„Gute Qualität weiß man überall zu schätzen“

Thüringer Lebensmittel genießen traditionell einen ausgezeichneten Ruf. Das bestätigt Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Die Linke). Die vorwiegend kleinstrukturierte Ernährungswirtschaft hierzulande wird durch das Thüringer Agrarmarketing unterstützt. Im NTI-Interview erklärt die Ministerin das Bemühen der mitteldeutschen Länder, die Branche verstärkt gemeinsam zu präsentieren.

NTI: Frau Ministerin, Sie haben kürzlich auf einer Veranstaltung gesagt, daß regionale Produkte im Trend liegen. Vom Bauchgefühl möchte man diese Aussage bestätigen, aber können Sie das auch mit Zahlen und Fakten belegen?

KELLER: Zahlreiche Verbraucherstudien aus den vergangenen Jahren haben die Präferenz der Verbraucher für regionale Produkte eindeutig belegt. Daß dieser Trend anhaltend und sogar steigend ist, bestätigt beispielsweise die A. T. Kearney-Lebensmittel-Trendstudie aus dem Jahr 2014, bei der Verbraucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden.

NTI: Mit welchem konkreten Ergebnis?

KELLER: Über 60 Prozent der Befragten kauften 2014 wöchentlich regionale Lebensmittel, 2013 waren es nur 48 Prozent. Und mehr als zwei Drittel der Befragten wünschen sich ein größeres Angebot an regionalen Produkten.

NTI: Wie läßt sich diese wachsende Beliebtheit einheimischer Ernährungsprodukte erklären?

KELLER: In Zeiten der Globalisierung und zunehmend unüberschaubarer Warenströme geben Produkte aus der Region dem Verbraucher ein Stück Vertrautheit und Sicherheit. Das Wissen um die Herkunft der Produkte ist für viele Menschen im Zusammenhang mit sich häufenden Lebensmittelskandalen wichtiger geworden. Regionale Lebensmittel stehen für Transparenz, Frische und kurze Lieferwege. Das Wissen, damit auch zur Nachhaltigkeit beizutragen, spielt auch bei der jüngeren Generation eine große Rolle. Und sie wissen die Gentechnik-Kennzeichnung in Europa zu schätzen.

NTI: Und wie beliebt sind Thüringer Ernährungsprodukte außerhalb unseres Freistaats?

KELLER: Thüringer Lebensmittel genießen traditionell einen ausgezeichneten Ruf – und das zu Recht. Nicht nur Thüringer Rostbratwurst und Thüringer Klöße, sondern auch viele weitere Lebensmittelspezialitäten aus Thüringen erfreuen sich weit über die Grenzen des Freistaats hinaus wachsender Beliebtheit. Dennoch könnte die Vielfalt von Thüringer Produkten in den Regalen des Lebensmitteleinzelhandels anderer Bundesländer umfassender sein. Deswegen ist die Präsenz Thüringer Lebensmittelhersteller auf den einschlägigen Messen von besonderer Bedeutung. Mit Hilfe des Thüringer Agrarmarketings unterstützen wir die vorwiegend kleinstrukturierte Ernährungswirtschaft in Thüringen. Bei all dem gilt: Es geht nicht um Wochenmarkt oder Weltmarkt, sondern nur gemeinsam. Gute Qualität weiß man überall zu schätzen. Unsere hohen Standards müssen wir auch halten.

 

„Es geht nicht um Wochenmarkt oder Weltmarkt, sondern nur gemeinsam.“

 

NTI: Seit einiger Zeit setzen die Akteure der Ernährungswirtschaft in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verstärkt auf Zusammenarbeit. Ein solches Miteinander der drei Länder ist durchaus nicht in allen Branchen üblich. Erzählen Sie uns, wie es dazu kam, daß die Branche in Mitteldeutschland so eng zusammengerückt ist. Und wie funktioniert denn die Zusammenarbeit auf ministerieller Ebene?

KELLER: Seit 2008 organisiert Thüringen jährlich gemeinsam mit Sachsen und einigen Ausstellern aus Sachsen-Anhalt die Edeka-Warenbörse in Chemnitz. Aufgrund dieser Erfahrungen mit einer Handelskette hat das Thüringer Agrarmarketing 2013 eine sogenannte Mitteldeutsche Warenbörse initiiert. Diese wurde schon zum zweiten Mal gemeinsam mit den Bundesländern Sachsen und Sachsen-Anhalt an zentraler Stelle in Leipzig/Schkeuditz organisiert. Dort werden alle Handelsentscheider, Großverbraucher, darunter Studentenwerk, Bund und Krankenhäuser sowie Gastronomen eingeladen und angesprochen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Nicht nur die Bundesländer sparen durch die gemeinsame Organisation Zeit und Geld, auch die Firmen können Ihr Portfolio kostengünstig einem breiten Messepublikum präsentieren.

NTI: Vor wenigen Wochen fand der 1. Mitteldeutsche Ernährungsgipfel in Thüringen statt. Wie fällt die Bilanz dieser Veranstaltung aus Ihrer Sicht aus? Hat diese Veranstaltung eine Zukunft?

KELLER: Das Thüringer Ernährungsnetzwerk hatte im vergangenen Jahr auf der Wartburg mit diesem Veranstaltungsprofil begonnen und viel Zuspruch erhalten. Dort wurde die Idee eines gemeinsamen ersten Mitteldeutschen Ernährungsgipfels kreiert. Die Geschäftsstelle des Netzwerkes hat, wie ich finde, hier eine hervorragende Arbeit geleistet und wurde finanziell vom Land Thüringen unterstützt. Mit fast 250 Teilnehmern war die Veranstaltung sehr gut besucht. Besonders die fachliche Kompetenz der Referentinnen und Referenten und die Thematik der Vorträge wurden gelobt. Ich würde mich freuen, wenn sich diese Fachtagung zu einer festen Kommunikationsplattform der mitteldeutschen Ernährungswirtschaft etablieren könnte.

NTI: Die Ernährungswirtschaft im Freistaat setzt stark auf traditionelle Werte. Sind angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen, veränderter Eßgewohnheiten und hinsichtlich der Gewinnung neuer Zielgruppen auch Innovationen gefragt? Wie innovationsfreudig ist denn die Branche in Thüringen? Von welchen Trends können Sie uns berichten?

KELLER: Selbstverständlich machen veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen auch in der Ernährungswirtschaft Innovationen erforderlich, wenn die Branche auf dem Erfolgskurs bleiben will. Die Thüringer Lebensmittelhersteller haben längst auf neue Trends reagiert und sich in ihrer Produktentwicklung darauf ausgerichtet. Zeitmangel ist beispielsweise ein Faktor, welcher die Lebensmittelauswahl der Verbraucherinnen und Verbraucher stark beeinflußt und sich in der Nachfrage nach neuen Convenienceprodukten niederschlägt. Der Trend zu alternativen Ernährungsweisen, wie vegetarisch oder vegan, hält unvermindert an. Derzeit spielen Fleischersatzprodukte und Lebensmittel mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen eine bedeutende Rolle. Im Verein „Gesunder Genuß aus Thüringen e. V.“ haben sich Thüringer Lebensmittelhersteller mit weiteren Partnern zusammengeschlossen, um auf diesem Gebiet an der Entwicklung neuer Lebensmittel gemeinsam zu arbeiten. Generell hat sich in Thüringen die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Ernährungswirtschaft seit vielen Jahren bewährt.

NTI: Wie wird sich der Freistaat Thüringen Anfang 2016 auf der traditionellen Internationalen Grünen Woche präsentieren?

KELLER: 2016 wird sich Thüringen mit 35 Ausstellern unter dem Motto „natürlich Thüringen“ präsentieren. Am Stand in Halle 20 können sich die Besucher ein Bild von der Leistungsfähigkeit und der Bedeutung der Thüringer Ernährungswirtschaft machen. Zum ersten Mal werden wir ein „Biolädchen“ am Stand haben, das vom Verein Thüringer Ökoherz e. V. betrieben wird und in dem ökologisch erzeugte Produkte Thüringer Öko-Unternehmen angeboten werden. Premiere auf der IGW wird auch die Thüringer Wurstmanufaktur haben. In einer historisch ausgestatteten Schauwerkstatt demonstrieren Fleischer, wie die Thüringer Wurst vor mehreren hundert Jahren hergestellt wurde. Aber auch viele bekannte Unternehmen werden wieder mit dabei sein und ihre Spezialitäten wie beispielsweise die echte Thüringer Brat-, Rot- und Leberwurst, Thüringer Sonntagsklöße, Senf, Milchprodukte und natürlich auch Bier und Spirituosen präsentieren. Die Präsentation der Landentwicklung und des ländlichen Raums übernimmt 2016 das Altenburger Land als „Land der 1000 Höfe“. Nicht vergessen möchte ich auch den Beitrag der Landkreise und Städte, die vor allem ihre touristischen Angebote vorstellen werden. Wir werden uns auf der Grünen Woche also sowohl traditionell als auch sehr modern präsentieren.

NTI: Welche konkreten Erwartungen verbinden Sie mit dem Thüringen-Auftritt in Berlin?

 

„Ich bin mir sicher, daß die Grüne Woche einmal mehr ein Podium für alle Teilnehmer bieten wird, um Kontakte zu Verbrauchern, Vertretern des Handels oder der Tourismusbranche zu knüpfen oder diese zu pflegen und somit wirtschaftlich oder touristisch zu profitieren.“

 

KELLER: Die Thüringer Unternehmen und Landkreise werden sich publikums- und erlebnisorientiert präsentieren, die zahlreichen Facetten Thüringens und die hervorragenden Thüringer Produkte vorstellen und damit für den Freistaat werben. Ich bin mir sicher, daß die Grüne Woche einmal mehr ein Podium für alle Teilnehmer bieten wird, um Kontakte zu Verbrauchern, Vertretern des Handels oder der Tourismusbranche zu knüpfen oder diese zu pflegen und somit wirtschaftlich oder touristisch zu profitieren.

NTI: Frau Keller, hat sich denn der Zuschnitt Ihres Ministeriums als praxistauglich erwiesen? Passen denn Infrastruktur und Landwirtschaft in einem Ministerium wirklich zusammen?

KELLER: Ganz klar: Ja. Das Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft besteht seit fast einem Jahr und arbeitet erfolgreich. Thüringen ist vor allem geprägt durch seine ländlichen Räume. Hier setzt das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft an. Die Struktur des Hauses zeichnet sich durch die Bündelung wichtiger raumbezogener Aufgaben, wie Verkehr, Bau, Geoinformation, Demographie, integrierte ländliche Entwicklung, Forst und Landwirtschaft, aus. Gerade diese Kombination läßt eine Politik für den ländlichen Raum aus einem Guß zu. Die gemeinsamen Interessen, Überschneidungen und Synergien zwischen den genannten Bereichen sind aus meiner Sicht deutlich größer als zu anderen Politikfeldern.

Das Interview führte JÖRG SCHUSTER.

 

Birgit Keller (Die Linke), Thüringer  Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft, bei ihrem Amtsantritt mit Thüringens Landtagspräsident Christian Carius (CDU) im Thüringer Landtag: Politik für den ländlichen Raum aus einem Guß.          Foto: FFPR

Thüringens Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft, Birgit Keller (Die Linke), mit ihren Amtskollegen aus Sachsen-Anhalt und Sachsen, Dr. Hermann Onko Aeikens und Thomas Schmidt (beide CDU) bei der Eröffnung der 2. Mitteldeutschen Warenbörse in Schkeuditz: „Regionalen Produkten gehört die Zukunft.“

Foto: TMIL-ARCHIV

 

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