Sonne, Natur, Räder und Safari

Winterbadespektakel in Ahlbeck, jedes Jahr im Februar wagen sich um die hundert Verrückte in die Fluten – auch bei Frost (FOTO DKB-Archiv).
 
Am See an der See habe ich mich einquartiert, um die Sonneninsel Usedom in kalten Februartagen zu durchstreifen. Vom Ufer des Wolgastsees aus, der ein beliebtes Ausflugsziel für die Heringsdorfer und Ahlbecker Urlaubsgäste ist. Und ich mache mich auf den entgegengesetzten Weg.
Sie himmlische Ruhe hier im Hinterland der Insel läßt einen fastvergessen, wie nah der Ostseestrand ist. Auf Usedom findet jeder Gast sein ganz eigenes Urlaubserlebnis. Längst ist der See-Urlaub auch hier nicht einfach mehr nur ein klassischer Sonne-Strand-und-Wasser-Bade-Urlaub. Auf Usedom rückten in den vergangenen Jahren immer mehr Wälder und Grünland in den Urlauberfokus, denn hier findet sich ideales Angebot für alle, die ihr Urlaubsglück auf dem Fahrrad, beim Wandern oder in erholsamer Einsamkeit suchen. Das hektische Leben und Treiben an der See lässt sich schnell vergessen. Andererseits bietet gerade dieses Hinterland auch vielfältige Gründe, außerhalb der Hauptsaison die Sonneninsel aufzusuchen. Nichtwenige Touristen vergleichen an schönen Herbsttagen den Eindruck und Erholungswert mit dem Indian Summerin Nordamerika.
Meine Usedom-Basis, der Wolgastsee, liegt in Korswandt an der polnischen Grenze. Im Sommer ist der See beliebt für Badende und zum Ruder- oder Tretbootfahren. Am Rand des Sees befindet sich ein Gürtel aus Schilfrohr, idealer Brutplatz für viele Vögel. Angler zieht der See mit seinen Hechten, Aalen und Zandern an. Und die kommen aus den nahegelegenen Ostseebädern Heringsdorf und Ahlbeck. Nach Ahlbeck – zusammen mit Heringsdorf und Bansin als „die drei Kaiserbäder“ bekannt – führt mein erster Weg. Denn hier steigt jedes Jahr am zweiten Februarwochenende ein Winterhöhepunkt für Gäste und Insulaner. Zum 17.Mal lud dieses Jahr das Winterbadespektakel ein. „Mit dem Winterbadespektakel beweist Ahlbeck immer wieder, daß Usedom nicht nur während des Sommers ein Ziel für Wasserratten ist“, freut sich Diana Krüger, im Eigenbetrieb Kaiserbäder Insel Usedom für Kultur zuständig. Bei schönstem Wintersonnenschein wagen sich dieses Jahr auch wieder rund 100 verkleidete Eisbader an der Ahlbecker Seebrücke in die Ostseefluten. Vom Laufsteg, auf dem neben einer winterlichen Modenschau auch die Kostüme der Bader vom Publikum mehr oder weniger begutachtet werden, stürzen sie sich in die Fluten.Die Veranstalter schlagen mit diesem 17. Winterbadespektakel einen Bogen zum Jubiläum der Usedom Baltic Fashion, die am 29. und 30. April schon zum zehnten Mal ausgetragen wird. Wie immer dürfen sich Jungdesigner im Heringsdorfer Kaiserbädersaal mit ihren Kreationen um einen der begehrten Baltic-Fashion Awards bewerben.
Zu Fuß mache ich mich auf den Weg ins benachbarte Heringsdorf. Zuvor jedoch kann ich nicht dem verlockenden Duft aus Uwes Fischerhütte in der Ahlbecker Dünenstraße widerstehen. Fisch – frisch gefangen, frisch geräuchert, frisch serviert ... So gestärkt läßt’s sich bei diesem herrlichen Sonnenschein gut nach Heringsdorf wandern. Auf halber Strecke überholt mich eine Kutsche, das junge Paar darin lädt mich ein, ein Stück mitzufahren. Ihr fünfter Jahrestag soll gefeiert werden mit einem Kurzaufenthalt auf Usedom –so mit allem Drum und Dran: Kerzenlicht-Abendessen, Massagen- und Saunabehandlungen ... Der Sonnenschein hat sie heute jedoch nach draußen gelockt, zu einer Kutsch-Rundfahrt und zum Salzige-Eis-Seeluft-Inhalieren.
Heringsdorf ist nach dem auf dem polnischen Teil gelegenen Swinemünde das älteste und vornehmste Seebad auf der Insel Usedom. Rund 4000 Einwohner zählt der Ort heute und ist somit einer der größten auf der Insel Usedom. Eine rund zehn Kilometer lange, ununterbrochene Strandpromenade verbindet Heringsdorf mit den Nachbarorten Ahlbeck und Bansin. Diese„Die Kaiserlichen 3“ oder „Die 3 Kaiserbäder“ genannten, haben ihre Bezeichnung aus früheren Zeiten, als der deutsche Hochadel gerne hier kurte. Immer jedoch war Heringsdorf der mit Abstand beliebteste Erholungsort der Aristokratie unter den dreien.
Das spätere Seebad ließ 1818 ein Förster, nämlich Oberforstmeister Georg Bernhard von Bülow, ein Vorfahre von Loriot, als Fischersiedlung anlegen. Den Ortsnamen Heringsdorf verdankt das Dorf dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, später König Friedrich Wilhelm IV. Als dieser sich 1820 indem künftigen Seebad aufhielt, wurde er vom Oberforstmeister und den Einwohnern gebeten, die Siedlung zu benennen. Der überaus starke Geruch des Herings, der damals im Dorf verarbeitet wurde, „half“ ihm bei der Namensfindung wohl sehr ...
In diesem Seebad ließ sich auch ein Prominenter zu der Äußerung hinreißen, daß die Deutschen in der Masse schwer zu ertragen seien. Der russische Schriftsteller Maxim Gorki war 1922 dieser Gast. Auf Anraten Lenins sollte er sich in der Villa Irmgard von einer Tuberkuloseerkrankung erholen. Was ihm den Ärger mit den Deutschen verschafft hatte, ist unbekannt geblieben. Die Heringsdorfer haben ihm dies auch nie übelgenommen – man fühlte sich einfach nichtangesprochen. So ist das Museum für Literatur und Regionalgeschichte in der Villa Irmgard unter anderem eine Gedenkstätte für den einstigen berühmten Gast, dessen Zimmer noch weitgehend im Originalzustand erhalten sind.
Die Reste der Hubbrücke Karnin im Peenestrom, sie war Bestandteil der ehemaligen Eisenbahnlinie Ducherow – Swinemünde und soll endlich wieder Anklam mit der Insel verbinden (FOTO DKB-Archiv).In Heringsdorf begegnet mir auch eine Gruppe Radler mitknallgelben Rädern. Die gehören zum neuen Fahrradverleihsystem UsedomRad. Das neue Verleihsystem gibt es seit Sommer 2010. Bisher stehen einhundert der leuchtendgelben Räder mit Acht-Gang-Schaltung und Federgabel an elf Verleihstationen von Swinemünde über Ahlbeck bis nach Peenemünde, aber ebenso im Achterland sowie in Anklam zur Verfügung. Clou des Angebotes ist die Einweg-Ausleihmöglichkeit wie in vielen Großstädten bereits mit den City-Rad-Systemen erprobt. „Wir sind wohl die ersten, die das in Deutschland ‚auf dem Land’ probieren“, erfahren wir von Barbara Syrbe (Die Linke), der Landrätin des Kreises Ostvorpommern. Zwei wichtige Gründe ließen das Projekt vielversprechend erscheinen: Die über Usedom und im Hinterland führenden Fernradwege sollen wie das ergänzende, inzwischen recht enge Wegenetz leichter genutzt werden können. „Außerdem erhoffen wir uns mit der nicht mehrunbedingt nötigen Rückkehr an den Ausgangspunkt eine Entlastung unserer Straßen“, nennt Syrbe einen anderen wichtigen Grund. „Statt mit dem Auto auf der Insel im Stau zu stehen, steigen mit diesem Radausleih-Angebot mehr Gäste aufs Rad um. Unsere große Vision ist: Die Urlauberkommen mit dem Auto auf die Insel, nutzen dort aber das Rad oder den Öffentlichen Personennahverkehr.“ Gäste können ihr UsedomRad an jedem Standort des Netzwerkes entleihen und andernorts auch wieder abgeben. Ein kostenfreier Pannenservice ist auf jeder Tour sicher. Und wenn die Kondition dann nicht mehr reicht, kommt man mit der Bahn oder dem Bus weiter, nachdem man das Rad einfach an einer der Verleihstationen abgegeben hat. Auf der Sonneninsel ermöglichen über 150 Kilometer Radwege mitten durch den Naturpark Insel Usedom ein nahezu grenzenloses Radelvergnügen ohne Straßenverkehrsgefahren.
Die Kommunalpolitikerin vergißt aber trotz der Rad-Idee nicht, die Infrastruktur auch für motorisierte Touristen zu verbessern. Besonders wichtig ist ihr, daß die Gäste flüssiger auf die Insel und an ihr Ziel kommen können. Deshalb kämpft sie unter anderem gerade in diesen Wochen mit Unterstützung des Landes darum, dass die Karniner Brücke – der südliche Zugang zur Insel – aus dem Status einer Fußnote im Verkehrswegeplan der Bundesregierung zu einem Plan-Projekt und Realität wird.
Die Hubbrücke Karnin ist eine 1933eröffnete und 1945 zerstörte Eisenbahnbrücke über den Peenestrom – und heute ein viel fotografiertes Bauwerk. Sie war Bestandteil der ehemaligen Eisenbahnlinie Ducherow – Swinemünde. Das Hubteil der Brücke steht als seit Kriegsende unverändertes Fragment und als technisches Denkmal mitten im Peenestrom. Es wurde für die Auszeichnung als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland vorgeschlagen. Ein Vorgänger der Hubbrücke wurde 1875 zunächst als handbetriebene Drehbrücke gebaut. Sie mußte für den Schiffsverkehr im Peenestrom stets offen stehen und wurde nur geschlossen, wenn ein Zug die Brücke passieren sollte. 1908 erfolgte der zweigleisige Ausbau der Strecke. Heute ist die Verbindung zur Insel hier vollständig gekappt.
An Brücken und Autos denke ich nicht, hier in Bansin. Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich dann aber doch gegen die Blitz-Idee, das mit dem UsedomRad doch mal zu testen – beider kalten Februar-Brise ist das für Schönwetterradler gar nichts! Mit dem Bäderexpreß komme ich auch nach Bansin. Längst genossen in Ahlbeck und Heringsdorf honorige Gäste die Freuden der Sommerfrische, als Bansindann 1897 gegründet wurde – als Seebad. Bansin war also Seebad von Anfang an und ergänzte damit die Riege zu den „Kaiserlichen Drei“.
Das Ortsbild unterschied sich von Anfang an denen der „großen“ Nachbarn. Elegante Villen in der verschwenderischen Weite schöner Parks sucht man hier vergebens, aber ein „zweites Heringsdorf“ war auch nie geplant. Die prachtvolle Bäderarchitektur sammelt sich im kleinsten der Kaiserbäder an der Strandpromenade und vor allem in der parallel verlaufenden Bergstraße. Hier gibt’s auch den inzwischen legendären „Meerblick aus zweiter Reihe“. Vorn am Strand bestimmen immer Wind und Wetter die Regeln. Nur wenige Meter hinter der Strandpromenade verblaßt langsam das Maritime Bansins, gewinnen Wald und Seen sowie Einsamkeit und Unberührtheit des Achterlands den Gast.
Genau dorthin, zum Achterwasser, fährt mich ein Jeep. Er gehört zu einem Unternehmen, das Safari-Touren auf der Insel anbietet. Wußten Sie, dass Usedom vor nicht allzu langer Zeit ein Inselarchipel in der Odermündung war oder daß die Ostsee das jüngste Meer der Erde ist? Woher kamen die Menschen, die diesen Flecken Erde besiedelten? Wie war die geschichtliche Entwicklung der Region? Solche Fragenbeantworten sich auf einer Insel-Safari. Die Insel Usedom ist nicht nur formalein Naturpark. Die über Jahrhunderte gewachsene Natur- und Kulturlandschaft bietet vieles im ursprünglichen Raum, was in anderen Regionen zum Teil bereits verloren ist. Hier finden Sie unweit der Strände nahezu unberührte Landstriche mit einem überwältigendem Artenreichtum. Seit einigen Jahren lassen solche Touren die Natur individuell, abwechslungsreich und ohne Zeitdruck, mit abenteuerlichen und romantischen Akzenten, unkonventionell und aus ungewohnten Perspektivenerleben. Zur Zeit, nämlich von Oktober bis März, enden die Geländetouren an Tischen Usedomer Spitzenköche.
Idylle auf Insel Usedom (FOTO Marcel Rolfes/Pixelio).Zwischen Stettiner Haff und Achterwasser liegt das Achterland, das direkte Hinterland der Kaiserbäder, das in den vergangenen Jahren immer attraktiver wurde für Touristen. Das Knarren und Knarzen der Bockwindmühle in Pudagla fügt sich fast musikalisch in die Eindrücke ein, die am Wasserschloß Mellenthin die mächtigen Eichen hinterlassen. Die Usedomer Schweiz wird vom Aussichtsturm Sieben-Seen-Blick „gekrönt“, von hier findet man einen berührenden Blick auf den Gothensee, im Niedermoorgebiet des Thurbruchs ist ganz besondere Flora zu finden. Zu jeder Jahreszeit sind die Fischerkaten und Backsteinscheunen der kleinen Dörfchen reale Bilderbuchidylle neben den noch immer vorrangig weißen Segeln der Boote auf dem Achterwasser. Sobald das Achterwasser im Frühjahr eisfrei ist, sind Wassersportler und Angler aktiv. Die Angler sind die ersten auf dem Wasser und sie ziehen so manches Prachtexemplar mit mehreren Kilo Gewicht aus den Fluten. Hobbyseglerfinden in Kamminke, in Rankwitz und in der Stadt Usedom Schutz und Service zum Ausruhen und Proviant auffüllen. Auch ohne eigenes Schiff kann man „auf große Fahrt gehen“, auf einem Traditionssegler anheuern, selbst Segel setzen, klar Schiff machen und wie auf eine Zeitreise gehen.
Besonders auch im Frühjahr und im Herbst während der Vogelzüge wird Usedom von zehntausenden nordischen Gänsen, Enten und Schnepfenvögeln besucht. Der Bereich des Oderhaffs, der Peenestrom und das Achterwasser bei Usedom gehören schon seit alters her zu den wichtigsten Brut- und Überwinterungsgebieten des Seeadlers in Deutschland. Insbesondere in strengen Wintern, wenn im Binnenland die Seen zugefroren sind, ziehen viele Seeadler aus Deutschland, aber auch aus Skandinavien in diese Gegend, da sie hier noch offene Wasserflächen und somit die Möglichkeit, sich zu ernähren, finden. Der Brutbestand an Seeadlern hat wie im übrigen Ostseeraum auch auf Usedom erfreulich zugenommen. So brüten heute wieder 15 bis18 Brutpaare des Seeadlers regelmäßig auf Usedom. Aufgrund der nahrungsreichen Gewässer um Usedomexistieren mehrere Schlafgemeinschaften unausgefärbter und nichtbrütender Seeadler. Usedom ist vermutlich als Lebensraum für die Nicht-Brüter-Population von Seeadlern sehr wichtig.
Das Hinterland der Insel besitzt einen hohen Anteil naturnaher Biotope wie Dünen, Moore, Trockenrasen, Wälder und Wasserflächen. Bemerkenswert sind die nicht nur auf die Naturschutzgebiete beschränkten Vorkommen seltener bis stark gefährdeter Arten, sondern auch Naturdenkmale wie die über 800 Jahre alte Suckower Eiche.
Die Hauptader der norddeutschen Wege der Jakobspilger, der Baltisch-Westfälische Jakobsweg, führt ebenfalls durchs Achterland. Er führt übermehr als 700 Kilometer von Polen unter anderem durch Kamminke, Zirchow und die Stadt Usedom nach Osnabrück. An diesem Weg gibt es auch schon einige der Pilgerunterkünfte: in der Jugendbegegnungsstätte Golm in Kamminke und im Pfarrhaus in der StadtUsedom.
FRANK FRIEDRICH
NTI-Sonderausgabe Ostsee 2011

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