„Wir profitieren von kurzen Wegen“

Weimar ist als erste große Stadt im Freistaat mit Unterstützung der Thüringer Netkom ins superschnelle Internet gestartet. Im NTI-Interview berichtet Karsten Kluge, Geschäftsführer der Thüringer Netkom GmbH, über weitere Städte-Projekte und bisherige Erfahrungen beim Breitbandausbau im ländlichen Raum.

NTI: Ende April ist die Stadt Weimar mit Unterstützung der Thüringer Netkom GmbH ins sogenannte superschnelle Internet gestartet. Herr Kluge, was muß man sich konkret unter „superschnell“ vorstellen und braucht denn wirklich jeder Privatnutzer solche enormen Surfgeschwindigkeiten?

KLUGE: Die Redewendung „superschnell“ ist vor dem zeitlichen Zusammenhang immer relativ zu betrachten. So wurde vor vielen Jahren der Schritt zu einem Megabit pro Sekunde als superschnell bezeichnet. Heute liegen aus Sicht des Privatnutzers schnelle – oder eben superschnelle – Übertragungsgeschwindigkeiten zwischen 50 und 100 Megabit pro Sekunde. Deshalb gibt es auch aktuell das Ziel der Bundesregierung, alle Bürger bis 2018 mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde zu versorgen. Diese Geschwindigkeiten genügen, um unterschiedlichste Anwendungen über das Internet parallel zu nutzen. Die geringsten Bandbreiteanforderungen werden sicherlich beim E-Mail-Dienst gestellt. Das Aufrufen von Internetseiten kann da schon höhere Anforderungen an den Breitbandanschluß stellen – jeder hat bestimmt schon mal auf das Öffnen einer Internetseite gewartet. Die höchsten Anforderungen haben jedoch heute die Videoanwendungen, beispielsweise in Form des Internetfernsehens IPTV oder des Streamings über Mediatheken. Da kommt man mit einem Megabit pro Sekunde nicht weit, da brauchen dann auch Privatpersonen 50 Megabit und mehr. Deswegen werden die heutigen Netze ja auch entsprechend ausgebaut, vorrangig auf Glasfaserbasis.

NTI: In welchem Umfang wird die Klassikerstadt erschlossen und wann werden die Investitionen in Weimar abgeschlossen sein?

KLUGE: Die Thüringer Netkom wird in einem Kooperationsprojekt mit den Stadtwerken Weimar die gesamte Stadt mit der sogenannten VDSL-Vectoring-Technologie erschließen. Hierbei wird ein enges Glasfasernetz errichtet. Nur auf den letzten Metern – maximal bis 600 Meter – nutzen wir die bereits vorhandene Kupferleitung der Deutschen Telekom. Das Projekt ist im Herbst vergangenen Jahres gestartet worden und wird bis zum Spätsommer erfolgreich abgeschlossen sein.

NTI: Herr Kluge, Ihr Unternehmen ist ursprünglich aus den nachrichtentechnischen Abteilungen der Bayernwerk AG hervorgegangen, als Dienstleister für die Thüringer Energie AG gestartet, als Netzbetreiber aktiv und nun selbst als Internetanbieter tätig. Was waren aus Ihrer Sicht Schwerpunkte in der rasanten Entwicklung Ihres Unternehmens. Und ist denn nicht gerade der Auftritt als Anbieter von Internetleistungen auch ein Wagnis?

KLUGE: Ja, die Thüringer Netkom ist aus dem Energieversorger entstanden. Die Dienstleistungen, die wir hierbei erbringen, genügen hohen Qualitätsstandards, da unsere Arbeit für die Sicherstellung einer stabilen Energieversorgung wichtig ist. Basis für die Dienstleistungen der Netkom ist das umfangreiche Glasfasernetz, welches parallel zu den Strom- und Gastrassen unserer Muttergesellschaft Teag errichtet wurde. Dieses sehr dichte Glasfasernetz stellt – nach dem Netz der Deutschen Telekom – das größte Glasfasernetz in Thüringen dar. Es ist also nicht überraschend, daß bereits frühzeitig andere Netzbetreiber und viele Gewerbetreibende Interesse an unseren leistungsstarken Übertragungskapazitäten oder Internetanschlüssen hatten. Der Schritt in Richtung des Breitbandausbaus für Privatnutzer ist in der Entwicklungskette bisher der neueste Schritt. Im Rückblick war einer der Meilensteine die DSL-Erschließung von Ettersburg als 250. Ort im Freistaat. Auch der Start des Glasfaserausbaues in Weimar war ein wichtiger Schritt. Selbstverständlich muß man da auch gewisse Wagnisse eingehen, unternehmerisches Handeln ist jedoch nie ohne Risiko. Aber wir sind Schritt für Schritt vorgegangen und haben immer wieder geprüft, ob unsere Dienstleistungen am Markt ankommen. Insofern sind unsere Wagnisse beherrschbar geblieben.

NTI: 2009 hat die Thüringer Netkom damit begonnen, die Welt aufs Thüringer Land zu holen und eine Versorgungslücke zu schließen. Mittlerweile wurden über 300 Orte im ländlichen Raum erschlossen. Dabei haben sich auch Bürger und Unternehmen der betreffenden Regionen engagiert. Hat Sie dieses Engagement der Bürger überrascht?

KLUGE: Ein Grund für den Start des Breitbandausbaus im ländlichen Raum war die große Nachfrage der Bürger, Bürgermeister und Gewerbetreibenden in den Regionen. Bereits in der Anfangsphase zeigte sich schnell ein sehr hohes Interesse. Für uns brachte dies ebenso schnell die Erkenntnis, daß der Breitbandausbau zukünftig ein Grundbedürfnis darstellen wird. Allerdings wurde auch klar, daß insbesondere in kleineren Orten, die weitab von Glasfaserinfrastrukturen liegen, eine wirtschaftliche Erschließung nur schwer realisiert werden kann. In solchen Fällen entstanden sehr häufig Bürgerinitiativen, die dann gemeinsam zu Hacke und Schaufel griffen, um beispielsweise in mehreren Wochenendeinsätzen ein Leerrohr für Glasfaserkabel zu verlegen. Dieser dort gezeigte gemeinschaftliche Bürgersinn war auf jeden Fall beeindruckend.

NTI: Mit der Betreuung großer Geschäftskunden hatte die Thüringer Netkom zu diesem Zeitpunkt reichlich Erfahrung. Das Privatkundengeschäft bedeutete aber für Sie Neuland. Worin unterscheiden sich beide Kundenbereiche und worin bestehen die größten Herausforderungen im Privatkundengeschäft?

KLUGE: Die Geschäftsfelder der Geschäftskunden und Privatkunden zeigen auf jeden Fall unterschiedliche Herausforderungen auf. Im Bereich des Privatkundengeschäfts ist es zwingend notwendig, einen hohen Standardisierungs- und Automatisierungsgrad zu erreichen. Dies liegt in der hohen Anzahl der Geschäftsvorgänge begründet. Wir haben dazu bereits über einen längeren Zeitraum geeignete Systeme und Prozesse bei der Thüringer Netkom eingeführt. Der direkte Kontakt zum Endkunden verlangt schon sehr effiziente Geschäftsabläufe und ausgefeilte Prozesse.

NTI: Jetzt, wo Sie sich den größeren Thüringer Städten zuwenden, bleibt die Frage, ob Ihr Unternehmen auch weiterhin in den ländlichen Regionen aktiv bleibt und den Breitbandanschluß dort weiter vorantreibt.

KLUGE: Wir werden auch in der Zukunft zwei Stoßrichtungen beim Breitbandausbau haben. Wir werden einerseits den Ausbau im ländlichen Raum weiter vorantreiben und andererseits im städtischen Raum den Breitbandausbau vornehmen.

NTI: Weimar ist die erste große Stadt, die Sie in Thüringen ans superschnelle Internet anschließen. Was sind weitere Städte-Projekte und welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

KLUGE: Mit Weimar haben wir in der Stadt unseres Firmensitzes den Breitbandausbau gestartet. Kurz danach ist auch in Rudolstadt und Mühlhausen der Startschuß für den Glasfaserausbau gefallen. Wir stoßen in allen Städten auf ein reges Interesse. Die wesentlichen Unterschiede im Vergleich zu Wettbewerbsangeboten sind, daß wir ein Angebot aus Thüringen für Thüringen liefern. Wir genügen mit den Leistungsparametern unserer Produkte allen Ansprüchen und mit den hohen Uplink-Bandbreiten – der Übertragungsrate in das Internet – sind wir sogar Marktführer im Wettbewerb.

NTI: Die Versorgung ist das eine. Die andere Seite ist der Service, der zu jeder Zeit reibungslos und zur Zufriedenheit der Kunden funktionieren sollte. Was darf der Kunde in dieser Hinsicht von Ihnen erwarten?

KLUGE: Wie schon gesagt, hat die Thüringer Netkom ihren Ursprung als Dienstleister für den Energieversorger, wo hohe Qualitätsstandards sicherzustellen sind. Diese Erfahrungen und die dafür notwendige Aufstellung kommen all unseren Kunden zugute. Wir sind einerseits rund um die Uhr tätig und besitzen andererseits über Thüringen verteilt eine Servicestruktur, die kurze Wege und schnelle Reaktionszeiten ermöglichen. Wir profitieren eben von unseren kurzen Wegen im Freistaat.

NTI: Als Geschäftsführer eines Unternehmens am Standort Weimar möchten wir von Ihnen wissen, was für Sie den Reiz dieser Stadt ausmacht.

KLUGE: Weimar ist eine sehr seltene Mischung aus Kleinstadt und doch großer Welt. Weltweit ist Weimar ein Begriff. Aber wenn man hier wohnt, ist alles sehr überschaubar und man lebt hautnah mit der Historie verschiedenster Epochen. Vom Deutschen Nationaltheater sind es nur zehn Minuten bis zum Ilmpark mit Goethes Gartenhaus. Trotzdem ist Weimar kein Freilichtmuseum, sondern hochmodern mit seiner Bauhaus-Universität und der Studentenszene. Von Weimar ist eben nicht nur die vielgerühmte Klassik mit Goethe und Schiller ausgegangen, sondern auch das Bauhaus mit all seinen Impulsen für die moderne Architektur und Formgestaltung. Diese Gegensätze auf kleinsten Raum machen die Stadt so interessant und reizvoll. Tja, und überall in Weimar war Goethe mindestens einmal. Welche Stadt kann das schon behaupten.

Gesprächspartner war JÖRG SCHUSTER.

 

NTI Ausgabe 04-2015

 

 

Zum Unternehmen

Die in Weimar ansässige Thüringer Netkom GmbH verfügt über ein hochmodernes Glasfasernetz von über 5000 Kilometern Länge. Damit betreibt das 60 Mitarbeiter zählende Unternehmen ein thüringenweites Netz, das einerseits zur Überwachung und Steuerung des Thüringer Strom- und Erdgasnetzes genutzt wird und andererseits Dienste, wie Festverbindungen mit Bandbreiten von bis zu zehn GBit pro Sekunde, Internetzugänge, IP-Bitstream-Access oder Managed Services für Sprache und Daten, für weitere Carrier, Serviceprovider, den Mittelstand, öffentliche Einrichtungen und Versorgungsunternehmen bereitstellt.

Für den gesicherten Betrieb der technischen Plattform sorgt das eigene „Netzwerk Management Center“ an 365 Tagen im Jahr und 24 Stunden am Tag. Der reibungslose Vorort-Service für die Kunden wird über fünf in Thüringen verteilte Servicestandorte in Weimar, Erfurt, Jena, Meiningen und Bleicherode sichergestellt.

 

Thüringer Netkom-Geschäftsführer Karsten Kluge: Große Nachfrage der Bürger, Bürgermeister und Gewerbetreibenden in den Regionen.   Fotos (2): TNG-ARCHIV

Die Welt aufs Thüringer Land holen: Breitbandausbau in der Gemeinde Bufleben.

 

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