Wunderbare Wirkungen

Was haben Thüringen und die Ostsee miteinander zu tun? Da gibt es schon einiges wie die Melodie zum bekanntesten Ostseelied – die stammt nämlich von einem Thüringer.
„Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, / wo de gäle Ginster bleught in’ Dünensand, / wo de Möwen schriegen grell in’t Stormgebrus, / dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus.“ So heißt es in schönster maritimer Folklore und Heimatseligkeit, die auf Hochdeutsch nicht halb so echt klingen würde. Aber was wären die Zeilen ohne diese Melodie: einfach, schunkel- und schaukelkompatibel, irgendwie wellenförmig und eingängig. Und die stammen von Simon Krannig aus Lauchröden im Thüringer Wartburgkreis. Das ist so ungefähr, als ob das Rennsteiglied von einem Wismarer komponiert worden wäre.
Bei den Ostseewellen hatte allerdings Martha Müller-Grählert aus Zingst die Zeilen in die Welt gesetzt. Aber auch fern der Heimat, denn die Heimatdichterin verfaßte ihr Gedicht von den Ost seewellen in vorpommerschem Platt in Berlin und gab ihm den Titel „Mine Heimat“. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Gedicht schon relativ bekannt. Ein wandernder Glasergeselle aus Flensburg trug den Zeitungsausschnitt aus den damals bekannten „Meggendorfer Blättern“ mit dem Gedicht sogar bis in die Schweiz. Und so gelangte es zum damaligen Dirigenten des dortigen Arbeiter-Männergesangvereins, Simon Krannig, der in Thüringen aufgewachsen war. Dieser vertonte das Gedicht um das Jahr 1910 und sorgte nun erst recht für die Popularität des Liedes.
Den Ostseewellen gesellten sich bald die Nordseewellen hinzu. Ein Mann namens Friedrich Fischer-Friesenhausen veränderte den Text entsprechend. Der Dichterin brachte die große Beliebtheit ihres Gedichtes allerdings keinen Segen. Verarmt und wohl auch verbittert starb sie 1939 in einem Stralsunder Altersheim. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof in Zingst mit der Inschrift: „Hier is mine Heimat hier bün ick to Hus“.
Da erging es Simon Krannig weit besser. Er kam am 19. November 1866 in Lauchröden zur Welt. Schon in früher Jugend erlernte er bei seinem Lehrer das Orgelspiel. 1891 fand er, nach Jahren der Wanderschaft als Schreinergeselle, in Zürich eine dauerhafte Heimat. Dort komponierte er nach dem Text des Gedichtes Mine Heimat sein heute bekanntestes Lied: das Ostseewellenlied, das in einer Variation gemeinhin als Nordseewellen- oder Friesenlied bekannt ist. Krannig starb am 11. Dezember 1936 hoch geehrt in Zürich.
Der Länderreport von Deutschlandradio Kultur stellte kürzlich in einem Beitrag den Heimatbegriff von Krannig heraus. „Da geht ein junger Mann aus Lauchröden bei Eisenach auf die Walz und bleibt in Zürich hängen. Fern der Geburtsheimat komponiert er etliche Lieder, die mit Heimat und Sehnsucht zu tun haben. Und eines dieser Lieder kehrt wieder nach Deutschland zurück und geht von dort aus in die weite Welt.“ In der Tat führt dieses Wechselspiel von Nähe und Ferne, Heimat und Fremde, zu wunderbaren Wirkungen.
Auch der Komponist ist nun, nach vielen Jahren der Vergessenheit, wieder ins Gedächtnis seines Heimatortes zurückgekehrt. Die Lauchröder zeigten sich inzwischen ihrem berühmten Sohn würdig. Am Vorabend des 145. Geburtstages des Komponisten, also 2011, veranstalteten der Lauchröder Ortsteilrat und die evangelische Kirchgemeinde gemeinsam mit dem Brandenburgverein und dem Dorfclub einen Programmabend unter dem Titel „Ein Lied geht um die Welt“, der als Auftakt der Wiederentdeckung des Lauchröder Sohnes gelten darf.
Auch sonst ist man in dem 1000-Einwohner-Ort kulturell sehr ambitioniert. Im Sommer 1999 hatte der Vorsitzende des Burgvereins die zunächst eher belächelte Idee, auf der Burgruine einmal zu klassischer Musik einzuladen. Diese ungewöhnliche Spielstätte begeisterte dann sowohl Besucher als auch Interpreten, so daß man inzwischen die Brandenburger Konzert- und Begegnungstage als Kulturbeitrag im Wartburgkreis kennt.
Was den Norden betrifft, so hat das Lied von den Ostseewellen seinen ursprünglichen Bezugsort, Vorpommern, beizeiten verlassen. Dabei waren sich die Vorpommern und die Mecklenburger lange eher fremd. Die „Mäkelborger Ossenköpp“ nannten die Pommern einst die Mecklenburger. Weil die so stur seien. Umgekehrt wird der Spruch überliefert: „De Pommer ist in’n Winter gräd so dumm as in’n Sommer“. Aber der Spott wird leiser, heute gehören solche Weisheiten nur noch zur Folklore. Generell gilt im Norden heute ein recht starkes Gefühl für die Einheit des Bindestrich-Landes. Ohne es damit freilich zu übertreiben. Man scheint sagen zu wollen: Wir sind uns hier alle sehr verbunden, auch wenn wir uns nicht gegenseitig in den Hintern kriechen. Das könnte man wohl auch als eine Definition des Thüringischen gelten lassen.
Als zwei Länder mit hohem Tourismusanteil sind wiederum sowohl Mecklenburg-Vorpommern als auch Thüringen stark von der Außenwahrnehmung abhängig. Die hat in beiden Ländern gerade in der jüngeren Vergangenheit erheblich gelitten. Die Rede ist von den rechtsextremen Bewegungen.
Schon in einer zweiten Legislaturperiode sitzen Abgeordnete der NPD im Schweriner Landtag. Der NPD-Fraktionsvorsitzende Udo Pastörs sorgt für und bekommt reichlich Aufmerksamkeit. In Thüringen führte die Aufklärung von rechtsterroristischen Morden eines Nazi-Trios aus Jena zu einem vorläufigen Stopp der freistaatlichen Image-Kampagne. Dabei kann gerade Mecklenburg-Vorpommern ein originelles Beispiel dafür liefern, wie man mit viel Ironie gegen Rechts durchaus Erfolg haben kann. Es handelt sich vordergründig um einen Kampf der Label „Thor Steinar“ und „Storch Heinar“. Die Aktion Endstation Rechts der Jusos in Mecklenburg-Vorpommern vertreibt Textilien, die Thor Steinar mit der Marke Storch Heinar parodieren. Heinar ist ein Storch, der mit Stahlhelm und charakteristischem Hitlerscheitel und -bärtchen auftritt.
Mißraten sieht der Storch aus, ein schmächtiger Vogel mit offenbar wenig Verstand. Die anderen Störche hänseln ihn und rupfen ihm die Federn aus. Als wäre Heinar nicht schon genug geplagt, peinigt ihn auch noch eine Froschfleisch-Unverträglichkeit. Die führt bei dem schmächtigen Kerlchen zu Krämpfen und übelriechenden Blähungen. Und so muß sich Heinar vor jeder Mahlzeit erneut die quälende Frage stellen: Mein Krampf oder kein Mampf? Die Parallelen zu einem gewissen Adolf Hitler gehen noch weiter. Heinar fühlt sich auch noch zu Größerem berufen und nennt sich „GröMaZ“ – der größte Modedesigner aller Zeiten.
Die bei Rechtsextremen beliebten Pullover, T-Shirts und Jacken von Thor Steinar werden von der Firma Mediatex aus Mittenwalde südlich von Berlin vertrieben. Mediatex sah sich durch Kleidungsstücke mit Storch-Heinar-Motiven in seinen Markenrechten verletzt und forderte vor dem Landgericht Nürnberg eine Unterlassung. Das Landgericht Nürnberg-Fürth wies im August 2010 die Klage weitgehend ab. Es bestehe keine Verwechslungsgefahr von „Storch Heinar“ mit „Thor Steinar“. Darüber hinaus sei „ein etwaiger Marken- oder Wettbewerbsverstoß als satirische Auseinandersetzung mit den klägerischen Marken von den Grundrechten der Meinungs- und der Kunstfreiheit erfaßt.“
Schon 2004 hatten brandenburgische Staatsanwaltschaften Kleidungsstücke der Marke beschlagnahmen lassen – wegen des Verdachts der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Die Runen ähnelten Nazi-Symbolen, hieß es damals. Das neue Markenlogo wird von Gerichten als „strafrechtlich unerheblich“ betrachtet. Seit 2002 ist Thor Steinar bei den Behörden als Marke registriert. Was das Label Thor Steinar betrifft, so ist man dort nicht gerade auskunftsfreudig über die Machart der Konfektionen im martialischen Naturburschenstil. „Thor“ ist ein germanischer Kriegsgott. „Steinar“ lehnt sich uneingestanden an den SS-General Felix Steiner an. Die unterschwelligen Bezüge zum Nationalsozialismus hatten dem Geschäft mit den Kleidungsstücken offenbar nicht geschadet, trotz der Massenproteste.
Inzwischen hat es sich Thor Steinar aber auch mit seiner treuen Klientel verscherzt. Am 4. November 2008 wurde die MediaTex GmbH an die Al Zarooni Tureva mit Sitz in Dubai verkauft. Seitdem wird die Marke von mehreren Neonazi-Gruppen boykottiert.

GERD POSPISCHIL

Sonderausgabe Ostsee 2012
 

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