Neues Dilemma

In 25 Jahren ist die Großbaustelle Thüringen weit fortgeschritten. Das Bundesland in der Mitte Deutschlands wurde vollkommen umgekrempelt, sozusagen im Eiltempo zur hochmodernen Drehscheibe in und für Europa entwickelt.

Das Land ist kaum wiederzuerkennen mit energetisch intelligent und attraktiv umgebauten Stadtteilen, mit den zum Teil spektakulären Verkehrsprojekten Deutsche Einheit, den unzähligen neu errichteten privaten, öffentlichen und Gewerbeimmobilien, den zunächst komplett erschlossenen und inzwischen sehr gut ausgelasteten Industriegebieten entlang der Autobahnen und an den Stadtgrenzen und einer sicheren Versorgungsinfrastruktur.

Aber die rasante Aufholjagd hat auch ihren Preis. Zu kurz gedachte politische Entscheidungen, die Not, permanent auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu müssen, und nicht zuletzt die Verwirklichung von größenwahnsinnigen Ideen sorgen heute und in Zukunft für jede Menge Probleme. Überdimensionierte Kläranlagen sowie Ver- und Entsorgungssysteme lassen sich nur mit übertriebenem Aufwand betreiben, wenig frequentierte Spaßbäder belasten mit ausufernden Betriebskosten die kommunalen Kassen, viele der einst unter bewohnten Bedingungen sehr teuer sanierten Plattenbauten sind mangels Mieter überflüssig und zum Abriß freigegeben, die Innenstädte veröden und Leitungsnetze müssen endlich im Rahmen des Stadtumbaus zurückgebaut und für den tatsächlichen Bedarf angepaßt werden.

Künftig kommt es darauf an, stärker als je zuvor zu agieren. Die Gesellschaft muß aufgrund des viel zu lange ignorierten und von der Politik bagatellisierten demographischen Dilemmas und der hastig verordneten Energiewende radikal umdenken und umlenken. Das Bauwesen steht damit vor völlig neuen Herausforderungen.  Und die Wohnungswirtschaft vor riesigen Problemen.

„Thüringen steht vor der zweiten Sanierungswelle“, berichtete die Neue Thüringer Illustrierte am 18. April 2015 in der Nachrichtenrubrik ihres Onlineportals nti-online.net. In spätestens fünf bis zehn Jahren müßten laut Verband der Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft rund 80.000 Wohnungen im Block- und Plattenbau erneuert werden. Damit die Mieten weiter bezahlbar bleiben und die Wohnungswirtschaft weiter finanziell handlungsfähig bleibt, soll ein Katalog mit Handlungsanweisungen entstehen, der großen und kleinen Wohnungsunternehmen des Verbandes Hinweise gibt, wie sie mit dem Kostenansturm umgehen können. Neben Wohnungsunternehmen sollen Architekten, Institute und Hochschulen integriert werden. Ein besonderer Fokus liegt auf Modernisierungen im Block- und Plattenbau, die 80 Prozent der 270.000 Wohnungen der Verbands-Mitglieder ausmachen.

Besonders hoch liegt der künftige Sanierungsbedarf im Brandschutz. Rund ein Drittel der Wohnungen steht hier vor einer Erneuerung. Dazu kommen nötige Umbauten durch den demographischen Wandel und gestiegene gesetzliche Vorgaben. Die Kosten für anstehende Umbauten und Sanierungen werden voraussichtlich mehrere Milliarden betragen. Auch Rückbau wird wieder ein Thema werden. Laut einer Umfrage des Verbandes der Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft gehen Wohnungsunternehmen von 17 Prozent Leerstand im Plattenbau in zehn Jahren aus.

„Die Mehrbelastung durch Sanierungen für die Mieter muß so gering wie möglich bleiben“, betonte Verbandsdirektorin Constanze Victor dazu. Aktuell liege die Durchschnittskaltmiete in Wohnungen des Verbandes bei 4,65 Euro. Damit könne in zehn Jahren keine Sanierung finanziert werden. Allein durch das Installieren eines Aufzugs, der für die älter werdende Gesellschaft immer wichtiger wird, würde sich die Modernisierungsumlage um zirka 70 Cent mehr pro Quadratmeter Wohnfläche erhöhen. Damit befindet sich die Wohnungswirtschaft in dem Dilemma, neue Aufzüge, Brandschutz, Energieleistungen, Dämmungen, Türen oder ähnliches einrichten zu müssen, deren Kosten sie nicht ohne weiteres auf die Miete umlegen kann.

„Wir werden nichts tun, was unsere Mieter aus den Wohnungen treibt. Wenn sich zeigt, daß wir aus Kostengründen nicht sanieren können, wie die gesetzlichen Vorgaben es fordern, muß die Politik uns sagen, wie wir das Problem lösen sollen“, so Constanze Victor.

Leider hat die Politik zur Zeit ganz andere Sorgen.

JÖRG SCHUSTER

NTI Ausgabe 03-2015

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