„Die Rückstufung wäre ein Riesenfehler“

Er war nicht erste Wahl, als die Eisenacher CDU Anfang 1990 einen Spitzenkandidaten für das Amt des Bürgermeisters suchte. Auch war er, wie er unumwunden einräumt, zuvor in der DDR kein Widerstandskämpfer gewesen. Und er hatte die Erneuerung der CDU im Zuge der politischen Wende eher mit Interesse verfolgt als selbst aktiv zu werden. Trotzdem fiel die Wahl auf ihn: Von 1990 bis 2000 war Dr. Hans-Peter Brodhun zunächst Bürgermeister und mit der Gebietsreform ab 1994 Oberbürgermeister der Stadt Eisenach.

Dr. Hans-Peter Brodhun gehörte zu den Ersten in der Wartburgstadt, die am Beginn des Jahres 1998 das alte Kennzeichen ihres Autos gegen ein neues eintauschten. Statt „ESA“ stand nun „EA“ darauf: sichtbarer Ausdruck dafür, daß Eisenach ab sofort kreisfreie Stadt ist. Ein Duplikat des Nummernschildes hängte er in seinem Amtszimmer auf. Es sollte ihn, wie er damals im NTI-Interview erklärte, ein Leben lang an diesen 1. Januar 1998 erinnern. 17 Jahre später ist das Datum für viele zu einem Alptraum geworden. Eisenach stöhnt unter einer immensen Schuldenlast. Die Rückkehr in den Schoß des Wartburgkreises scheint beschlossene Sache zu sein. Für den Alt-OB ein „Riesenfehler“.

NTI: Herr Brodhun, Sie gelten als Vater der Kreisfreiheit von Eisenach. Der neue Status sei eine „Riesenchance“, betonten Sie in den 90er Jahren in mehreren NTI-Interviews. Gut möglich, daß das kreisfreie Eisenach demnächst zurückgestuft und dann eine unter mehreren Städten im Wartburgkreis sein wird. Wie denken Sie darüber?

BRODHUN: Die Rückkreisung wäre ein Riesenfehler. Vieles, was in den vergangenen Jahren in unserer Stadt gut gelaufen ist, passiert dann nicht mehr. Davor verschließen viele leider die Augen. Rückkreisen, nur weil wir arm sind, ist kein gutes Argument. Arm sind auch viele kreisangehörige Städte.

NTI: Welche Konsequenzen befürchten Sie?

BRODHUN: Die Rede ist davon, das Museum in der Reuter-Wagner-Villa mit seinen wertvollen Beständen zu schließen, die sakrale Schnitzplastiken-Sammlung in der Predigerkirche aufzugeben und die Unterstützung der Lippmann/Rauh-Stiftung in der Alten Mälzerei zurückzufahren. Alle drei haben den Ruf Eisenachs, teilweise mit spektakulären Neuerwerbungen, gemehrt. Ihre Aufgabe beziehungsweise ihre Minderunterstützung kämen einer Katastrophe gleich. Das gilt erst recht für das Landestheater mit der Landeskapelle, die – wieder einmal – in eine ungewisse Zukunft blicken. Beide aber sind Bestandteile der vielfältigen Kulturlandschaft, auf die Thüringen zu Recht so stolz ist. Wir haben damals um ihren Fortbestand gekämpft – auch wenn aus wirtschaftlicher Sicht ein Orchester auf Dauer sehr viel kostenintensiver ist als beispielsweise das Schauspiel. Kunst und Kultur sind die Seele einer Stadt. Man muß sie pflegen und behüten.

 

„Kunst und Kultur sind die Seele einer Stadt. Man muß sie pflegen und behüten.“

 

NTI: Schuld haben meistens die anderen. In diesem Fall aber gab es schon im Vorfeld zahlreiche mahnende Stimmen. Müssen Sie sich nun Asche aufs Haupt streuen?

BRODHUN: Nein. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß wir damals richtig entschieden haben.

NTI: Rückblende: Was hat Sie bewogen, so unnachgiebig für Eisenachs Kreisfreiheit zu streiten?

BRODHUN: Dafür gab es zwei gewichtige Gründe. Zum einen: Als wir Anfang der 90er Jahre auch gedanklich voll und ganz in der Bundesrepublik angekommen waren, mußten wir feststellen, daß die größeren deutschen Städte in zwei Ligen spielen: in der ersten Liga die kreisfreien, in der zweiten die kreisangehörigen Städte. Letztere wurden im Land kaum gehört, geschweige denn hinzugezogen, wenn es um kommunale Entwicklungsfragen ging. Wir aber wollten über unsere Zukunft mitbestimmen. Also mußte Kreisfreiheit her.

NTI: Der zweite Grund?

BRODHUN: Unsere Lage an der thüringisch-hessischen Grenze. Sie sprach zunächst gegen Eisenach. Die Hessen, so hilfreich sie uns in den ersten Jahren zur Seite gestanden hatten, strebten für das nahe Bad Hersfeld den Status eines Oberzentrums an, stellten dafür erhebliche Fördermittel bereit und bauten nicht zuletzt auf Eisenach als Einzugsgebiet. Das hätte eine Umkehr der Verhältnisse bedeutet, wie sie bis zur innerdeutschen Teilung bestanden. Damals strömten die Menschen aus den hessischen Randgebieten vor allem nach Eisenach: zum Einkaufen, ins Theater, in die Freizeiteinrichtungen … Den aktuellen Bestrebungen der Hessen war nach unserer Auffassung nur zu begegnen, indem Eisenach selbst ebenfalls Oberzentrum wird. Was wiederum Kreisfreiheit voraussetzte.

NTI: Hessen unterstützte Bad Hersfeld. Wie verhielt sich das Land Thüringen zu den Eisenacher Plänen?

BRODHUN: Der Freistaat hielt sich weitgehend zurück. Bei den Diskussionen um den künftigen Zuschnitt der Landkreise wurde immer deutlicher, daß sich nicht die von uns favorisierte Variante einer Achse mit Gotha durchsetzen würde, sondern die Fusion der beiden Altkreise Eisenach und Bad Salzungen. Mit Bad Salzungen als Kreisstadt. Südthüringen hatte im Landtag die größere Lobby und mit FDP-Wirtschaftsminister Bohn auch den einflußreicheren Fürsprecher. Das traditionsreiche Eisenach wäre mit einem Schlag eine unter anderen Städten im neuen Wartburgkreis geworden. Das hat diese tolle Stadt nicht verdient. Dagegen sind wir Sturm gelaufen. Schließlich kam es zu dem bekannten Kompromiß: Kreisfreiheit für Eisenach; Kreisstadtstatus für Bad Salzungen.

NTI: Aber schon der Start in die Kreisfreiheit verlief ausgesprochen holprig. Die beabsichtigten Eingemeindungen von Wutha-Farnrode und Krauthausen kamen nicht zustande …

BRODHUN: … und damit fehlten uns von Anfang an erhebliche finanzielle Zuweisungen des Landes, die unter anderem pro Einwohner gezahlt werden; ebenso die Einkommens- und Gewerbesteuern, die beide Gemeinden erhalten. Der Landtag hatte zwar ein Eingliederungsgesetz beschlossen, darin aber einen Prüfvorbehalt durch die Landesregierung vorgesehen. Daraufhin wurde das Eingemeindungsgesetz vom Weimarer Landesverwaltungsgericht aus formaljuristischen Gründen abgelehnt. Und der Landtag war später offensichtlich nicht bereit, das Gesetz entsprechend zu novellieren.

NTI: Abgesehen davon, daß eine große Mehrheit der Einwohner beider Orte die Eingemeindung nach Eisenach ablehnte …

BRODHUN: Das kam hinzu, war aber nicht ausschlaggebend. Auch anderswo in Thüringen wurden Dörfer gegen ihren Willen eingemeindet. Natürlich verstehe ich die Vorbehalte in den beiden Gemeinden. Als Ortsteile von Eisenach hätten sie natürlich ihre Selbstbestimmung verloren, und nicht alle finanziellen Mittel, die gerade in Krauthausen mit seinem exzellenten Gewerbegebiet erwirtschaftet werden, wären ausschließlich in Krauthausen eingesetzt worden. Aber ich bin nach wie vor davon überzeugt: Wenn die Entwicklung so verlaufen wäre, wie wir sie geplant hatten, also mit der einwohnerstarken Gemeinde Wutha-Farnroda und der wirtschaftlich starken Gemeinde Krauthausen, dann wäre die finanzielle Situation in Eisenach derzeit weniger dramatisch. Sicher: Aus dem vollen könnte die Stadt trotzdem nicht schöpfen.

NTI: Eisenach rückte am 1. Januar 1998 in den Rang einer kreisfreien Stadt auf. Was ist in den Folgejahren schiefgelaufen, daß im Rathaus und anderswo ernsthaft über die Rückkehr der Wartburgstadt in den Wartburgkreis nachgedacht wird?

BRODHUN: Die finanziellen Probleme Eisenachs sind doch nur die Spitze eines Eisberges. Keine der größeren Städte in Thüringen, ob kreisfrei oder kreisangehörig, ist finanziell auf Rosen gebettet. Selbst in Jena, dem Leuchtturm unter den Thüringer Städten, fehlt das Geld an allen Ecken und Enden. Da muß doch im System etwas faul sein.

 

„Da muß doch im System etwas faul sein.“

 

NTI: Sie meinen …

BRODHUN: … Ich meine den kommunalen Finanzausgleich, über den schon seit Jahren gestritten wird. Er benachteiligt – nicht nur, aber vor allem – die kreisfreien Städte. Ihnen werden immer mehr Aufgaben übertragen, ohne daß das Land die dem entsprechenden Mittel bereitstellt. Eisenach zum Beispiel muß inzwischen 52 Prozent seiner Haushaltsmittel in den Sozialbereich stecken: mehr als jeden zweiten Euro. Da muß man sich doch nicht wundern, wenn die freiwilligen Leistungen auf ein Minimum zurückgefahren werden, die städtischen Steuern rasant steigen und Investitionen mehr und mehr zurückgefahren werden.

NTI: Also – welche Schlußfolgerungen ziehen Sie?

BRODHUN: Die finanziellen Probleme der Städte und Gemeinden sind nicht mit Spenden oder hier und da erhöhte Zuweisungen zu lösen. Notwendig sind vielmehr strukturelle Veränderungen. Der kommunale Finanzausgleich muß so ausgestattet werden, daß die Zentren gestärkt werden, also insbesondere die kreisfreien Städte. Sie müssen in die Lage versetzt werden, Pflicht- und freiwillige Aufgaben für ihre und die Bürger im Umland zu erfüllen. Die CDU, die 25 Jahre die Marschrichtung in Thüringen vorgab, hat dies leider nicht geschafft. Mittlerweile wurde sie in allen großen Thüringer Städten abgewählt. Ich bin gespannt, ob es Rot-Rot-Grün in Erfurt nun besser macht. Bislang deutet allerdings wenig darauf hin. Der Streit ums Geld geht unvermindert weiter.

NTI: Die finanzielle Situation Eisenachs ist in den vergangenen Jahren geradezu eskaliert. Kann die Rückstufung daran etwas ändern?

BRODHUN: Kaum. Nach meinem Dafürhalten werden lediglich die finanziellen Belastungen umverteilt. Spätestens 2018, sollte die Rückkreisung bis dahin gegriffen haben – so jedenfalls die Vorstellungen im Rathaus – werden viele erst merken, was die Kreisfreiheit wert war.

NTI: Lastenumverteilung – was kommt unterm Strich heraus?

BRODHUN: Ich habe noch keine Rechnung gesehen. Aber wenn keine grundsätzlichen Korrekturen im kommunalen Finanzausgleich vorgenommen werden, dürfte sich an der Situation so gut wie nichts ändern. Was Eisenach bei den Pflichtausgaben möglicherweise spart, geht über die dann fällige Kreisumlage zu großen Teilen wieder verloren. Und diese Kreisumlage wird nicht gering sein. Mehr noch: Die Rückkreisung von Eisenach wird alle Städte und Gemeinden des Wartburgkreises treffen. Stichwort: Sozialausgaben. Ich rechne damit, daß die Kreisumlage kräftig ansteigen wird. Was dann aus den Eisenacher Gymnasien, den Sozialstandards, der Jugend- und Seniorenarbeit und, und, und wird, steht völlig in den Sternen. Manche glauben, Eisenach wird wieder Kreisstadt. Aber so einfach wird das nicht gehen, wenn man selbst die Rückkreisung will und damit jedes Druckmittel aus der Hand gibt.

NTI: Wenn Sie zurückblicken: Was würden Sie als wichtigste Ergebnisse Ihrer kommunalpolitischen Laufbahn bezeichnen?

BRODHUN: Trotz des heftigen Gegenwindes, der zuletzt aufgekommen ist – die Kreisfreiheit war mit Sicherheit ein wichtiger Punkt. Denn sie hat maßgeblich dazu beigetragen, Eisenach als Wirtschaftsstandort zu etablieren und zu stärken. Parallel dazu wurde während meiner Amtszeit damit begonnen, der Stadt wieder ein Gesicht zu geben. Den geradezu symbolischen Auftakt dazu bildete die Sanierung von Eisenachs ältestem Haus: Der Hellgrevenhof, in dem während des Sängerkrieges der sagenhafte Klingsor wohnte, stand schon fast auf der Abbruchsliste. Dank unglaublich großzügiger finanzieller und fachlicher Unterstützung aus unsrer Partnerstadt Marburg wurde er gerettet und beherbergt heute unsere Stadtbibliothek.

NTI: Und was würden Sie aus Ihrem politischen Leben am liebsten streichen?

BRODHUN: Sicher gibt es einige Dinge, die mißlungen sind und die aus heutiger Sicht hätten besser gemacht werden können. Beispielsweise hätten wir auf die Experten hören sollen, die uns damals geraten haben, für das Kreisgebiet Eisenach einen Wasser- und Abwasser-Zweckverband zu gründen. Doch dazu gab es in den Gemeinden Vorbehalte. Gar nicht glücklich bin ich im nachhinein auch mit der Entscheidung, meinen Stellvertreter und späteren Oberbürgermeister Matthias Doth zu beurlauben. Damit ist im Stadtrat viel Vertrauen verlorengegangen und insgesamt großer Schaden entstanden. Wir – ich hätte viel mehr und intensiver reden sollen! Diese Entscheidung ärgert mich noch heute.

NTI: Haben Sie Ihren Schritt in die Politik je bereut?

BRODHUN: Nein, diese zehn Jahre waren die aufregendste, spannendste und beste Zeit meines Berufslebens. Oberbürgermeister dieser wunderbaren Stadt zu sein, ist ein Privileg, das nur sehr wenigen zuteil wird. Ich hatte dieses Glück und bin dankbar dafür. Dankbar auch für die viele Unterstützung, die ich aus allen Teilen der Bevölkerung, aus unserer Partnerstadt Marburg und von meinen Mitstreitern erfahren habe.

NTI: Eine kommunalpolitische Laufbahn war Ihnen sicher nicht vorherbestimmt. Sie haben in Jena Pädagogik studiert und arbeiteten, als die politische Wende einsetzte, als Leiter der Pflanzen-Quarantänestation an der innerdeutschen Grenzübergangsstelle Wartha. Wie wurde man damals Oberbürgermeister?

BRODHUN: Daran war natürlich im Traum nicht zu denken. Eigentlich wollte ich eine wissenschaftliche Laufbahn an der Uni Jena einschlagen und hoffte, da sich die Absicht aus verschiedenen Gründen zerschlug, nach der Wende auf eine Anstellung im Eisenacher Umweltamt. Die Anfrage der CDU, ob ich zur Kommunalwahl im Mai 1990 als Spitzenkandidat antreten wolle, hat mich total überrascht. Ich weiß bis heute nicht genau, womit ich diese Ehre verdiente. Ich war zwar seit meinem 18. Lebensjahr in der CDU, aber immer nur zahlendes Mitglied, und habe mich auch in den Wendemonaten nicht übermäßig engagiert. Als es dann aber ernst wurde und die CDU aus dieser Wahl als stärkste Partei hervorging, habe ich mit meiner Frau eine Nacht lang diskutiert. Am Ende sagte sie: Ehe wir einen Bürgermeister aus dem Westen bekommen, mach Du es lieber.

NTI: Sie sind 1974 als 18jähriger in die DDR-Blockpartei CDU eingetreten. Was hat Sie in so jungen Jahren zu diesem Schritt bewogen?

BRODHUN: Ich hatte noch nicht das Abitur abgelegt, da wollten man mich für die SED werben. Das wollte ich aber nicht. Um keine Nachteile zu haben, bin ich in die CDU gegangen – für einen überzeugten Katholiken im Eichsfeld die einzige Alternative. Ich habe dann auch wirklich meine Ruhe und keinerlei Nachteile gehabt.

NTI: Wissen Sie noch, wie und wo Sie den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls, verbracht haben?

BRODHUN: Ich war auf einem CDU-Lehrgang in Burg Scheidung, wo es um die Erneuerung der CDU und ihre zukünftige Rolle in der DDR ging. Spät in der Nacht rief mich meine Frau an und teilte mir lachend mit, daß sie mit Freunden in den Westen gefahren sei …

NTI: Zehn Jahre Oberbürgermeister in Eisenach forderten ihren Tribut. Aus gesundheitlichen Gründen traten Sie 2000 nicht zur Wiederwahl an. Was kam danach?

BRODHUN: Nachdem ich das gesundheitliche Tief, zwei Schlaganfälle, halbwegs überwunden hatte, fand ich eine neue Tätigkeit in einer Wirtschafts-Prüfungsgesellschaft, die sich vorwiegend als Dienstleister für die Kommunen sieht. Für sie bin ich seitdem als Generalbevollmächtigter in ganz Thüringen und darüber hinaus unterwegs. Eine interessante Tätigkeit, die mich nach wie vor eng mit dem kommunalen Geschäft verbindet.

NTI: Sie sind Eisenachs erster Oberbürgermeister nach der politischen Wende. Hätten Sie es je für möglich gehalten, daß 25 Jahre später mit Katja Wolf ein Mitglied der SED-Nachfolgerin die Geschicke der Wartburgstadt bestimmt?

BRODHUN: Nein. Überhaupt nicht.

NTI: Worauf führen Sie den Machtwechsel zurück. Was hat die Eisenacher CDU falsch gemacht?

BRODHUN: Eine Bürger- wie auch eine Oberbürgermeisterwahl sind vor allem immer eine Personenwahl. Offensichtlich konnte Frau Wolf sehr viele Eisenacher von sich und ihrem Wahlkampf überzeugen. Noch hat sie allerdings nicht gezeigt, daß sie es wirklich besser kann. Eine andere Ursache für die Wahlniederlage dürften die Querelen um den ehemaligen Thüringer Innenminister und Beigeordneten der Stadt, Christian Köckert, gewesen sein. Sie haben der CDU sehr geschadet. Darüber ist sein überaus großes Engagement für die Wartburgstadt und seinen Wohnort Stedtfeld auf der Strecke geblieben. Beispielsweise hätte Eisenach ohne Herrn Köckert damals wohl keine Berufsakademie erhalten.

NTI: Was muß die Eisenscher CDU Ihrer Meinung nach tun, um verlorenen Boden zurückzugewinnen?

BRODHUN: Da will ich keine Ratschläge erteilen. Mit Genugtuung habe ich allerdings zur Kenntnis genommen, daß sich die CDU in Eisenach neu aufgestellt und dabei weitgehend verjüngt hat. Mit dem Juristen René Kliebisch steht zudem ein Mann an der Spitze des Stadtrates, in den ich große Hoffnungen setze. Die jungen Leute sorgen für frischen Wind. Ihre Vorstellungen stimmen zwar nicht immer mit meinen überein, aber das muß ja kein Nachteil sein.

NTI: 15 Jahre nach Ihrem Ausscheiden aus der aktiven Kommunalpolitik: Wie geht es Ihnen heute?

BRODHUN: Bestens. Ich bin zufrieden, daß ich arbeiten kann. Das Glas Rotwein schmeckt wieder. Manchmal sind es sogar zwei. Ich engagiere mich ehrenamtlich als stellvertretender Vorsitzender in der Wartburg-Sparkassenstiftung und bin Vorstandsmitglied im Sommergewinn-Förderverein. Im übrigen genieße ich die Rolle als Großvater, der in diesen Tagen sein drittes Enkelkind erwartet.

NTI: Sie zählen erst 60 Lenze und machen einen entspannten Eindruck. Zieht es Sie noch einmal in die Kommunalpolitik?

BRODHUN: Nein. Jedenfalls nicht als Akteur, aber schon als interessierter Bürger, der mit Herz und Verstand Anteil nimmt an der Entwicklung seiner Stadt.

NTI: Welche Visionen haben Sie für Ihre Wahl-Heimat Eisenach?

BRODHUN: Eisenach ist eine tolle Stadt, in der ich an maßgeblicher Stelle eine tolle und wichtige Zeit verbringen durfte. Ich hoffe und wünsche, daß die Stadt ihren unnachahmlichen Charme und ihren unverwechselbaren Charakter bewahrt, daß sich die gute Entwicklung fortsetzt, Industrie, Handwerk und Gewerbe weiter erstarken, Kunst und Kultur auf solidem Fundament in ihrer ganzen Vielfalt fortbestehen und der Ruf Eisenachs als weltoffene Stadt auch nach der Rückkreisung, sollte sie denn kommen, keinen Schaden nimmt.

NTI: Bleibt nur noch die Frage, was aus dem Duplikat Ihres Autokennzeichens wurde?

BRODHUN: Das hat in meinem Arbeitszimmer im eigenen Haus einen würdigen Platz gefunden. Es wird mich immer an diese Sternstunde der Eisenacher Geschichte erinnern. Selbst dann noch, wenn der Stern verglüht ist. Was hoffentlich nicht geschieht.

Mit Eisenachs Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Peter Brodhun (CDU) sprach KLAUS RANGLACK.

 

 

Zur Person

Hans-Peter Brodhun, Jahrgang 1955, wurde in Bleicherode-Stadt geboren und ist in Weißenborn-Lüderode (Eichsfeld) aufgewachsen. Nach dem Abitur, das er 1974 im nahegelegenen Worbis erlangte, und dem obligatorischen Wehrdienst nahm er 1976 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein Pädagogik-Studium in den Fächern Biologie und Sport auf (Diplom 1980). Ein vierjähriges Forschungsstudium in Jena schloß sich an. 1987 wurde er zum Dr. rer. nat. promoviert; 1995 verlieh ihm das Wartburg-College Waverly die Ehrendoctorwürde (Dr. h.c. jur. et.lit.).

1984 war Hans-Peter Brodhun nach Eisenach übergesiedelt und hatte in der Pflanzen-Quarantänestation am Grenzübergang Wartha eine Tätigkeit aufgenommen – zunächst als stellvertretender Leiter und später als Leiter dieser Einrichtung, die mit der Schließung der Grenzübergangsstelle 1990 aufgelöst wurde.

Um sich den Werbern der SED zu entziehen, war Hans-Peter Brodhun schon als 18jähriger der CDU beigetreten, blieb jedoch bis in die politische Wende hinein zahlendes Mitglied. Für die ersten freien Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 nominierte ihn die CDU als Spitzenkandidat und drei Wochen später, am 31. Mai, wählte ihn der Stadtrat zum Bürgermeister. 1994 im Amt bestätigt, fungierte er die nächsten sechs Jahre als Oberbürgermeister.

In dieser Eigenschaft trieb er die Kreisfreiheit Eisenachs, die am 1. Januar 1998 Wirklichkeit wurde, maßgeblich voran. In seine Amtszeit fallen unter anderem die Ansiedlung des Opel- und des Bosch-Werkes sowie zahlreiche hochrangige Politiker-Besuche, darunter Clinton, Mitterrand, Juncker, Kohl, von Weizsäcker und Herzog. Aus gesundheitlichen Gründen, nach zwei Schlaganfällen, trat er zu Kommunalwahl 2000 nicht wieder an. Noch im gleichen Jahr fand er als Generalbevollmächtigter einer renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ein neues Betätigungsfeld, das ihn weiterhin, nunmehr in den fünf neuen Bundesländern und darüber hinaus, eng mit kommunalen Belangen verbindet.

Zugleich engagierte und engagiert sich Hans-Peter Brodhun ehrenamtlich. Er war unter anderem Vorsitzender des Lions-Clubs Wartburg und stand von 2004 bis 2012 dem Förderverein Sommergewinn Eisenach vor, dessen Vorstand er noch heute angehört. Er ist stellvertretender Vorstand der Sparkassenstiftung Wartburgregion und Mitglied in einem Beirat der Point-Alpha-Stiftung sowie Aufsichtsratsmitglied des Wartburg-College Waverly/Iowa. Im Februar 2003 ehrte ihn das Land mit der Verleihung des Thüringer Verdienstordens.

Hans-Peter Brodhun ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder, einen Stiefsohn und erwartet Anfang Juli sein drittes Enkelkind. Er lebt in Eisenach.

NTI-Interviewpartner Hans-Peter Brodhun: „Ich bin zufrieden, daß ich arbeiten kann.“                Foto: KLAUS RANGLACK

Eisenacher Oberbürgermeister Hans-Peter Brodhun (CDU) beim traditionellen Sommergewinn am 21. März 1998: „Oberbürgermeister dieser wunderbaren Stadt zu sein, ist ein Privileg, das nur sehr wenigen zuteil wird.“             Foto: NTI-ARCHIV

 

Damaliger Eisenacher Oberbürgermeister Dr. Hans-Peter Brodhun (CDU) beim Kennzeichentausch an seinem Auto im Januar 1998: „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß wir damals richtig entschieden haben.“       Fotos (2): ANDREAS KÜHN

Oberbürgermeister Hans-Peter Brodhun 1990 vor seinem Rathaus: „Eisenach ist eine tolle Stadt.“

 

NTI-Ausgabe 05/2015

 

Anmerkung der Redaktion:

Dieses sowie weitere Interviews mit Wegbereitern Thüringens sind unter der Rubrik "NTI-Damals" archiviert und nachzulesen.

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