„Die Autobahn gehört heute zu unserem Leben“

Als Jahrtausendprojekt bezeichnet Dr. Werner Henning, Landrat des Eichsfeldkreises, die A38. Im NTI-Interview erinnert sich der Politiker an den Spatenstich-Akt vor über 17 Jahren für das Bauwerk in seinem Kreis und zieht Bilanz: Durch die Autobahn sei wohl auch das Eichsfeld unmerklich schneller und flexibler geworden. „Die mit einhergehende Dynamik brachte für Wirtschaft und Tourismus – aber auch für den Austausch des Eichsfeldes mit Göttingen und Kassel, mit Hannover, Rhein-Main- und Ruhrgebiet gewaltige Impulse und mithin Flexibilität und Moderne für den eigenen Raum.“

Landkreis Eichsfeld-Landrat Dr. Werner Henning (CDU): „Ohne Autobahn – in Planung und Fertigstellung – hätten wir niemals die vielen neuen Unternehmensansiedlungen bekommen, welche heute wesentlich unseren bescheidenen Wohlstand mit begründen.“                 Foto: LKE-ARCHIV

NTI: Im Mai 1998 wurde der erste offizielle Spatenstich-Akt für die Autobahn 38 im Landkreis Eichsfeld vollzogen. Herr Landrat, können Sie sich noch an dieses Ereignis erinnern und hat sich aus heutiger Sicht das jahrzehntelange Warten auf dieses Bauwerk ausgezahlt?

HENNING: Natürlich – ich erinnere mich sehr gut an das starke Gefühl, zur Begleitung eines im Werden begriffenen Jahrtausendprojektes eingeladen worden zu sein. Was dieses einmal wirklich sein würde, konnten wir im Jahr 1998 wohl alle noch nicht wirklich erfassen. Dafür hatten wir zu lange gewissermaßen versteckt im Grenzgebiet zwischen Ost und West gelegen, wo man uns eine eher übergroße Zurückhaltung und Bescheidenheit antrainiert hatte. Jetzt – nach der mit dem Abriß der alten Grenzanlagen hinter unseren Gärten euphorisch erlebten Welterweiterung – empfanden wir das sich immer mehr konkretisierende Projekt der A38 als so etwas wie den natürlichen Fortgang zur Anschlußgewinnung an eine neue Zeit, die uns gewissermaßen selbst zum Mittelpunkt des Geschehens machte.

NTI: Aber hat es denn nicht auch Vorbehalte gegen den Autobahnbau gegeben?

HENNING: Wirklich ernstzunehmende Gegenpositionen zu diesem Projekt hat es nicht gegeben. Die wenigen politischen Zwischenrufe kamen da eher aus dem Göttinger Grünenumfeld – erschienen aber auch eher als etwas skurrile liebenswerte Farbtupfer ohne bedrohlichen Charakter. Selbst die Bauern, welche ja wirklich viel Land verloren haben, blieben insgesamt konstruktiv, obgleich es einigen von ihnen schon auch spürbar wehtat.

NTI: Wie hat die Autobahn das Leben im Eichsfeld verändert?

HENNING: Die Autobahn gehört heute faktisch zu unserem Leben, obgleich man sie nicht permanent wahrnimmt. Letzteres liegt wohl daran, daß die Trassierung insgesamt hervorragend gelungen ist und überwiegend in einem kaum wahrnehmbaren großflächigen Landschaftseinschnitt verläuft, aus dem sie nur bei den Brücken zutage tritt. Damit wird die raumverbindende Funktion der Autobahn in der eigenen Landschaft weithin ausgeblendet – ist aber zur sofortigen Nutzung da, wenn sie für die eigenen Belange gebraucht wird. Insofern ist wohl auch das Eichsfeld unmerklich schneller und flexibler geworden. Die mit einhergehende Dynamik brachte für Wirtschaft und Tourismus – aber auch für den Austausch des Eichsfeldes mit Göttingen und Kassel, mit Hannover, Rhein-Main- und Ruhrgebiet gewaltige Impulse und mithin Flexibilität und Moderne für den eigenen Raum.

NTI: Haben sich die mit dem Autobahnbau verbundenen Hoffnungen auf neue Wirtschaftsansiedlungen und auf weitere Arbeitsplätze in der Region erfüllt?

HENNING: Heute muß man wohl sagen, daß die Wirtschaft schon über viele Jahre von der Fertigstellung der Autobahn ausgegangen ist und im Vertrauen hierauf auch investiert hat. Ohne Autobahn – in Planung und Fertigstellung – hätten wir niemals die vielen neuen Unternehmensansiedlungen bekommen, welche heute wesentlich unseren bescheidenen Wohlstand mit begründen.

NTI: Wie funktioniert Wirtschaftsförderung im Eichsfeldkreis? Wie steht der Kreis in Sachen Wirtschaft im 25. Jahr der Deutschen Einheit da?

HENNING:Die beste Wirtschaftsförderung ist eine gute Bestandspflege. Wir fühlen uns von der gesamten öffentlichen Verwaltung her sehr mit unseren Unternehmen verbunden und sind bestrebt, deren Erwartungshaltungen an uns gut zu bedienen. Solche sind zuvorderst Standort- und bauliche Genehmigungsfragen. Letztendlich klappt das überwiegend gut. So haben sich die meisten Unternehmen fast unmerklich gewaltig entwickelt. Man sieht dieses auf den Gewerbegebieten – aber auch angesichts der geringen Arbeitslosigkeit, welche um die fünf Prozent pendelt.

NTI: Bringt die A38 auch Belebung für das Fremdenverkehrsgeschäft? Wie hat sich der Tourismus im Eichsfeldkreis vor allem nach dem Jahrhundert-Ereignis Papstbesuch entwickelt?

HENNING: Sind wir auch keine typische Fremdenverkehrsregion, so sind wir mit dessen Entwicklung doch insgesamt sehr zufrieden. Zuvorderst beflügelt diesen Wirtschaftszweig das Kurwesen in Heiligenstadt, welches seinem Heilbad-Status alle Ehre macht. Mit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. am 23. September 2011 am Marienwallfahrtsort Etzelsbach wurde ein weit in die Welt hineinleuchtender Scheinwerfer auf uns gerichtet, welcher gerade im Bereich des spirituellen Tourismus zu einem großen Auftrieb in der Region führte. Nach diesem besonderen Ereignis nimmt man es uns wohl um so mehr ab, daß Religion im Eichsfeld noch etwas Echtes und Authentisches besitzt und sich damit aus dem allgemeinen Eventgehabe abhebt.

 

„Nach diesem besonderen Ereignis nimmt man es uns wohl um so mehr ab, daß Religion im Eichsfeld noch etwas Echtes und Authentisches besitzt und sich damit aus dem allgemeinen Eventgehabe abhebt.“

 

NTI: Klappern gehört zum Handwerk. Wird denn die Autobahn von den Akteuren der Wirtschaft, des Handwerks und des Fremdenverkehrs angemessen und ausreichend vermarktet?

HENNING: Ich gehe einfach davon aus, weiß aber auch, daß die Autobahn nun einfach da ist und einer übergroßen „Vermarktung“ nicht mehr bedarf.

NTI: Als der Papst das Eichsfeld besuchte, wurde die A38 sogar kurzzeitig zum Teil als Parkmöglichkeit für Reisebusse genutzt. Das belegte mal wieder die Kreativität und den Pragmatismus der Eichsfelder. Wie entstand denn die Idee der Autobahn-Umnutzung und war es schwer, dafür eine offizielle Genehmigung zu erhalten?

HENNING: Die Idee hierfür kam vom damaligen Cheforganisator – Herrn Peter Kittel aus Regensburg, der hiermit schon Erfahrungen aus der früheren Besuchsreise des Papstes in seine bayerische Heimat gesammelt hatte. Zunächst erschien der Gedanke recht ungewöhnlich, ja gerade genehmigungstechnisch schwer umsetzbar. Letztendlich öffneten sich die Türen hierfür aber wie von selbst. Alle zogen mit, schon um eine Blamage im Organisationsmanagement dieses so wichtigen Ereignisses zu vermeiden. Schließlich war der Gedanke auch ganz einfach schlüssig und paßte dann auch – wie selbstverständlich – in das Konzept.

NTI: Autobahnbau bedeutet auch erhebliche Eingriffe in die Natur. Inwieweit wurde durch den Bau der A38 die unverwechselbare Eichsfeld-Landschaft beeinträchtigt, ja wie ist es gelungen, die Autobahn in landschaftliche Gegebenheiten zu integrieren?

HENNING: Ich halte noch immer die planerischen Ingenieurleistungen im Zusammenhang des Autobahnbaues für hervorragend. Hieran waren sehr viele Personen und Institutionen beteiligt – eben auch aus der eigenen Region. Das Ziel bestand darin, die Trasse – so tief wie nur möglich – in die Landschaft quasi „einzugraben“. Die Wälle und Böschungen entlang der Trasse stellen somit einen natürlichen Lärm- und Sichtschutz zur Landschaft und seiner Menschen hin dar. Der dennoch entstandene gewaltige Massenüberschuß an Erde wurde auf unsere vielen Altdeponien verbracht, die damit auch gleichzeitig saniert wurden. Aus dem Zusammenwirken vieler Akteure wurde auch daraus ein großer Erfolg.

NTI: Das einst beschauliche Eichsfeld ist durch die Autobahn in die Mitte Deutschlands gerückt. Die Autobahn bringt Bewegung in die Region. Ist denn diese Entwicklung nicht auch mit Nachteilen verbunden? Ist das Eichsfeld noch der geschätzte Ort für Ruhe, Einkehr, Besinnlichkeit? Brauchen wir bei allem Tempo nicht gerade auch Orte und Möglichkeiten zur Entschleunigung?

HENNING: Sicher – das Leben ist auch im Eichsfeld viel rasanter und schneller geworden, als wir dieses noch aus früheren Zeiten kennen. Daran ist aber nicht nur die Autobahn schuld, obgleich auch diese das Tempo vorantreibt. Andererseits sind wir aber auch für diesen Gewinn an Tempo dankbar, da ohnedem das Leben auch nicht funktioniert. Entschleunigung und Beschaulichkeit müssen sich da schon auf ihre konkreten Räume konzentrieren, an denen auch dieses gelingt. Wer diese sucht, findet sie auch weiterhin sehr zahlreich im Eichsfeld.

NTI: Die Autobahn ist ein absolutes Vorzeigeobjekt. Wie ist es denn um den Zustand des Straßennetzes in Ihrem Kreis insgesamt bestellt und was sind künftige Infrastruktur-Vorhaben?

HENNING: Allgemein kann man sagen, daß sich das Netz an Bundes- und Kommunalstraßen in einem sehr guten Zustand befindet. Das gilt auch für die Landesstraßen in den Mittelzentren. In der Fläche oder an den Rändern des Landeskreises lassen diese aber noch manche Wünsche offen. Hinsichtlich der weiteren Infrastrukturentwicklung stehen weitere Entwicklungen an unseren Gewerbegebieten im Fokus. In Kallmerode hoffe ich auf den Baubeginn der dort seit zwei Jahrzehnten geforderten Ortsumgehung. Gleiches gilt auch für den Bereich Teistungen-Ferna. Hinzu kommen insbesondere diverse Radwege, welche künftig unsere Infrastruktur vervollkommnen sollen.

Interview: JÖRG SCHUSTER

 

NTI-Titel zum Papstbesuch in Thüringen, Ausgabe 8/2011: Türen öffneten sich wie von selbst.

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