„Förderung statt Sterbehilfe“

Mit dem Gründungsparteitag der Thüringer FDP im Mai 1990 in Weimar begann die politische Karriere von Dr. Andreas Kniepert. Bis dahin zahlendes Mitglied der Blockpartei NDPD, engagierte sich der Hochschuldozent im Prozeß des Zusammenschlusses der liberalen Kräfte Thüringens, wurde zum ersten Landesvorsitzenden gewählt und gehörte vier Jahre dem Thüringer Landtag an. Nach der Wahlniederlage 1994 trat er als Landesvorsitzender zurück, übernahm das Amt 1999 aber noch einmal und schied 2002 endgültig aus der aktiven Politik aus. Was ist aus ihm geworden?

Er war einer der Männer im Hintergrund, als die Landesregierung Ende 1991 in ihre bislang schwerste Krise schlidderte. Die regierende CDU verlor ihren Ministerpräsidenten, und der Koalitionspartner FDP hielt still. Über das Gerücht, die FDP wollte ihren Fraktionsvorsitzenden in Erfurt zum neuen Ministerpräsidenten machen, verlor er nie ein Wort. „Wir haben damals das Mögliche dazu beigetragen, daß die CDU ihre Probleme löst.“ Spekulationen, die anderes besagen, erteilt der 63jährige auch 20 Jahre danach eine Absage.

NTI: Herr Kniepert, sind Sie nach den zahlreichen Querelen vergangener Jahre in der FDP, die auch Sie nicht unberührt ließen, überhaupt noch Mitglied?

KNIEPERT: Aber ja. Bis 2012 habe ich mich im Kreisvorstand Weimar-Land engagiert, und war dort auch einige Jahre stellvertretender Kreisvorsitzender. Inzwischen bin ich allerdings nur noch zahlendes Mitglied.

NTI: In den 90er Jahren gehörten Sie zu den führenden FDP-Politikern in Thüringen, der auch mehrfach in der NTI zu Wort kam. Wie sehr schmerzt Sie die vernichtende Niederlage Ihrer Liberalen bei der jüngsten Bundestagswahl?

KNIEPERT: Sie war vorherzusehen. Eine Partei, die ihre politische Arbeit auf die Steuerpolitik reduziert und so zu einer Klientelpartei mutiert, mußte früher oder später scheitern. Darin war ich mir auch schon sehr früh mit Möllemann, Kubicki und anderen einig. Unsere Bemühungen um eine Kursänderung stießen bei Westerwelle und Co. jedoch auf Ablehnung. Insofern hält sich mein Entsetzen in Grenzen. Diese Wahlniederlage ist die logische Konsequenz einer falsch gelaufenen Strategie.

NTI: Haben Sie Hoffnungen, daß die FDP mit neuer Führung in absehbarer Zeit aus dem Tief herauskommt.

KNIEPERT: Das hängt vor allem von den handelnden Personen ab, die jetzt die Verantwortung übernehmen werden. Lindner und Kubicki sind nach meinem Dafürhalten die richtigen Leute – wenn sie eine ehrliche Ursachenforschung betreiben und entsprechende Konsequenzen daraus ziehen. Das traue ich ihnen durchaus zu. Ob sie das Ruder aber herumreißen können, bleibt abzuwarten.

NTI: Vielleicht hilft ihnen sogar Andreas Kniepert dabei?

KNIEPERT: Zur Zeit habe ich keine Ambitionen.

NTI: Die Thüringer FDP wäre, wenn zur gleichen Zeit Landtagswahlen stattgefunden hätten, mit Pauken und Trompeten aus dem Landtag geflogen. Sie muß nun um den Wiedereinzug im nächsten Jahr bangen. Hat sie das nach vierjähriger parlamentarischer Arbeit verdient?

KNIEPERT: Das entscheidet 2014 der Wähler. Aber sie wird es auf jeden Fall sehr, sehr schwer haben. Denn nach meiner Einschätzung ist es der Thüringer FDP nicht gelungen, mit ihrer Arbeit größere öffentliche Wirkung zu erzielen. Und – ehrlich gesagt – glaube ich nicht, daß sich daran in den verbleibenden Monaten noch etwas ändert. Viel wird im Wahljahr auch von der politischen Großwetterlage in der Bundesrepublik abhängen: vor allem, ob der Bundes-FDP der Neustart gelungen ist und damit eine gewisse Euphorie Einzug gehalten hat. Eine Partei wie die FDP wird gebraucht. Auch in Thüringen. Sie muß jedoch auf die richtigen Themen, getragen von den richtigen Leuten, setzen.

NTI: Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres aktuellen Nachfolgers an der Spitze des Landesverbandes, Uwe Barth? Was müssen er und seine Parteifreunde tun, um voraussichtlich im September 2014 ein neuerliches Debakel zu verhindern?

KNIEPERT: Über die derzeit handelnden Personen und ihre Arbeit maße ich mir kein Urteil an. Aber: Ein Nur-weiter-so reicht nicht. Das nimmt uns der Wähler nicht ab. Aus der FDP müssen Signale mit Wirkung kommen. Die SPD hat uns dafür doch gerade eine Steilvorlage geliefert. Nicht nur, daß Landeschef Matschie inzwischen Rot-Rot in Thüringen nicht mehr ausschließt; er ist jetzt auch bereit, einen Ministerpräsidenten der Linken zu wählen – nach dem augenblicklichen Stand der Dinge also Bodo Ramelow. Doch es ist nicht mein Job, Ratschläge zu erteilen.

NTI: Sie haben 1994 eine ähnliche Situation durchlebt. Nach fast zehn Prozent der Stimmen zur Landtagswahl 1990 stürzte die FDP vier Jahre später auf 3,2 Prozent ab und übersprang erst 2009 die Fünf-Prozent-Hürde wieder. Woran hat es damals gelegen.

KNIEPERT: Aus meiner Sicht waren es vor allem zwei Dinge. Zum einen der bundespolitische Trend. Die FDP hatte sich gerade zur „Partei der Besserverdienenden“ ausgerufen. Das war vor allem in Ostdeutschland tödlich und hat uns viele Wählerstimmen gekostet. Zum anderen die Person des CDU-Amtsinhabers Bernhard Vogel. Er hatte nach dem Rücktritt von Josef Duchac die Zügel fest in die Hand genommen, führte die in sich zerstrittene CDU weitgehend wieder zusammen und war dann im Wahlkampf die Schlüsselfigur. Die FDP als Koalitionspartner der CDU schnitt gegen ihn in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich schlechter ab.

NTI: Sie sprachen den Rücktritt von Josef Duchac an. Während die Opposition und Teile der CDU in helle Aufregung verfallen waren, weil ein Ministerpräsident zu DDR-Zeiten als Mitglied einer Laientheatergruppe in Stasi-Heimen auftrat, übte die FDP äußerste Zurückhaltung.

KNIEPERT: Wir waren Koalitionspartner der CDU; wir haben dafür geworben, daß sich etwas ändert und in aller Stille das Mögliche dazu beigetragen, daß die CDU ihre Probleme löst. Uns ging es in erster Linie darum, daß diese Koalitionsregierung bis zum Ende der Legislaturperiode erfolgreich funktioniert. Das ist dann auch gelungen, wofür vor allem Bernhard Vogel Dank gebührt.

NTI: Trotzdem folgte zur Landtagswahl 1994 das Aus für die FDP. Gewöhnlich nimmt ein Vorsitzender nach einer derart deftigen Niederlage den Hut. Sie taten es zwar, kehrten nach der 1999er Schlappe Ihrer Partei aber in das Amt zurück, das Sie dann bis 2002 ausübten. Warum haben Sie sich das angetan?

KNIEPERT: Damals waren von den etwa 20.000 Mitgliedern, mit denen die FDP Thüringen 1990 gestartet war, rund 5000 übriggeblieben. Ein großer Teil davon wußte mit meinem Namen noch etwas anzufangen, und auch mir waren viele aus den Anfangsjahren noch bestens bekannt. Die 1999er Wahlniederlage saß tief. Nur noch 1,1 Prozent der Wähler hatten für uns gestimmt. Immer wieder wurde ich danach aufgefordert: „Du mußt das jetzt machen, sonst geht die Partei endgültig den Bach ‘runter.“ Ich habe es gemacht. Und der Landesverband kam wieder auf die Füße.

NTI: Trotzdem warfen Sie das Handtuch?

KNIEPERT: Bis Ende 2001, Anfang 2002 ging alles gut. Als dann aber der Nahkampf um die Listenplätze zur Bundestagwahl 2002 einsetzte, war es mit der Harmonie vorbei. Man hatte mir als Landesvorsitzenden, wie es demokratischer Brauch ist, den Spitzenplatz zugesichert. Denn ohne ein Bundestagsmandat war es praktisch unmöglich, die FDP 2004 wieder in den Landtag zu führen. Das aber war mein erklärtes Ziel. Doch der Landesvorsitz ist ein Ehrenamt. Davon kann man nicht leben. Plötzlich war von der Zusage keine Rede mehr. Übelste Intrigen wurden gegen mich gesponnen und sogar Anschuldigungen aufgemacht, die Ermittlungsverfahren nach sich zogen.

NTI: Worum ging es dabei? Aus welcher Ecke wurde auf Sie geschossen?

KNIEPERT: Die Anschuldigungen reichten bis weit unter die Gürtellinie. Absurd. Total absurd. Keiner von denen, die geschossen haben, dürfte nachfühlen können, was ich damals durchgemacht habe, wenn zum Beispiel mein Sohn mich am Frühstückstisch fragte, was da in der Zeitung über Papi geschrieben stand. Das sitzt zu tief, als daß ich es je vergessen könnte. Aber ich werfe nicht mit Lehm zurück. Auch heute nicht. Ich habe damals Schluß gemacht, auf zwei Landesparteitagen in Pößneck und Stadtroda Neuwahlen organisiert und mich aus der Landespolitik verabschiedet. Politik ist zuweilen auch ein sehr schmutziges Geschäft.

NTI: Sie waren Anfang der 90er Jahre schon einmal heftigen Anfeindungen ausgesetzt. In der Neuen Thüringer Illustrierten war damals zu lesen, daß Sie im Zuge der Neuprofilierung der Hochschule für Architektur und Bauwesen nach einer für Sie maßgeschneiderten Professur strebten. Sie sollen, so stand geschrieben, auch doppelte Gehälter bezogen haben: als Landtagsabgeordneter und als Hochschulmitarbeiter. Schließlich hieß es, daß Sie bei Amtsenthebung und Kündigung des damaligen Hochschulrektors eine Rolle spielten. Wie sehr haben Sie diese Vorwürfe getroffen?

KNIEPERT: Sie taten schon weh, weil sie in keiner Weise den Tatsachen entsprachen. Ich war an der Neustrukturierung der Hochschule nicht beteiligt und hatte folglich auch keinen Einfluß auf zukünftige Professuren. Eine Professur habe ich später auch nicht erlangt, obwohl ich die fachlichen Voraussetzungen, eine Habilitation, dazu besitze und wissenschaftliche Arbeit sehr gern gemacht hätte. Dafür hätte ich wahrscheinlich aber nicht in die Politik gehen dürfen. Die Doppelzahlungen wiederum bewegten sich in einem juristischen Rahmen. Ich war für meine Tätigkeit im Landtag zwar beurlaubt, blieb anfangs aber Mitglied des Senats und hielt weiterhin Vorlesungen, die offiziell im Studienplan abgestimmt waren. Für diese Tätigkeit wurde ich bezahlt. Schließlich: Über das Schicksal des Rektors hat eine Evaluierungskommission entschieden. Damit hatte ich nichts zu tun. Doch das alles ist Schnee von gestern und abgehakt.

NTI: Als die politische Wende in der DDR ihren Lauf nahm, waren Sie Mitglied der NDPD. Was hat Sie bewogen, Mitglied dieser Blockpartei zu werden?

KNIEPERT: Zwei gute Bekannte, Mitglieder der NDPD, gaben mir den Rat. Hintergrund war die aggressive Werbung für die SED, der ich mit diesem Schritt aus dem Weg gegangen bin. Ich wollte mich im Job nicht erpreßbar machen. Die NDPD – das war Zufall. Immerhin: Diese Partei wurde damals an der Hochschule noch ernst genommen.

NTI: Wie haben Sie die politische Wende erlebt?

KNIEPERT: Gemeinsam mit vielen anderen engagierten Leuten aus der NDPD und der LDPD, die die alten Bezirksverbände beider Blockparteien in ein neues Fahrwasser bringen und die liberalen Kräfte Thüringens in einer Partei zusammenführen wollten. Entweder FDP oder es gibt uns nicht mehr, glaubten und verfochten wir damals. In den Mitgliedern des Bundes Freier Demokraten und den Liberalen in der Forumspartei, beide in den Wende-Monaten neu gegründet, fanden wir gleichgesinnte Partner. Eine Reihe westdeutscher Liberaler wolle die sogenannten Blockflöten allerdings nicht. Wir aber bestanden darauf: Uns gibt es nur im Paket. Und wir waren dann sogar der erste FDP-Landesverband, der sich in Ostdeutschland konstituierte.

NTI: Mit NDPD und LDPD fanden in der FDP zwei DDR-Blockparteien zusammen, die in der DDR darum konkurriert hatten, wer der bessere Bündnispartner der SED sei. Sie wendeten sich weitgehend sogar an die gleichen Bevölkerungsschichten. Wie kam es zu der am Ende einvernehmlichen Lösung, einen Nationaldemokraten an die Spitze der FDP Thüringen zu wählen?

KNIEPERT: Das war nur möglich, weil sich im Verlauf der politischen Wende das Unterste zuoberst kehrte. Neue Leute, die an der Basis schon seit längerem an den Ketten gezerrt hatten, drängten nach vorn und übernahmen Verantwortung, während sich die bis dahin maßgeblichen Funktionäre in die Büsche schlugen, zum Teil unter Mitnahme ihrer Dienstwagen, die Wochen später ohnehin nur noch Schrottpreise erzielten. Ortsvereine und Kreisverbände strukturierten sich neu. Und ein Übergangs-Landesvorstand wurde gebildet, der die Vorbereitungen auf den Gründungsparteitag in Weimar in die Hände nahm. Die Thüringer FDP wuchs von unten nach oben. Manch reinigendes Gewitter beschleunigten diesen Prozeß noch.

NTI: Die Wahl des Landesvorsitzenden war dann offensichtlich nur noch Formsache?

KNIEPERT: Und Wettbewerb. Nachdem ich gegen Hartmut Sieckmann zum Landesvorsitzenden gewählt worden war, habe ich ihn zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl vorgeschlagen. Wir hatten uns auf eine Arbeitsteilung zwischen Hartmut Sieckmann, der Mitbegründer des Bundes Freier Demokraten war, Ulrich Fickel von der LDPD und mir geeinigt. Das wurde zwar nie aufgeschrieben, daran haben sich jedoch alle gehalten. Danach sollte der Landesvorsitzende den Vorsitz der FDP-Fraktion im Landtag übernehmen. Im Falle einer Regierungsbeteiligung sollten Hartmut Sieckmann und Ulrich Fickel Ministerämter bekleiden. Diese Arbeitsteilung hat dann auch vier lange Jahre bestens funktioniert.

NTI: Wenn Sie noch einmal 20 wären, was würden Sie anders machen?

KNIEPERT: Eine hypothetische Frage, auf die mir die Antwort schwerfällt. Die jungen Leute finden heute ganz andere Rahmenbedingungen vor, als wir sie hatten. Ich beobachte es an meinen beiden Söhnen. Die Welt steht ihnen offen. Sie können ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten, was ihren Eltern in dem Maße nicht vergönnt war. Ich weiß es nicht. Vielleicht würde ich den gleichen Weg noch einmal gehen; vielleicht würde ich aber auch etwas völlig anderes machen.

NTI: Haben sich Ihre Hoffnungen und Wünsche erfüllt, die Sie an die politische Wende knüpften?

KNIEPERT: Wenn ich die Illusionen abziehe, die mehr oder weniger jeder mit der Wende verband, dann trifft das sicher zu, zumal, wenn man seine Wünsche nicht allzuhoch geschraubt hatte. Was den Politikbetrieb anlangt, bin ich allerdings enttäuscht. Die Schnelligkeit, mit der wir westdeutsche Normalität erreichten, hat mich überrascht. Heute bestehen in dieser Hinsicht kaum noch Unterschiede zwischen Thüringen und alten Bundesländern. Erst kommt das Parteibuch, dann das Land. Das war in den Anfangsjahren des demokratischen Umbruchs genau umgekehrt.

 

„Erst kommt das Parteibuch, dann das Land.“

 

NTI: Was würden Sie als den schönsten Erfolg Ihrer politischen Laufbahn bezeichnen?

KNIEPERT: Einen für viele unscheinbaren. Ich war einer von drei Verfassungsvätern, die das Grundgesetz des Freistaates Thüringen erarbeitet haben. Herausgekommen ist die fortschrittlichste Verfassung eines deutschen Bundeslandes, und das, obwohl alle drei Verfassungsväter keine gelernten Juristen waren, aber vielleicht auch gerade deshalb. Wir haben uns damals auch bewußt überlegt, wie politische Spielchen im Parlament verfassungsrechtlich verhindert werden können. Das ist uns gelungen.

NTI: Zum Beispiel?

KNIEPERT: Beispielsweise bei der Wahl des Ministerpräsidenten. 2009 bekam Frau Lieberknecht im ersten und zweiten Wahlgang nicht die Mehrheit im Landtag. Bei einem dritten Wahlgang ist gemäß Verfassung gewählt, wer die meisten Stimmen erhält. Das muß nicht die Mehrheit im Landtag sein. Damit war die Wahl von Frau Lieberknecht sicher – auch gegen einzelne Stimmen aus den eigenen Reihen. Das war so offensichtlich nicht allen Abgeordneten bewußt.

NTI: Oder?

KNIEPERT: In der Thüringer Verfassung gibt es die erste Schuldenbremse, die in einem deutschen Grundgesetz steht: Es dürfen nicht mehr Schulden gemacht werden als gleichzeitig für Investitionen ausgegeben wird. Also keine Personalkosten auf Pump. Das haben wir 1992 so in die Verfassung des Freistaates Thüringen geschrieben und beschlossen. Mit dieser Regelung kann es eine Staatspleite wie in Griechenland nicht geben.

 

„Mit dieser Regelung kann es eine Staatspleite wie in Griechenland nicht geben.“

 

NTI: In der Thüringer Verfassung wurden aber auch sehr hohe Hürden für Volksentscheide festgeschrieben?

KNIEPERT: Wir alle wollten direkte Demokratie und plebiszitäre Entscheidungen. Aber wir wollten und brauchten damals auch eine erfolgreiche Gebietsreform in Thüringen. Also mußte die Zahl der Stimmen für ein Plebiszit größer sein als einzelne Landkreise, die sonst jede Gebietsreform verhindert hätten.

NTI: Und was würden Sie aus Ihrem politischen Leben am liebsten streichen?

KNIEPERT: Von den unerfreulichen Begleiterscheinungen abgesehen, nichts. Die FDP hat in den vier Jahren ihrer Regierungsbeteiligung gute Arbeit geleistet. Davon zehrt das Land zum Teil heute noch. Beispielsweise die Konzentration der medizinischen Forschung und Lehre an der Universität Jena. Sie hat sich – wie wir heute sehen – bestens bewährt. Oder die von der FDP verantwortete Wirtschaftspolitik: Statt Sterbehilfe für volkseigene Großbetriebe und Kombinate zu leisten, wie es viele verlangten, haben wir auf die Förderung neuer mittelständischer Unternehmen gesetzt. Das war der richtige Weg; er hat Thüringen inzwischen die geringste Arbeitslosenquote unter den ostdeutschen Ländern eingebracht. Analog läßt sich das auch für Wissenschaft, Kunst und Kultur sagen. Bei allen Problemen, die sich auf diesen Gebieten heute auftun, Thüringen hat hier unter den neuen Ländern die größten Fortschritte gemacht. Die Grundpfeiler, die in den Jahren der CDU-FDP-Koalition eingerammt wurden, haben sich als tragfähig erwiesen.

NTI: Haben Sie Ihren Schritt in die Politik je bereut?

KNIEPERT: Nein. Hätte ich ihn nicht gewagt, wäre mein Leben in dieser Umbruchzeit vermutlich sehr viel weniger interessant gewesen. Es ist gut so, wie es gelaufen ist.

NTI: Wie intensiv verfolgen Sie das politische Geschehen in Thüringen noch?

KNIEPERT: In Maßen und in großen Zügen.

NTI: Die SPD – auch in Thüringen – hat sich für Rot-Rot geöffnet. Was sagt ein alter Liberaler wie Sie dazu?

KNIEPERT: Die SPD hatte ihre besten Jahre zwischen 1990 und 1996. Als dann unter den Thüringer Sozialdemokraten der politische Nahkampf einsetzte, gelang es nicht mehr, alle in einem Boot zu halten. Persönliches Machtstreben spaltete und schwächte die Partei zusehends. So etwas bekommt der Wähler natürlich mit. Außerdem: Der SPD ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, längerfristig glaubhafte, wirkungsvolle und wählbare Typen zu positionieren. Aber eine Partei, die sich nicht einmal auf eine Person einigen kann, ist entbehrlich. Da bleibt ihr nun wohl nur die Öffnung zur Linkspartei. Die Linke hat einen festen Wählerstamm und wird nächstes Jahr mit Sicherheit wieder vor der SPD landen. Dann, so meine Prognose, steht die SPD vor einer neuerlichen Zerreißprobe.

NTI: Wie zufrieden ist der FDP-Mann Kniepert mit der Koalition in Erfurt?

KNIEPERT: Diese Koalition aus CDU und SPD bewegt nicht viel. Sagt der eine „hüh“, antwortet der andere „hott“. Mein Eindruck: Beide Parteien haben die Koalitionsverhandlungen 2009 zu oberflächlich geführt. Nun geraten sie sich ständig in die Haare. Und was in den nächsten Monaten noch kommt, wird diesen Gesamteindruck mit Sicherheit nicht verbessern.

NTI: Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang der Landtagswahl 2014?

KNIEPERT: Ungern. Nach meinem Dafürhalten wird alles davon abhängen, wie die Bündnisgrünen abschneiden. Oder ob es der FDP gelingt, wieder in den Landtag einzuziehen und dabei so viele Prozente zu gewinnen, daß eine Koalition mit der CDU möglich ist. Fünf Prozent plus X, wie es Landeschef Uwe Barth auf unserem Parteitag im November ausgegeben hat, ist ein respektables Kampfziel. Doch da muß noch einiges getan werden, um es zu erreichen ...

NTI: Sie sind jetzt 63. Demnächst wartet der Ruhestand? Welche Pläne haben Sie?

KNIEPERT: Das steht noch in den Sternen. Beruf, Familie, Haus und Garten füllen mich derzeit vollständig aus.

Mit dem früheren Landesvorsitzenden der FDP und FDP-Fraktionschef im ersten Thüringer Nach-Wende-Landtag,

Dr. Andreas Kniepert,

sprach KLAUS RANGLACK.

 

 

Zur Person

Andreas Kniepert, Jahrgang 1950, wurde im sächsischen Löbau geboren und ist dort aufgewachsen. 1968 erlangte er zusammen mit dem Abitur den Berufsabschluß als Mechaniker und nahm nach dem Wehrdienst an der Technischen Hochschule Dresden ein Studium der Verfahrenstechnik auf, das er 1974 mit dem Diplom beendete. Anschließend ging er nach Weimar, wo er bis 1990 zunächst als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für mechanische Verfahrenstechnik der Hochschule für Architektur und Bauwesen (heute Bauhaus-Universität) und später als Dozent tätig war. 1978 folgte die Promotion zum Dr.-Ing.; 1985 die Habilitation zum Dr. sc. techn. (heute: Dr.-Ing. habil.).

Am 22. Dezember 1986 trat er der Blockpartei NDPD bei, die sich in den Monaten der friedlichen Revolution der FDP anschloß. Dr. Kniepert hatte sich aktiv in die Vorbereitungen eingeschaltet und wurde auf der Gründungsveranstaltung des Thüringer FDP-Landesverbandes im Mai 1990 zum Landesvorsitzenden gewählt. Über die Landesliste gelangte er auch in den ersten Thüringer Nach-Wende-Landtag, der sich am 14. Oktober 1990 in Weimar konstituierte. Vier Jahre fungierte er danach als Fraktionsvorsitzender.

Nachdem die FDP zur Landtagswahl 1994 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war, kehrte Andreas Kniepert an die Baushaus-Universität Weimar zurück. 1995 nahm er im Leipziger Büro der Hessisch-Thüringischen Landesbank als Verantwortlicher für das Immobiliengeschäft in Sachsen eine neue Tätigkeit auf, die er später in Erfurt fortsetzte und noch heute ausübt.

Nach der Wahlniederlage 1994 trat er als FDP-Landesvorsitzender zurück, wurde jedoch 1999 noch einmal an die Spitze des Landesverbandes gerufen. 2002 legte er das Amt endgültig nieder und wechselte in den FDP-Kreisverband Weimar-Land, dem er bis 2012 – lange Zeit als stellvertretender Vorsitzender – angehörte.

Andreas Kniepert ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt in Weimar.

 

Andreas Kniepert: „Mein Entsetzen hält sich in Grenzen.“

Foto: PRIVAT-ARCHIV

Stasi-Clown Josef Duchac: „In aller Stille das Mögliche dazu beigetragen, daß die CDU ihre Probleme löst.“                                                 Foto: NTI-ARCHIV

Wahlverlierer Andreas Kniepert (FDP) im Oktober 1994: Ausruf zur „Partei der Besserverdienenden“ war vor allem in Ostdeutschland tödlich.

Foto: DPA/WOLFGANG KLUGE 

Thüringer Liberale Andreas Kniepert und Ulrich Fickel: „Arbeitsteilung hat vier Jahre lang bestens funktioniert.“

Foto: ERHARD SCHORCHT

Thüringer FDP-Landeschef Andreas Kniepert im März 1994 auf einem Landesparteitag: „Politik ist zuweilen ein sehr schmutziges Geschäft.“                               Foto: ERHARD SCHORCHT

Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel im Wahlkampf mit seinem Amtsvorgänger Josef Duchac (beide CDU): „Zügel fest in die Hand genommen.“

Foto: WST-ARCHIV

Kniepert-Nachfolger Uwe Barth: „Aus der FDP müssen Signale mit Wirkung kommen.“

Fotos (2): ANDREAS KÜHN

Im dritten Wahlgang am 1. November 2009 gewählte Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU): „Wir haben uns überlegt, wie politische Spielchen im Parlament verfassungsrechtlich verhindert werden können.“

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