NEWS 16.10.2015: Lücke ausfüllen

Die „anstößige“ Seite der deutschen Literatur: Eine Tagung im Forschungszentrum Gotha beschäftigt sich mit deutscher erotischer und pornografischer Literatur des 18. Jahrhunderts.

König mit heruntergelassenen Hosen: Impuls für die Französische Revolution?

Die heutige Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar zählte zu ihrem Bestand einmal ein Werk des für seine pornografischen Texte berüchtigten französischen Autors Marquis de Sade. In den alten Ausleihbüchern sind genau zwei Personen verzeichnet, die dieses Buch ausgeliehen haben. Der zweite von ihnen war Johann Wolfgang von Goethe. Mit ihm schließt die kurze Ausleihliste, denn seitdem ist das Buch verschollen. Nun kann spekuliert werden, was damit geschehen ist: Hat Goethe es schlicht behalten, weil er es einfach zu ansprechend fand? Hat er es vernichtet, weil er es zu anstößig fand? Oder ein Bibliothekar? Erfahren werden wir das heute wahrscheinlich kaum mehr. Aber das Verschwinden dieses „heißen“ Werkes kann stellvertretend für den Umgang mit erotischer und pornografischer Literatur im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts stehen, als Bücher und Schriften dieser Art beschlagnahmt, vernichtet und weggeschlossen, ihre Autoren und Verleger festgenommen und denunziert wurden. Dennoch wurden auch hierzulande im 18. Jahrhundert etwa 300 Werke – anonym oder pseudonym – verfaßt, veröffentlicht, geschmuggelt und im Verborgenen gelesen. Genau mit diesem Teil sogenannter klandestiner, also heimlicher Literatur beschäftigt sich nun die Tagung „Deutsche Pornografie in der Aufklärung“, die vom 21. bis 23. Oktober im Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt stattfindet – und eine Lücke in der Forschung ausfüllen möchte. (nti-online.net berichtete am 02.10.2015 bereits in der Nachrichtenspalte „Thüringen aktuell –News“).

„Die Germanistik hat Zeit ihres Bestehens einen großen Bogen um die deutsche erotische und pornografische Literatur gemacht“, erklärt Dirk Sangmeister, der gemeinsam mit dem Direktor des Forschungszentrums Gotha, Martin Mulsow, die Tagung organisiert. „Das hat viel damit zu tun, daß die Germanistik, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, sich früh den Normen und Werten der Weimarer Klassik und der Deutschen Romantik angeschlossen hat.“ Und darin fand erotische oder gar pornografische Literatur keinen Platz, obwohl die Texte augenscheinlich existierten. Goethe selbst schrieb ja bekanntlich erotische Lyrik, die – obwohl frei von Obszönitäten und recht anspruchsvoll – stark zensiert wurde. „Manuskripte wurden versteckt“, weiß Sangmeister. „Passagen wurden ausradiert oder, wenn es nicht anders ging, sogar herausgeschnitten. Das hat der Londoner Germanist Daniel Wilson in einer kürzlich veröffentlichten Studie genau nachgezeichnet.“ Die Werke anderer Autoren wurden ähnlich zensiert oder gleich ganz aus dem Verkehr gezogen. Durch diese Herangehensweisen gibt es heute nicht nur eine Lücke in der germanistischen Forschung – Wissenschaftler, die sich nun dem Thema nähern wollen, stehen auch einem sehr dünnen Bestand überlieferter Texte und ernstzunehmender wissenschaftlicher Sekundärliteratur gegenüber. Für Mulsow und Sangmeister erst recht ein Anreiz: Sie nehmen sich den englisch- und französischsprachigen Raum zum Vorbild, denn die Franzosen, Briten und Amerikaner gehen mit einem größeren Selbstverständnis und Selbstbewußtsein mit diesem Teil der Literaturgeschichte um. So beschäftigte sich der amerikanische Historiker Robert Darnton beispielsweise ausführlich mit französischer Pornografie am Vorabend der Französischen Revolution und vertrat die These, daß die französischen „Schlüssellochromane“ einen wesentlichen Anteil am Ausbruch der Französischen Revolution hatten. „Die Könige Frankreichs waren berüchtigt dafür, sich Mätressen zu halten, teilweise waren diese sogar sehr einflußreich“, erzählt Sangmeister. „Viele ‚Schreiberlinge‘ haben das zum Anlaß genommen, in einschlägigen Texten zu schildern, wie es wohl in den königlichen Schlafzimmern zugegangen sein mag. Sie haben den König, der damals noch eine gottgleiche Figur war, mit heruntergelassenen Hosen dargestellt und somit sein Ansehen zunehmend unterspült.“ Darnton geht davon aus, daß, abgesehen von den Intellektuellen, wohl die wenigsten Franzosen damals Diderot oder Rousseau gelesen haben. Ihre aufklärerischen Werke können also nicht der alleinige Impuls für die Revolution gewesen sein. Die Geschichten um den entzauberten König mit seinen menschlichen Gelüsten und sexuellen Vorlieben waren da beim gemeinen Volk schon verbreiteter – und das Aufbegehren der Menschen laut Darnton eine logische Konsequenz aus dem damit verbundenen angekratzten Image des Königshauses. „Diese These fanden Martin Mulsow und ich so spannend, daß wir uns gefragt haben: Gab es in Deutschland auch diese Geschichten über herzögliche und königliche Mätressen und wenn ja, warum haben sie hierzulande nicht zu einer ähnlichen gesellschaftlichen Entwicklung geführt?“ Sangmeister betont, wie wichtig es sei, immer auch die Kehrseite einer Medaille anzuschauen: „Durch Ignorieren oder Tabuisieren erreichen wir in der Wissenschaft nichts. Gerade das Erforschen der dunklen Seiten bedeutet immer auch einen Erkenntnisgewinn für die Prunkseiten, die beleuchteten Seiten der Geschichte.“ Das gilt auch für deutsche pornografische Texte, die von der Forschung so lange unberührt blieben. Um das zu ändern, wollen Sangmeister und weitere 20 Tagungsteilnehmer nun möglichst viele Texte aus dem 18. Jahrhundert bearbeiten, auch wenn ihre Lektüre mitunter „schwer erträglich, peinlich oder langweilig“ ist. Die Wissenschaftler sind immerhin froh, daß es überhaupt noch überlieferte Texte gibt. Zu verdanken haben sie das auch Sammlern der Zeit, denen es gelang, ihre Bücher vor der damaligen Zerstörungswut zu schützen. Wie beispielsweise Goethes Zeitgenosse Franz von Krenner: Der Historiker, Geheimrat und oberster Finanzbeamte Bayerns trug im Laufe seines Lebens eine umfangreiche Sammlung an erotischen und pornografischen Texten zusammen. Sein königlicher Dienstherr Maximilian I. Joseph hob für Krenners intensives Interesse an zwischenmenschlicher Liebe sogar die Zensurbestimmungen auf. So kam er leichter als andere an besagte Literatur, auch an die aus Frankreich eingeführten Werke. Nach Krenners Tod 1819 ging die gesamte Sammlung an den bayerischen König, womit ein beinahe 200 Jahre andauerndes Katz-und-Maus-Spiel um die schmutzigen Texte begann: „Die Bibliothekare des Königs haben erst einmal einen Riesenschreck bekommen, als plötzlich dieser Haufen an erotischen und pornografischen Texten angeliefert wurde“, erzählt Dirk Sangmeister. „Sie haben dann alles in Kisten verpackt und diese in einem Raum mit zwei Schlössern, von denen lange Zeit niemand beide Schlüssel zugleich besaß, weggesperrt.“ Die Bibliothekare leugneten fortan die Existenz der Sammlung und so moderte sie 100 Jahre lang in dieser Kammer. „Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Bibliothekar jedoch leichtsinnig. Er ließ den Privatgelehrten Hugo Hayn, der sich Zeit seines Lebens bemüht hat, satirische, verbotene und eben auch erotisch-pornografische Bücher aufzuspüren und zu bibliografieren, in diesen Raum. Hayn dachte natürlich, er sei im Paradies und fing sofort an, so viel wie möglich aufzunehmen und eine kleine Bibliografie zu veröffentlichen. Das war der Dammbruch. Danach konnte in München niemand mehr behaupten, sie hätten die Sammlung nicht.“ Dennoch folgten Jahrzehnte, in denen sich die Münchner Bibliothekare weiterhin gewunden und eine Blockade-Politik betrieben haben. Erst Ende der 1990er Jahre konzipierte der Bibliothekar Stephan Kellner die Ausstellung „Remota“, also Weggeschafftes, im Rahmen derer er verbotene Bücher, von erotischer Literatur bis zur nationalsozialistischen Hetzliteratur, ausstellte und auch den „Schmutzbestand“ in den Katalog einarbeiten ließ. Seitdem hat die Wissenschaft darauf Zugriff und profitiert auch von der aktuellen Entwicklung, weiß Sangmeister: „Da die Bayerische Staatsbibliothek mit Google zusammenarbeitet und ihre Bücher digitalisieren läßt, ist die Sammlung Krenner, also die Bücher, die erst 100 Jahre weggeschlossen waren und dann 100 Jahre verleugnet wurden, nun auch auf Google Books weltweit zugänglich.“

Sangmeister und seine Kollegen begrüßen diese Entwicklung, erleichtert sie ihnen doch ihre Arbeit erheblich. Und nach der Lektüre von zahlreichen eher plumpen deutschen Texten stoßen die Wissenschaftler auf diesem Wege vielleicht auch noch auf jene anspruchsvollen, hintergründigen Schriften, die sie für ihre Forschung eigentlich suchen – jene also, die sicher auch Goethe gefallen hätten.

ANDREA RADTKE

 

16.10.2015

 

 

Fundstück mit unbekannten Quellen: Verbreitete Geschichten um menschliche Gelüste und sexuelle Vorlieben.

Zeichnungen (2): FZG-ARCHIV

 

 

Forschungszentrum Gotha: „Erforschen der dunklen Seiten bedeutet immer auch einen Erkenntnisgewinn für die Prunkseiten, die beleuchteten Seiten der Geschichte.“

Foto: FZG-ARCHIV

 

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