GASTBEITRAG 10.12.2015: Deutsch

Deutschsein, ohne in Deutschland aufgewachsen zu sein.

Wer sind die europäischen Menschen, die heute Deutsch als ihre Muttersprache verwenden? Amerikaner fragen mich öfter: „Sprechen Leute in Österreich österreichisch?" Die einfache Antwort ist: Nein. Österreicher sprechen Deutsch. Heutzutage wird Deutsch oder ein deutscher Dialekt von der Mehrheit der Menschen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und von anerkannten Minderheiten in Frankreich (Elsaß), Italien (Südtirol), Dänemark (Südjütland) und Belgien (Eupen) gesprochen.

Kleine deutsche Sprachinseln existieren heute noch in Rußland, Polen, Ungarn, dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und Südamerika. In Pennsylvanien, USA, sprechen die Amisch-Leute einen altdeutschen Dialekt. Es ist eine Mischung von Schweizerdeutsch und Pfälzisch. Weltweit sind es vielleicht hundert Millionen Menschen, die Hochdeutsch oder eine deutsche Mundart als Umgangssprache im täglichen Leben verwenden.

Die germanisch sprechenden Europäer und deren Auswanderer haben ein gemeinsames kulturelles, ethnisches und sprachliches Erbgut, das auf zirka 3000 Jahre zurückgeht. Zur germanischen Sprachenfamilie zählen: Deutsch, Englisch, Holländisch/Flämisch, Friesisch, Luxemburgisch, Dänisch, Norwegisch, Isländisch, Faröisch und Schwedisch.

Die Germanischen Sprachen werden von Sprachenforschern in die Familie der indio-europäischen Sprachen (Indo-Germanisch) eingereiht. Zu dieser Familie gehören unter anderen auch die slawischen, romanischen, keltischen und hellenischen Sprachen. Proto-Indo-Europäisch soll vor zirka 6000 Jahren im östlichen Anatolien (Türkei) den Anfang gehabt haben.

Proto-Germanisch entwickelte sich ungefähr um 1200 vor Christus aus sprachlichen Komponenten der „Streitaxt" Kultur (indo-europäsch) und der „Megalith-Gräber"-Kultur (nicht indo-europäisch). Mindestens ein Drittel der germanischen Grundwörter sind  nicht indo-europäisch, zum Beispiel Mast, Kiel, Strom, Ebbe, Volk, König, Dieb, Schwert, Schild, Helm, Bogen.

Die archäologische Forschung weist darauf hin, daß germanische Völker zirka 1000 vor Christus entlang der unteren Elbe in Norddeutschland, Dänemark und im südlichen  Schweden und Norwegen lebten. Römische Geschichtsschreiber erwähnen die ersten Beispiele von Proto-Germanisch zirka 100 vor Christus.

Die römischen Autoren erwähnen etwa 40 germanische Haupt- und Nebenstämme. Die meisten von ihnen haben vor und dann nach dem Zerfall des römischen Reiches an der Völkerwanderung teilgenommen. Sie gründeten unter anderem kurzlebige Staaten in Italien, Spanien und Nordafrika.

Die nordgermanischen Stämme der Angeln, Sachsen und Juten drangen nach zirka 450 im römisch-keltischen Britannien ein und richteten nach erfolgreicher Landnahme ihre Wohnsitze im heutigen England ein. Diese Völkerwanderungen zersplitterten die Einheit des germanischen Kultur- und Sprachgutes. Es entwickelten sich drei germanische Hauptsprachgruppen: Ostgermanisch (Gotisch - ausgestorben), Nordgermanisch (skandinavisch - exklusiv Finnisch), und das Westgermanische, aus dem sich dann Deutsch, Englisch und Holländisch/Flämisch entwickelte. Friesisch soll eine der ältesten nord/westgermanischen Sprachen sein.

Nach dem Ende der Völkerwanderung existierte keine allgemein verständliche deutsche Sprache. Der Aufschwung der merowingischen und karolingischen Herrscher brachte das Fränkische in den Vordergrund, verdrängte andere germanische Stammessprachen oder vermischte sich mit denselben in Sprachgrenzgebieten. Die geschriebene Sprache der Kirche, Regierung, Geschichtsschreiber und Verträge war während dieser Zeit hauptsächlich Lateinisch.

Die germanischen Dialekte waren die Eltern der heutigen deutschen Sprache. Dialekte sollten nicht als „Slang" oder schlechtes Deutsch bezeichnet werden. Zuerst waren die Mundarten, dann kam Hochdeutsch viel später!

Die Hauptstämme von Nord nach Süd waren die Friesen, Sachsen, Franken, Thüringer, Alemannen und Bajuwaren. Jeder dieser Stämme entwickelte im Laufe von mehr als tausend Jahren viele Haupt- und Nebendialekte. Im Verlauf der Geschichte änderten sich dann die Stammessprach-Grenzen geopolitisch durch Kriege, dynastische Vererbungen und so weiter.

Nach dem Zerfall des römischen Reiches blieb das stammes-sprachlich Gemeinsame größten Teils erhalten. Zum .Beispiel im südlichen heutigen deutschen Sprachgebiet siedelten vor und dann in größerer Anzahl nach der Völkerwanderung die Alemannen. Sie gründeten dort Ihre Wohnsitze und sind noch heute in denselben Ländereien beheimatet: Baden-Württemberg, Bayrisch Schwaben, Allgäu, Vorarlberg (Österreich), deutsche Schweiz, Liechtenstein, Elsaß (Frankreich). Ganz kleine Reste von Hochalemanisch sprechenden Menschen findet man noch im nordwestlichen Italien (Walser im Piemont), in der Nähe der Schweizer Grenze. Sie sprechen ein altertümlich klingendes Waliserdeutsch.

Um 900 AD bildeten die Alemannen das Herzogtum Schwaben, das jemals die geographisch größte autonome politische Einheit der Alemannen war. Obwohl die Alemannen heute in fünf verschiedenen Staaten wohnen, können sie sich nach 1500jähriger Zersplitterung, ohne Weiteres in ihrer jeweiligen Mundart gegenseitig gut verständlich machen.

Als Vater des heutigen Hochdeutsch wird der protestantische Reformer Martin Luther (1483-1646) betrachtet. Er übersetzte die Bibel in ein formales Standard-Deutsch, das natürlich auf einige regionale nord/mitteldeutsche Dialekte basierte.

Die meisten Menschen deutscher Muttersprache wachsen „zweisprachig" auf. Man lernt die lokale Mundart zu Hause und auf der Straße; in der Schule lernt man Deutsch. Die Südtiroler in Italien müssen dazu auch noch Italienisch lernen. In der deutschen Schweiz ist Deutsch zwar die Amtsprache, jedoch im Fernsehen, Radio und als Umgangsprache wird vielfach das hochalemannische „Schwizerdütsch" verwendet, jedoch das geschriebene Wort ist immer noch Hochdeutsch. Die „lingua franca" unter den vielen schweizerdeutschen Mundarten ist Zürich-Deutsch. Viele Schüler im süddeutschen Sprachgebiet finden es schwierig, die deutsche Grammatik, Orthographie und Aussprache richtig zu erlenen. Deutsch als Unterrichtssprache wird oft wie eine „fremde" Sprache empfunden.

Sodann, was für eine Sprache sprechen die Österreicher? Die Menschen im westlichen Bundesland Vorarlberg sprechen eine alemannische Mundart, die jedoch nicht als Schweizerdeutsch bezeichnet werden soll. Alle anderen Österreicher östlich des Arlbergs und die Südtiroler in Italien sprechen südbajuwarische Dialekte mit der Ausnahme der slowenischen Minderheit in Kärnten. Die offizielle Sprache Österreichs ist und bleibt jedenfalls Hochdeutsch.

Deutschsein heißt, deutsche Lieder singen, das Gedicht „Das Lied der Glocke" von Friedrich Schiller aufsagen können, an deutschen Volkstänzen mitmachen und Volkstrachten tragen; Spätzle, Tiroler Knödel mit Sauerkraut und Sauerbraten mit Vorliebe genießen, sich an der Musik von Bach, Beethoven, Mozart, Strauß und Brahms erfreuen, sich mit literarischem Sturm und Drang in die Original-Werke von Goethe, Hermann Hesse, Thomas Mann, Stefan Zweig und Dürenmatt zu vertiefen. Das alles heißt Deutschsein, ohne daß man deutscher Staatsbürger oder in Deutschland aufgewachsen sein muß.

ELMAR FEND

 

Anmerkung der Redaktion : Der Autor ist in Österreich geboren, studierte in der Schweiz und den USA, wohnt in Colorado und ist als Reiseleiter für ein internationales Büro tätig. Kürzlich begleitete und betreute er eine Gruppe aus Thüringen bei ihrer Reise durch den Westen der USA. Elmar Fend versteht sich als „Weltbürger"und bekennt sich zum Deutschsein.

 

10.12.2015

 

Onlineportal der Neuen Thüringer Illustrierten (nti-online.net)

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Der Stadtumbau geht weiter!
Die Ausgabe 2/2017 berichtet über die Herausforderung, wachsende Städte und schrumpfende Regionen im Freistaat gemeinsam zu entwickeln.

Werbung