NEWS 01.05.2015: .„Es gibt Ärger, Frau Lieberknecht randaliert“

Vor fast 25 Jahren trat der erste Thüringer Nachwende-Ministerpräsident Josef Duchac (CDU) von seinem Amt zurück. In einem Interview des heutigen Ruheständlers mit der Neuen Thüringer Illustrierten wird deutlich, daß Duchac vor allem an seiner Inkonsequenz und an fehlendem Mut scheiterte und für ein solches Amt schlicht ungeeignet war.

Seine Regierungszeit war nur von kurzer Dauer: Josef Duchac hatte als Spitzenkandidat der CDU am 14. Oktober 1990 die Landtagswahl klar gewonnen. Drei Wochen später, am 8. November, wählte ihn das Landesparlament zum ersten Ministerpräsidenten Thüringens nach der politischen Wende. Doch schon 15 Monate später reichte er seinen Rücktritt ein. In einem Interview in der Ausgabe 3/2015 der Neuen Thüringer Illustrierten erinnert sich der inzwischen nahezu erblindete und in der Familie seiner Tochter bei Berlin lebende Ruheständler an die spannenden Tage und Wochen vor 25 Jahren zurück.

Begonnen hatte Josef Duchacs rascher Aufstieg zum ersten Bürger im Land allerdings mit einer Niederlage. Denn 1990 wurde er eben nicht wie erhofft zum Landesvorsitzenden der Thüringer CDU gekürt. Gemeinhin gebührt dem Vorsitzenden das erste Zugriffsrecht auf die Spitzenkandidatur. Dem NTI-Redakteur Klaus Ranglack erklärt der Interviewte, wie er als Unterlegener trotzdem noch als Spitzenkandidat für die Landtagswahl nominiert wurde: „Auf dem CDU-Landesparteitag in Erfurt mußte ein neuer Landesvorsitzender gewählt werden. Ich fühlte mich prädestiniert für dieses Amt, bewarb mich vor den Delegierten und war mir sicher, daß sie mich wählen würden. Doch da war ich falsch gewickelt. Willibald Böck hatte seine Kandidatur bestens vorbereitet. Er hinterließ den besseren Eindruck und wurde gewählt. Für mich blieb nur Platz zwei. Und mir war klar, daß der Landesvorsitzende nun auch Spitzenkandidat wird. Allerdings habe ich es versäumt, offiziell von meiner Kandidatur zurückzutreten, und bin enttäuscht nach Hause gefahren. Angeblich hatte ich dann bei der Wahl des Spitzenkandidaten mehr Stimmen gehabt als Böck. Die exakten Zahlen kenne ich allerdings bis heute nicht.“

 

„Das war mein Fehler“

Eben noch ein strahlender Sieger, und dann doch nur die Nummer zwei – das war gerade für einen Machtmenschen wie Willibald („der Hammer“) Böck keine leichte Situation. „Wir saßen hinter verschlossenen Türen lange beieinander und stimmten schließlich darin überein, daß wir es unter den schwierigen Thüringer Verhältnissen mit einer Doppelspitze hinkriegen könnten“, erinnert sich Duchac und stellt fest: „Unser Verhältnis blieb trotzdem getrübt.“ Erfahrene Politiker wie Walther Wallmann in Hessen rieten Duchac, Böck ins Kabinett zu übernehmen. Wenn er sich dort nicht loyal verhalte, könne er ihn immer noch entlassen. „Das eine habe ich getan, das andere traute ich mir nicht“, stellt der Alt-Ministerpräsident selbstkritisch fest.

Dabei sei Duchac mit Böcks Arbeit als Innenminister nicht zufrieden gewesen. Wichtige Aufgaben wie die Polizei- und eine Gebietsreform seien nur schleppend vorangekommen. „Ich hätte ihn auch deshalb gern aus der Schußlinie genommen“, überlegte Duchac, doch zur Entscheidung fehlte ihm der Mut. „Es wäre wohl nicht gut gewesen, den Landesvorsitzenden der CDU zu entlassen. Deshalb habe ich ihm in einem langen Gespräch empfohlen, von sich aus aufzuhören und sich um den Fraktionsvorsitz zu bewerben, wenn dessen Neuwahl ansteht. Das hat er auch zugesagt. Davon ist er dann aber abgewichen, möglicherweise auch deshalb, weil das als Schuldeingeständnis hätte ausgelegt werden können.“

Die Entlassung des Innenministers hätte eine Kabinettsumbildung erforderlich gemacht. Ein Wagnis, das Duchac nicht eingehen wollte: „Darüber habe ich auch nachgedacht. Aber dazu fehlten mir Mut und Erfahrung. Ein Kabinett kann man nicht umbilden, indem man vorher mit anderen darüber redet. Eine Kabinettsumbildung muß man machen. Und damit Schluß. Das war mein Fehler. Und das hat mich viel Vertrauen gekostet: von denen, mit denen ich nicht gesprochen habe, wie von jenen, die um ihren Posten fürchteten.“

 

„Das hat mir sehr geschadet“

Vor allem die Vorwürfe und Gerüchte, daß der frühere Laienschauspieler vor der politischen Wende als Stasi-Clown aufgetreten sei, machten dem Ministerpräsident in seiner kurzen Karriere zunehmend zu schaffen.

Clown Ferdinand sei eine Figur der Gothaer Karnevalsgemeinschaft gewesen, stellt Duchac klar. „Der hat in den Büttenreden natürlich auch politische Witze gerissen. Und das hat wiederum nichts damit zu tun, daß ich die Auftritte einer Volksmusikgruppe moderierte. Dabei habe ich auch Pointen aus meinen Büttenreden eingestreut, ohne immer gleich zu wissen, vor welchen Leuten wir gerade gastierten, nämlich gelegentlich auch in Stasi-Heimen. Das wurde mir erst klar, als man mir Hausverbot erteilte. Diese Fakten haben jene, die später darüber berichteten, jedoch geflissentlich übergangen. Das hat mir sehr geschadet. Denn wer damals mit der Stasi in Verbindung gebracht wurde, der hatte von vornherein immer schlechte Karten.“

Daß damals sogar ein Foto kursierte, das den Regierungschef im Kostüm des Stasi-Clowns zeigte, bezeichnet Duchac im NTI-Interview als das Unredlichste an der ganzen Sache. „Ich bin nie als Clown Ferdinand in einem Ferienheim aufgetreten, schon gar nicht in einem Stasi-Heim. Und das Foto hat man sich bei meiner Frau unter dem Vorwand erschlichen, man wolle einen schönen Artikel über den Gothaer Karneval schreiben, in dem ich – und das trifft zu – damals sehr aktiv war. Dieser Vorfall hat mein Vertrauen in den freien Journalismus doch einigermaßen erschüttert.“ Doch nicht nur in den. „Sehr enttäuscht war ich aber auch, wie sich meine Fraktion dazu verhalten hat. Die Mitglieder waren sicher alle entsetzt. Aber keiner hat mit mir darüber gesprochen. Und ich war zu stolz, das selber ins Gespräch zu bringen. Das Vertrauensverhältnis war zu diesem Zeitpunkt schon gestört.“

 

„Keine Unterstützung mehr für mich“

Vor allem die Christdemokratin Christine Lieberknecht sorgte dafür, daß sich die Situation weiter zuspitzte und läutete quasi den Rücktritt von Duchac ein: „Die Stimmung in der Regierung hatte sich verschlechtert und schien zu kulminieren, als ich zum Dienstgespräch bei Bundeskanzler Kohl in Bonn war. Dort erreichte mich ein Anruf des Finanzministers, der mich aufforderte, sofort zurückzukommen. Es gebe Ärger, Frau Lieberknecht würde randalieren. Daraufhin hat Helmut Kohl in meinem Beisein Frau Lieberknecht angerufen und ihr gesagt: ,Halten Sie Ruhe bis der Chef zurückkommt‘“.

Doch der reichlich unbedarfte Duchac stattete zunächst der Internationalen Grünen Woche in Berlin einen Besuch ab. „Auf dem Rundgang mit allerlei politischer Prominenz bekam ich den zweiten Anruf aus Erfurt: Drei Minister seien zurückgetreten. Was macht man in so einer Situation? Die Politprofis, mit denen ich den Rundgang unternommen hatte, rieten mir, zurückzukehren, mit den Dreien zu sprechen, sie für den Fall, daß sie auf ihrem Standpunkt beharren, gehen zu lassen, das Kabinett umzubilden und anschließend die Zustimmung der Fraktion einzuholen. Verweigert die Fraktion ihre Zustimmung, dann nimmst du deinen Hut und gehst. Genauso bin ich vorgegangen. Die drei Minister – Frau Lieberknecht, Herr Zeh und Herr Lengemann, seinerzeit Minister für besondere Angelegenheiten – wollten von ihrem Rücktritt nicht zurücktreten. Das Vertrauensverhältnis zu mir sei zerstört. Da war nichts mehr zu machen. Ich habe also den Rücktritt angenommen, mir überlegt, wie ich das Kabinett umbilde und bin in die Fraktion gegangen. Aber da gab es keine Unterstützung mehr für mich, auch von Willibald Böck nicht, der schon mal die Schlagzeilen der Zeitungen des nächsten Tages voraussagte: ,Alt-Blocki entläßt Lieberknecht‘. Das hat unter anderem sicher dazu geführt, daß sich auch jene Abgeordneten reserviert verhielten, die mit der Materie nicht so vertraut waren. Ich habe dann die Vertrauensfrage gestellt und mußte feststellen, daß ich das Vertrauen einer ganzen Reihe Leute nicht mehr besaß. Unter diesen Bedingungen konnte und wollte ich nicht weiterarbeiten und habe meinen Rücktritt erklärt.“

Politprofi Bernhard Vogel, der in dieser für das Land schwierigen Zeit, als CDU-Parteisoldat die Regierungsgeschäfte wenig später übernahm und  alsbald in geordnetere Bahnen lenkte, brachte es wohl auf den Punkt, als er das Scheitern seines Vorgängers damit erklärte, daß dieser „nicht die notwendigen Voraussetzungen“ für dieses Amt mitbrachte.

 

„Ich bin hier und ernte, wo ich nicht gesät habe.“

Von seinem unmittelbaren Nachfolger ist Josef Duchac noch heute angetan: „Ich habe dankbar empfunden, daß er mich nie in die Pfanne gehauen hat. Er hätte als mein Nachfolger notfalls immer sagen können: ;Das war Duchac‘. Doch das hat er nie getan. Eher das Gegenteil war der Fall.“

So zum Beispiel als Vogel zur Einweihung des Logistik-Zentrums des Otto-Versandes im Duchac-Wahlkreis Gotha die Festrede hielt und klarstellte:„Ich bin hier und ernte, wo ich nicht gesät habe. Wer das alles initiiert hat, der sitzt da unten in der ersten Reihe: Guten Tag, Herr Duchac“.

Einer, der den Abgang von Josef Duchac unmittelbar miterlebt hat, ist Frank Michael Pietzsch, der spätere Gesundheitsminister und Landtagspräsident. Pietzsch gehörte von Anfang an zum engeren Führungsgremium der Thüringer CDU und war zum Zeitpunkt der Regierungskrise 1991 und dem Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten selbst Vorsitzender des Verfassungsausschusses im Thüringer Landtag. Rückblickend sagt er über Duchac: „Er war eine ehrliche Haut. Er ist über eine Banalität gestolpert, die ins Uferlose hochgeputscht wurde. Mit dem Rücken zur Wand, nur noch auf Abwehr bedacht, vermochte er weder Politik zu machen noch zu regieren. Sein Rücktritt war dann unvermeidlich.“

Und: „Josef Duchac tat und tut mir leid.“

JÖRG SCHUSTER

01.05.2015

 

Thüringens Nachwende-Ministerpräsident Josef Duchac (CDU): „Nicht die notwendigen Voraussetzungen“.

Foto: CLAUS BACH

 

Thüringer Regierungschef Duchac zu Besuch in einer Hundeschule: Fehlende Erfahrung.

Foto: CLAUS BACH

 

Duchac-Widersacher Willibald Böck (CDU): „Unser Verhältnis blieb getrübt.“

Foto: JANE DULFAQAR

 

Duchac-Nachfolger Bernhard Vogel (CDU): „Ich habe dankbar empfunden, daß er mich nie in die Pfanne gehauen hat.“

Foto: DIETER SCHMIDT

 

Thüringer Christdemokratin Christine Lieberknecht: „Halten Sie Ruhe bis der Chef zurückkommt.“

Foto: WST-ARCHIV

 

Onlineportal der Neuen Thüringer Illustrierten (nti-online.net)

Duchac-Desaster


Die Christdemokraten selbst tragen Schuld an dem Duchac-Desaster.Es war gut gemeint, aber einem übertriebenem Demokratieverständnis geschuldet, eine Doppelspitze (Duchac = Regierungschef, Böck = Parteivorsitzender) zu installieren. Aber aus dieser Fehlentscheidung hat die Thüringer CDU gelernt. Fortan bis heute werden beide Ämter grundsätzlich von einer Person geführt.

„Es gibt Ärger, Frau Lieberknecht randaliert“


Was wurde vor allem in der unmittelbaren Nachwendezeit hierzulande über die westimportierten Politiker und Verwaltungsfachleute geschimpft! Es wurde gewettert darüber, dass den Kräften von hier an der Spitze nun ausgerechnet und zumeist Leute aus dem Westen vorangestellt wurden.
Was oft vergessen wurde: Es fehlte den Einheimischen ganz logisch unter den völlig neuen und bislang unbekannten Bedingungen einfach die Erfahrung und auch das nötigte Wissen, um das Geschehen unter den neuen Verhältnissen auf Anhieb meistern und lenken zu können.
Josef Duchac ist in dieser Hinsicht ein anschauliches Beispiel. Seine Unerfahrenheit, seine Naivität, sein wenig souveräner Umgang mit der eigenen Vergangenheit, sein tollpatschiges Auftreten führte zu chaotischen Zuständen im neuen Bundesland Thüringen. Es zeigte sich auch: Politik ist ein gnadenloses Geschäft. Dem war ein Josef Duchac zu keiner Zeit gewachsen. Kein Wunder, dass es in seiner eigenen Partei kräftig rumorte.
Erst der „Westimport“ Bernhard Vogel brachte das Land auf Erfolgskurs. Er war der komplizierten Situation absolut gewachsen und ein Segen für Thüringen.

Segen für Thüringen


Amen!

Duchac


Hochachtung vor der klaren Sicht Duchacs auf seine kurze Amtszeit! Von den aktuell aktiven Politikern ist eine solch ehrliche Selbstreflexion weder heute noch später zu erwarten. Und genau dies war D.s Problem: Andere - schon damals durchaus vorhandene Egoshooter - hatten sich mit Hilfe gutem Rates aus dem Westen zielsicher mit Duchac die schwächste Person ausgeguckt, um sie und ihre zwangsläufig erwarteten Fehler als Sprungbrett für ihre eigene Karriere zu nutzen.
D.s Schwäche war eben seine Ehrlichkeit - und eine ungenügende Portion Egoismus. Ihm mangelte es an der Selbstverherrlichung a la Lieberknecht oder an der einem Franz Joseph Strauß nacheifernden Polterkraft eines W. Böck. Doch genau diese Mängel lassen den heute fast erblindeten Duchac sich selbst klarer sehen und erkennen als es den anderen von Althaus über Dewes, Bohn, Lieberknecht, Matschie, Poppenhäger bis Ramelow, Lauinger und Tiefensee jemals gelingen wird.

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Grüße Werner

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