Einmal Ostsee – und immer wieder

Es ist wahrlich kein Wunder, daß Urlauber immer wieder von der Ostsee angezogen werden, wenn sie einmal dort waren. Mecklenburg-Vorpommern und vor allem die Küste im Nordosten der Republik kann inzwischen jeden Urlaubswunsch erfüllen – vom städtischen und Kulturerlebnis über aktive Erholung in zum Teil noch wilder Natur und kulinarische Vielfalt bis hin zum Genießen und Lümmeln am Strand oder in Wellness-Einrichtungen. Und auch in der kühlen Jahreshälfte locken die Küstengefilde immer häufiger Besucher an. So erklärt sich ziemlich schnell die neue Rekordzahl an Übernachtungen im vergangenen Jahr: 29 Millionen.

„Wie eine schleichende Infektion“ bezeichnet Cindy Zötzsche (39 Jahre) aus dem Altenburger Land den Wunsch, immer und immer wieder die Ostsee-Küste als Urlaubsziel zu wählen. „Nach den paar Zeltferien in den 80er Jahren war ich fast 20 Jahre nicht an der Ostsee, doch dann sind wir einmal wieder hiergewesen und müssen immer wieder kommen“, versucht sie, an der Mole in Warnemünde ihre Emotionen auszudrücken. Ihr Freund Sebastian Triegel war nie ein Meeres-Freund und gehört nun auch zu denjenigen, die schon ein Jahr im Voraus das Urlaubsdomizil sichern.

Ja, manche werden an alte Zeiten erinnert. Schon in der DDR gab es Ostsee-Urlaub nur mit guten Beziehungen und Glück, und heute ist es inzwischen fast genauso schwierig. Den größten Zuwachs an Übernachtungen hat die ziemlich kleine Urlaubsregion Fischland-Darß-Zingst zu verzeichnen: 12,5 Prozent Zuwachs stellen die guten Bilanzen von Rügen/Hiddensee (+ 4,4 Prozent), das vorpommersche Festland (+ 3,9 Prozent), Usedom (+ 2,9 Prozent) und die Mecklenburgische Ostseeküste (+ 2,1 Prozent) in den Schatten. Einen Aufschwung erlebt der Campingurlaub: Die Übernachtungszahlen auf Campingplätzen stiegen um 9,5 Prozent. Über den stärksten Zuwachs kann sich auch hier die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst (+ 38,0 Prozent) freuen. Rügen/Hiddensee legte auch zu (+ 12,3 Prozent), auf Usedom hielten es die Camper nicht mehr so lange aus (- 1,6 Prozent).

Insgesamt bestätigt sich in Mecklenburg-Vorpommern die Bilanz des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), die 2015 ein überdurchschnittliches Wachstum bei im Inland reisenden Deutschen belegt: Berliner, Niedersachsen und Sachsen waren dabei die Wachstumsbringer. Deutlich mehr private Reisetage (drei Prozent) wurden 2015 im Rahmen von Übernachtungsreisen verbracht, während die Tagesreisen (- ein Prozent) leicht rückläufig waren. Der Tourismusindex weist aus, daß ganz besonders junge Erwachsene zwischen 20 und 34, Menschen aus Ein-Personen-Haushalten sowie aus Städten zwischen 100.000 und 499.999 Einwohnern (jeweils + vier Prozent) sowie Personen, die täglich ins Internet gehen (neun Prozent), mehr gereist sind als 2014. Regional bezogen waren insbesondere Berliner (acht Prozent), Niedersachsen und Sachsen (je sechs Prozent) mehr unterwegs. Der statistische Wachstumstreiber des Jahres ist laut BTW damit also die junge, alleinlebende, recht gutverdienende, internetaffine Großstädterin.

Bei der Gästezufriedenheit belegt Mecklenburg-Vorpommern unter den Bundesländern bundesweit den dritten Platz und ostdeutschlandweit den zweiten – und verlor somit seinen zweiten Platz an Sachsen. Bayern liegt unangefochten auf Platz eins.

Die guten Bilanzen auf Fischland-Darß-Zingst haben mit großer Sicherheit mit der Naturbelassenheit zu tun, die hier nicht nur durch den Nationalpark Vorpommersche Boddenküste bisher noch geschützt werden konnte. Natürlich wird auch hier über den Bau neuer Ferienunterkünfte zu Lasten der Natur diskutiert. Doch noch konnten sich die Realisten und die Ökonomen auf gemäßigte Expansion einigen. Manch einem der Unterkunftsbetreiber selbst ist inzwischen die treffende Formulierung von Hans Magnus Enzensberger Handlungsmotto. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ hatte der Schriftsteller schon vor Jahren gewarnt. „Unser Gäste kommen wegen der Natur, deshalb müssen wir sie erhalten“, meinen es die Tourismusmacher auf dem Darß ernst. Und wissen angesichts der Bilanzen, daß hier wie in anderen Küstenbereichen die Quartiere im Sommer doppelt bis vierfach belegt werden könnten, von Oktober bis Ende Mai aber die meisten Unterkünfte leer stehen. Das belegt die Durchschnittsauslastung übers ganze Kalenderjahr, die an der Ostsee nur maximal um die 40 Prozent erreicht. Leere Zimmer kosten aber trotzdem Geld. Auf diesem schmalen Grat wandert die Tourismusbranche in MV immer häufiger.

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) betonte: „Unser Land hat sich als Reiseziel ein positives Image hart erarbeitet. Das war kein Selbstläufer. Es gab Investitionen in touristische Einrichtungen und Hotels, aber auch in touristische Infrastruktur wie Radwege, Wasserwanderrastplätze, Strandpromenaden oder zoologische Einrichtungen. Besonders erfreulich ist, daß wir Zuwächse haben, obwohl die Sommermonate Juni und Juli wettertechnisch eher durchwachsen waren. Das zeigt auch, daß wir stärker mit wetterunabhängigen Angeboten punkten können.“

 

„Das war kein Selbstläufer.“

 

„Der Juni wollte dem Sommerwetter wenig Chancen geben. So blieb die wechselhafte und über weite Teile reicht kühle Witterung lang anhaltend“, bestätigt dies Thomas Globig, Meteorologe vom NDR-Wetterstudio Hiddensee, der übrigens auch den Thüringern im MDR-Fernsehen das Wetter vorhersagt und erklärt. „Erst zum Monatswechsel in den Juli kam der Hochsommer auch an die Küste, das zwar mit teils subtropischer Hitze, doch auch immer wieder unterbrochen von deftigen Gewittergüssen. Das zog sich dann fast durch die gesamte Ferienzeit, wobei der August nicht nur reichlich Hitze bot, sondern auch der Sonne überdurchschnittlich viel Raum gab.“ Globig sieht den Sommer 2015 an der Ostseeküste im Vergleich zu den vergangenen Jahren recht durchschnittlich mit einer leicht positiven Tendenz.

Wichtig sei es, jene Tourismusbereiche zu stärken, die Beschäftigung und Perspektiven schaffen und nachhaltig, innovativ sowie wertschöpfend sind, fordert das aktuelle Tourismusbarometer des Ostdeutschen Sparkassenverbandes. Stichworte sind auch die Erreichbarkeit und die Mobilität, die zum Teil besorgniserregende Qualität von Radwegen, die Versorgung mit schnellem Internet oder der Fachkräftemangel, der die Angebots- und Servicequalität gefährdet. Zudem sank laut Tourismusbarometer die Investitionsbereitschaft in Mecklenburg-Vorpommern trotz vergleichsweise guter Geschäftslage. Erstaunlich jedoch ist der Fakt, daß die Tourismuswirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns im Vergleich mit der in Thüringen mit drei Fünftel weniger Personal fast 80 Prozent mehr Gewinn erzielt …

Der Tourismus aus dem Ausland entwickelte sich auf nach wie vor überschaubarem Niveau: 877.000 Übernachtungen internationaler Gäste entsprechen einem Wachstum von 2,1 Prozent. Zuwächse bei den Übernachtungszahlen verbuchten von den Hauptmärkten Österreich (+ 12,4 Prozent), die Schweiz (+ 2,8 Prozent) und Dänemark (+ 1,1 Prozent). Die im Jahresverlauf entstandenen Übernachtungsrückgänge aus den Niederlanden wurden im August und September fast ausgeglichen. „Die Touristiker arbeiten in Zusammenarbeit mit den Flughäfen Heringsdorf und Rostock-Laage derzeit mit Hochdruck an verbesserten Möglichkeiten der Fluganreise aus Österreich und der Schweiz für das kommende Jahr. Ich bin optimistisch, daß wir die erfolgversprechenden Verhandlungen in Kürze in gute Nachrichten verwandeln können“, sagte Glawe weiter. Bekannt wurde inzwischen, daß der Nachtzug aus der Schweiz, der CityNightLine, im kommenden Jahr auf seinem Weg von Zürich nach Binz auf Rügen erstmals auch in Rostock haltmacht. Zwischen Anfang Juni und Ende September fahren jeweils freitags Züge aus der Schweiz an die Ostsee. In der Hauptreisezeit zwischen Ende Juni und Ende August gibt es samstags eine zusätzliche Verbindung.

„Wir müssen das Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern weiterentwickeln. Der Kapazitätsausbau ist weitestgehend abgeschlossen“, sagt Bernd Fischer vom Landestourismusverband MV. „Ansatzpotential sehe ich vor allem in der Saisonverlängerung, der Steigerung der Servicequalität, mehr Kundenorientierung und der verstärkten Erschließung touristischer Potentiale im Binnenland.“ 2016 stehe touristisch im Zeichen der Natur. Gemeinsam mit der Deutschen Zentrale für Tourismus und den Tourismusregionen in Mecklenburg-Vorpommern möchte der Landestourismusverband über eine Vielzahl von Maßnahmen und Instrumenten die führende Position des Nordostens in den Bereichen Natur- und Aktivurlaub unterstreichen.

Dazu gehören auch die Meereswasser-Qualität und vor allem die Sauberkeit an den Stränden. Der nicht nur finanzielle Aufwand der Seebäder für die Sauberhaltung von Stränden wächst jährlich und längst nicht dem Müll geschuldet, der durch die Wellen angespült wird. Leider lassen Strandbesucher immer mehr Verpackungsmüll gleich am Wasser fallen. Die Qualität des Ostseewassers wird vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) beobachtet und erforscht. (Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Belebende Kur aus der Nordsee“ ab Seite 12).

Die zwei Delphine, die sich im November in die Ostsee verirrt hatten und der Zahnwal, der sich im September in der Wismarer Bucht aufhielt, waren nur Gäste, diese Meerestiere werden nie in der Ostsee überleben können, weil Salzgehalt und Nahrungsangebot zu gering sind.

Noch gefährlicher ist dieses Meer – daß die Ostsee ein solches ist, unterschätzen immer mal wieder „Nutzer“ – eben für Menschen. Im Dezember liefen zwei Hobby-Angler – Vater (61) und Sohn (42) – aus Sachsen von Boiensdorf nahe der Insel Poel aus, mit einem offenen Fünf-Meter-Boot(!) mit 15-PS-Außenbordmotor, die Warnung eines ansässigen Anglers vor dem angekündigten Wetterumschwung mit hohem Seegang mißachtend. Mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Notsignal und robuster Kommunikationstechnik. Sie trugen zwar beide wahrscheinlich Rettungswesten, doch in der Ostsee herrschte in dieser Nacht und an den folgenden Tagen stürmischer Wind mit bis zu 74 Kilometer pro Stunde und ein Seegang bis zu drei Metern. Seenotretter, Polizei, Freiwillige Feuerwehren und THW setzten fünf Tage lang zu Land, Luft und Wasser bei der Suche unter anderem ein Überwachungsflugzeug, zwei Hubschrauber und ein Schiff ein. „Bei einer Wassertemperatur von sieben Grad und einer Windgeschwindigkeit von über 70 Kilometer pro Stunde überlebt man im Wasser nur wenige Stunden“, sagte die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), Antke Reemts. An der Ostsee-Küste Dänemarks wurde am 23. Dezember lediglich das Boot der Verunglückten angespült … – Glücklicherweise seien solche ergebnislosen Such- und Rettungseinsätze der Seenotretter nur Einzelfälle. Die DGzRS wurde im Herbst für diese langjährige zuverlässige, ehrenamtliche und sehr gute Arbeit mit dem Tourismuspreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet.

FRANK FRIEDRICH

 

Vor allem bei jungen Gästen beliebtes sportliches Vergnügen ist das Kiten: In einem Kite-Hauptrevier, der Wismarbucht, soll es allerdings stark eingeschränkt werden.

Fotos (6): FRANK FRIEDRICH

Ungebrochenen Anziehungskraft: 29 Millionen Übernachtungen zählte Mecklenburg-Vorpommern 2015, davon rund 23 Millionen an der Ostsee-Küste.

Meteorologe Thomas Globig: „Recht durchschnittliche Sommersaison an der Ostsee.“

Foto: PRIVAT-ARCHIV

Campingurlaub verzeichnet die größten Wachstumsraten in den Seebädern: Preiswert, naturnah und mit immer mehr Komfort.

Ziel von immer mehr Kreuzfahrtschiffen: Der Seehafen Wismar.

Vor teils heftigen Gewittern tobte voriges Jahr die Ostsee: Manche Badende ignorierten das Badeverbot.

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