„Touristische Anziehung ist kein Selbstläufer“

Weimar zieht Besuchermassen an und wirkt trotzdem selten überlaufen. Mit Kampagnen wie dem Weimarer Sommer sollen die Besucherströme bewußt auch auf die Sommermonate gelenkt und mit der gerade neu überarbeiteten Weimar-Card zudem die Verlängerung der Aufenthaltsdauer angeregt werden. Das erklärt Ulrike Köppel, Geschäftsführerin der Weimar GmbH – Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Kongreß- und Tourismusservice, im NTI-Interview.

NTI: Die Weimar GmbH ist die Marketinggesellschaft der Stadt Weimar. Frau Köppel, braucht eine Stadt wie diese überhaupt Marketing oder ist Weimar nicht eigentlich ein Selbstläufer?

KÖPPEL: Die stetig steigenden Zahlen sind das Ergebnis konzentrierter Anstrengungen und eines durchdachten Marketings. Touristische Anziehung ist kein Selbstläufer. Das zeigt ein genauerer Blick auf die Zahlen: Wenn es ein zugkräftiges Jahresthema gibt wie 2009 mit dem Bauhaus-Jubiläum oder 2013 Van de Veldes 150. Geburtstag und das entsprechende Marketing mit den Kooperationspartnern, steigen auch die Zahlen deutlicher. Daß solche konzentrierten Aktionen auf Folgejahre nachwirken, ist dann ein schöner Effekt.

NTI: In keiner anderen Thüringer Stadt ist der Tourismus ein solch bedeutender Wirtschaftsfaktor wie in Weimar. Wie fällt die Bilanz konkret aus?

KÖPPEL: Es werden mehr Menschen, die in Weimar vom Tourismus profitieren beziehungsweise aus dem Tourismus ihr Einkommen bestreiten. Durchschnittlich gibt jeder Besucher am Tag in Weimar 45,11 Euro aus – Übernachtungsgäste in gewerblichen Betrieben 150,70 Euro, Tagesbesucher 27 Euro. Daraus ergibt sich ein Gesamtumsatz von 208 Millionen Euro pro Jahr, der allein aus dem Tourismus resultiert. Ausgegeben wird das Geld im Gastgewerbe (50 Prozent), für Dienstleistungen (18,7 Prozent) und im Einzelhandel (31,2 Prozent).

NTI: Weimar ist Spitze in Sachen Tourismusintensität. 2013 kamen auf 1000 Einwohner 10.153 Übernachtungen. Damit lag die Goethe- und Schillerstadt deutlich vor Dresden, Berlin oder Hamburg. Auch bei der Auslastung der angebotenen Betten ist die Klassikerstadt Spitze. Sind hier überhaupt noch Steigerungen möglich? Oder anders gefragt: Wie viele Gäste verträgt Weimar überhaupt? Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?

KÖPPEL: Es stimmt: Weimars Bettenauslastung ist höher als der Durchschnitt in Thüringen und in Deutschland. Sie liegt bei 48 Prozent. Das ist ein sehr guter Wert. Dennoch kein Grund, nicht mehr Übernachtungsgäste anzulocken. Es gibt wenige Wochenenden, an denen kein Bett mehr zu haben wäre. Das beschränkt sich auf solche Ausnahmen wie zu Himmelfahrt oder dieses Jahr zum 1. Mai, wenn Feier- oder Brückentage das Wochenende verlängern. In Weimar verteilen sich die Besucher recht gut: auf unsere vielen Museen, in den Parks und natürlich auf die Innenstadt. Weimar wirkt selten überlaufen. Weimar unterliegt deutlichen saisonalen Schwankungen. Mit solchen Kampagnen wie dem Weimarer Sommer wollen wir als Weimar GmbH die Besucherströme bewußt auch auf die Sommermonate lenken. Mit der gerade neu überarbeiteten Weimar-Card wollen wir zudem zur Verlängerung der Aufenthaltsdauer anregen.

NTI: Mit Erfurt und Leipzig befinden sich wichtige und international anerkannte Messestädte in unmittelbarer Nähe zu Weimar. Wie hat sich die Stadt mit der neuen Weimarhalle als Kongreß-Standort profiliert und etabliert. Und welche Potentiale sehen Sie für die Zukunft?

KÖPPEL: Weimar war schon immer ein Ort für Begegnungen. Mit der Eröffnung der Weimarhalle hat sich die Stadt zusätzlich als ein beliebter Tagungsort etabliert. Es sind vor allem wissenschaftlich geprägte Kongresse und Tagungen, die hier stattfinden, weniger die großen Messen. Für solche Veranstaltungen ist die Messe Erfurt gedacht und geeignet – oder eben Leipzig. Was nicht heißt, daß es in der Weimarhalle keine kleineren Messen und Produktpräsentationen gibt. Aber es ist und wird kein Kerngeschäft. Für unsere Kunden ist meistens der Standort von Bedeutung. Wichtig sind die Möglichkeiten für das Rahmenprogramm und die hochentwickelte touristische Infrastruktur. Eine Tagung in Weimar läßt sich ideal mit Kultur verbinden. Darauf liegt auch in Zukunft unser Fokus.

NTI: Es ist viel wert, wenn eine Stadt ein bestimmtes Image pflegen kann. Weimar aber hat mehr als ein Image. Frau Köppel, was macht für Sie persönlich das Unverwechselbare an Weimar aus? Welche Seite von Weimar ist dagegen weniger bekannt und verdient in der Zukunft mehr Aufmerksamkeit?

KÖPPEL: Es gibt kaum einen anderen Ort, wo sich deutsche Geschichte auf engstem Raum so fokussiert. Die Stadt ist ein glänzendes Klassenzimmer der Nation. Sie ist aber auch ein Symbol dafür, daß die Barbarei unter der Regie der Nationalsozialisten nicht verhindert wurde. Weimar ist bei aller Geschichtslast und -lust dennoch eine sehr lebendige Stadt, die lebens- und liebenswert ist – und beileibe kein Museumsdorf. Mehr Aufmerksamkeit widmen wir – und das nicht erst seit heute, aber es darf noch mehr werden – unbedingt dem Thema Bauhaus. Und Weimar hat eine Demokratiegeschichte, die erzählt werden muß. Beide Themen werden aktuell baulich beziehungsweise konzeptionell sowie touristisch mehr in den Mittelpunkt gerückt.

Die Fragen stellte JÖRG SCHUSTER.

 

NTI Ausgabe 04-2015

Weimar GmbH-Geschäftsführerin Ulrike Köppel: „Die stetig steigenden Zahlen sind das Ergebnis konzentrierter Anstrengungen und eines durchdachten Marketings.“

Foto: WG-ARCHIV

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