„Endlich konnten wir selbst entscheiden“

Seit 25 Jahren besteht die TMP Fenster + Türen GmbH in Bad Langensalza. „In kleinen Schritten, wohl überlegt, oft vom Bauchgefühl geleitet und mit dem Herzen entschieden, haben wir uns dorthin entwickelt, wo wir heute stehen“, bilanziert Geschäftführer Bernhard Helbing im NTI-Interview und macht die Erfolgsgeschichte seines Unternehmens nachvollziehbar.

NTI: Herr Helbing, wenn Sie sich zurückerinnern an den Start bei TMP, wo lagen die größten Herausforderungen und wie haben Sie diese gelöst?

HELBING: Wir waren alle branchenfremd. Uns fehlte nicht nur das Fachwissen. Wir waren auch bezogen auf das Verständnis – wie funktioniert ein B to B- Geschäft, worauf muß man besonders beim Abschluß von Verträgen achten, was regelt die VOB – sozusagen Frischlinge. Es war wie in der Natur, beobachten, eben schauen, wie es der andere macht und aus den Fehlern lernen. Dabei haben wir von Anfang an die Mitarbeiter ganz intensiv in alle Prozesse eingebunden. Ich habe gern die Formulierung gebraucht: Bezogen auf einen 100-Meter-Lauf stehen wir ganz am Anfang, aber viele unserer Marktbegleiter sind schon beim 50. oder 70. Meter. Kundenbindung, Marketing, Werbung, Kreditverträge bis hin zur persönlichen Haftung der Gesellschafter unseres Unternehmens TMP Fenster + Türen GmbH – alles war für uns „Neuland unterm Pflug“. Es herrschte Aufbruchsstimmung in unserem Land. Das hat auch Spaß gemacht. Endlich konnten wir selbst entscheiden. Wir waren beseelt von dem Gedanken: Das schaffen wir. Ja, wir haben viel Lehrgeld bezahlt. Wir waren mit Fleiß bei den Geschäften am Tag, aber machten nur solche, bei denen wir nachts ruhig schlafen konnten – um aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ zu zitieren. Nun ja, immer haben wir nicht ruhig geschlafen. Insbesondere dann, wenn es zwischen Daumen und Zeigfinger knapp wurde. In kleinen Schritten, wohl überlegt, oft vom Bauchgefühl geleitet und mit dem Herzen entschieden, haben wir uns dorthin entwickelt, wo wir heute stehen.

NTI: Was macht Ihr Unternehmen heute stark und unterscheidet Sie von Wettbewerbern am Markt?

HELBING: Stark machen uns unsere engagierten Mitarbeiter und unsere Stabilität in den Führungsgremien unserer Unternehmensgruppe. Das ist unser wichtigstes Kapital. Es zahlt sich aus, daß wir von Anfang an in unsere Beschäftigten investiert haben. Unsere langfristige Ausbildungs- und Qualifizierungsstrategie hat dazu geführt, daß wir auf den Ebenen der Geschäftsführung wie auch der Geschäftsleitung unseren eigenen Nachwuchs integriert haben. Sozusagen haben alle unseren Stallgeruch. Ein weiterer Punkt ist, daß wir die Mitglieder der Geschäftsleitung in vielen Gremien plaziert haben. Führende Mitarbeiter unseres Unternehmens sitzen in Ausschüssen von Verbänden und Institutionen. Das war und ist für uns eine ganz wichtige Informationsquelle. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß wir sehr viel Wert darauf legen, daß sich die Mitarbeiter in den einzelnen Teams eigene Ziele geben. Oft sind diese Zielsetzungen auch an die Zahlung von Prämien gebunden. Wir haben uns nie davor gescheut, die Zusammenarbeit mit Universitäten, Hoch- und Fachschulen intensiv zu betreiben. Über diesen Weg haben wir in den vergangenen Jahren viele Ressourcen gehoben. Aktuell bearbeiten wir gerade ein Projekt mit dem Fraunhofer-Institut. Von Anfang an haben wir immer versucht, in der Arbeitsvertragsgestaltung ganz modern zu sein. Ich denke dabei an eine Jahresarbeitszeitregelung, die wir schon 1993 eingeführt haben, an leistungsorientierende Vergütungssysteme oder auch an – mit dem Mitarbeiter abgestimmte operative Arbeitszeitgestaltungen. Vielleicht behandeln wir die Mehrzahl unserer Kunden etwas anders. Denn das, was nicht kopierbar ist, sind die Beziehungen eines Unternehmens zu seinen Mitarbeitern und die Beziehungen dieser Mitarbeiter zu unseren Kunden.

NTI: Wo liegen die größten Erfolge, die Meilensteine von TMP, wenn Sie auf die Zeit seit 1990 zurückblicken?

HELBING: Als ich 1992 in unser Unternehmen eintrat, hatte ich gleich einen Termin in einem Amtsgericht. Ein Kunde hatte Gesamtvollstreckung angemeldet. 200 Gläubiger waren wir. Den besonderen Kunden haben wir nie mehr zu Gesicht bekommen. Das hat uns geprägt. Nun ja, wenn ich die heutige Insolvenzverordnung sehe, dann stellen sich bei mir ebenso die Nackenhaare in die Höhe. Aus wichtigem Grund mußten wir 1993/94 umschulden, sozusagen in ein Meta-Kredit-Programm. Trotz aller Förderungen, die wir bekamen, ging kein Weg daran vorbei, daß unsere dann noch 21 Gesellschafter in die persönliche Haftung genommen wurden. Auch das hat uns geprägt, hat uns in unserer Einstellung auf Vermögenswerte das Wort Ausschüttung streichen lassen. Heute haben wir eine Eigenkapitalquote von knapp 60 Prozent – das macht uns stolz. Nicht nur nebenbei möchte ich bemerken, daß wir alle uns gewährten Zuschüsse über Steuerzahlungen mehr als zurückgezahlt haben. Wenngleich das einen ehemaligen Wirtschaftsminister aus Thüringen überhaupt nicht interessiert hat. Unsere Mitgliedschaft in unserem Verband Fenster + Fassade, in unserer RAL – Gütegemeinschaft und der Erwerb weiterer Standorte in Deutschland sowie der Aufbau unseres litauischen Unternehmens waren ebenso wichtige Meilensteine. Wir haben nach den Regeln eines ordentlichen Kaufmanns unsere Investitionspolitik gestaltet. An erster Stelle standen dabei immer wieder Investitionen in die Fertigungsbereiche. Erst nach 23 Jahren haben wir ein neues Gebäude mit der Ausstellung „Faszination Fenster + Türen“ errichtet.

NTI: Was bedeutet Ihnen die positive Entwicklung des Unternehmens persönlich?

HELBING: Es ist unser Lebenswerk, das soll es auch bleiben. Wir sind TMP! – lautet ein Spruch in unserem Haus.

 

„Es ist unser Lebenswerk.“

 

NTI: Wie viele Mitarbeiter hat das Unternehmen heute und wie haben sich Mitarbeiterzahl und Umsatz über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt?

HELBING: Unsere Unternehmensgruppe hat heute an drei Standorten in Deutschland und einem Standort in Litauen 270 Mitarbeiter. Wir erwirtschaften 40 Millionen Euro. 2010 waren es 32 Millionen Euro mit 225 Beschäftigten.

NTI: Wo liegen die Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft von TMP?

HELBING: Ich nenne die wichtigsten „Schlüssel“, ohne dabei eine Bewertung vorzunehmen: Engpässe erkennen und Entscheidungen treffen, modernste Technik zur Anwendung bringen, auch unter Betrachtung der Amortisationszeit, Offenheit und Klarheit in den Entscheidungsprozessen pflegen, Versprechen, die dem Kunden gegeben wurden, ohne Wenn und Aber einhalten, Handeln nach dem vom Kunden vorgegebenen Schrittmaß, besser und exakter auf allen Ebenen kommunizieren und Mitarbeitern vertrauen und Verantwortung übertragen.

NTI: Gibt es seitens der Bundesregierung aktuelle Bestrebungen, die steuerlichen Anreize zu verbessern, um die Sanierung des Fensterbestands in Deutschland voranzutreiben?

HELBING: Nachdem die Bundesregierung im zweiten Anlauf endlich im letzten Dezember die steuerliche Förderung der energetischen Sanierung in den Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) aufgenommen hatte, schien es nur eine Formalität zu sein, daß dieses Vorhaben bis Ende Februar auch umgesetzt wird. So hatten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, in Briefen an mich als dem VFF-Präsidenten versichert. Doch statt dessen gab es, obwohl alle eigentlich von dieser Maßnahme überzeugt waren, im Koalitionsausschuß ein kleinliches Hick-Hack um die Form der Gegenfinanzierung. Momentan hängt dieses Projekt förmlich in der Luft, und es ist zu befürchten, daß die steuerliche Förderung erneut scheitert. Sie können mir glauben: Der VFF ist maßlos enttäuscht von der Politik! Zumal es überzeugende Argumente gibt, daß angesichts der mit der steuerlichen Abschreibung zu aktivierenden Investitionen gar keine Gegenfinanzierung notwendig ist. Man rechnet, daß Investitionen im Baubereich einen Hebel von 1:8 bis 1:12 Euro haben und somit jeder investierte Euro sich vielfach zurückzahlt: ein Konjunkturprogramm also, das sich auch für den Steuerzahler rechnet.

Das Interview führte MICHAEL SCHLUTTER.

Bad Langensalzer TMP-Geschäftsführer Bernhard Helbing: „Wir waren alle branchenfremd und sozusagen Frischlinge.“

Foto: PAF-ARCHIV

NTI Ausgabe 03-2015

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