinen Verweis auf eine quasi gesetzlich verbriefte Unmöglichkeit unterbinden. Insofern vertraue ich doch ein Stück auf kluges Regieren in Erfurt, welches dem Eichsfeld keine politischen Zuordnungen auferlegt, die es dauerhaft nicht ausfüllen kann. Reine wirtschaftliche Begründungen, daß man uns mit neuen Strukturen quasi zu retten habe, sind bei uns nicht zielführend. Der Landkreis Eichsfeld ist ebenso gesund wie solvent.
NTI: Wer es sogar geschafft hat, den Papst nach Thüringen zu holen, dem ist alles zuzutrauen. Mit Beharrlichkeit haben die Eichsfelder in all den Jahren viele geradezu unglaubliche Visionen verwirklicht. Wäre denn ein großer bundesländerübergreifender Eichsfeldkreis, den heute niemand für möglich hält, ein erstrebenswertes Unterfangen? Ja wäre das nicht geradezu eine tolle Vision?
HENNING: Ja selbstverständlich. Nach der politischen Teilung des Eichsfeldes auf dem Wiener Kongreß von 1815 entwickelte sich sehr schnell genau diese Vision, welche bis auf den heutigen Tag bei besonderen Gelegenheiten immer wieder erhaben und ehrfürchtig heraufbeschworen und gefeiert wird. Andererseits wußten wir aber auch schon immer, wie groß die Hürden sind, welche vor diesem Ziel stehen. Und ebenso wissen wir auch um unsere Kleinheit im Verhältnis zu den staatlichen Problemen, die wir mit einem solchen Aufbegehren anrühren. Gleiches gilt für die verschiedenen staatlichen Herrschaften, denen wir angehörten oder den Bundesländern Niedersachen und Thüringen, deren Teile wir auch sind. So wußte die staatliche Politik stets um die Brisanz dieser Eichsfeldfrage und ging deshalb verhältnismäßig großzügig mit uns um. Insofern haben wir uns eben auch, trotz allen eichsfeldischen Wünschens, mit den Gegebenheiten arrangiert und im staatlichen Dualismus eingerichtet. Ich denke, daß das so auch gut ist. Dennoch darf man uns gewissermaßen die Hoffnung auf ein in der Zukunft wieder zu vereinigendes Eichsfeld nicht nehmen, welche gewissermaßen auch mit biblischen Hoffnungen korrespondiert. Genau das würde aber geschehen, wenn man uns politische Strukturen aufzwingen würde, die wir nicht wollen und auch nicht brauchen.
NTI: Herr Dr. Henning, können Sie sich ein Leben ohne Landratsamt überhaupt vorstellen?
HENNING: Ich hoffe doch und will ja auch dieser Heimat nicht zur Last werden. So gut es natürlich auch tut, zu spüren, daß das eigene Tun geschätzt wird, so wenig möchte ich meine Heimat auch mit eigenen Erwartungshaltungen überfordern, welche nicht gewollt sind. Insofern will auch ich in der Frage offen bleiben, wie lange ich mich dem Eichsfeld anbiete und wann es Zeit ist, loszulassen.
NTI: Das Eichsfeld ist Ihre Heimat. Verraten Sie uns, wo Ihr schönster Platz in dieser unverwechselbaren Kulturlandschaft ist?
HENNING: Wahrscheinlich unter dem gewaltig großen Nußbaum in unserem Garten.
Das Interview führte JÖRG SCHUSTER.
 
Eichsfelder Landrat Dr. Werner Henning (CDU): „Das Fell wird dünner.“
Foto: NTI-ARCHIV
 
Typische Eichsfeld-Landschaft: Pflege des hiesigen Lebensraumes als Biotop für die heranwachsende Generation.      
Fotos (2): WST-ARCHIV
 
Eichsfeld-Gedenkstein: Besondere Gegebenheiten.
 
NTI-Ausgabe 01-2016
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