Schatzkiste voller Entdeckungen

 Reizvolle Insel (FOTO Jürgen Raabe).
 
Es kann ausgeschlossen werden, daß Altkanzler Helmut Kohl(CDU), als er von den zu gestaltenden blühenden Landschaften in den neuen Bundesländern sprach, die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns in ihrem heutigen Erscheinungsbild meinte. Gleiches trifft auf seinen Vorvorgänger Willy Brandt(SPD) zu, der nach dem Fall der Berliner Mauer für Deutschland voraussagte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Falsch wäre das aber in beiden Fällen nicht gewesen.
Die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns ist in oder, wie die „Super-Illu“ im vergangenem Jahr feststellte, „Deutschlandsneue Liebe“. Längst vorbei sind die Zeiten, als man sich als Thüringer fast ein wenig schämte, wenn man nebenbei erwähnte, daß man seine Ferien wie immer an der Ostsee verbringen würde, während einem der Nachbar oder Kollege stolz die verwackelten Videokamerabilder von den Stränden Spaniens, Griechenlands oder der Dominikanischen Republik zeigte. Die Ostsee galt gleich nach der Wende nur als kalt, naß, billig und einsam. Das ist erst zwei Jahrzehnte her.
Rügener Attraktionen, wie das Kap Arkona, den Binzer Kreidefelsen oder den Rügenhof auf verschiedene Weise entdecken (FOTOS Jürgen Raabe).Wie sich die Zeiten ändern. Heute wissen wir, daß es billig ist in Nordafrika, naß in Irland, kalt in Karelien und einsam in der Mongolei. Nach der wendebedingten Flaute und der damit ein-hergehenden Befriedigung des Fernwehs setzte von ostdeutscher Seite die Wiederentdeckung der Ostseeküste ein, wo man als Eiländer auf Zeit inzwischen auch jede Menge Bayern, Niedersachsen oder Ruhrpottbewohner treffen konnte. Die waren aus Neugierde und nicht selten mit exotischen Erwartungen auf Jungfernfahrt in den fünf neuen und seltsamen Bundesländern zu Urlaubszwecken, häufig genug aber auch schon die Leute, denen der Thüringer oder Sachse sein Urlaubsgeld für die Übernachtung, das Essen oder den Ferienspaß zu entrichten hatte. Insofern ist schon seit mindestens der Jahrtausendwende die Wiedervereinigung in den Hochburgen des Tourismus im Norden Ostdeutschlands zwar nicht vollkommen, aber vollbracht.
Nochmals verstärkt durch die gewaltigen und gesamtdeutschen infrastrukturellen Aufwendungen wie die Ostseeautobahn oder die Brücke über den Strelas und nach Rügen, meldet seither Mecklenburg-Vorpommern ziemlich regelmäßig Rekorde an Urlaubsgästen, Übernachtungen und Branchenumsätzen. Das Synonym für den Aufschwung Ost, made in MV, ist dabei Rügen, Deutschlands größte Ferieninsel. Wer kennt sie nicht, die Bilder von Binz, Putbus oder Saßnitz, von Strandpromenaden, Seebrücken und modernen Hotelanlagen, von Buchenwäldern, Kreidefelsen und Feuersteinfeldern oder von Häfen, Segelschulen oder den Leuchttürmen von Kap Arkona. Weil das so ist, braucht Rügen, zumindest was die Monate zwischen Mai und September betrifft, eigentlich keine Werbung. Die wäre für den Adressaten frustrierend und deshalb kontraproduktiv, denn für die in Deutschland über alle  Länder hinweg recht lange Ferienzeit gilt schon seit geraumer Zeit: Wer zu spät anfragt oder bucht, hat keine Chance oder bekommt ein Angebot, das nur etwas für einen Gewinner der Finanzkrise ist. Anders ist es hingegen außerhalb der Saison. Da ist die Insel genauso reizvoll, nur halb so voll und das Urlaubsbudget nicht ganz so bedeutend.
Unabhängig von Herkunft, Einkommen, Alter oder Anspruch, ist es nicht schwierig, Rügen zu mögen. Dafür ist die Insel, die über mehr Ufer verfügt als die gesamte schleswig-holsteinische Ostseeküste und über der rund100 Stunden länger im Jahr die Sonne scheint als über München, zu groß, zu uneinheitlich und in ihrer Vielfalt zu einzigartig. Das wiederum führt dazu, daß man auf Rügen praktisch alles finden oder unternehmen kann, was man im Allgemeinen und auch im Besonderen mit Urlaub verbindet. Wer auf Badespaß im Sommer in Verbindung mit allabendlichem Flanieren und Feiern auf belebten Promenaden mit Kunst, Kultur und Klamauk sowie nicht ganz so preiswerten Bars und Restaurants steht, der wird sich in den Ostseebädern Sellin, Göhren oder in Binz, der Hauptstadt des Glamours und deshalb auch „Nizza des Ostens“ genannt, garantiert wohl fühlen. Wer es dagegen beschaulicher mag, im Urlaub vor allem entspannen und trotzdem am Abend immer die Ostseewellen hören möchte, der wird sich dagegen auf der Halbinsel Wittow im Norden oder auf dem Mönchgut im Südosten der Inselwohl fühlen. Und wer in den Ferienüberhaupt nichts von Hektik und Strandtrubel hält, der findet im Inselinneren oder im Westen ganz bestimmt ein gleichermaßen komfortables wie einsames Plätzchen.
Brücke über den Strelasund nach Rügen (FOTO Pixelio-Mirko Boy).Ferien mit der Familie, Aktivurlaub und Wellness sind neben der ursprünglichen Natur, dem sauberen Ostseewasser und der die Gesundheit förderlichen Seeluft Marketingschlagworte, die im Prinzip jede Rügener Küstengemeinde verwendet und für sich in Anspruch nimmt. Und auch nehmen kann. Neben auch im internationalen Maßstabpreisgekrönten Spitzenherbergen, neu-gebauten Hotels und Pensionen und auf Familien ausgerichtete Ferienanlagen gibt es die Campingplätze, auf denen man auf keine zivilisatorische Errungenschaft verzichten muß, und auch noch den Bungalow oder die Finnhütte in Ufernähe und mitten im Wald. Aktiv und sportlich sein kann man auf Rügen immer und überall.
Allein für die Badehungrigen gibt es56 Kilometer Sandstrände, wovon 27sogenannte Naturstrände sind. Der Unterschied ist einfach. Während die Strände der Seebäder und Erholungsorte mit Strandkörben übersät sind, regelmäßig gereinigt und überwacht werden sowie sich die Sonnenanbeterin Steinwurfweite unkompliziert versorgen können, sind die Naturstrände zwar beileibe keine Garanten für Einsamkeit, setzen aber für deren Gästeein bestimmtes Maß an Autarkie voraus. Die wichtigsten sind dabei der„Große Strand“ auf der Halbinsel Mönchgut und die „Schaabe“ zwischen den Halbinseln Wittow und Jasmundim Nordosten.
Die Insel erleben und entdecken mit ihrer dank der Nationalparks Jasmund und Vorpommersche Boddenlandschaft sowie dem Biosphärenreservat Süd-Ost-Rügen fast ausschließlich besonders geschützten Natur, kann man auf verschiedene Weise. Vom Wasser aus und insofern mit Boot, Kajak, Surfbrett oder Segelboot, von der Luft bei einem Rügenrundflug vom Flugplatz Güttin oder entlang der perfekt ausgebauten Wander-, Rad- und Reitwege auf Schusters Rappen, mit dem Fahrrad oder eben hoch zu Roß. Interessant und spannend ist dabei wiederum die Vielfalt. So findet man auf einem doch letztlich engen Raum die verschiedensten Landschaften. Die Kreidefelsen, breite Sandstrände und schroffe Steilküsten, anderen Ufern man nach Stürmen Bernsteine, Donnerkeile und Klappersteine finden kann, die ausgedehnten Buchenwälder der Stubnitz und der Granitz, die im Frühling in einem Meer aus Anemonen stehen, die „Insel- und Hügellandschaft“ auf dem Mönchgut, sowie fruchtbares Ackerland, karge Salzrasen, Moore und ausgedehnte Schilfregionen, in denen sich wie in Klein Zicker und Gager idyllische Fischereihäfen im Miniaturformat verstecken.
Die Liste der Sehenswürdigkeiten oder besser das, was Rügen ausmacht, ist lang und natürlich Geschmackssache. Jede halbwegs vollständige Sightseeingtour zeigt ihren Teilnehmern Putbus und Lauterbach, den „Rasenden Roland“, der bereits seit 1895 mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde zwischen Putbus und Göhren verkehrt, das Jagdschloß Granitz, die Seebrücke Sellin, die Museen und Galerien im einstigen „Kraft-durch-Freude-Seebad“ Prora, den Hafen und Zoopark von Saßnitz, das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl, das Museumsdörfchen Vitt, den Rügenhof Putgarten, Kap Arkona und den Rügenpark in Gingst. Dazu kommen, wenngleich nicht auf der Insel gelegen, ein Ausflug nach Hiddensee mit dem Nationalparkhaus und dem Leuchtturm auf dem Dornbusch sowie zum Meeresmuseum nach Stralsund, das2010 Europas Museum des Jahres war. Und dann gibt es noch die buchstäblich lebendige Attraktion der Insel, auf die während der Saison fast kein Rügenurlauber verzichtet. Das sind die Störtebeker Festspiele auf der Naturbühne Ralswiek. Die zeigen bereits seit 1993,freilich im übertragenen Sinne, immer zwischen Mitte Juni und Anfang September mit über 150 Mitwirkenden, vier Schiffen, 30 Pferden und einem allabendlichen Feuerwerk über dem Bodden Rügen so, wie sich die Insel selber sieht. Als eine Schatzkiste voller sagenhafter Entdeckungen.
JÜRGEN RAABE
NTI-Sonderausgabe Ostsee 2011

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