„Die Pflicht ist Vergangenheit. Jetzt kommt die Kür“

Er führte die Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (HAB) in den Monaten der politischen Wende. Zweimal wählte ihn das Konzil zum Rektor. In seiner Amtszeit wurden die Grundpfeiler gesetzt, auf denen später die Bauhaus-Universität wuchs. Trotzdem gab ihm das Land Thüringen 1992 den Laufpaß. Prof. Dr.-Ing. habil. Hans-Ulrich Mönnig hat dagegen angekämpft. Er gewann vor Gericht. Zweimal. Und mußte seinen Stuhl doch räumen. Ein Verlierer der Wende? Oder am Ende doch ein Gewinner?

„Rastlos und konsequent konstruktiv“ nannte Prof. Helmut Böhme die Arbeit des ehemaligen Rektors der HAB in einem Leserbrief, den die Neue Thüringer Illustrierte in ihrer Dezember-Ausgabe 1992 veröffentlichte. Der Mann, damals Präsident der Technischen Hochschule Darmstadt, war Mitglied der Hochschul-Strukturkommission für das Land Thüringen und Vorsitzender der Kommission, die die neue Struktur der HAB Weimar zu beraten hatte – durch und durch ein Fachmann, der sich ausschließlich von Fakten leiten ließ. Doch sein Urteil über Hans-Ulrich Mönnig fand kein Gehör. „Das alles stimmt mich traurig“, schließt der Professor aus Darmstadt sein Schreiben, „nicht nur, weil ich als Hesse mich weigere, es besser zu wissen, was für Thüringen gut ist, sondern weil ich entsetzt bin über so viel rücksichtslos eingesetzte Staatsgewalt, über eine solch beängstigende Vermischung von Staats- und Parteiinteressen …“

NTI: Herr Professor Mönnig, Sie sind in diesem Jahr 70 geworden. Hätte Sie es je für möglich gehalten, Ihre berufliche Karriere als privater Unternehmer zu beenden?

MÖNNIG: So abwegig ist das gar nicht. Unternehmerisches Denken wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater besaß ein mittelständisches Unternehmen; ich bin in einem Unternehmer-Haushalt groß geworden und habe frühzeitig mitbekommen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. 1972 wurde mein Vater gezwungen, für seinen Betrieb staatliche Beteiligung aufzunehmen. Daran ist er kaputtgegangen. Die Fortführung des Unternehmens in der sozialistischen Planwirtschaft war für mich nicht attraktiv. Als einzig gangbare Alternative sah ich eine Laufbahn in Wissenschaft und Lehre. Die habe ich dann auch eingeschlagen.

NTI: Ihre berufliche Entwicklung ist typisch für einen Wissenschaftler in der DDR: Zuerst ein handfester Beruf, dann Studium und Auslandsstudium, schließlich Promotion, Habilitation, Lehrstuhlinhaber, Hochschulrektor. Dazwischen mehr als fünf praktische Jahre, teilweise im Ausland, ... eine Laufbahn, die für manchen auch heute noch ohne SED-Zugehörigkeit kaum denkbar ist?

MÖNNIG: Das ist richtig, und das wurde mir in Wendezeiten auch vorgehalten. Nur: 80 Prozent der Professoren in der DDR waren SED-Mitglieder. Man erwartete einfach, daß wir keine Staatsfeinde sind. Davon abgesehen: Ich wurde Parteimitglied, als ich gar nicht als Wissenschaftler tätig war, und zwar unter dem Eindruck des Vietnamkrieges, auf dessen furchtbare Hinterlassenschaften ich bei meiner Tätigkeit in Vietnam überall getroffen war. Unvorstellbar, was dieses kleine Land unter dem Bombenhagel der Amerikaner zu erleiden hatte. Und ich bin in die SED eingetreten, als meine berufliche Perspektive eine ganz andere war, nämlich doch nicht in die Hochschule zurückzukehren, weil ich Bauen spannender fand. In Goldisthal sollte ein Pumpspeicherwerk errichtet werden. Ich gehörte dem Aufbaustab an. Als die Erdölkrise kam, wurde das Vorhaben eingemottet. Die Perspektive war weg. Ich ging zurück an die Hochschule. Übrigens der Tod von Nelson Mandela erinnert mich an unsere Planungen für eine ANC-Siedlung im tansanischen Exil, als der Westen sich noch von Mandela und dem ANC als terroristische Gruppierung distanzierte. Die weltweite Trauer und die verdienten Ehrungen eines der vielleicht bedeutendsten Männer der Neuzeit durch die gleichen Leute sind hoffentlich eine ehrliche, späte Einsicht.

NTI: Als das Ende der DDR nahte, wurden Sie in Weimar zum Rektor gewählt. Wie haben Sie die politische Wende erlebt?

MÖNNIG: Das war im August 89, und es war absehbar, daß sich etwas ändern mußte. So konnte und durfte es mit diesem System nicht weiter gehen. Wir hofften auf Gorbatschow, Perestroika und Glasnost und darauf, daß die ideologische Verkrustung, die sich in der DDR breit gemacht hatte, überwunden wird. Bald kam aber auch Enttäuschung auf, weil die Entwicklung zum Teil anders verlief, als es die Widerstandskämpfer erwartet hatten. In den Hörsälen der Hochschule brodelte es. Unterschiedlichste Auffassungen prallten aufeinander. Scientologen, Burschenschaftler und Hardliner bekämpften sich wortgewaltig. Auf Protestveranstaltungen und einem Schweigemarsch gemeinsam mit Studenten durch Weimar äußerten Hunderte Studenten ihren Unmut, der sich aber zu meiner eigenen Überraschung nie gegen den Rektor richtete.

NTI: Sie wurden mitten im politischen Umbruch vom Konzil der Hochschule in Ihrem Amt bestätigt. Ende 1991, etwa zur Halbzeit Ihrer Amtszeit, wollte Sie der Thüringer Minister für Wissenschaft und Kunst dann aber Ihres Amtes entheben. Was war geschehen?

MÖNNIG: Zwei Kommissionen sollten über mich urteilen, die eine aus fachlicher, die andere aus politischer Sicht. Beide waren zum Teil mit externen Mitgliedern besetzt. Die eine kam zu dem Ergebnis, daß ich fachlich „sauber“ sei, die andere erklärte mich mit zwei zu vier Stimmen für „belastet“. Die Begründungen waren haltlos, was sich dann auch erwies. Auf dieses Urteil hin sollte ich meines Amtes enthoben werden. Dagegen habe ich geklagt und gegen die „einstweilige Verfügung“ und das „Verfahren in der Hauptsache“ recht bekommen.

NTI: Damit war die Angelegenheit aber noch nicht ausgestanden?

MÖNNIG: Nein, das Land in Person des Ministers für Wissenschaft und Kunst legte gegen dieses Urteil Beschwerde ein. Die zweite Instanz hat mich dann in einem fragwürdigen Verfahren mit einem „nachgeschobenen“ Vorgang belastet, den ich nachweislich weder veranlaßt noch Kenntnis davon hatte, aber mir in der Funktion als Rektor zur Last gelegt wurde. Gegen dieses Urteil habe ich Beschwerde beim Bundesarbeitsgericht eingelegt, das das Urteil kassierte und zurückverwies. Das geschah jedoch erst Jahre später, Mitte der 90er Jahre. Ich blieb also Rektor bis zum regulären Ende der Amtszeit und hätte nach dem Urteil auch weiterhin an der HAB bleiben können, allerdings zu alten Bedingungen und mehr oder weniger mit den Befugnissen eines Assistenten. Das habe ich abgelehnt. Darüber bin ich noch heute sehr froh.

NTI: Sie trauern Ihrer Zeit als Wissenschaftler demnach nicht nach?

MÖNNIG: Es ist gut so, wie es gekommen ist. Keiner wußte damals, was aus der DDR wird. Ich teilte die Auffassung eines Teils der SPD und vieler Bürgerrechtler, die eine deutsch-deutsche Föderation wollten. Das war, bei Lichte betrachtet, wohl eine Illusion. Auch wenn eine Diktatur dann nur von einer anderen abgelöst wurde – von einer, die sich Demokratie und Freiheit aufs Banner geschrieben hat, in der letztlich aber einzig und allein das Geld regiert – auch dann gilt: Es geht uns viel besser als den Menschen in Ländern wie Polen oder Tschechien, die gleich uns ihre politische Wende hinter sich haben.

NTI: Sie durften Ihre Amtszeit zu Ende führen. War es angesichts der Fehde mit dem Land überhaupt noch möglich, zielorientiert zu arbeiten?

MÖNNIG: Das war schon eine aufregende, in mancher Hinsicht auch merkwürdige Zeit. Mal fühlte ich mich ‘rausgeschmissen, dann war ich wieder in Amt und Würden. Anfangs erhielten wir unsere Weisungen aus Berlin. Dann, als sich die Landesregierung konstituiert hatte, kamen sie vom neuen Minister in Erfurt, der unsere Befugnisse mehr und mehr beschnitt. Kommissionen zur Erarbeitung einer neuen Hochschulstruktur wurden gebildet. Die gesamte Einrichtung stand unter ministerieller Aufsicht und eines Gremiums aus dem Westen. Konzeptionelle Planungen lagen nun nicht mehr in unserer Hand. Wir schlugen uns nahezu ausschließlich mit Tagesfragen herum.

NTI: Aber Sie und Ihre Kollegen hatten sich doch sicher auch selbst Gedanken über die Zukunft der HAB gemacht?

MÖNNIG: Wir hatten natürlich selbst klare Vorstellungen, wie es weitergehen sollte. Die Meinungen gingen dabei allerdings auseinander. Die einen, zu denen ich gehörte, gaben der technisch-wissenschaftlichen Variante den Vorzug, also einer Weiterentwicklung hin zu einer technischen Universität, die durchaus in der Tradition des Bauhauses und der viel strapazierten Einheit aus Kunst und Technik stand. Die anderen wollten an die frühen Wurzeln des Bauhauses anknüpfen und Kunst und Gestaltung betonen. Daraus wurde noch während meiner Amtszeit ein Profil entwickelt, das in seinen Grundzügen bis heute Bestand hat. Mein Anteil daran hält sich allerdings in engen Grenzen. In der dazu gebildeten Kommission hatte ich nichts zu sagen. Ich bin hin und wieder aber gefragt worden. Das eine oder andere Mal wurde meine Meinung auch respektiert.

NTI: Sie haben doch aber, soweit uns in Erinnerung ist, nicht abgewartet, was „oben“ entschieden wird?

MÖNNIG: Nein. Auf einem Hearing am 9. November 1989 wurde klar, daß man von ganz vorne anfangen muß. Zwischen Weihnachten und Neujahr 1989/90 hatte ich zehn Thesen formuliert, die im Januar vom Senat beschlossen und zum Fahrplan einer grundsätzlichen Reform der Hochschulgremien geworden sind. Unter anderem hatte ich vorgeschlagen, alle Strukturen zu überdenken, personenbezogene Prüfungen vorzunehmen und Vorschläge für eine neue Hochschulstruktur zusammenzutragen …

NTI: Personenbezogene Prüfungen?

MÖNNIG: Prüfungen, die den Ausschlag für die Besetzung der Professuren gaben. Ein wesentliches Kriterium dafür war die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Alles andere galt als Freiheit des Denkens. Die Prüfungen wurden in Erfurt, in der inzwischen neu besetzten beziehungsweise neu geschaffenen, späteren sogenannten Gauck-Behörde, vorgenommen. Dort hatte man einige Mitarbeiter der Stasi behalten, weil sie sich in diesen Fragen bestens auskennen würden, wie man zu unserer Verblüffung erklärte. Verstanden haben wir das nicht, wohl mehr als Zynismus aufgefaßt. Es waren beklemmende Stunden in eisiger Atmosphäre. Wir hatten das Gefühl, wieder auf der anderen Seite zu sitzen und hinnehmen zu müssen, was man uns aus der schwarzen Kiste vortrug.

NTI: Was kam aus der „schwarzen Kiste“ zum Vorschein?

MÖNNIG: Natürlich gab es da Enttäuschungen. Wir haben uns von teilweise langjährigen Kollegen trennen müssen. Das war die einzige klare Regelung in der ansonsten amorphen Masse aus Verdächtigungen, Denunzierungen, aber auch aus Erkenntnissen, die uns wie ein Gewitter trafen.

NTI: Wie wollten Sie nach diesem Hearing vorgehen?

MÖNNIG: Die alte Struktur der Hochschulleitung wurde aufgelöst; unter anderem wurde die Zahl der Prorektoren von vier auf zwei verringert. Das war im Februar 1990. Ich wurde deswegen in das für uns zuständige Ministerium nach Berlin einbestellt und angewiesen, diese Änderung sofort rückgängig zu machen. Damals galt noch DDR-Recht, und das sah diese neuen Strukturen nicht vor.

NTI: Die Berliner Weisung wurde aber nicht mehr befolgt?

MÖNNIG: Auf der Heimfahrt hatte ich einen Autounfall, zwei Kollegen verstarben, ein weiterer und ich trugen schwere Verletzungen davon und mußten in Merseburg stationär behandelt werden. Ich „vergaß“, die Berliner Weisung an den mich vertretenden Prorektor weiterzugeben. Es war klar, daß es nach der Volkskammerwahl im März 1990 eine neue DDR-Regierung geben würde. So kam es, und wir haben dann diese Struktur durchgesetzt. Bis Herbst 1990 war die Hochschule intern neu aufgestellt: von der Leitung bis hin zu den fünf Fakultäten, die wir präferiert hatten.

NTI: Wie reagierten Mitarbeiter und Kollegen? Aus zahlreichen Leserbriefen an die NTI wissen wir, daß Ihnen viel Solidarität zuteil wurde.

MÖNNIG: So war es in der Tat: Von meinen Mitarbeitern habe ich viel Zustimmung erfahren. Studenten kamen zu mir nach Hause und bekundeten mir ihre Sympathie. Westdeutsche Kollegen wie der Präsident der Technischen Universität Darmstadt äußerten ihr Unverständnis, wie man im Thüringer Ministerium agierte. Das hat mich ermutigt, in diesem ständigen Auf und Ab den Kopf oben zu behalten.

NTI: Sie haben aber sicher nicht nur Zustimmung erfahren? Und am Ende setzte sich die von Ihnen präferierte Struktur nur bedingt durch.

MÖNNIG: Eigentlich hat es nur eine einzige Ausnahme gegeben: einen Hochschulmitarbeiter, der während der Wende politische Karriere machte. Als Mitglied einer kleinen, ehemaligen DDR-Partei, die einer westdeutschen Partei angegliedert worden war, ist er in den Landtag und dort als Fraktionsvorsitzender an die Schalthebel der Macht gelangt. Die Politik holte die Keule raus, die mich treffen sollte. Der politische Widerstand gegen unsere Pläne, aber auch aus der Hochschule von den Kollegen, die gegen eine technische Ausrichtung waren – obwohl sie im Senat für diese technische Struktur votiert hatten – war groß. Schließlich wurde eine abgerüstete Struktur durchgesetzt.

NTI: Was haben Sie damals empfunden?

MÖNNIG: Schwer zu beschreiben. Ich fühlte mich wie in einem tiefen, finsteren Tal. Habe wohl auch meine Umwelt, meine Familie und Freunde, schrecklich genervt. Ich wollte selbst mit der Situation fertig werden, betrachtete sie als Lebensprüfung, die ich entweder bestehe oder an der ich kaputtgehe. Da kommt man schon mal auf komische Gedanken. Aber da war meine Familie, die mich unterstützte und für die ich Verantwortung trug. Der Gedanke ging so schnell, wie er gekommen war. Denn mir war durchaus klar, daß es an der HAB Veränderungen geben muß. Daß sie aber von Leuten vollzogen wurden, die nicht dazu berufen waren, statt von Leuten, die gestritten, gelitten und gekämpft haben, das wurmt mich bis heute.

NTI: Mitte 1992 endete Ihre Amtszeit als Rektor. Ein Vierteljahr vorher teilte Ihnen das Land mit, daß Sie als Hochschullehrer mit Stichtag 30. Juni 1992 abberufen werden; gleichzeitig wurde Ihnen gekündigt. Waren Sie darauf vorbereitet? Wie haben Sie reagiert?

MÖNNIG: Die letzten gerichtlichen Auseinandersetzungen endeten mit einer Einigung. Sie besagte, daß ich aus dem Hochschuldienst ausscheide, die Hochschule mir aber bis 1996 ein Gehalt zu zahlen hat. Insofern blieb ich bis zu diesem Zeitpunkt Hochschulangestellter und hatte Zeit, mir eine neue Existenz aufzubauen. Kurios dabei: Am 30. Juni 1992 habe ich als Rektor das sechste Bauhaus-Kolloquium eröffnet, das erste unter veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen im vereinten Deutschland. Am nächsten Tag war ich arbeitslos. Als ich ins Amt gewählt wurde, verlor ich die Unschuld des Wortes. Vom Berg des Lichts ins dunkle Tal – das ist ein anderes Gefühl. Das muß man lernen.

 

„Vom Berg des Lichts ins dunkle Tal – das ist ein anderes Gefühl.“

 

NTI: Wenn Sie sich an diese bewegte und für Sie sicher auch mit herben Enttäuschungen verbundene Zeit erinnern, was denken Sie heute?

MÖNNIG: Trotz allem empfinde ich es als ausgesprochen positiv, diese Zeit erlebt zu haben. Sie war vielleicht der interessanteste, in Teilen sogar abenteuerlichste Abschnitt meines Berufslebens, aus dem ich erfolgreich rausgekommen bin. Ich war und bin nicht mit allem einverstanden und zufrieden. Dann übte und übe ich Kritik, öffentlich oder im Stillen, auch mir selbst gegenüber. Dafür sorgt schon meine Frau. Meine Devise war und ist: Im Rahmen des Möglichen auch das Mögliche zu tun: mit Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Berechenbarkeit. Ich bin ein kommunikativer Typ; ich kann nicht mit mehreren „Wahrheiten“ leben.

NTI: Sie sollten, salopp gesagt, aus Ihrem Amt weichen, weil sie – wie damals in der NTI zu lesen war – eine „Altlast“ wären. Der Vorwurf von einem Minister, der in den Augen vieler selbst eine Altlast war. Haben Sie mit ihm Frieden schließen können?

MÖNNIG: Da gibt es für mich zwei Sichtweisen; eine sachliche und eine menschliche. Menschlich tut mir der einstige Minister leid. Er hat dem Jahrmarkt der Eitelkeiten gehuldigt und war – streng genommen – auch eine „Altlast“. Sachlich lag er daneben. Er war jahrelang selbst an einer gesellschaftspolitischen Hochschule tätig, kannte sich aus und hätte, was man dann entdeckte, in eigener Sache nach seinen Kriterien selbst Schwierigkeiten gehabt. Wir haben uns dann irgendwann auf einer Veranstaltung noch einmal getroffen. Da bin ich auf ihn zugegangen, und er räumte ein, daß Fehler gemacht wurden. Schwamm drüber. Was auch für meinen karrierebewußten Kollegen aus der Hochschule gilt, der hinter dem Minister die Fäden zog, und ebenso für wenige kleine Heckenschützen, die es immer in solchen unklaren Situationen gibt.

NTI: Aus heutiger Sicht: Hätten Sie das eine oder andere damals vielleicht anders machen sollen?

MÖNNIG: Vielleicht hätte ich nicht Rektor werden sollen. Dann wäre manches sicher anders verlaufen. Doch es ist gut so, wie es gekommen ist.

NTI: Vom Hochschuldienst in die unternehmerische Realität. Was gab den Ausschlag?

MÖNNIG: Andere Möglichkeiten waren mir versperrt. Ich wollte Weimar nicht verlassen. Hier leben meine Familie, meine Freunde. Und ich wollte etwas tun, von dem ich etwas verstand und was ich gern mache.

NTI: Wie kam der Wissenschaftler, der in und mit der sozialistischen Planwirtschaft gelebt hat, im rauhen Wettbewerb auf dem kapitalistischen Weltmarkt zurecht?

MÖNNIG: Mit meinen beiden Unternehmen hatte ich nie Probleme. Wir mußten zwar hart arbeiten, brauchten aber keine Werbung. Wir lebten von Mund-zu-Mund-Propaganda. Und das von Jahr zu Jahr besser. Es stimmt eben doch: Wer gut ist, der behauptete sich am Markt. Von daher war es meines Erachtens auch ein Fehler, Privateigentum so rigoros abzuschaffen, wie es die DDR tat. Jeder braucht eine individuelle Spielwiese. Die Marktwirtschaft hat ihre Vorzüge, wenn sie sich als „sozial“ versteht. Ich war nie Kapitalist und nie Kommunist oder Sozialist, sondern immer einer, der durch die Arbeit in einer sozialen Balance aller Beteiligten aufgeht und sich verantwortlich für eine Sache einsetzt. Erfolg ist für mich der schönste Lohn. Den haben wir.

NTI: Sie haben sich nach 1992 nicht in die Schmollecke zurückgezogen, sondern später neben Ihrer unternehmerischen Tätigkeit eine Reihe bedeutender Ehrenämter in Thüringen übernommen. Was hat Sie dazu bewogen?

MÖNNIG: Beide Ämter, 2004 den Präsidenten der Ingenieurkammer Thüringen und später den Vizepräsidenten der Stiftung Baukultur Thüringen, habe ich zu einem Zeitpunkt übernommen, als mein Ingenieurbüro aus dem Gröbsten heraus war. 1995 war es das noch nicht; damals wurde ich das erste Mal gefragt und ich habe abgelehnt. Jetzt hatte ich mehr Zeit dafür, und die Ingenieurkammer steckte in einer kritischen Situation. Da fühlte ich mich bei der Ehre gepackt. Gemeinsam mit hervorragenden Kolleginnen und Kollegen in der Kammer haben wir das Schiff dann auch wieder flottgemacht.

NTI: Als ehemaliger Rektor verfolgen Sie das Geschehen an der Bauhaus-Universität sicher sehr genau. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Hochschule seit Ihrem Ausscheiden?

MÖNNIG: Es gibt nach wie vor freundschaftliche Kontakte zu einer Reihe alter und neu hinzugekommener Kollegen. Ich weiß also etwa, was dort läuft. Ein Urteil steht mir aber nicht zu. Aber ich sage ohne Wehmut: Die Bauhaus-Uni ist nicht mehr die Hochschule, die ich verlassen habe. Sie hat sich verstärkt wieder zu einer Kunsthochschule hin entwickelt. Mit Interesse nehme ich zur Kenntnis, daß nun auch die modernen Medien, Film und Fernsehen, in Weimar ihren Platz gefunden haben. Nebenbei: Als Alternative zum Bauingenieurstudium wollte ich Kameramann werden und an die Hochschule nach Babelsberg gehen.

NTI: Wo steht die Bauhaus-Universität nach Ihrer Einschätzung heute? Welchen Weg sollte sie zukünftig beschreiten?

MÖNNIG: Auch darüber maße ich mir kein Urteil an. Beeindruckt bin ich aber von den materiellen Voraussetzungen, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden gestampft wurden. Ich meine, die Universität ist auf einem guten Weg: klein, aber fein.

NTI: Denken Sie inzwischen an den Ruhestand?

MÖNNIG: Was ist das – Ruhestand? Ich lebe nach meiner „Drittel-Theorie“. Ein Drittel meiner Zeit gehört Familie und Freunden. Ein Drittel beanspruche ich für mich; da mache ich, was ich will. Und ein Drittel ist Beruf. Daran wird sich auch in Zukunft kaum etwas ändern. Allerdings mit Einschränkungen. Heute kümmere ich mich nur noch um Dinge, die mir Spaß machen. Die Pflicht ist Vergangenheit. Jetzt kommt die Kür.

NTI: Wie geht es dann mit Ihrem Büro weiter?

MÖNNIG: Das ist noch nicht entschieden: Schließen, verkaufen oder Ausschau halten nach einem Nachfolger. Kommt Zeit, kommt Rat.

NTI: Wenn Sie noch einmal 20 wären: Was würden Sie anders machen?

MÖNNIG: Das ist eine Frage der Lebensphilosophie und der Lebensumstände. In jungen Jahren wollte ich Mediziner werden. Oder eben Kameramann. Die Umstände gaben es damals nicht her, obwohl ich auf beiden Feldern vielleicht auch erfolgreich gewesen wäre. Ich bin ein interessierter, engagierter, neugieriger und positiv denkender Mensch, der stets nach bestem Wissen und Gewissen Aufgaben übernimmt, die ihm wichtig erscheinen und die ihn reizen. Vielleicht aber hätte ich vor 50 Jahren unter anderen Bedingungen auch etwas völlig anderes getan.

Mit dem früheren Rektor der Hochschule für Architektur Weimar, Prof. Dr. Hans-Ulrich Mönnig, sprach KLAUS RANGLACK.

 

 

Zur Person

Hans-Ulrich Mönnig, Jahrgang 1943, wurde in Markneukirchen geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Abitur (1961) arbeitete er auf der Großbaustelle des Pumpspeicherwerks Hohenwarte als Betonbauer (Facharbeiterabschluß 1962) und nahm anschließend an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar (HAB) ein Studium im Fachgebiet Konstruktiver Ingenieurbau auf (Diplom 1968), dem sich 1969 ein Zusatzstudium an der Moskauer Verkehrshochschule anschloß. Bis 1974 war er dann in Weimar als Assistent, ab 1972 als Oberassistent tätig (Promotion zum Dr.-Ing. 1973).

Praktische Jahre als Entwicklungsplaner im Aufbaustab Vietnam (1974 bis 1975) und im Vorbereitungsstab für den Bau des Pumpspeicherwerkes Goldisthal (1976 bis 1980) folgten, ehe Hans-Ulrich Mönnig 1980 an die HAB zurückkehrte (Promotion zum Dr. sc. techn. 1982). Danach arbeitete er als Hochschuldozent am Lehrstuhl für Verkehrsbauwerke. 1986 wurde er zum Professor mit Lehrstuhl Tropenbau berufen. Von 1992 bis 1994 war er Lehrbeauftragter an der Universität Kaiserslautern.

Unter dem Eindruck des Vietnamkrieges trat Hans-Ulrich Mönnig 1975 der SED bei, die er im Herbst 1989 verließ. Im gleichen Jahr wurde er zum Rektor der Hochschule für Architektur und Bauwesen gewählt und vom Hochschulkonzil 1990 in geheimer Wahl in dieser Funktion bestätigt, die er dann planmäßig bis zum 30. Juni 1992 ausübte. Zu diesem Stichtag hatte ihn der Thüringer Minister für Wissenschaft und Kunst als Hochschullehrer abberufen und ihm gleichzeitig das Arbeitsverhältnis gekündigt, nachdem das Land zuvor in zwei gerichtlichen Instanzen am Einspruch des Rektors gegen seine Amtsenthebung gescheitert war.

1993 wechselte Prof. Mönnig in die private Wirtschaft. Er gründete mit Sitz in Weimar die Planungsgruppe Mönnig und das ICCS, ein international tätiges Konsultations- und Service-Center. Beide sind vorwiegend auf Beratung, Planung und Bauausführung in tropischen Entwicklungsländern sowie auf Experten- und Gutachtertätigkeit im In- und Ausland spezialisiert. Aufträge führten das Unternehmen in viele Länder der Erde, unter anderem nach Vietnam, Kuba, Mexiko, Österreich, China, Tansania, Saudi Arabien und in die Niederlande.

Prof. Dr. Mönnig übte nach der politischen Wende eine Reihe ehrenamtlicher Funktionen aus. Unter anderem war er Präsident der Ingenieurkammer Thüringen (bis Oktober 2013) und Vizepräsident der Stiftung Baukultur Thüringen (bis August 2013). Er ist verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes und fünffacher Großvater. Er lebt in Weimar. Viel Zeit beanspruchen nach wie vor sein Unternehmen, Seminare zu speziellen Themen des Ingenieurbaus, Vorträge und seine Autorentätigkeit.

 

Professor Hans-Ulrich Mönnig: „Was ist Ruhestand?

Foto: HUM-ARCHIV

Strahlender Gewinner: Der Klage des Hochschulprofessors Hans-Ulrich Mönnig gegen das Land Thüringen wurde, wie die NTI in Ausgabe 9/1992 ausführlich berichtete, stattgegeben.

Abgang der Prozeß-Verlierer: Nach der blamablen Niederlage des Landes Thüringen gegen den Hochschulprofessor Mönnig aus Weimar.

Fotos (2): ERHARD SCHORCHT

Gespaltenes Verhältnis: Thüringens Nachwende-Wissenschaftsminister Dr. Ulrich Fickel (FDP) hatte den Weimarer Hochschulrektor Hans-Ulrich Mönnig des Amtes enthoben.                             NTI-Collage: CLAUS BACH

Damaliger Thüringer Ingenieurkammerpräsident Prof. Dr. Hans-Ulrich Mönnig: Schiff gemeinsam wieder flottgemacht.

Foto: GERD POSPISCHIL

NTI-Ausgabe 12-2013

Rückbesinnung nötig

Professor Hans-Ulrich Mönnig forderte als jahrelanger Präsident der Ingenieurkammer Thüringen zu einer neuen Herangehensweise im Hinblick auf den energetischen Stadtumbau in Thüringen auf.

Wenn die ehrgeizigen Klimaziele der Bundesregierung tatsächlich erreicht werden sollen, sei eine neue Herangehensweise erforderlich, ja eine „höchstnotwendige komplexere Betrachtungsweise“ unerläßlich: „Man wünscht sich mitunter, daß die Koordination der einzelnen Maßnahmeprogramme verbessert wird“, stellte Prof. Dr. Hans-Ulrich Mönnig, der im Oktober 2013 als Präsident der Ingenieurkammer Thüringen feierlich verabschiedet wurde, in einer NTI-Sonderausgabe zur Thüringer Bauwirtschaft Anfang 2012 fest. Nach seiner Ansicht würden die gigantischen Herausforderungen, die an alle Akteure gestellt werden, noch nicht entsprechend gewichtet. „Im Freistaat Thüringen sind aus meiner Sicht drei Ministerien in diese Themenstellung besonders involviert“, berichtete Prof. Mönnig. „Ich kann mir vorstellen, daß eine Optimierung der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der ‚Energiewende’ zwischen den Ministerien möglich ist. Leider wird partiell der Eindruck erweckt, daß Protagonisten die Problemlösung allein am grünen Tisch und durch mediale Präsenz realisieren können. Politische Entscheidungen dürfen jedoch nicht das fachlich Richtige in Frage stellen. Nur eine vertrauensvolle Partnerschaft zwischen allen Beteiligten ist zielführend.“

Die Technologie und das Material für das künftige Bauen werden einem Wandlungsprozeß unterliegen, zeigte sich Mönnig überzeugt. Auch könne nicht mehr das Einzelgebäude die Grundlage der Analysen und der darauf aufbauenden Planungen sein, sondern es müsse vielmehr in Quartiersstrukturen gedacht werden.

Und Professor Mönnig wurde zeit seines Amtes als Ingenieurkammerpräsident nicht müde, eine Rückbesinnung auf die traditionelle Ingenieurkunst als unbedingt notwendig zu fordern und machte damit Mut: „Deutschlands Rohstoffe sind Ideen und Erfindergeist und aufbauend auf die Ingenieurkunst der Vergangenheit bieten sich hervorragende Möglichkeiten zur Meisterung der gegenwärtigen und zukünftigen Problemstellungen.“

JÖRG SCHUSTER


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Die Ausgabe 2/2017 berichtet über die Herausforderung, wachsende Städte und schrumpfende Regionen im Freistaat gemeinsam zu entwickeln.

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