Wieland Sorge

NTI-TitelNTI 8/2014: "Riesenglück an einem glücklichen Tag"

In seinen 12 Jahren als Bundestagsabgeordneter setzte er sich vor allem für die Belange seiner thüringischen Heimat ein. Und schoß dabei einmal auch über das Ziel hinaus. Als nach der politischen Wende hierzulande Ostprodukte kaum noch gefragt waren und im Osten Arbeitsplätze in Größenordnungen auf dem Spiel standen, setzte er sich intensiv für eine bessere Vermarktung ostdeutscher Erzeugnisse ein und regte unter anderem die Gründung von "Kaufhäusern des Ostens" an, einer Handelskette, die "ausschließlich Ostprodukte im Westen vertreibt". Der Vorschlag stieß auf wenig Interesse und blieb eine Illusion. "Aber sie hat sicher Denkanstöße gegeben: im Osten wie im Westen." Davon ist Wieland Sorge (SPD) noch heute überzeugt.

Meist sind es die Lehrer, die ihren Schülern den Weg ins Leben ebnen. Für Wieland Sorge, der 27 Jahre als Pädagoge in Lohn und Brot stand, lief es während der friedlichen Revolution gerade andersherum. Auf der Suche nach einer politischen Heimat luden ihn ehemalige Schüler zu einer Versammlung der eben gegründeten SDP-Ortsgruppe ein. Er blieb. Ging den Weg in die SPD mit. Wurde einer ihrer Sprecher und wäre beinahe sogar Landesvorsitzender seiner Partei geworden.
NTI: Herr Sorge, heute sind Sie Ehrenvorsitzender der Meininger SPD. Ihre Partei hat gerade die schlimmste Niederlage bei einer Landtagswahl in Thüringen hinnehmen müssen. Wie tief sitzt der Stachel?
SORGE: In Meiningen sind wir bestens aufgestellt. Bürgermeister und Landrat gehören der SPD an. Das eröffnet uns viele Gestaltungsmöglichkeiten. Um so tiefer traf uns das Ergebnis der Landtagswahl. Es war ein Schock. Wir erhofften uns ein weitaus besseres Abschneiden. Die SPD hatte sich doch in den vergangenen fünf Jahren als Koalitionspartner politisch gut eingebracht und gebührenden Anteil an einer im wesentlichen erfolgreichen Regierungsarbeit. Das große Nachdenken über die Ursachen dieser herben Niederlage setzte erst allmählich ein.
NTI: ... und führte zu welchen Ergebnissen?
SORGE: Der SPD ist es offensichtlich nicht gelungen, den Wählern zu verdeutlichen, was ihre Mitglieder in der Regierung und im Landtag geleistet haben: auch und nicht zuletzt deshalb, weil die CDU dem Wahlvolk alles Positive, das in diesen fünf Jahren erreicht wurde, als eigene Verdienste darstellte. Das haben ihr viele abgenommen. Sie sahen und sehen in der CDU die Partei, die das Land besser voranbringe als es die SPD könne. Auf der anderen Seite Die Linke: Ohne je Regierungsverantwortung übernommen zu haben erweckte sie den Eindruck, als würde sie alle Problem im Handumdrehen lösen. Zwischen beiden Lagern wurde die SPD zerrieben.
NTI: Die Thüringer SPD-Urgesteine Gerd Schuchardt und Frieder Lippmann warnen eindringlich vor einer rot-rot-grünen Landesregierung. Was raten Sie Ihren Genossen in Erfurt?
SORGE: Ein Bündnis mit der Linken wäre verhängnisvoll für die SPD. Die Nachfolger der SED stehen in der Verantwortung für alles Unrecht, das in der DDR geschehen ist. Von dieser Partei will ich nicht regiert werden. Wenn sie sich jetzt der berechtigten Forderung von SPD und Bündnisgrünen beugt und die DDR als Unrechtsstaat anerkennt, dann tut sie es nur, um an die Macht zu kommen. Im übrigen würde ich auch dann für die CDU als Koalitionspartner plädieren, wenn die SPD in einer rot-roten-Regierung den Ministerpräsidenten stellte. Aber davon sind wir zur Zeit weiter entfernt als je zuvor.
NTI: Sie präferieren demnach Schwarz-Rot?
SORGE: Schwarz-Rot mit Grün ist unter den gegebenen Umständen die bessere Alternative. Deshalb verstehe ich die Absage der Bündnisgrünen an die CDU nicht. Sie sind aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen und wollen nun mit ihren Gegnern von damals zusammenarbeiten? Das kann ich nicht nachzuvollziehen. Die SPD jedenfalls sollte sich davor hüten. Geht sie das Bündnis mit den Linken ein, wird sie noch mehr Wähler verlieren. Wer wählt schon eine Kopie, wenn er das Original haben kann?
NTI: Die SPD-Führung befragt ihre Mitglieder, mit welchen Partnern die Partei die nächsten fünf Jahre regieren soll. Halten Sie es für gerechtfertigt, daß am Ende knapp 4500 Thüringer Sozialdemokraten entscheiden sollen, was am Wahltag in die Hände von 1,8 Millionen Wählern gelegt worden war?
SORGE: Dieses knappe Wahlergebnis macht es für die Verhandlungsführer außerordentlich schwierig. Es erscheint mir daher nur vernünftig - und wahrscheinlich gibt es auch keinen anderen Weg -, wenn der Landesvorstand die Rückendeckung der Mitglieder einholt. Schließlich: Wenn es schiefgeht, werden die Verantwortlichen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Wüste geschickt.
NTI: Hat es Sie überrascht, daß weder die Spitzenkandidatin Heike Taubert noch der Landesvorsitzende Christoph Matschie aus der Wahlniederlage umgehend Konsequenzen zogen? Statt dessen gehören beide der Kommission an, die die Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen führt. Frau Taubert will sogar wieder stellvertretende Landesvorsitzende werden.
SORGE: Christoph Matschie hat in der Tat großen Anteil an dem, was geschehen ist. Und er brauchte wohl etwas Zeit, um den Schock zu verdauen, ehe er seinen Rücktritt anbot. Hätte er gleich die Brocken hingeschmissen, wäre das möglicherweise auch ein schlechtes Signal an Mitglieder und Wählerschaft gewesen. Ich gehe nun aber davon aus, daß er nach diesem Debakel nicht noch einmal ein herausgehobenes Partei- und Regierungsamt anstrebt. Mit Frau Taubert tue ich mich schwerer. Sie ist sicher eine sachkompetente Frau und hat viel versucht. Aber nicht alles ist ihr gelungen. Aber das letzte Wort wird demnächst ein Landesparteitag sprechen. Er muß entscheiden, wer die Spitzenfunktionen in Regierung und Partei übernimmt.
NTI: Andreas Bausewein soll das Ruder herumreißen. Er will zwar den Landesvorsitz übernehmen, zugleich aber Oberbürgermeister in Erfurt bleiben. Ist er für den von Parteichef Gabriel geforderten Neuanfang der richtige Mann?
SORGE: Andreas Bausewein ist ein erfolgreicher Oberbürgermeister und inzwischen auch ein sehr erfahrener Politiker, der über Erfurt hinaus großes Ansehen besitzt. Ich verstehe, wenn er seine Arbeit in seiner Heimatstadt Erfurt nun nicht aufgeben will. Und: Es hat durchaus auch Vorteile, wenn einer die Landespartei von außen lenkt. Das hält den Ministern in der Regierung den Rücken frei. Aber auch darüber muß der Parteitag befinden.
NTI: Was muß die Thüringer SPD tun, um aus dem Tief herauszukommen und längerfristig auch in Thüringen zu einer Volkspartei heranzuwachsen?
SORGE: Sie muß Vertrauen zurückgewinnen. Dazu ist zuerst eine schonungslose Fehleranalyse erforderlich, aus der die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen sind. Andreas Bausewein und ein personell erneuerter Landesvorstand stehen vor der Aufgabe, die Partei zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Ein klares, sozialpolitisch geprägtes Profil muß her, ein Parteiprogramm, in dem nicht tausend Dinge aufgelistet werden. Sondern Schwerpunkte: Was will die SPD! Und danach muß sofort an die Arbeit gegangen werden: Kernerarbeit, die von allen Vorständen zu leisten ist und in die möglichst alle Mitglieder einzubeziehen sind. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, werden wir erfolgreich sein.
NTI: Ist es dabei hilfreich, daß ein in Thüringen wegen seiner Doppelbezüge gescheiterter Minister nur Monate später Staatssekretär im SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium wurde?
SORGE: Diese Entscheidung belastet uns als Partei, und sie wird von den Bürgern nicht gutgeheißen. Möglicherweise hat sie auch zu unserem schlechten Wahlergebnis beigetragen. In einer Partei, die für soziale Gerechtigkeit streitet, hat so eine Haltung keinen Platz, noch dazu, wenn es sich um einen Spitzenpolitiker handelt. Daß er mit dieser moralischen Einstellung in Berlin gleich wieder in Amt und Würden gelangte, ist für die Thüringer SPD nicht hilfreich.
NTI: Uwe Höhn aus Südthüringen wurde sein Nachfolger ...
SORGE: Uwe Höhn macht seine Sache sehr gut. Er verzichtet im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf Schlagzeilen und hat sich in der kurzen Zeit als Wirtschaftsminister schon einige Sporen verdient. Ihn würde ich beim personellen Neuanfang gern an der Seite von Andreas Bausewein sehen.
NTI: Sie wären, heißt es, beinahe selbst Landesvorsitzender der SPD geworden. Warum kam es am Ende doch nicht dazu?
SORGE: Sehr einfach. Ich hatte eine langwierige Verletzung an der Bandscheibe und war daher gar nicht erst zu dem Parteitag angereist, auf dem auch die Wahl des Landesvorsitzenden vorgesehen war. Außerdem hatte ich als Bundestagsabgeordneter alle Hände voll zu tun. Diese Doppelbelastung hätte ich nicht geschultert. Aber richtig ist, daß ich im Vorfeld als aussichtsreicher Kandidat im Gespräch war.
NTI: Ihr beruflicher Werdegang ist typisch für einen DDR-Bürger: Abitur, Lehre, Stu­dium und dann 27 Jahre Lehrer. Sind Sie speziell als Geschichtslehrer niemals in Gewissenskonflikte geraten?
SORGE: Sport hat mir immer Riesenspaß bereitet. Aber mit dem Fach Geschichte, vor allem mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, bin ich ständig in Konflikt geraten. Nur hatte ich nie den Mut, dagegen - und im Endeffekt gegen diesen Arbeiter- und Bauern-Staat - aufzutreten. Ich fürchtete die Konsequenzen, die meiner Familie, meinen beiden Söhnen, drohten. So bin ich im großen Strom mitgeschwommen. Aber mir war bewußt, daß ich mit dieser Haltung das System stützte, sein Leben verlängerte. Das ließ ich meine Schüler spüren. Und sie haben es wohl auch wahrgenommen, denn zwischen uns bestand in all den Jahren ein gutes Vertrauensverhältnis.
NTI: Wie haben Sie die politische Wende in der DDR erlebt?
SORGE: Am Fernsehapparat. Und zunächst wollten wir gar nicht glauben, was da in Berlin geschah. So richtig begriffen habe ich es erst, als ich anderen Tages in die Stadt wollte. Die Straßen waren verstopft. Halb Meiningen hatte sich auf den Weg zum Grenzübergang in den nahen Westen gemacht.
NTI: Sie auch?
SORGE: Nein, wir haben etwas ganz Verrücktes getan. Wir sind an die grüne Grenze gefahren und den Kolonnenweg entlanggegangen, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Mit bloßen Händen haben wir Teile des Sperrzauns niedergerissen. Die Euphorie über die gewonnene Freiheit war riesengroß. Sie mußte sich irgendwie Bahn brechen. Erst später wurde uns bewußt, welch Riesenglück wir an diesem Tag hatten. Die Grenzanlagen waren mit Hunderten Minen bestückt. Natürlich sind wir in den Tagen darauf auch in den Westen gefahren.
NTI: Zu diesem Zeitpunkt waren Sie 27 Jahre Lehrer. Was trieb Sie so plötzlich in die Politik?
SORGE: Wir haben Verwandte in Westdeutschland, die wir 1988 erstmals be­suchen durften. Dort habe ich erlebt, wie weit sich die Menschen in beiden deutschen Staaten bereits auseinandergelebt hatten. Als Erich Honecker dann auch noch den Vergleich mit dem Esel zog, der den Lauf des Sozialismus nicht aufhalten könne, platzte ein Knoten. Ich ging zu den Demos in Meiningen und hielt mit meiner Empörung auch öffentlich nicht mehr zurück: im Meininger Theater nicht, wo ich meine erste Rede hielt. Und nicht vor meinen Schülern. Ich wollte mich Gleichgesinnten anschließen, ging zur CDU und zum Neuen Forum. Die einen wollten mich nicht - zum Glück! -, die anderen redeten nur. Schüler waren es schließlich, die mich zur ersten SDP-Versammlung einluden.
NTI: Schon Wochen nach Ihrem SPD-Beitritt waren Sie Spitzenkandidat für Südthüringen. Wie kam es dazu?
SORGE: In der SDP, die kurz darauf in die SPD überging, fühlte ich mich auf Anhieb wohl. Ich habe mich eingebracht, auf die Entwicklung der Partei in Meiningen Einfluß genommen, auf Parteiveranstaltungen und auf dem SPD-Landesparteitag in Gotha - an dem auch Willy Brandt teilnahm -, gesprochen, Interviews gegeben und erlangte so einen gewissen Bekanntheitsgrad, der dann in die Spitzenkandidatur für die Südthüringer SPD mündete. Das alles entwickelte sich innerhalb von Wochen. Am 18. März 1990 fand ich mich in der letzten DDR-Volksammer und nach deren Auflösung im Deutschen Bundestag wieder.
NTI: Sie waren als Bundestagsabgeordneter Befürworter und Verfechter der Thüringer-Wald-Autobahn. Doch gerade die SPD-Bundestagsfraktion hat den Bau verhindern wollen. Waren Sie enttäuscht?
SORGE: Das war schon eine seltsame Situation. Immer, wenn das Projekt im Plenum zur Sprache kam, habe ich mich dafür eingesetzt. 1992 war ich mit zwei bayerischen Kollegen gar der einzige in der 239köpfigen SPD-Fraktion, der für die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit und den Bundesverkehrswegeplan und damit für die Thüringer-Wald-Autobahn stimmte. Nur wir drei hatten uns damals von den Plätzen erhoben. Dafür gab es Beifall aus den Reihen von Union und FDP. Die eigenen Genossen schauten uns dagegen noch lange scheel an. Mit Gerhard Schröder als Bundeskanzler änderte sich die Situation schlagartig. Heute sind auch die, die damals eine "intelligentere Lösung" wollten, sehr zufrieden, daß es diese Autobahn gibt.
NTI: Als Bundestagsabgeordneter haben Sie sich zugleich mehrfach intensiv für eine bessere Vermarktung ostdeutscher Erzeugnisse eingesetzt. Sie regten - so schrieb die NTI damals - unter anderem die Gründung von "Kaufhäusern des Ostens" an, einer Handelskette, die "ausschließlich Ostprodukte im Westen vertreibt". Ihr Vorschlag stieß auf wenig Interesse. Wie denken Sie heute darüber?
SORGE: Das Problem steht in dieser Schärfe heute nicht mehr. Damals aber hatten wir eine Situation, in der Ostprodukte kaum noch gefragt waren und der eige­ne Handel sich als ausgesprochen weltfremd erwies. Das spielte der westdeutschen Konkurrenz natürlich in die Karten. Im Osten aber standen Arbeitsplätze in Größenordnungen auf dem Spiel. Mit "Kaufhäusern des Ostens", glaubte ich damals, könne man diese Situation überwinden oder zumindest abfedern. Wenn Sie uns 3,5 Milliarden D-Mark geben, machen wir's, hielt man mir damals entgegen. Woher sollten wir 3,5 Milliarden nehmen? Es blieb also eine schöne Illusion. Aber sie hat sicher Denkanstöße gegeben: im Osten wie im Westen. Irgendwie finde ich es dennoch schade, daß wir unser Ziel nicht erreicht haben.
NTI: Wenn Sie auf Ihre politische Laufbahn zurückblicken: Was erfüllt Sie mit Genugtuung?
SORGE: Die politische Wende war die spannendste und aufregendste Zeit, ein unwahrscheinliches Erlebnis, und ich bin immer wieder dankbar, daß ich daran Anteil hatte und meinen bescheidenen Beitrag zur demokratischen Umgestaltung im Osten und zum Zusammenwachsen dieses Landes leisten durfte.
NTI: Was hat aus Ihrer Zeit Bestand?
SORGE: Ich bin als Politiker vor allem Pragmatiker. Für mich zählt, was unterm Strich herauskommt. Und das ist in den zwölf Jahren als Bundestagsabgeordneter sehr viel. Von der Waldautobahn war schon die Rede. Im Ausschuß für Post und Telekommunikation ging es bevorzugt um den qualitativen und quantitativen Ausbau des Telekomnetzes im Osten. Der Sportausschuß trug maßgeblich dazu bei, daß die Sportvereine im Osten heute eine ähnlich gute Infrastruktur vorfinden wie im Westen. Und im Treuhand-Ausschuß wurden ungezählte Eigentumsfragen geklärt ...
NTI: Gerade im Treuhand-Ausschuß aber lagen Sie und Ihre Freunde anfangs mit der Treuhand-Spitze im Clinch ...
SORGE: Wir wollten anfangs vor allem den Investoren und Käufern von DDR-Betrieben den Zuschlag geben und dann auch entsprechende Fördermittel bewilligen, die die meisten Arbeitsplätze erhalten. Das war aus ostdeutscher Sicht sicher verständlich. Hingegen vertrat die Treuhand den Standpunkt, übernehmen sollte der, der das beste Konzept hat - auch wenn dabei zunächst Arbeitsplätze verlorengehen. Nur so sei es möglich, daß sich die neuen Unternehmen am Markt behaupten, ihr Kerngeschäft entwickeln und schließlich auch neue Arbeitskräfte einstellen könnten. Diese Argumentation hat uns schließlich überzeugt; so ist es in der Mehrzahl der Fälle dann auch geschehen.
NTI: Was ist aus Ihrer Sicht weniger gut gelungen?
SORGE: Nicht weniger gut, sondern überhaupt nicht als umsetzbar erwies sich die Idee von einem durchgehenden Lehr-, Rad- und Wanderweg entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze: mit historischen Zeugnissen, Zeittafeln, Wanderhütten, preiswerten Hotels, Campingplätzen und dergleichen mehr. Der Lehrer in mir dachte: Wandertage entlang des Todesstreifens - das ist lebendiger Geschichtsunterricht. Ich hatte damals die Landkreise und Städte auf beiden Seiten angeschrieben und für diese Idee geworben. Zugestimmt hat nur die Stadt Hof; alle anderen sahen sich aus finanziellen Gründen dazu nicht in der Lage. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und ein bißchen ist in dieser Hinsicht auch schon geschehen.
NTI: Was hätten Sie sich anders gewünscht?
SORGE: Daß der Einigungsprozeß etwas schneller verläuft und der Osten schneller Anschluß an den Westen gewinnt. Doch seine Wirtschaftskraft hinkt nach wie vor hinter den alten Bundesländern her. Die Arbeitslosigkeit ist relativ hoch, das Lohnniveau geringer. Junge Menschen wandern dorthin, wo ihnen Perspektiven und gutes Geld geboten werden. Thüringen gehört leider noch nicht dazu. Und dann sind da noch die Menschen, die das Bild der untergegangenen DDR verklären. Ihre Zahl ist nach wie vor groß. Das erschüttert mich immer wieder.
NTI: Nun also der verdiente Ruhestand? Wie füllt ein langjähriger Bundestagsabgeordneter die gewonnene Freizeit aus?
SORGE: Da gibt es keine Langeweile. Ich habe ein schwieriges Hanggrundstück, in dem es zu jeder Jahreszeit viel Arbeit gibt. Spiele noch heute, mit 75 Jahren, Fuß- und Volleyball, jogge regelmäßig und versuche mich hin und wieder auf dem Golfplatz. Die Zahl der Ehrenämter habe ich zwar reduziert, mit der Präsidentschaft im DRK Meiningen ist mir jedoch eine recht zeitaufwendige Funktion geblieben. Immerhin verwaltet das Meininger DRK ein Jahresbudget von 20 Millionen Euro. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt mit der Familie, die früher viel zu kurz gekommen ist.
NTI: Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich für Ihre Wahlheimat Meiningen?
SORGE: Ich wünsche mir von den Bürgern und den verantwortlichen Politikern, daß sie mehr Entscheidungsfreude und Risikobereitschaft an den Tag legen. Das wirtschaftliche Umfeld im Landkreis und in der Kreisstadt ist sehr schwierig. Der Landkreis sieht seine Zukunft eher im Tourismus und auf kulturellem Gebiet. Da sollte man, zum Beispiel, eine Chance, wie sie sich mit dem Geba-Projekt bot, nicht ungenutzt vertun ...
NTI: Sie meinen den schiefen Turm auf dem Geba-Plateau in der Rhön, der der schiefste der Welt werden sollte ...
SORGE: Eine Bürgerinitiative brachte das Vorhaben leider zu Fall. Die Entscheidung fiel zwar knapp aus und wurde vor allem von denen getroffen, die davon nicht berührt sind. Die anliegenden Gemeinden erhofften sich damit aber neue Arbeitsplätze und Einnahmen für den heimischen Mittelstand, kamen mit ihren Argumenten aber nicht durch. Sie waren sich sicher, daß jährlich einige Zehntausend Touristen zur Geba strömen würden. Die benachbarte Wasserkuppe verzeichnet jährlich eine Million Besucher; auf dem gegenüberliegenden Kreuzberg sind es immerhin auch noch 750.000. Und das ohne einen schiefen Turm ...
Mit dem früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Wieland Sorge sprach KLAUS RANGLACK.
 
Volle zehn Jahre gehörte Wieland Sorge (rechts) zu den Stammspielern der Bundestags-Auswahl: Mit ihm als Mittelfeldspieler wurde die Mannschaft mehrfach Europa- und Vize-Europameister. Fotos (5): PRIVAT-ARCHIV
Dem Sport ist er auch mit 75 Jahren treu geblieben: Wieland Sorge in seinem Meininger Arbeitszimmer mit einem Poster der Fußball-Auswahl des Deutschen Bundestages vor dem Reichstag in Berlin. Foto: KLAUS RANGLACK
Besuch bei Soldaten der Bundeswehr: Wieland Sorge als Mitglied einer Bundestags-Abordnung im Jahr 2002 im Kosovo.
Wahlkampf in Meiningen: Wieland Sorge und Gerd Schuchardt (Mitte) erhalten prominente Unterstützung durch Johannes Rau, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Wieland Sorge (rechts) mit einer Bundestags-Delegation in Namibias Hauptstadt Windhoek: Als Gastgeschenke hatten die deutschen Politiker Sportausrüstungen für Kinder des Landes im Gepäck.
Zu Besuch in der Volksrepublik China: Zum Programm der Delegation des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages gehörte auch ein Besuch der Chinesischen Mauer.
 
 
 

Zur Person

Wieland Sorge, Jahrgang 1939, wurde in Ponitz nahe Altenburg geboren und verbrachte die ersten Lebensjahre im thüringischen Tanna. Nach dem Abitur, das er 1957 in Zeulenroda erlangte, absolvierte er zunächst eine Lehre als Maschinenschlosser (Facharbeiterbrief 1959) und studierte anschließend, nachdem ihm ein Ingenieursstudium verwehrt worden war, an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und an der Pädagogischen Hochschule Potsdam Sport und Geschichte (Diplom 1963). Danach war er 27 Jahre als Geschichts-, Sport- und Geografie-Lehrer in Meiningen tätig.
Als Schüler seiner Klassen Anfang Januar 1990 die Meininger Ortsgruppe der SDP gründeten, reihte sich der zu DDR-Zeiten parteilos Gebliebene ein, ging mit ihnen den Weg in die SPD und wurde in Südthüringen einer der maßgeblichen Sprecher. Von seiner Partei als Spitzenkandidat nominiert, zog er im März 1990 in die letzte DDR-Volkskammer ein und gehörte Anfang Oktober auch zu den Frauen und Männern, die in den Deutschen Bundestag abgeordnet wurden. Hier setzte er sich im Verlauf von drei Legislaturperioden als Mitglied verschiedener Ausschüsse und Kommissionen vor allem für die Belange seiner thüringischen Heimat ein. Nachdem er 1998 ein Direktmandat errungen hatte, trat er 2002 zur Wiederwahl nicht mehr an.
Über sein politisches Engagement hinaus war und ist Wieland Sorge vielfach und nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag verstärkt ehrenamtlich tätig. Er gehörte zeitweise 14 Vereinen an, ist unter anderem Mitbegründer der Theaterstiftung Meiningen und war Vizepräsident des Thüringer Fußballverbandes. Noch heute steht er dem DRK-Kreisverband Meiningen als Präsident vor. 2011 war er vorübergehend auch ehrenamtlicher Geschäftsführer der Heilpark GmbH - eines deutsch-chinesischen Joint-venture-Unternehmens, das in Meiningen zweisitzige Hubschrauber bauen wollte, sich dann aber für Eisenach entschied -, ehe er endgültig in den Ruhestand eintrat.
Sein Wirken fand vielfache Anerkennung. Wieland Sorge ist Träger des Verdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Anläßlich seines 70. Geburtstags wurde er zum ersten Ehrenvorsitzenden der Meininger SPD ernannt. Rund zehn Jahre gehörte er der Fußball-Auswahl des Deutschen Bundestages an, mit der er unter anderem Europa- und Vize-Europameister wurde. Dreimal nahm er auch am Berlin-Marathon teil und erzielte dabei mit 63 Jahren seine Bestzeit (3:18 Stunden).
Wieland Sorge ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und fünffacher Großvater. Er lebt in Meiningen.
 
NTI 8/2014
 
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