„Kein Plan, kaum Zeit, doch viel Enthusiasmus“

Er nimmt im deutschen Föderalismus eine Sonderstellung ein: Ministerpräsident in zwei Bundesländern; dienstältester und dienstlängster Regierungschef seit Bestehen der Bundesrepublik. NTI besuchte Dr. Bernhard Vogel (81) an seinem Wohnsitz in Speyer. Das CDU-Urgestein, den Wanderurlaub in Südtirol noch in den Beinen, präsentierte sich fit wie ein Turnschuh.

Am Wochenende hatte er dem Bundeskanzler noch versichert: „Ich gehe nicht nach Thüringen.“ Einen Tag später, am Abend des 27. Januar 1992, kam er nach Erfurt. Stellte sich im Landtag der CDU-Fraktion. Und sagte nach einem anregenden Gespräch: „Ich mach’s.“ Helmut Kohl, der den ursprünglichen Entschluß akzeptiert hatte, billigte auch die neue Entscheidung des Freundes. Neun Tage später, am 5. Februar 1992, wurde Dr. Bernhard Vogel als zweiter Thüringer Ministerpräsident nach der politischen Wende vereidigt.

NTI: Herr Dr. Vogel, wie haben Sie die politische Wende in der DDR erlebt?

VOGEL: Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls in Berlin, war ich als Gast des Bundeskanzlers mit ihm und seiner Delegation in Warschau. In Warschau habe ich die Fernsehbilder von der Öffnung der Mauer und der Begeisterung der Menschen am Brandenburger Tor und an anderen Stellen gesehen. Helmut Kohl hat seinen Staatsbesuch in Polen damals unterbrochen und ist nach Berlin geeilt: im Flugzeug über Skandinavien und Hamburg, weil Flugzeuge der Bundesrepublik die DDR nicht überfliegen durften. Wir sind auf seine Bitte hin in Warschau zurückgeblieben in der Befürchtung, er würde nie wiederkommen. Doch zwei Tage später, am 11. November, kehrte er zurück und wir haben den Staatsbesuch wie geplant fortgesetzt.

NTI: Das Angebot, Ministerpräsident in Thüringen zu werden, erreichte Sie – so wird erzählt – völlig überraschend. Sie haben zunächst abgelehnt, sind dann aber doch nach Erfurt gegangen. Was gab den Ausschlag?

VOGEL: Als mein Vorgänger Josef Duchac im Januar 1992 zurücktrat, gab es, unter anderem in den Medien, eine Diskussion über seine Nachfolge. Dabei ist auch mein Name genannt worden. Aber ich war mir am Abend des 26. Januar mit Bundeskanzler Helmut Kohl einig, daß ich an der Spitze der Adenauer-Stiftung dringend gebraucht würde. Denn die Stiftung stand mit dem Mauerfall am 9. November in der DDR und der Entwicklung in der Sowjetunion vor einer Fülle neuer Aufgaben. Plötzlich bot sich die Möglichkeit, auch in Ländern wie Polen, Ungarn und Tschechoslowakei Büros eröffnen zu können. Ich war in der Tat als Stiftungs-Vorsitzender in hohem Maße gefordert.

NTI: Aber es kam anders.

VOGEL: Am nächsten Tag, am 27. Januar, hat sich ein Kreis von Thüringer Repräsentanten der CDU – Herr Duchac, Herr Böck, Frau Lieberknecht und Herr Schwäblein – bei Helmut Kohl, der auch CDU-Vorsitzender war, getroffen. Dort hat man sich offensichtlich zunächst nicht verständigen können, weil Helmut Kohls Vorschläge nicht die Zustimmung der Thüringer und die Vorschläge der Thüringer nicht die Zustimmung des CDU-Bundesvorsitzenden fanden. So hat man sich schließlich, ohne daß ich daran beteiligt oder informiert war, auf mich geeinigt. Gegen Mittag hat mich Helmut Kohl dann in einer Wirtschaft in München beim Mittagessen erreicht und entgegen unserer Vereinbarung vom Vorabend gebeten, mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Erfurt zu begeben. Am Abend des 27. Januar bin ich dann zunächst Gast des Parteivorstandes und danach der Fraktion der Thüringer CDU gewesen.

NTI: Sie waren nicht der einzige Kandidat. Andere aus der CDU-Fraktion des Thüringer Landtages präferierten Frau Süssmuth, damals Präsidentin des Bundestages. Hätten Sie es auf eine Kampfabstimmung ankommen lassen?

VOGEL: Nein! Auf keinen Fall! Doch am Abend des 27. Januar 1992 war ich der einzige Kandidat. Sonst wäre ich gar nicht erst nach Erfurt gefahren.

NTI: Christine Lieberknecht hatte die Wachablösung mit ihrem Rücktritt als Ministerin ausgelöst …

VOGEL: Das war vor meiner aktiven Teilnahme. Entscheidend für mein Kommen war der Rücktritt von Josef Duchac.

NTI: … Wenn man der jüngsten Buchveröffentlichung, die den Aufstieg der aktuellen Ministerpräsidentin beschreibt, glauben darf, hätten Sie Frau Lieberknecht danach viele Jahre die kalte Schulter gezeigt …

VOGEL: Davon kann überhaupt keine Rede sein. Das geht schon aus der Tatsache hervor, daß ich nach der Wahl zum Ministerpräsidenten am 5. Februar 1992 selbstverständlich auch Frau Lieberknecht in mein Kabinett aufgenommen habe.

NTI: Die Meinungen über Thüringens ersten Ministerpräsidenten nach der politischen Wende gehen auseinander: Frank-Michael Pietzsch, in Ihrem Kabinett Sozialminister, bezeichnete ihn in der NTI als „ehrliche Haut“; Frieder Lippmann, später SPD-Fraktionsvorsitzender, forderte seinerzeit offen zum Rücktritt auf. Wie haben Sie Josef Duchac erlebt?

VOGEL: Zunächst muß ich sagen, daß ich von Anfang an ein hervorragendes, geradezu freundschaftliches Verhältnis zu meinem Vorgänger hatte und bis heute habe. Ich empfinde Hochachtung vor dem, was er anfangs als Landesbeauftragter und dann als Ministerpräsident unter extrem schwierigen Bedingungen zu bewältigen hatte. Man muß allerdings sehen: Herr Duchac war auf die Aufgabe, die auf ihn zukam, nicht vorbereitet. Er ist von einer Stunde zur anderen in dieses Amt gekommen, das unendlich viele Schwierigkeiten mit sich brachte. Ich habe Verständnis, daß er nicht alle Probleme sofort lösen konnte.

NTI: Herr Duchac wurde seinerzeit als Stasi-Clown verteufelt. Hätte er 20 Jahre später auch gehen müssen?

VOGEL: Da wurden damals alle möglichen Gerüchte um ihn verbreitet. Eigentlich stand doch zur Debatte, daß eine so schwierige Aufgabe unter so schwierigen Bedingungen zu lösen war, daß er dafür vielleicht nicht die notwendigen Voraussetzungen mitgebracht hat. Das war doch der entscheidende Grund. Nicht die Stasi-Geschichte.

NTI: Welche Situation fanden Sie in Erfurt vor?

VOGEL: Die Situation eines großen Feldverbandsplatzes. Es mußte eine Fülle von Entscheidungen sofort getroffen werden, ohne daß man dazu die notwendige Zeit und die notwendigen Voraussetzungen hatte. Denn niemand, weder in Thüringen noch im Westen Deutschlands, hatte je einen Plan ausgearbeitet, wie man den 1952 untergegangenen Freistaat wieder errichtet. Das mußte aus dem Stegreif geschehen, genauso wie ja auch die Wiedervereinigung insgesamt ein unvorbereitetes Ereignis war, auf das von heute auf morgen reagiert werden mußte.

NTI: Können Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung erinnern?

VOGEL: Die erste „Amtshandlung“ bestand darin – nachdem sich die Fraktion eindeutig für mich ausgesprochen hatte –, mit dem Koalitionspartner Verbindung aufzunehmen, denn zur Wahl bedurfte es ja der Bestätigung der Koalition. Mit dem Fraktionsvorsitzenden der FDP, Herrn Kniepert, war zu klären, ob die FDP bereit war, meine Kandidatur mitzutragen. Was sie getan hat.

NTI: Ihr Kabinett hatten Sie schon im Vorfeld beieinander?

VOGEL: Nein, das war sicherlich die größte Schwierigkeit der ersten Tage. Ich kannte in Thüringen nur fünf, sechs Leute mit Namen. In DDR-Zeiten war ich als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz zwar mehrfach in Thüringen, um mir ein Bild auch von dieser deutschen Region zu machen, aber diese Besuche waren sämtlich privat. Sie galten Schlössern und Burgen wie der Wartburg und Städten wie Weimar, Erfurt und Jena. Ich hatte also keinerlei Kenntnis über Personen. Es galt daher, zunächst einmal die amtierenden Ministerinnen und Minister kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen und mir zu überlegen, ob ich sie übernehmen oder ob ich wie beispielsweise im Fall Dieter Althaus auch neue Gesichter in das Kabinett berufen sollte.

NTI: Das Ergebnis Ihrer Überlegungen ist in guter Erinnerung geblieben: Sie haben vor allem auf Leute gesetzt, die schon am Kabinettstisch von Josef Duchac saßen.

VOGEL: Das war zwar ein außerordentlich schwieriger Prozeß. Aber ich bin bis heute ebenso überrascht wie auch stolz darauf, daß ein erheblicher Teil der Erstberufenen sehr lange an meiner Seite im Thüringer Kabinett gewirkt hat, beispielsweise Volker Sklenar, der länger als jeder andere Minister in der Bundesrepublik Deutschland war.

NTI: Wenn Sie auf die Anfänge in Erfurt zurückblicken – was ist am schwersten gefallen?

VOGEL: Die schwierigste Aufgabe war ohne Zweifel der Umbau der sozialistischen Planwirtschaft in die Soziale Marktwirtschaft. Es galt, dafür zu sorgen, daß Thüringen ein industrialisiertes Land blieb und nicht – die Gefahr drohte sehr unmittelbar – deindustrialisiert wurde. In den ersten Jahren haben die Thüringer viele Produkte gekauft, die nicht in der DDR produziert worden waren. Und vielfach Produkte produziert, die nicht gekauft wurden. Wir hätten, zum Beispiel, den Wartburg weiter in Eisenach fertigen können. Aber niemand hätte ihn noch gekauft. Die Leute wollten Westautos. Es ging also zuerst und vor allem darum, sicherzustellen, daß nicht der Westen die Bedarfsdeckung im Osten übernimmt, sondern daß in den neuen Ländern und speziell in Thüringen wieder eine eigene, vor allem mittelständische Industrie aufgebaut wird.

NTI: Was lebt fort aus Ihrer Zeit als Ministerpräsident?

VOGEL: Ich glaube, 20 Jahre später darf man in aller Bescheidenheit sagen, daß es gelungen ist, Thüringen zu einem akzeptierten Land unter den 16 deutschen Bundesländern zu entwickeln. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, daß wir nach 20 Jahren in Thüringen eine niedrigere Arbeitslosigkeit als in Nordrhein-Westfalen aufweisen. Wenn ich das gewußt hätte, wäre mir manches sicher viel leichter gefallen.

NTI: Was hätten Sie mit dem Wissen von heute unter Umständen besser machen sollen?

VOGEL: Ohne Frage sind bei der Fülle der Aufgaben auch Fehler passiert und Fehlentscheidungen getroffen worden. Heute ist es relativ leicht, im Rückblick alle möglichen Anmerkungen zu machen. Aber darauf kommt es, glaube ich, nicht an. Insgesamt ist es erfreulicherweise gelungen – und zwar in besonderer Weise den Männern und Frauen aus Thüringen, die Hand angelegt haben –, den Auftrag zu erfüllen, zwar nicht vollständig, aber doch im Wesentlichen. Anfangs gab es im Osten gelegentlich die Vorstellung, im Westen sei alles in Butter. Im Laufe der Jahre hat man dann gelernt, daß auch im Westen jede Menge Probleme existieren. Das ist heute kaum anders: Die Liste der Aufgaben ist lang, und es lohnt, sich zu engagieren und mit diesen Aufgaben fertig zu werden.

NTI: Ihre schlimmste Niederlage?

VOGEL: Natürlich schmerzt mich bis heute, daß es am Anfang eine sehr hohe Arbeitslosigkeit gegeben hat und daß bis heute Bürgerinnen und Bürger darunter leiden, daß sie als Folge der Überwindung der Teilung ihren angestammten Arbeitsplatz verloren und zum Teil nie wieder einen vergleichbaren Arbeitsplatz gefunden haben.

NTI: Damals in der NTI prognostizierten Sie, daß Thüringen und Sachsen in Zukunft wieder „zentrale Industriestandorte der Bundesrepublik“ sein würden. Die jüngsten Zahlen scheinen Ihnen recht zu geben. Offensichtlich sind die wichtigsten Weichen – ICE und Waldautobahn – unter Ihrer Regentschaft richtig gestellt worden.

VOGEL: Ich will unseren Beitrag natürlich nicht selbst vergrößern. Aber ich lege schon Wert darauf, daß Thüringen und auch Sachsen in vieler Beziehung aufgeschlossen haben zu den alten Ländern. Daran sind wir nicht ganz unbeteiligt gewesen.

NTI: Wo sehen Sie Thüringen heute?

VOGEL: Auf einem guten Mittelplatz unter den Ländern, aber noch nicht dort, wo ich mir Thüringen für die Zukunft wünsche, nämlich in der Spitzengruppe der Länder. Wir waren eigentlich seit 1994 nach den elf westdeutschen Ländern die Nummer zwölf. Wir sind heute in mancher Beziehung – wie etwa bei der Arbeitslosigkeit – deutlich weiter vorn. Aber meine Vorstellung ist, daß wir den Platz erreichen müssen, den wir ohne deutsche Teilung selbstverständlich von Anfang an eingenommen hätten. Soweit sind wir jedoch noch nicht. Noch sind die Verschuldungsproblematik, die Eigentumsstruktur und die Einkommensstruktur in Thüringen nicht so wie im Westen Deutschlands.

NTI: Sie sprechen es an: Unter Ihrer Ägide hat Thüringen einen Schuldenberg angehäuft, der auf mindestens 16 Milliarden Euro beziffert wird. Thüringen hat daran noch heute zu knapsen …

VOGEL: Ich weiß nicht, ob man heute noch daran knapst. Denn immerhin hat Thüringen zuletzt einen ausgeglichenen Haushalt zustande gebracht. Im übrigen: Ich lege Wert darauf, wenn schon von Schulden, die zu meiner Zeit gemacht worden sind, geredet wird, dann möge man bitte bedenken, wofür sie gemacht wurden. Sie wurden im Wesentlichen für Zukunftsinvestitionen getätigt, die sich, wie erwartet, langfristig ausgezahlt haben und deswegen gerechtfertigt sind. Schulden zu machen, die in den Konsum gehen, sind unverantwortlich. Schulden zu machen, um beispielsweise die Universität Erfurt wieder zu gründen, das war eine Investition in die Zukunft.

NTI: Sie wollten für Thüringen „jene Vollbeschäftigung erreichen, die über Jahrzehnte zu den Standardwerten der alten Bundesrepublik gehörte.“ Das von Ihnen ausgegebene Zwischenziel – acht Prozent – ist inzwischen erreicht und in manchen Thüringer Regionen schon unterschritten. Fühlen Sie sich bestätigt?

VOGEL: Ich freue mich schlichtweg darüber und sage: Wer immer Kritik an uns übt, möge das nicht ganz übersehen.

NTI: Nicht bestätigt hat sich hingegen Ihre Prognose, daß die PDS, die heute Die Linke heißt, ein „Auslaufmodell“ sei.

VOGEL: Die PDS hat sich als länger lebensfähig erwiesen als ich dachte. Trotzdem bleibe ich auch heute bei meiner Erwartung, daß sie in der deutschen Parteiengeschichte kein sehr langes Leben haben wird.

NTI: Zunächst aber könnte es am 14. September in Thüringen sogar zu einem Ministerpräsidenten aus den Reihen der Linken kommen …

VOGEL: Diese Gefahr sehe ich. Und sie erfüllt mich mit großer Sorge. Denn ich möchte nicht, daß Stasi-Aktivisten und SED-Mitglieder nach 25 Jahren wieder Einfluß auf die Regierungsarbeit nehmen können.

NTI: Damals bezeichneten Sie eine Koalition mit den Grünen als „nahezu unmöglich“. In Hessen regiert Schwarz-Grün heute relativ lautlos; in Thüringen können sich CDU-Amtsträger wie Fraktionschef Mike Mohring eine Zusammenarbeit mit den Bündnisgrünen vorstellen und werben sogar dafür. Haben sich die Zeiten geändert?

VOGEL: Es ist keine Frage, daß sich bei den Grünen – sowohl was ihre Programmatik als auch was ihre Wählerschaft betrifft – in den vergangenen 20 Jahren bemerkenswerte Veränderungen vollzogen haben. Die Partei von Joschka Fischer und die Partei Bündnis 90 waren anders als die Grünen heute, wenn man nur ihre Haltung zum Konflikt in der Ukraine heranzieht. Heute halte ich in der Tat die Partei der Grünen für einen der denkbaren Koalitionspartner – so wie sich das derzeit in Hessen für die CDU und in Baden-Württemberg für die SPD zeigt.

NTI: Die Gebietsreform von 1994 haben Sie damals in der NTI als „Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit Thüringens“ genannt. Heute sträuben sich Ihre Thüringer Freunde mit Händen und Füßen gegen eine neuerliche Reform. Teilen Sie deren Auffassungen?

VOGEL: Die Gebietsreform von 1994 war in der Tat zwingend notwendig, denn es gab noch Kreise mit nur 35.000 Einwohnern. Es ist eines der großen Verdienste des damaligen Innenministers Franz Schuster, die Reform durchgesetzt und damit erreicht zu haben, daß die Größe der Thüringer Kreise mit der Größe der westdeutschen vergleichbar wurde. Jetzt, nach 20 Jahren, stellt sich offensichtlich für manche die Frage neu. Dazu nur soviel: Ich warne vor anonymen Großkreisen, in denen der Landrat die Gemeinden, für die er verantwortlich ist, selbst nicht mehr kennt, und in denen die Bürger den Namen des Landrats nicht mehr kennen.

NTI: Die Politik-Verdrossenheit vieler Thüringer hat Sie damals sehr betroffen gemacht. Wie fällt Ihr Urteil heute aus?

VOGEL: Daß es Politik-Verdrossenheit gibt, muß man realistisch feststellen. Ich bedauere das sehr, weil ich den Eindruck habe, daß dies zwar an manchem Politiker liegt, der sich so verhält, wie man sich nicht verhalten sollte. Es liegt aber auch ein bißchen daran, daß sich manche Bürger aus dem einen oder anderen Versagen der Politik heraus ihr Urteil bilden und nicht über die Leistungen, die von der Politik gerade in Thüringen in den vergangenen 25 Jahren doch auch vollbracht wurden.

NTI: Damals fragte Sie die NTI, ob es Augenblicke gegeben habe, wo Sie sich sagten: „Mein Gott, was mache ich hier eigentlich?“ Da waren Sie gerade etwas mehr als zwei Jahre im Amt. Weitere neun Jahre folgten. Wie antworten Sie heute?

VOGEL: Damals, 1992, habe ich mir nicht vorstellen können, daß ich fast zwölf Jahre an der Spitze der Landesregierung stehen würde. Mir war zwar bewußt, daß ich mich auf ein großes Abenteuer einlasse, größer noch als ich es mir damals, als ich ja sagte, habe vorstellen können. Und ich bin sehr froh, daß ich nicht alle Probleme vorher kannte, weil ich nicht weiß, ob ich dann noch den Mut gehabt hätte, der Bitte der Thüringer zu entsprechen. Das hat sich dann schrittweise so gefügt. Außerdem hatte ich Gott sei Dank nie Zeit, darüber nachzudenken, was ich später oder sonst noch machen könnte. Ich war in einem Ausmaß Tag und Nacht gefordert, daß mich das voll in Anspruch genommen hat. Das war mühsam, aber in gewisser Weise auch befriedigend.

NTI: Damals – im Wahlkampf – haben Sie Ihrem politischen Kontrahenten, Gerd Schuchardt von der SPD, „keinen guten Stil“ vorgeworfen, als dieser Ihnen anlastete, daß die CDU-Politik zu einer „ganz schlimmen De-Industriealisierung“ in Thüringen geführt habe. Verläuft der Wahlkampf 2014, an dem Sie vor Ort gelegentlich auch teilnehmen, „stilvoller“?

VOGEL: Er verläuft anders, weil nicht mehr die Lebensfrage gestellt wird, ob Thüringen wieder erstehen und lebensfähig sein würde. Inzwischen stehen längst andere Themen auf der Tagesordnung: die Erhaltung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zum Beispiel oder die Zukunft des Bildungssystems. Insofern finden die Auseinandersetzungen anders statt; sie werden im übrigen auch von anderen Personen getragen. Aber der Kernpunkt, daß man sich um die Zukunft Thüringens streitet, ist hoffentlich Inhalt des Wahlkampfes geblieben.

NTI: Sie bildeten dann aber mit Gerd Schuchardt fünf Jahre ein gutes Gespann. Zumindest war der SPD-Politiker im NTI-Interview an dieser Stelle sehr angetan von der Zusammenarbeit. Wie denken Sie heute über diese fünf Jahre? Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vize?

VOGEL: Selbstverständlich. Sogar relativ regelmäßig. Ich habe ihn ja in der Zeit unserer gemeinsamen Koalition nicht nur gut kennen-, sondern außerordentlich schätzengelernt. Er hat wesentlich dazu beigetragen, daß die große Koalition, die wir 1994 auf Grund des Wahlergebnisses bilden mußten, bis 1999 erfolgreich gearbeitet hat.

NTI: Fünf Jahre später, kurz vor der Landtagswahl 1999, versicherten Sie im NTI-Interview: „Wenn Gott will und meine Gesundheit es erlaubt, dann stehe ich volle fünf Jahre zur Verfügung.“ Sie sind heute noch fit wie ein Turnschuh, haben damals aber die fünf Jahre nicht voll gemacht, sondern schon ein Jahr früher als versprochen an Ihren Parteifreund Dieter Althaus übergeben. Eine Zwecklüge?

VOGEL: Was die heutige Situation betrifft, so freue ich mich zwar, daß ich noch gesund und einsatzfähig bin. Aber bin nicht mehr 80! Was die damalige Situation betrifft, so habe ich es nach dem Wahlsieg von 1999 im Laufe der Jahre in der Tat für richtig gehalten, meinem Nachfolger ein Jahr Vorlaufzeit zu geben. Das war damals keine Zwecklüge. Eine Zwecklüge wäre gewesen, wenn ich im Augenblick, als ich es ankündigte, bereits entschlossen gewesen wäre, das Amt vorzeitig niederzulegen. Das war jedoch nicht der Fall. Damals wußte ich auch noch nicht, daß die Thüringer Wähler der CDU und mir mit 51 Prozent Zustimmung eine absolute Mehrheit anvertrauen würden, wie es sie in Deutschland sehr selten gegeben hat und wie sie so schnell wohl auch nicht wieder vorkommen wird.

NTI: Von Frau Lieberknecht war eingangs schon die Rede: Wie stehen Sie heute zu Thüringens erster Bürgerin?

VOGEL: Ich habe ein völlig unbelastetes, freundschaftliches Verhältnis zu ihr. Wir sehen, treffen und sprechen uns häufiger. Auf dem Landesparteitag in Gera habe ich sie als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2014 vorgeschlagen. Das sagt wohl alles.

NTI: Die Versorgungsaffären haben Spuren hinterlassen. Frau Lieberknecht ist von 65 Prozent Zustimmung im vorigen Jahr auf zuletzt nur noch 51 Prozent abgerutscht. Halten Sie trotzdem eine zweite Amtszeit für möglich?

VOGEL: Die Mißtöne der letzten Monate haben mich selbstverständlich geärgert. Insbesondere, weil sie die Öffentlichkeit stärker beschäftigt haben als die zentralen Zukunftsaufgaben Thüringens: Ich bedaure, daß diese Diskussionen uns von der Zukunftsfrage, wie geht es weiter mit Thüringen, abgelenkt haben. Selbstverständlich aber gebe ich Frau Lieberknecht die Chance, ein gutes Wahlergebnis einzufahren und erneut eine Koalitionsregierung bilden zu können.

NTI: Wagen Sie eine Vorhersage über den Ausgang der Landtagswahl? Ist die CDU nach dem 14. September noch Regierungspartei?

VOGEL: Ich rechne damit, daß die CDU, Die Linke, die SPD und wohl auch die Bündnisgrünen in den Landtag zurückkehren werden. Ich fürchte, daß auch die Alternative für Deutschland die Fünf-Prozent-Hürde überwinden wird. Und ich habe Zweifel, ob die FDP dem Landtag wieder angehören wird.

NTI: Wird die CDU nach dem 14. September noch Regierungspartei sein?

VOGEL: Keine Frage, sie wird. Dabei hoffe ich nicht nur auf eine Regierungsbeteiligung, sondern gehe davon aus, daß die CDU nach dem 14. September wieder die Ministerpräsidentin stellen wird.

NTI: Und mit wem sollte die CDU koalieren, falls es die Ergebnisse hergeben? Mit der SPD, wie es die Mehrheit der Thüringer Wähler befürwortet? Mit den Bündnisgrünen? Oder mit der Alternative für Deutschland?

VOGEL: Ich glaube nicht, daß wir ohne einen Koalitionspartner regieren können. Die Zeiten sind wohl vorbei. Und wenn das notwendig wird, halte ich sowohl die SPD als auch, falls es für eine Mehrheit reicht, die Bündnisgrünen für mögliche Alternativen. Auf keinen Fall aber die AfD!

NTI: Was macht einer, der im Geschichtsbuch des deutschen Föderalismus für Ausnahmerekorde gesorgt hat – Ministerpräsident in zwei Bundesländern, dienstältester und zudem dienstlängster Regierungschef aller Zeiten – nun im Ruhestand?

VOGEL: Ich habe weder mit 65 Jahren den Ruhestand begonnen noch nach meinem Ausscheiden in Thüringen. Ich bin Ehrenvorsitzender der CDU Thüringen und auch der Konrad-Adenauer-Stiftung und habe eine Fülle weiterer Ehrenämter in der Bundesrepublik inne. Mein Problem ist nicht, was tue ich, sondern was kann ich absagen. Gerade das ist nicht meine besondere Fähigkeit.

NTI: Haben Sie je daran gedacht, Ihre Memoiren zu schreiben?

VOGEL: Das ist ein heikles Thema, weil mich manche dazu drängen, und weil es mich gelegentlich auch reizt. Aber bisher habe ich das noch nicht angegangen.

NTI: Was hat Sie zeitlebens angetrieben?

VOGEL: Mich hat von früher Zeit angetrieben, daß der Mensch den anderen Menschen braucht, daß er nicht allein leben kann, daß er den anderen braucht und wenn es gut geht, selbst gebraucht wird. Von daher rührt mein Grundbedürfnis, mich zu engagieren und soweit ich kann, Aufgaben zu übernehmen und ihnen auch gerecht zu werden.

NTI: Wenn man sie als Machtmensch bezeichnet – was halten Sie entgegen?

VOGEL: Das ist so falsch nicht: Man muß Macht besitzen und ausüben, um Ziele durchzusetzen. Aber ich habe mich in der Politik nicht der Macht wegen engagiert. Sondern ich habe meines Engagements wegen gelegentlich Macht ausgeübt. Im übrigen: Macht kann gut und böse sein. Die Auffassung mancher, daß Macht nur böse sein müsse, ist falsch. Ohne Macht kann es keine geordnete Gesellschaft, keinen geordneten Staat und im übrigen auch keine geordneten Parteien geben.

NTI: Kein Machtmensch. Aber vielleicht ein bißchen eitel?

VOGEL: Gibt es Menschen, die völlig uneitel sind?

NTI: Leute aus Ihrem Umfeld charakterisierten Sie einmal so: „Thüringens Ministerpräsident ist auf den ersten Blick ein jovialer, freundlicher Mann. Meist lächelnd. Zuweilen ernst. Niemals zornig. Er führt, so hat es den Anschein, sein Kabinett wie ein Fußballschiedsrichter an der langen Leine.“Andere erlebten Sie auch anders: „durchgreifend, fordernd, unnachgiebig.“ Was trifft davon zu?

VOGEL: Ich würde eine solche Bilanz nicht ziehen. Aber wenn andere sie ziehen, halte ich sie nicht für völlig falsch.

NTI: Welche Visionen haben Sie für Thüringen?

VOGEL: Daß Thüringen den Platz, der dem Land ohne deutsche Teilung von Anfang an zugekommen wäre, in überschaubarer Zeit erreicht; daß es Thüringen in der Mitte Deutschlands gelingt, eine in besonderem Maße offene und verbindende Funktion wahrzunehmen und ein Land zu sein, das Menschen anzieht – auch jene, die einst wegen fehlender Arbeit abwanderten. Ich wünsche mir und glaube daran, daß Thüringen eines Tages zu den deutschen Ländern gehört, die Finanzausgleich an andere zahlen und nicht von anderen empfangen.

(Mit Thüringens Altministerpräsident Dr. Bernhard Vogel sprach KLAUS RANGLACK)

 

 

Zur Person

Bernhard Vogel, Jahrgang 1932, wurde in Göttingen geboren. Er ging in Gießen und München zur Schule (Abitur 1953) und nahm anschließend in Heidelberg ein Studium für Politikwissenschaft, Geschichte, Soziologie und Volkswirtschaft auf, das er 1960 mit der Promotion zum Dr. phil. abschloß. Vier Jahre als wissenschaftlicher Assistent und ein Lehrauftrag am Institut für Politische Wissenschaft der Heidelberger Universität folgten.

Die ursprünglich beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn endete 1967 endgültig, als Bernhard Vogel zum Kultusminister in Rheinland-Pfalz berufen wurde. Schon 1960 war er der CDU beigetreten, hatte unter anderem als Stadtrat in Heidelberg (1965 bis 1967) erste politische Erfahrungen gesammelt und für seine Partei zur Bundestagswahl 1965 auf Anhieb das Direktmandat im Wahlkreis Neustadt/Speyer errungen, das er mit dem Eintritt in die rheinland-pfälzische Landesregierung niederlegen mußte. Von 1971 bis 1988 war er Abgeordneter des Landtages in Mainz. Am 2. Dezember 1976 folgte er dem späteren Bundeskanzler Helmut Kohl im Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten nach.

Seit 1974 Vorsitzender des CDU-Landesverbandes, scheiterte Bernhard Vogel bei der Wiederwahl auf dem Landesparteitag 1988 in Koblenz und gab daraufhin auch sein Amt als Ministerpräsident auf. Er wechselte in die Konrad-Adenauer-Stiftung, deren Vorsitzender er von 1989 bis 1995 und dann noch einmal von 2001 bis 2009 war. Die politische Wende in der DDR führte ihn 1992 nach Thüringen, wo ihn der Landtag am 5. Februar zum Ministerpräsidenten wählte. Im Jahr darauf übernahm er auch den Landesvorsitz, den er bis 2000 innehatte. Sein Nachfolger an der Spitze der Landespartei wurde Dieter Althaus, der 2003 auch die Regierungsgeschäfte übernahm, nachdem Bernhard Vogel das Amt aus Altersgründen aufgegeben hatte.

Bernhard Vogel wurden im Laufe seiner politischen Karriere zahlreiche herausragende Ehrenämter übertragen. Unter anderem war er von 1980 bis 1984 Präsident der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Seit 2010 ist er Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und seit 2004 Ehrenvorsitzender der CDU Thüringen. Seit 2007 unterstützt er als Schirmherr den Bau und Betrieb eines Kinder- und Jugendzentrums in Ruanda, nachdem er noch als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident eine Partnerschaft zwischen beiden Ländern ins Leben gerufen hatte. Sein gesellschaftliches Engagement wurde mit ebenso zahlreichen nationalen wie internationalen Auszeichnungen gewürdigt. So ist er unter anderem mehrfacher Ehrendoktor, darunter der Ben-Gurion-Universität in Israel (2009), sowie Träger des Großkreuzes des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2005 ehrte ihn der Freistaat mit dem Thüringer Verdienstorden.

Bernhard Vogel ist Junggeselle und kinderlos geblieben. Er lebt in Speyer.

 

Zweiter Thüringer Alt-Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU): „So hat man sich schließlich, ohne daß ich daran beteiligt oder informiert war, auf mich geeinigt.“

Foto: KAS-ARCHIV

Eisenach, traditioneller Sommergewinn 1999: „Ohne Frage sind bei der Fülle der Aufgaben auch Fehler passiert.“                 

Foto: ANDREAS KÜHN

Landtagswahl 1994: Wahlsieger unter sich – Volker Sklenar, Bernhard Vogel, Christine Lieberknecht (v. l.).                      

Foto: V. GEORGIEN

Krauthausen, Eröffnung der Mitech engine.tec GmbH 2002: „Die schwierigste Aufgabe war ohne Zweifel der Umbau der sozialistischen Planwirtschaft in die Soziale Marktwirtschaft.“

Foto: ANDREAS KÜHN

CDU-Wahlkampfauftakt 1994 mit Bernhard Vogel in Gotha: „Großes Abenteuer“.        

Foto: E. TANZER

(NTI-Ausgabe 7/2014)

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