Zielgerichtetere Orientierung

Mecklenburg-Vorpommerner Ostseeküste, extensive Entwicklung mit immer mehr Gästen kaum realistisch (FOTO Frank Friedrich).
 
Auch im Jahr 2012 stieg die Anzahl der Thüringer, die ihren Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern verbrachten, zum dritten Mal hintereinander. Über 25.000 Thüringer mehr nutzten die Urlaubsangebote in MV. Die Attraktivität des nordostdeutschen Bundeslandes scheint für Bundesbürger insgesamt immer weiter zu wachsen.
Vom wunderbaren Herbst auf dem Darß schwärmt Manuela Scheller aus Altenburg, und Wolfgang und Anita Fehrlich aus dem Osnabrükker Land, die ich auf einer Kranich­Beobachtungstour  treffe, heben als Kenner der Nord­ und der Schleswiger Ostsee ebenfalls besonders hervor, daß sie hier an der „Ost­Ostsee“ auch außer­ halb der Saison nicht nur Natur, sondern Kultur, erlebnisreiche Führungen und aktives Erholen beim Schwimmen oder Radfahren finden. Erst vor einigen Jahren haben sie vor allem das vorpommersche Ostseegebiet als ideales Urlaubsziel für sich entdeckt – auf Usedom, Rügen, Hiddensee, Darß seien ihnen auch die Einheimischen mit ihrer Herzlichkeit ans Herz gewachsen.
Auf meinen Reisen durchs Küstengebiet lobten die Gäste mir und auch den Gastgebern gegenüber wie die Fehrlichs besonders und zuerst, daß inzwischen fast zu jeder Jahreszeit ein interessanter, erlebnisreicher und erholsamer Urlaub möglich ist. Familienangebote und ­freundlichkeit und viele und schnell erreichbare FKK­Badebereiche sind weitere wichtige Punkte, die die Urlauber nachfragen. Diese Anforderungen erfüllen an der MV­Ostseeküste glücklicherweise immer mehr Orte.
Auf ein Segelboot geht‘s  – mit Rollstuhlfahrern, barrierefreie Segler gibt‘s in Rerik und in Plau am See (FOTO TMV-Archiv).Die immer weiter wachsende Angebotspalette auch in den Nebensaisonzeiten, aber auch die steigende Qualität der Leistungen der Fremdenverkehrsunternehmen vor allem in Hotellerie und Gastronomie tragen dazu bei, das Urlaubsland MV immer attraktiver zu machen. Dem tut auch eine hotel.de­Befragung keinen Abbruch, bei der die Übernachtungsgäste den Hotels in Sachsen (8,64 von zehn Punkten) und Thüringen (8,55) die Bestnoten gaben, und Mecklenburg­Vorpommern „nur“, aber eben nur ganz knapp dahinter, auf Platz 5 (8,50) liegt.
37,4 Prozent der Bundesbürger älter als 14 Jahre verbrachten 2012 ihren Urlaub in Deutschland, etwas mehr als im Jahr zuvor (37,1 Prozent). Nach Bayern war Mecklenburg­Vorpommern das zweitbedeutendste inländische Reiseziel, resümierte die Tourismus­Analyse der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. Und nach Nordrhein­Westfalen und Sachsen stellten die Urlauber aus Thüringen die drittstärkste Gäste­Gruppe: 325.000, das sind 8,3 Prozent der MV­ Touristen (aus NRW kamen 600.000, aus Sachsen 455.000). Die Tourismusbranche an der Ostsee ist sich jedoch auch dessen bewußt, daß eine extensive Entwicklung mit immer mehr Gästen kaum realistisch ist. Deshalb orientieren sich die Anbieter auch auf höhere Qualität und eine größere Vielfalt ihrer inhaltlichen Angebote. Mit dem Darwineum im Rostocker Zoo und dem phanTechnikum in Wismar wurden im Jahr 2012 zwei neue Erlebniseinrichtungen eröffnet und die ersten Gäste zogen in die Baumhäuser in Beckerwitz ein. Der Fernradweg Berlin – Kopenhagen ist seit einem Jahr als erster internationaler Radweg vollständig mit Elektrorädern nutzbar. „Darüber hinaus stellten wir unsere touristische Strategie um und orientieren unsere Gäste mit vier Urlaubswelten Aktivität & Gesundheit, Familie & Kinder, Genuß & Kultur sowie Lifestyle & Trends zielgerichteter. Die neuen Erlebniseinrichtungen und Kooperationen sind Beispiele dafür, daß nach wie vor an der Qualität des Angebotes gearbeitet wird“, sagt Bernd Fischer, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg­Vorpommern (TVM). Die Gäste­ zahlen – knapp 28 Millionen Übernachtungen 2012, das sind 0,5 Prozent mehr als 2011 – und Meinungen belegen, daß die Branche im Nordosten damit auf dem richtigen Weg ist.
Baden-Württemberg-Mecklenburg- Vorpommern - immer mehr Boote süddeutscher Eigner liegen in den Häfen der Ostseebäder (FOTO Frank Friedrich).Den größten Anteil am Wachstum gegenüber dem Vorjahr haben die Campingplätze erzielt. 2011 durch ein kühles und verregnetes Sommerquartal besonders gebeutelt, kamen 7,1 Prozent Gäste mehr. Auch die Vorsorge­ und Reha­Kliniken haben mit Zuwachsraten von 4,8 Prozent deutlich mehr Übernachtungen zu vermelden. Weniger angenommen wurden 2012 erstaunlicherweise Ferienhäuser und ­wohnungen (minus 3,4 Prozent). Hier sind wohl die Grenzen erreicht, außerdem kritisierte nicht nur mir gegenüber Familie Wildenauer aus Mühlhausen bei einer Begegnung auf Poel, daß viele Unterkünfte erfreulicher­ weise modernisiert werden, aber danach die Preissteigerung einfach zu stark ist – für manche Familien jedenfalls. Auch bezüglich der Urlaubsquartiere gilt: Luxusmodernisierung nicht um jeden Preis. Leerstehende Quartiere haben überörtliche Auswirkungen, denn jeder Gast in den Ostseebädern in Mecklenburg­Vorpommern gibt nach Berechnungen von Ökonomen immerhin durchschnittlich 241 Euro am Tag im Land aus ... Insgesamt jedoch ist nach wie vor auch eine preisliche Vielfalt der Unterkünfte gesichert.
Eine besonders spürbare Entwicklung haben auch die barrierefreien Urlaubsangebote gemacht. Allein die Zahl barrierefreier Unterkünfte, die jeweils einer der Kategorien der Dehoga­Kriterien entsprechen, stieg von 16 Betten 1995 auf 1674 Betten im Jahr 2011.
„Das Marktsegment barrierefreier Tourismus funktioniert aber nur bei vollständiger barrierefreier Ausprägung aller Glieder der Servicekette in den jeweiligen Tourismusregionen“, betont Wilfried Steinmüller, Leiter der Servicezentrale „Tourismus für Alle“ des TVM. Dazu gehören berollbare Straßen und Wege, barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel einschließlich Fahrgastschiffe, barrierefreie Bäder, Strandzugänge, Museen, Erlebnisparks, Kinos und natürlich Dienstleistungen und Assistenz. Da liege MV deutschlandweit ganz vorn. „Wir waren 2008 das erste Bundesland, das im System seiner Qualitätssiegel auch ein Prüfsiegel zu barrierefreiem Tourismus QMB eingeführt hat“, erfahre ich von Steinmüller. Er nimmt mich zu einem Ausflug nach Rerik mit. Auf ein Segelboot geht’s – mit Rollstuhlfahrern. Barrierefreie Segler gibt’s in Rerik und in Plau am See, und barrierefreie Freizeitschiffe wie zum Beispiel der Kreuzfahrt­Rollisegler „Wappen von Ueckermünde“ oder die MS Rerik und MS Diana ermöglichen inzwischen auch Menschen mit Behinderung maritime Urlaubserlebnisse. Barrierefreies Einhandsegeln ist ebenso möglich wie Kreuzfahrttouren, Wasserwandern oder gar Hochseeangeln. „Die Kranichrast im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft als barrierefreies Naturerlebnis lockt Besucher ebenso, wie Caspar David Friedrich oder Ernst Barlach auf barrierefreien Kulturtouren zu entdecken. Radtourismus per Handbike ist inzwischen auf speziell getesteten Routen auf den Inseln Rügen und Usedom, in der Mecklenburger Seenplatte und der Rostocker Heide kein Problem mehr“, nennt Steinmüller weitere Beispiele. Auch das „Blindenhotel“ in Boltenhagen, die „Ostseeperlen“ direkt am Strand, gehört zu solch wichtigen individuellen Angeboten. Im Datenbankverzeichnis der Touristiker finden sich zur Zeit 798 geprüfte Detailobjekte, von barrierefreien Beherbergungsunternehmen bis hin zu Sehenswürdigkeiten oder Behindertenstrandzugängen.
Interessierte am Kunstmuseum Ahrenshoop können seinen Bau und die Sammlung mit dem Kauf eines MuseumsBausteins zum Beispiel von Jo Jastram unterstützen (FOTO Kunstmuseum Ahrenshoop).Touristisches Schwergewicht ist seit der Kreisgebietsreform der geographisch mittlere der drei Küsten­Landkreise: Der Kreis Vorpommern­Rügen (VR) reicht von Ribnitz­Damgarten bis Göhren (Rügen). Mit der Insel Rügen, der Insel Hiddensee, Fischland­Darß­Zingst und der Stadt Stralsund finden sich gleich vier der deutschen Tourismushotspots im Landkreis, insgesamt verlaufen fast 1000 Kilometer Küste im Kreisgebiet, auch dies ist deutsche Spitze. Ein Viertel der Landkreisfläche befindet sich im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Da ist ein weiterer Maximalwert natürlich nicht verwunderlich: Jährlich kommen fast vier Millionen Touristen in den Landkreis – Rekord unter den Landkreisen.
Dieses Jahr wird Mecklenburg­Vorpommern außer mit seiner Natur und Landschaft, mit (meist) gutem Urlaubs­Wetter, aber immer mit einer gesunden salzhaltigen Luft an die Ostsee locken. Neben vielen traditionellen Höhepunkten werden auch lang geplante und überraschende Neuerungen die Gäste überraschen. Auch Jubiläen stehen wieder im Programm wie im Juni: Dann wird Deutschlands ältestes Seeheilbad Heiligendamm sein 220jähriges Bestehen feiern. Für die aktive Urlaubsgestaltung kann überdies auf die vielen Klassiker wie die Hanse Sail in Rostock, die Störtebeker­Festspiele in Ralswiek auf Rügen oder das Usedomer Musikfestival gesetzt werden.
Das vom Bundeskulturbeauftragten geförderte Kunstmuseum Ahrenshoop soll im Dezember eröffnet werden - alles liegt im Zeit- und Finanz(!)-Plan (FOTO Frank Friedrich).Höhepunkt nicht nur für das Fischland wird die Eröffnung des Kunstmuseums Ahrenshoop sein. „Die Bauarbeiten gehen gut voran“, berichtet die Projektleiterin des Kunstmuseums, Marion Müller­Axt. „Im Außenbereich hat die Montage der Fassadenverkleidung begonnen und in Kürze werden die Oberlichter eingebaut. Gleichzeitig läuft der Innenausbau des Museums auf Hochtouren. Zeitlich liegen wir gut im Plan, so daß der Eröffnung im Spätsommer 2013 momentan nichts entgegensteht.“ Und auch interessierte Touristen können den Bau unterstützen mit dem Kauf von MuseumsBausteinen – „Der Aufbruch der Kraniche“, ein Bronzerelief von Bildhauer Jo Jastram, und „Balance“, eine Messingarbeit von Hubertus von der Goltz entworfen. Der Erlös fließt in den Stiftungsfonds des Kunstmuseum Ahrenshoop. Die Erwerber der MuseumsBausteine werden in dem zu errichtenden Kunstmuseum Ahrenshoop in besonderer Weise gewürdigt.
FRANK FRIEDRICH
 
Steigende Nachfrage (FOTO Frank Friedrich).Da, da und da
Ungebrochen ist der Trend, daß die Deutschen immer lieber im eigenen Land Urlaub machen: Da, da und da ... Glücklich jeder Gastgeber, jeder Ort, wenn er dazugehört zum „Da“. Dieses Glück hat der Tüchtige – so kitschig das auch klingen mag. Beleg dafür ist die Tourismuswirtschaft in Mecklenburg­V orpommern. Stetig entwickelten hier, und das nicht nur im Küstenbereich, die Gastgeber, Kur­, Kulturverwaltungen und Tourismusvereine in den letzten zwei Jahrzehnten aus dem Vorhandenen sehr differenzierte Angebote für jeden Urlauber. Diese mit viel Überzeugungsarbeit und zum Teil auch durchaus hohen Investitionen verbundene Entwicklung kommt beim potentiellen Gast an: In der Vielfalt und Qualität der Angebote, aber auch weil das Marketing funktioniert.
„Museen, Zoo, Theater, Kurkliniken oder Spaßbäder haben wir auch in Thüringen jede Menge. Was aber die Strukturen, die übergreifende Zusammenarbeit und die Vermarktung insgesamt angeht, da können die Tourismus­Verantwortlichen in Thüringen nicht mithalten. Hier herrscht Kleinstaaterei, unsere Strukturen sind verkrustet, es fehlen originelle Ideen, es fehlt an Modernität und das Management  der Tourismusgesellschaft in Thüringen ist selbstherrlich und unprofessionell. Vielleicht sollten unsere Tourismusleute mal in Mecklenburg­Vorpommern in die Schule gehen“, kommentiert im NTI­Online­ Auftritt der Thüringer Kommentator CRJS die Berichte im NTI­Ostsee­Sonderheft. Und beschreibt damit genau den Unterschied zwischen den beiden Urlaubsländern Thüringen und Mecklenburg­Vorpommern. Und dabei bestätigen Tourismusexperten unserem Freistaat, daß er zu Beginn der 90er Jahre mit einer besseren touristischen Infrastruktur als das ostdeutsche Ostsee­Land eine bessere Ausgangsposition hatte. Dort wiesen außer der Küstenregion nur wenige Landesteile eine ähnliche Infrastruktur auf als Thüringen.
Familienurlaub wird großgeschrieben (FOTO Frank Friedrich).Grundlegender Unterschied ist bei den Nordlichtern wohl das Herangehen. Tourismus wird hier als wirkliche Wirtschaftsbranche wahrgenommen und anerkannt. Statt in plötzlichem Aktionismus themenpauschale – und teure! – Werbekampagnen wie von der Thüringer Tourismusgesellschaft (TTG) als Anhängsel des Wirtschaftsministeriums zu verbreiten, orientieren sich die Tourismusvermarkter in MV auf Inhalte, konkrete Angebote. Lokale und regionale Tourismusvereine und der Landestourismusverband (TMV) arbeiten dabei sehr eng zusammen – von unten nach oben wie von oben nach unten. So können gute regionale Ideen schnell zur „Nachnutzung“ weiterverbreitet sowie schnell und effektiv vermarktet werden, andererseits kommen vom Landesverband aktive Entwicklungsideen – ganz gleich, ob landesweite Themen­ Angebote oder inhaltliche Impulse für lokale Neuerungen.
„Das Ansprechen neuer Gäste, die Entwicklung moderner Angebote, die Sicherung der Qualität der touristischen Angebote im Land sowie der Aufbau multimedialer Vertriebsmöglichkeiten sind die Kernaufgaben des Tourismusverbandes Mecklenburg­Vorpommern“, faßt es TMV­Sprecher Tobias Woitendorf zusammen. „Diese Aufgaben kann der Verband nur in enger Zusammenarbeit mit den Regionalverbänden, den Branchenverbänden und den Unternehmen des Landes erfüllen.“ Genauso eng wie mit den Vereinen der Touristiker arbeitet der TMV mit dem Landesmarketing zusammen: „MV tut gut“ ist der Slogan des Landesmarketings MV, einer Stabsabteilung in der Staatskanzlei Mecklenburg­Vorpommern! „Landesmarketing“, viel mehr als „Tourismusmarketing“ ... – und „MV tut gut“: Nicht nur die wesentlich höhere Anbindung an die Landesverwaltung, sondern allein schon die Tatsache, daß nicht der Behördenname, sondern ein der Aufgabe angemessenes und aussagekräftiges Handlungsmotto obenan steht, belegt die große (Be)Achtung, die das Land MV seinen Tourismusmachern entgegenbringt.
Und daß ein Landesmuseum, das Technische Landesmuseum Mecklenburg­Vorpommern, aus der Landeshauptstadt Schwerin wegzieht in die Provinz, nach Wismar, ist wohl einmalig in Deutschland. Aber in der Provinz sind die Touristenströme – und damit die potentiellen Besucher des Museums. Mit sechs­ bis siebenmal so vielen Besuchern als in Schwerin sind auch die Umzugs­ und Neugestaltungskosten schnell amortisiert. Mit Weitblick entschieden für eine effektive Zukunft des Hauses.
Da, da und da ... gibt‘s engagierte Menschen, die ihre Region für viele Gäste erlebbar und interessant machen. Da, da und da ... werden ihre Bemühungen sehr unterschiedlich unterstützt oder geschätzt.
FRANK FRIEDRICH
NTI-Ostsee-Ausgabe 2013

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