Experiment gelungen

Zwischen Illusion und Verführung und dem Geist der Geschichte plaziert sich dieses Jahr das Kunstfest Weimar. Die 26. Auflage soll den vor einem Jahr begonnenen Weg nach der Ära Nike Wagner fortsetzen und das Fest immer stärker mitten im Stadtleben positionieren. Der Künstlerische Leiter Christian Holtzhauer setzt dabei auf die Anziehungskraft „der Kunst“ für jeden.

Künstlerischer Weimarer Kunstfestleiter Christian Holtzhauer: „Ich werde einen langen Atem brauchen.“

Foto: FRANK FRIEDRICH

Die Resonanz nach dem Kunstfest 2014 bestätigt seine Ansicht, „daß das Kunstfest Weimar in seinen 17 Tagen durchaus zeigen kann, was sozusagen ‚state of the art‘ ist, und zugleich mit originellen Angeboten einen niedrigschwelligen Zugang zur Kunst eröffnet.“ Christian Holtzhauer versucht diesen Spagat – der letzten Endes ja das Normalste von der Stadttheater-Welt ist: Eine gute Mischung finden zwischen Kunstprojekten, die aufrüttelnd, durchaus auch verstörend auf Probleme der Gesellschaft hinweisen, und solchen, die eher mit Emotionen einladen, sich lokker und leicht der Kunst als Ausdrucksform zu nähern.

In den Meinungen der Weimarer wie auch der auswärtigen Gäste und Beobachter zum 2014er Kunstfest schwang der Tenor, daß das bürgerliche Kunstfest nun zu einem Kunstfest für die Bürger werde. Das aber sei es schon immer gewesen, meint Christian Holtzhauer. Und: „Was heißt bürgerlich?“ Die Bürgerinnen und Bürger, die Gesellschaft der Stadt, sei inzwischen so heterogen geworden, daß selbst der historisch entwickelte Begriff vom „Kulturbürger“ nicht mehr treffend genug die Wirklichkeit bezeichne. Letztlich habe sich beim Kunstfest eine relativ begrenzte verschworene Truppe von Zuschauern getroffen, die ein sehr exklusives und ebenso gelungenes Angebot angenommen hätten. So hochwertig die Kunst auch ist: Wenn sie nicht neue Interessenten und Freunde findet, wird es schnell Kunst der Kunst wegen.

 

„Was heißt bürgerlich?“

 

„Mein künstlerischer Anspruch liegt auf anderen Ebenen“, betont der 1974 in Leipzig geborene Dramaturg Holtzhauer, „nicht weil ich nicht aus der Musik komme, sondern weil ich das Fest als große Einladungsgeste sehe und gestalten möchte.“ Deshalb auch wagt Christian Holtzhauer, ein selbst produzierendes Festival zu sein. Das Kunstfest zeigt nicht nur eingeladene fertige Projekte, sondern will mit eigenen Produktionen sozusagen aus dem Ort heraus, Interesse wecken und Neues kreieren.

Es sei nicht hinnehmbar, wenn manche meinen, sie verstünden „Kunst“ sowieso nicht, bräuchten sie auch nicht. „Die Stadt und ihre Bürger sollen das Fest mittragen, weit über die bloße finanzielle Förderung hinaus. Dazu müssen wir mit Angeboten beitragen, in denen sich die Weimarer wiederfinden.“ Ganz im Goetheschen Sinne. Im Faust I spricht Faust die Worte: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Goethe spricht hier nicht materielle Güter an, die man im Erbfall ohnehin konkret besitzt, er weist auf ein immaterielles, geistig-kulturelles, politisches und ideelles Erbgut hin, das unsere Vorfahren für uns als Voraussetzungen und Errungenschaft – Freiheit, Demokratie, Emanzipation, Kunst, Traditionen, wissenschaftliche Erkenntnisse … – angelegt haben. Dieses Erbe besitzen wir nicht zwangsläufig. Wir müssen es erst annehmen und in unser Leben „integrieren“. Die Ausstellung Fluchtpunkte in der ACC-Galerie bestätigte Holtzhauer, so integrierende Projekte einzubeziehen. Das Kunstfest suchte und fand vier Weimarer für ein Experiment: Sie sollten eine Ausstellung komplett selbst kuratieren, also gestalten – vom Thema bis zur Präsentation. Interessant war zu sehen, wie seit November die Bürgerinnen und Bürger diskutierten, was sie dem Publikum im August präsentieren möchten. „Auf welchen Kunstbegriff wird sich die Gruppe einigen? Auf welches Thema wird sie sich verständigen? Welche Ausstellungsformate wird sie wählen und vor allem: Was für Kunst werden wir zu sehen bekommen? Ob Bilder an der Wand, Skulpturen, Videos, Performances oder leere Räume – alles ist erlaubt, es gibt keine Regeln, das Ergebnis ist offen“, sieht Holtzhauer das Experiment schon jetzt gelungen. Der von den drei Frauen und einem Mann gewählte Titel „Fluchtpunkte“ lasse eine Richtung erahnen.

Das Kunstfest wird kein Theaterfestival werden. Holtzhauer nimmt zwar die klassische Musik aus dem Fokus, doch sein Ziel sei, ein Festival zu gestalten, das sowohl Weimar als auch den Besuchern eine besondere Atmosphäre bietet. Dazu öffnet Holtzhauer, ganz den Begriffen „Kunst“, „Fest“ und „Weimar“ folgend, das Festival allen Künsten. Darunter auch viel alternative und junge Kunst, bei der sich die Grenzen vermischten. „Die Weimarer ebenso wie die Kultur-Touristen kommen an den Ort der insbesondere mit den Klassikern verbundenen Kulturgeschichte, doch diese Kunst, Goethes Worte, Schillers Dramen waren zur Zeit ihres Entstehens auch alternativ und jung“, öffnet Holtzhauer den Blick, nicht nur das Vergangene am Ort zu sehen.

Die Kunstfest-Leitung setzt auf viele Veranstaltungen im öffentlichen Raum – ohne Eintritt, ohne Kleiderkonvention, zumeist auch keine mehrstündigen Vorführungen. „Ich muß nicht erst eine Vorbildung haben, nicht entscheiden, wann ich wohin gehe, eben nicht eine Karte kaufen und bezahlen können, nicht erst nach der ‚richtigen‘ Bekleidung suchen.“ Er möchte, daß viele durch die Stadt gehen und sozusagen über ein Kunstfest-Angebot stolpern, stehenbleiben. Wie zum Beispiel beim „Konzert für 12 Traktoren“. Skurril oder überraschend, aber mit hoher künstlerischer Qualität will der Schwede Sven-Åke Johansson, ein Pionier der europäischen Free Jazz- und Improvisationsmusik, der schon für Windräder, Handfeuerlöscher und Telefonbücher komponierte, sein Konzert von einem Traktorenorchester aufführen lassen. Die Traktoren vom Typ Famulus, Pionier, Zetor und Belarus aus den 1950er und 1960er Jahren seien sowohl die Musen als auch die Stars dieses ungewöhnlichen Konzerts. Ihre Motoren erzeugen einen einzigartigen rhythmischen Kolbenschlag. Für genau diesen schrieb Johansson ein Konzert, das in Weimar sein Uraufführung hat. Die geeigneten Maschinen fand der Komponist im Weimarer Umland. Und die Musiker sind die zwölf Traktoristen, die ihren Treckern ein faszinierendes Klangerlebnis entlocken werden.

Selbst „Kunst machen“ und Kunst zu begegnen durchdringt das Fest ebenso wie das Spannungsfeld, das sich aus drei, vier Jahrhunderten Geschichte auf kleinstem Raum ergibt: von den Klassikern über die Weimarer Republik und die Naziherrschaft bis zum Jahrtausendwechsel. Die Metamorphosen der Stadt gruben all dies ins historische Erbgut ein und „sind ein Resonanzboden für das Kunstfest“ zwischen Ilmpark und Buchenwald, Hauptbahnhof und Bauhaus-Universität.

„Kunst ist was Lebendiges, worüber man sich streiten kann. Kunst ist nicht per se gut, es gibt auch Nicht-Gelungenes, Schlechtes. Auch darüber zu sprechen, zu streiten, ist jeder eingeladen“, will Holtzhauer betont wissen. Er begreife Kunst als ein Recherchemittel, um Probleme in der Gesellschaft zu erkennen und in den Brennpunkt zu stellen. Dazu gehört auch Rimini Protokoll mit „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“. „Haug und Wetzel nehmen die Diskussion auf, die sich aus dem Ablauf der Urheberschutzfrist von ‚Mein Kampf‘ speist: Darf oder sollte das Buch, das im Internet, antiquarisch und in den meisten Ländern ohnehin gedruckt erhältlich ist, nun auch bei uns veröffentlicht werden? Wer würde es kaufen, wer würde es lesen wollen? Und was kann ein symbolisches Verbot verhindern?“ Hier, in dieser Stadt, die Hitler nach eigenem Bekunden liebte und die auch eine Hochburg der NSDAP war, werde die Uraufführung viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Christian Holtzhauer, der Sachse mit seinen Erfahrungen in Berlin und von 2005 bis 2013 am Staatstheater Stuttgart, sieht das kleine Weimar als prädestinierten Festivalort – auch weil erfolgreiche Festivals wie Salzburg oder Edinburgh sich eben nicht an der Größe und Bekanntheit einer Großstadt aufrankten, sondern weil sie aus dem Geist des Ortes wuchsen. „Ich möchte, daß die Einwohner wie die Gäste zum Kunstfest kommen, weil sie hier nicht in der Anonymität einer Weltstadt das Besondere suchen müssen, sondern weil sie wissen, daß sie es hier finden können – weit über das Stichwort Weimar hinaus, das international zumeist mit kaum mehr als Bauhaus verbunden ist.“ Nicht nur auf die Reproduktion des Bekannten setzen, sondern produktiv den Weimarer Geist mit den Weimarern entwickeln, dazu soll das Kunstfest beitragen.

Der Festival-Chef hofft dabei auf die gute Zusammenarbeit in der Stadt. Von den Hochschulen über die Klassik-Stiftung bis zu Theater und Galerien gibt es erste gemeinsame Projekte und Gespräche. „Allerdings werde ich einen langen Atem brauchen, denn die meisten der Partner haben lange Planungszeiträume, so daß für die 17 Tage Kunstfest jedes Jahr erst nach ein paar Jahren Größeres gemeinsam realisiert werden kann.“ Doch die Neugier aufeinander wachse, weil nicht nur der Theatervertrag in der nächsten Zeit neu ausgehandelt wird, sondern weil die finanziellen Spielräume enger werden. „Niemand kann sich auf Vergangenem ausruhen, alle müssen zusammenrücken und gemeinsam originelle Ideen entwickeln. Das kann nur von Vorteil sein für die Kulturstadt Weimar.“

FRANK FRIEDRICH

 

NTI Ausgabe 04-2015

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