„Wir wollen agieren und nicht reagieren“

Mit dem „Erfurter Kreuz“ bilde der Ilmkreis das Rückgrat der Thüringer Wirtschaft, betont die parteilose Landrätin Petra Enders (Mandat Die Linke) im NTI-Interview und lobt die gute Zusammenarbeit mit den Nachbarkreisen. Vor allem bezüglich des Tourismus setzt Enders auf noch stärkere Kooperation wie zur Einführung einer kurtaxen-finanzierten Gästekarte zur kostenfreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in der Region des Unesco-Biosphärenreservats Vessertal.

NTI: „Über allen Gipfeln ist Ruh …“ – diese ist an immer weniger Orten im Kreis zu finden. Welche Rolle spielt der mit der Landschaft und Natur eng verknüpfte Tourismus für den Ilmkreis?

ENDERS: Viele Gäste kamen in den letzten Jahren vorwiegend als Tagesgäste in den Ilmkreis. Um diese Entwicklung umzukehren und wieder mehr Übernachtungsgäste begrüßen zu können, wollen wir die Zusammenarbeit mit den einzelnen Akteuren vor Ort, den regionalen Akteuren im Bereich Tourismus und Marketing und der Kreisverwaltung weiter ausbauen. Der Schneekopf mit 978 Metern und seinem Aussichtsturm ist der einzige Aussichtspunkt in über 1000 Metern in Thüringen. Das jährliche Gipfeltreffen auf dem Schneekopf als eine der größten Wanderveranstaltungen in Deutschland ist eine Besonderheit des Ilmkreises. Mit den Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt, Hildburghausen und Sonneberg ist ein Teil des Ilmkreises – Böhlen, Großbreitenbach, Altenfeld – in den überregionalen Qualitätsweg „Panoramaweg Schwarzatal“ eingebunden. Die geographische Lage der Rennsteigorte Gehlberg, Schmiedefeld, Frauenwald, Neustadt a. R. und Altenfeld macht einen aktiven Wintersporttourismus möglich, mit dem Zentrum Schmiedefeld, einem der Nordic-Aktiv-Zentren im Thüringer Wald. Der Ilmkreis ist auch mit über 70 Kilometern in den thüringenweiten Lutherweg eingebunden. Wir sind Mitglied im Regionalverbund Thüringer Wald. Das Amt Wachsenburg gehört zum Thüringer Geopark Inselsberg-Drei Gleichen, gleichzeitig gehören große Teile des Ilmkreises zum Naturpark Thüringer Wald und zum Unesco-Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald. Hauptaugenmerk ist auf die touristische Gestaltung des Unesco-Biosphärenreservats Vessertal-Thüringer Wald gerichtet sowie auf die Kooperation mit dem Landkreis Hildburghausen und der Stadt Oberhof.

NTI: Was unternimmt der Kreis konkret, damit mehr Besucher länger hier verweilen?

ENDERS: Im letzten Jahr wurde vom Ilmkreis eine Machbarkeitsstudie zur Einführung einer kurtaxen-finanzierten Gästekarte zur kostenfreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in der Region des Unesco-Biosphärenreservats Vessertal-Thüringer Wald in Auftrag gegeben. Lediglich eine Erhöhung von 37 Cent wäre nötig, damit Urlauber und Übernachtungsgäste den öffentlichen Nahverkehr und Bus- und Bahn-Angebote kostenfrei nutzen können. Das erhöht die Attraktivität der Region und die Akzeptanz der Kurtaxe. Gespräche mit Touristikanbietern, Hotels und Pensionen sind in Kürze geplant. Die Wiederbelebung der Rennsteigbahn – Rennsteig-Shuttle – ist für den Tourismus in der Region ein voller Erfolg. Dafür haben wir lange gekämpft. Die Fahrgastzahlen gaben dem Projekt und der Idee schon nach kurzer Zeit recht. Die Verbindung von Erfurt über Ilmenau bis an den Bahnhof Rennsteig wird wieder sehr gut genutzt. Und der Rennsteig ist und bleibt unser touristisches Wahrzeichen und Alleinstellungsmerkmal der Region. Arnstadt ist Thüringens ältester Ort, 704 nach Christus erwähnt und verbunden mit der Bachfamilie, Ilmenau ist verbunden mit Goethe und eine Universitätsstadt – sie gehören als Kulturstädte zur Thüringer Städtekette. In den nächsten Monaten müssen wir darüber nachdenken, wie wir weiterhin in der Tourismusförderung unterwegs sein wollen. Das 2013 durch das Thüringer Wirtschaftsministerium ausgelobte Tourismusbudget – nur Greiz und der Ilmkreis als Landkreise waren bei der Auslobung dabei! – läuft Ende des Jahres aus. Neue Kooperationsstrukturen mit den Landkreisen Schmalkalden-Meiningen, Hildburghausen, mit Oberhof, Suhl und dem Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald müssen aufgebaut werden.

NTI: Konflikte zwischen Tourismus und Natur auf der einen und der Energiepolitik auf der anderen konzentrieren sich im Ilmkreis …

ENDERS: Das ist das Ergebnis einer ungeordneten katastrophalen Energiepolitik: Ein überdimensionaler Leitungsausbau in Deutschland, der Natur, Landschaft und wie bei uns hier das Markenzeichen Thüringens, den Rennsteig, zerstört. Und man darf nicht vergessen, daß in dem derzeit diskutierten Netzentwicklungsplan der Bundesrepublik durch Thüringen weitere sechs Leitungen geplant sind! Eine wirkliche Energiewende gelingt nur dezentral, regional und regenerativ. Und davon müssen Städte, Gemeinden, Bürgerkraftwerke und Stadtwerke profitieren – und nicht große Energiekonzerne, die Maximalgewinne durch Stromtransport und Stromhandel und auf Kosten unserer Heimat erzielen wollen.

 

„Eine wirkliche Energiewende gelingt nur dezentral, regional und regenerativ.“

 

NTI: Der Ilmkreis ist aber auch starker Energieverbraucher als wichtiger Wirtschaftsstandort.

ENDERS: Unser Kreis hat sich zu einem der wirtschaftlich stärksten Landkreise in Ostdeutschland entwickelt. Während früher Maschinenbau, Keramikindustrie, Sensorik und Glasindustrie dominierten, ist die Wirtschaft heute von einem Branchenmix von Automotiv, Maschinenbau, Robotertechnik, Sensorik, Logistik und Lebensmittelindustrie geprägt. Wir sind mit einem Umsatz von 629 Millionen Euro Umsatzspitzenreiter der Thüringer Wirtschaft. Mit dem Landkreis Gotha und der Stadt Erfurt kooperieren wir und haben mit dem „Erfurter Kreuz“ das Rückgrat der Thüringer Wirtschaft. Und dies sehr erfolgreich. Von gemeinsamen Messeauftritten, zum Beispiel zur „Expo Real“ in München, bis zur Erweiterung des Verkehrsverbundes Mittelthüringen bis zum „Erfurter Kreuz“, initiiert durch den Ilmkreis – die Kooperation hat sich vielfach bewährt. Erfolgreiche technologieorientierte Ausgründungen aus dem universitären Umfeld der Technischen Universität Ilmenau und die erfolgreichen Ansiedlungen am „Erfurter Kreuz“ sind die Erfolgsgründe für das Weiterwachsen der Wirtschaftsregion. Neben soliden mittelständischen Firmen bestimmen auch Neuansiedlungen größerer und großer, international operierender Firmen den wirtschaftlichen Erfolg des Ilmkreises.

NTI: Und die Gewerbeflächen sollen weiter wachsen?

ENDERS: Wir haben am „Erfurter Kreuz“ Planungssicherheit für fast 200 Hektar neue Gewerbefläche. Und diese Fläche gibt dem Kreis Potential für die nächsten 50 Jahre. Die Wirtschaftsakteure vor Ort, wir alle, sind uns auch der Verschiebung des Schwerpunktes der Wirtschaftsaufgaben bewußt. Die Verringerung der Arbeitslosigkeit ist wichtig.

NTI: Wie stellt sich das Problem Arbeitslosigkeit dar?

ENDERS: 37.800 Menschen sind in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis. Wir bauen den negativen Pendlersaldo stetig ab und verspüren einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosenquote. Die Arbeitslosenquote halbierte sich von 2007 auf 8,3 Prozent im Januar 2015. Das ist eine äußerst positive Entwicklung. Aber der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist auf einem deutlich höheren Niveau. Hier wollen wir gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter an der Thüringer Initiative zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit im öffentlichen Beschäftigungssektor partizipieren und langzeitarbeitslose Menschen im gemeinwohlorientierten Bereich in eine längerfristigen Anstellung bringen.

NTI: Das ist gut für den öffentlichen Sektor, löst aber nicht die Fachkräftefrage der Unternehmen als Folge auch der demographischen Entwicklung ...

ENDERS: Im Jahr 2010 hatte der Ilmkreis erstmals – als einziger Landkreis Thüringens – keinen Wanderungsverlust. Dennoch haben wir, wenn auch begrenzt, Einwohnerverluste durch die hohe Altersstruktur und die immer noch zu geringe Geburtenrate. Die Stärkung der Wirtschaftsstandorte Arnstadt/Ichtershausen und Ilmenau durch die Nähe zur Universität, gepaart mit einem bunten gesellschaftlichen Leben, sind die Grundlage, um als attraktive Wohn,- Arbeits- und Lebensorte wahrgenommen zu werden. Die Stärkung der weichen Standortfaktoren wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten von großer Wichtigkeit sein, um weiterhin von einer positiven Wirtschaftsentwicklung zu profitieren.

NTI: Was können oder müssen – trotz mancher als „freiwillig“ kategorisierten Dinge – der Kreis und die Gemeinden konkret tun?

ENDERS: Wir haben erkannt, daß es den jungen gut ausgebildeten Arbeitnehmern von heute nicht mehr nur vorrangig ums Geld geht. Sie wollen das „Rundum-Sorglos-Paket“. Die Work-Life-Balance, wie es neudeutsch so schön heißt, die muß stimmen. Die weichen Standortfaktoren wie Lebens- und Wohnqualität, Freizeit- und Kulturangebote, Umweltqualität und Kinderbetreuungsangebote spielen eine entscheidende Rolle bei der Standortwahl von Unternehmen, allen voran bei potentiellen Fachkräften. Daher sind wir bestrebt, gemeinsam mit der Wirtschaft den Ausbau weiterer attraktiver Arbeitsplätze voranzubringen, konkurrenzfähige Löhne und Gehälter anzubieten und Abwerbungen und Abwanderung entgegenzuwirken. Wir wollen vor allem jungen Leuten die Attraktivität und die Chancen im Ilmkreis zeigen und dafür aktiv werben, sich beruflich und familiär im Ilmkreis niederzulassen. Die Anfang letzten Jahres in Auftrag gegebene Imagestudie kam zu dem Ergebnis, daß sich die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner im Ilmkreis sehr wohl fühlen und den Kreis als lebenswerte Region mit vielen Angeboten wahrnehmen. Dieses Niveau zu halten und weiter zu verbessern, daran ist uns gelegen, daran arbeiten wir gemeinsam weiterhin.

NTI: Eine Technische Universität mitten im Wald ist auch ein Alleinstellungsmerkmal. Mit welcher Bedeutung für den Kreis?

ENDERS: Sie ist der Motor der Region, für uns ein zu jeder Zeit unverzichtbarer und verläßlicher Partner und weit über die Grenzen Thüringens bekannt. Insgesamt studieren in diesem Jahr mehr als 6600 Studenten an der Technischen Universität. Was mich besonders freut ist, daß der Anteil an jungen Frauen – mehr als 25 Prozent –, die sich für technische Berufe interessieren, zunimmt. Auch bei ausländischen Studentinnen und Studenten ist die Uni hoch im Kurs, knapp 16 Prozent aller Studenten kommen aus dem europäischen und nichteuropäischen Ausland. Durch diese, wenn auch zeitlich begrenzte Zuwanderung, profitieren wir alle – die Internationalität strahlt auf den Kreis aus und darüber hinaus. Ilmenau als Stadt, aber auch der gesamte Ilmkreis sind weltoffen, tolerant und neugierig. Wirtschaft und Wissenschaft gehen an der TU Ilmenau Hand in Hand – unverzichtbar für die heutige Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeit der Kommunen und Landkreise.

NTI: Sie forderten und praktizierten als Bürgermeisterin von Großbreitenbach mehr Bürgerbeteiligung in politischen Entscheidungen. Wie sehen Sie das heute, nach einigen Jahren im Amt der Landrätin?

ENDERS: Als Landrätin bin ich für den Ilmkreis optimistisch gestimmt. Gemeinsam mit dem Kreistag, meiner Verwaltung und den vielen Unterstützerinnen und Unterstützern wollen wir weitere Projekte und Ideen für den Landkreis und seine Bürgerinnen und Bürger realisieren. Der Ilmkreis hat eine gute Ausgangsbasis. Hier wurde viel getan, wir haben viel erreicht. Aber die Probleme, die wir haben, müssen wir auch weiterhin im Fokus behalten. Auf dem bereits Erreichten wollen wir uns nicht ausruhen. Wir wollen agieren und nicht reagieren. Wir sind uns den aktuellen Herausforderungen bewußt – der demographische Wandel, Energiewende, Fachkräftesicherung, Flüchtlingsproblematik. Für die Zukunft wünsche ich mir weiterhin eine gute und ergebnisorientierte Zusammenarbeit mit allen Akteuren – den eingeschlagenen Weg möchte ich fortsetzen.

Nachgefragt von FRANK FRIEDRICH.

Schloß Arnstadt: Amtssitz der Landrätin Petra Enders.                              Foto: LKIK

Ilmkreis-Landrätin Petra Enders (Mandat Die Linke): Stärkung der weichen Standortfaktoren von großer Wichtigkeit.

Foto: LRA-IK-ARCHIV

NTI-Ausgabe  05/2015

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