Ralf Luther - "Ideal aufgestellt"

Die politische Wende veränderte sein Leben beinahe schlagartig. Eben noch arbeitete er als Lehrer in Wasungen und war nebenher Vorsitzender der CDU-Ortsgruppe seines Geburtsortes Rosa, da kooptierte ihn seine Partei Anfang Dezember 1989 in den Kreisvorstand, wählte ihn im Februar 1990 zum Kreisvorsitzenden und nominierte ihn kurz darauf als Spitzenkandidat für die Kommunalwahl im Mai. Am 7. Juni wählte ihn der neue Kreistag zum Landrat des Altkreises Schmalkalden. Vier Jahre später, nach der Gebietsreform von 1994, wurde Ralf Luther auch Landrat des neugebildeten Landkreises Schmalkalden-Meiningen (SM). 22 Jahre später, zur Landratswahl 2012, trat er nicht mehr an.


Er weiß es noch genau. Es war 1987, am Rosenmontag. Er saß mit einem Schulkameraden, dem Sohn des Pfarrers, an einem Tisch, und sie kalauerten über dies und das. Auch über Politik: über SED und CDU. „Komm zu uns“, forderte der Freund auf. „Je mehr sich in der CDU engagieren, um so schwächer wird die SED.“ Tage später war Ralf Luther CDU-Mitglied und ging die Schwächung der SED auf seine Weise an. In Rosa gründete er eine Ortsgruppe der CDU und stellte sich das Ziel, in möglichst kurzer Zeit mehr Mitglieder zu haben als die SED-Ortsgruppe. Als die politische Wende einsetzte, waren es 61. „Ganz habe ich es nicht mehr geschafft“, meint er lächelnd. „Aber es fehlten zuletzt nur noch zwei.“

NTI: Herr Luther, Sie werden in diesem Jahr 63; Sie könnten immer noch Verwaltungschef des Landkreises Schmalkalden-Meiningen sein. Warum sind Sie es nicht mehr?

LUTHER: 22 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Ich habe sie nie bereut. Frau und Familie sind darüber aber viel zu kurz gekommen. Ich wollte etwas zurückgeben, zumal keiner weiß, wie lange ich gesundheitlich dazu noch in der Lage bin. Hinzu kam: Als Landrat hatte ich eine rollende Woche. Ich war Gefangener des Terminkalenders. Nun kann ich mir die Termine aussuchen. Das macht unheimlichen Spaß. Ich fahre, zum Beispiel, in der Saison zu fünf, sechs Bundesligaspielen. Früher undenkbar.

NTI: In einem Interview, das Sie der NTI vor der Landratswahl im Mai 2000 gaben, erklärten Sie, daß dies ihre „garantiert letzte Amtszeit“ sei. Sie traten sechs Jahre später doch noch einmal an und wurden zum vierten Male in Folge als Landrat gewählt. Warum sind Sie sich selbst untreu geworden?

LUTHER: Das war ein Versprechen, das ich meiner Frau gegeben hatte. Sie hat mir all die Jahre den Rücken frei gehalten und bis dahin auf unendlich viel verzichtet. Als es dann soweit war, redeten sehr viele Leute auf mich ein, doch noch eine Wahlperiode anzuhängen. 2006 war ich 54 Jahre alt. Zu früh für den Ruhestand. Ich hätte also noch einmal etwas Neues anfangen müssen. Denn soviel stand fest: Als Lehrer war ich nicht mehr gefragt und hätte als Ex-Landrat wohl auch keine gute Figur mehr abgegeben. Da hat mich meine Frau dann ermuntert, noch ein letztes Mal zur Wahl anzutreten.

NTI: Das Amt eines Landrates wurde Ihnen nicht in die Wiege gelegt. Wie sind Sie als gelernter DDR-Bürger dazu gekommen?

LUTHER: Gelernter DDR-Bürger heißt doch nicht, daß man sich zu DDR-Zeiten aus allem herausgehalten hat. Ich habe schon damals gern Dinge getan, die auch der Allgemeinheit etwas bringen. Zum Beispiel war ich einige Jahre Kreis-Chef des Fußball-Nachwuchses in Schmalkalden. Später gründete ich die Ortsgruppe der CDU in meinem Heimatort Rosa und wurde ihr Vorsitzender. Trotzdem war ich natürlich ein Seiteneinsteiger. Doch in den ersten Jahren nach der Wende konnte man vieles mit dem gesunden Menschenverstand entscheiden. Das wurde nach und nach anders. Heute gibt es für nahezu alles Gesetzlichkeiten.

NTI: Wie haben Sie den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls in Berlin, erlebt?

LUTHER: Ich hatte – übrigens mit Christine Lieberknecht – an einer Versammlung von CDU-Reformern und Bürgerrechtlern in Berlin teilgenommen, auf der beraten wurde, wie es nach dem Brief aus Weimar mit der Partei weitergehen solle. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof spürten wir zwar die Unruhe in der Stadt. Den Grund erfuhr ich aber erst am nächsten Morgen, bevor ich mich auf den Weg zum Unterricht machte. Die Zusammenkunft in Berlin hatte mir Mut gemacht. Zuvor war ich schon bei Veranstaltungen des Neuen Forums gewesen. Doch da wurde mir zu viel gelabert. Nach Berlin war ich überzeugt, daß es eine erneuerte CDU besser kann.

NTI: 22 Jahre Landrat – können Sie sich noch an ihrer ersten Tage, Ihre ersten Entscheidungen im Amt, erinnern?

LUTHER: Die ersten Monate waren wohl die schwersten überhaupt. In der Verwaltung galt es abzuwägen, welche Mitarbeiter weiterhin gebraucht wurden und welche entlassen werden mußten. Kaum anders sah es in der Wirtschaft aus. Vielen Betrieben ging es an den Kragen. Tausende Menschen wurden über Nacht arbeitslos. Schmalkalden erreichte innerhalb weniger Wochen eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Thüringen. Wir haben nach Lösungen gesucht, und ich habe nachts davon geträumt. Trotzdem wurde damals nicht um jeden Arbeitsplatz gekämpft, sondern der Blick in die Zukunft gerichtet. Das hat sich als richtig erwiesen. Bis auf den Kranbau Schmalkalden haben alle Betriebe irgendwie überlebt.

NTI: Wenn Sie mit dem Abstand der Jahre auf die Entwicklung Ihres Landkreises blicken – wie fällt Ihre Bilanz aus?

LUTHER: In jeder Hinsicht positiv. Schmalkalden weist heute eine der geringsten Arbeitslosenquote in Thüringen auf. Wir haben ein gesundes, zukunftsträchtiges Schulnetz. Und auch die wirtschaftliche Entwicklung kann sich sehen lassen. Außerdem: Unser Landkreis erhebt mit Abstand die niedrigste Kreisumlage in Thüringen und ist schuldenfrei. Ich habe Schmalkalden-Meiningen mit einem Kontostand von gut 80 Millionen Euro an meinen Nachfolger übergeben. Nicht umsonst wurden wir in Thüringen sehr oft als „Muster-Landkreis“ bezeichnet. Und das sicher nicht zu Unrecht, wenn man auch die anderen Zahlen und Fakten noch heranzieht, die ich am Ende meiner Amtszeit in einem fast 400seitigen Buch mit dem Titel „SM 2020“ zusammengetragen habe.

NTI: Also rundherum zufrieden. Worauf sind Sie besonders stolz?

LUTHER: Daß ich guten Gewissens auf diese 22 Jahre zurückblicken kann. Und daß ich danach aus freien Stücken die politische Bühne verlassen und auch das Angebot abgelehnt habe, für den Kreistag zu kandidieren. Damals habe ich mir vorgenommen, kommunalpolitische Dinge öffentlich nicht zu kommentieren. Daran halte ich mich, auch wenn es manchmal sehr schwerfällt. Möglicherweise hätte man das eine oder andere in diesen 22 Jahren auch anders machen können. Doch unter den damals herrschenden Umständen, davon bin ich überzeugt, wurde das Beste getan. Besserwisser hätten es ja besser machen können. Ich jedenfalls bin froh, wie es gelaufen ist.

NTI: Ausnahmslos?

LUTHER: Einen Knackpunkt gab es schon. Um die Jahrtausendwende stellte sich heraus, daß unser Krankenhaus in Schmalkalden einen Verlust von etwas mehr als sieben Millionen Euro eingefahren hatte. Wie es dazu gekommen ist, konnte nie genau ermittelt werden. Ich gehe davon aus, daß die Geschäftsführung das Geld spekulativ angelegt und in den Turbulenzen des „neuen Marktes“ alles verloren hat. Wir haben dann zwar noch eine knappe Million Euro zurückbekommen, doch es blieb ein herber Verlust, an dem das Krankenhaus lange zu knabbern hatte. Dank sei hier noch einmal dem Freistaat Thüringen für die großzügige Investitionsförderung übermittelt.

NTI: In Ihre Amtszeit fallen Ereignisse, die weit über die Grenzen Ihres Landkreises hinaus wahrgenommen wurden: der 100. Deutsche Wandertag in Schmalkalden, die Biathlon-Weltmeisterschaft 2004 in Oberhof oder Wagners Ring im Meininger Theater. Wie nachhaltig waren sie für die Region?

LUTHER: Sie wirken bis heute fort. Seit dem Deutschen Wandertag ist ein stetig steigender Touristen-Zustrom in unserem Landkreis zu verzeichnen. Ähnliches erhoffen wir uns nun auch von der Landesgartenschau, die in diesem Jahr in Schmalkalden stattfindet. Für mich als Sportverrückten war natürlich die Biathlon-Weltmeisterschaft das Emotionalste. 200.000 Zuschauer in zehn Tagen – das war einfach gigantisch. Das Gute dabei: Oberhof bleibt weiterhin, zunächst bis 2018, Austragungsort bedeutender Wintersportereignisse. Und das hoffentlich über 2018 hinaus noch sehr lange. Aber hier muß extrem aufgepaßt werden. Schließlich: Auch die vielbeachtete Ring-Inszenierung war eine wunderbare Sache. Das Meininger Theater setzte damit nachhaltig die Tradition fort, die Theater-Herzog Georg II. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründete. Besucher kommen heute von weither.

NTI: Sie haben dem Tourismus in Ihrem Landkreis immer besondere Bedeutung beigemessen, obwohl er „nur“ zwischen sieben und acht Prozent zum Wirtschaftsaufkommen beitrug. Sehen Sie sich heute bestätigt?

LUTHER: Die Situation dürfte heute kaum anders sein. Rhön, Rennsteig und Werra-Tal erfreuen sich bei Wanderern, Radtouristen, Kanufreunden und Wintersport-Amateuren wachsender Beliebtheit – eben auch dank 100. Wandertag und Biathlon-WM. Der Tourismus steuert damit etwa so viel zum Wirtschaftswachstum unseres Landkreises bei wie die Automobil-Zulieferindustrie. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, scheint mir allerdings ein Qualitätssprung nötig zu sein. Die Infrastruktur ist inzwischen weitestgehend ausgebaut. Größeres Augenmerk muß nun auf den Dienstleistungssektor gelegt werden, angefangen in den Küchen der Hotels und Restaurants bis hin zum Service für die Touristen.

 

„Um wettbewerbsfähig zu bleiben, scheint mir ein Qualitätssprung nötig zu sein.“

 

NTI: Nach Ansicht vieler wurde im Landkreis Schmalkalden-Meiningen zuletzt aber eine Chance vertan. Wir meinen den Bau eines schiefen Turms auf dem Geba-Plateau in der Rhön, der der schiefste der Welt werden sollte: eine Touristenattraktion, die Arbeitsplätze und Einnahmen für den Mittelstand in der Region bringen würde. Teilen Sie diese Auffassung?

LUTHER: Das ist eines der kommunalpolitischen Themen, die ich öffentlich nicht kommentiere. Daran halte ich mich auch in diesem Fall.

NTI: Als Mitglied der CDU stehen Sie der rot-rot-grünen Landesregierung in Erfurt wahrscheinlich eher kritisch gegenüber. Die Ankündigung des neuen Ministerpräsidenten, Oberhof in den nächsten Jahren 27 Millionen Euro für den Ausbau der sportlichen Infrastruktur bereitzustellen, dürfte aber auch auf Ihre Zustimmung gestoßen sein?

LUTHER: Absolut. Vor zehn, zwölf Jahren verfügte Oberhof über eines der modernsten Biathlon-Stadien. Doch andere Wintersportzentren in der Welt haben in der Zwischenzeit enorm nachgerüstet, beispielsweise das tschechische Novo Mesto, das Anfang Februar einen beeindruckenden Biathlon-Weltcup ausrichtete. Noch zu meiner Zeit als Präsident des Wintersport-Fördervereins Oberhof haben wir daher eine Machbarkeitsstudie für die nächste Weltmeisterschaftsbewerbung in den Jahren 2020 oder 2021 in Auftrag gegeben. Da stand unterm Strich genau diese Summe drin. Daß die Landespolitiker unsere Vorstellungen nun weitestgehend aufgegriffen haben, dafür kann man nur dankbar sein. Wir werden die Damen und Herren beim Wort nehmen. Schade nur, daß die Studie ein Jahr auf Eis lag.

NTI: Aber lohnen diese erheblichen Investitionen in einen Ort und in Sportarten, die wie keine anderen von unkalkulierbaren klimatischen Bedingungen abhängig sind? Stichwort: Klimawandel.

LUTHER: Das ist sicher sehr, sehr schwierig. Aber die moderne Technik, die den Veranstaltern jetzt zur Verfügung steht, ermöglicht inzwischen, Wettkämpfe bei nahezu jedem Wetter. Biathlon hat unter allen Wintersportarten die höchsten TV-Einschaltquoten. Damit ist ein erheblicher Werbeeffekt verbunden. Die Mehrkosten, die schlechten Witterungsbedingungen geschuldet sind, werden innerhalb einer Saison mehr als nur hereingeholt. Die ganze Region profitiert davon: Hotels, Pensionen. Restaurants, Tankstellen, Dienstleister, Handwerker ... Kitzbühel, zum Beispiel, setzt innerhalb von drei Wettkampftagen bis zu 37 Millionen Euro um. In und um Oberhof sind es immerhin auch rund 20 Millionen Euro.

NTI: Sie haben sich damals – unter anderem auch in der NTI – für eine leistungsfähige Bundesstraße „von Fulda gen Schmalkalden und Meiningen“ stark gemacht. Während Ihrer Amtszeit ist zwar viel darüber geredet worden und Sie waren sich auch mit Hessen weitestgehend über die Wichtigkeit des Vorhabens einig, doch speziell die Region um Schmalkalden wartet noch heute darauf.

LUTHER: Sie wird wohl weiter warten müssen. Denn die schwarz-grüne Koalition in Hessen hat sich inzwischen eindeutig gegen die sogenannte Rhön-Trasse ausgesprochen. Damit ist das Vorhaben so gut wie vom Tisch. Es steht auch nicht mehr im Bundesverkehrswegeplan. Das hat uns alle natürlich sehr enttäuscht. Um so wichtiger ist es jetzt, Planung und Bau von Ortsumgehungen voranzutreiben. Perspektivisches Ziel muß aber eine Verkehrsanbindung bleiben, die auf kurzem Weg bis ins Hessische und weiter nach Frankfurt am Main führt.

NTI: Von Ihnen stammt wohl auch der Vorschlag, die Städte Suhl, Zella-Mehlis, Oberhof, Schmalkalden und Meiningen zu einem Oberzentrum zu entwickeln – als Gegengewicht zu den Oberzentren in Franken und Hessen. Diese Idee scheint ebenfalls vom Tisch zu sein?

LUTHER: Wenn schon kein gemeinsames Oberzentrum, das dem Städteverbund erheblich mehr Landesmittel bringen würde, dann zumindest eine enge Kooperation zwischen den fünf Städten. Daran wurde in den vergangenen Jahren auch zielstrebig gearbeitet. Beste Belege dafür sind die Rhön-Sparkasse oder die engen Abstimmungen, die beispielsweise zwischen den Berufsschulen und im öffentlichen Personen-Nahverkehr, im Tourismus und zwischen den Wintersport-Standorten vorgenommen wurden. Es muß also kein Oberzentrum sein. Hauptsache, die Menschen in der Region profitieren davon. Doch warten wir ab, was die rot-rot-grüne Regierung in Erfurt vorhat.

NTI: Sie waren nach 1990 zunächst Verwaltungschef des Kreises Schmalkalden und wurden mit der Gebietsreform von 1994 Landrat des neu gebildeten Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Die Neugliederung hat speziell in dieser Region Proteste ausgelöst, die in Sachen Kfz-Kennzeichen dann sogar in Tumulten ausartete. Ist die Zwietracht zwischen den Altkreisen inzwischen überwunden?

LUTHER: Das ist in beiden Altkreisen längst kein Thema mehr. Erst recht nicht, nachdem die Landesregierung den Weg frei machte, damit jeder das Nummernschild wählen kann, das er für sein Auto will. Inzwischen hat sich sogar so etwas wie Stolz auf SM herausgebildet. Schmalkalden-Meiningen ist in seiner jetzigen Gliederung ideal aufgestellt: zwei Fachhochschulen in Schmalkalden und Meiningen, prosperierende Wirtschaft mit Schwerpunkt in der Region Schmalkalden und Zella-Mehlis, Kultur und Verwaltung in Meiningen, Sport und Tourismus in Oberhof, links und rechts des Rennsteigs und in der Rhön. Schmalkalden-Meinungen ist ein genialer Landkreis. Da paßt alles. Wie die Faust aufs Auge.

 

„Da paßt alles. Wie die Faust aufs Auge.“

 

NTI: Demnächst „droht“ eine neue Gebietsreform. Im Gegensatz zu Ihrer Partei zeigten Sie sich aufgeschlossen für die Neugliederung des Landes, die mit dem Machtwechsel in Erfurt nun in greifbare Nähe gerückt ist. Welche Vorstellungen haben Sie mit Blick auf Schmalkalden-Meiningen?

LUTHER: SM hat sicherlich keine Not, neue Strukturen zu schaffen. Der Landkreis steht finanziell gut da. Mein Rat: Zurücklehnen und abwarten, was kommt. Sollen sich zunächst die anderen Gedanken machen. Zu beachten wäre nach meiner Auffassung allerdings, daß die thüringische Rhön derzeit zweigeteilt ist. Und ich glaube auch, daß Thüringen mit einer kreisfreien Stadt am vernünftigsten leben kann.

NTI: Wir deuteten es schon an: Als CDU-Urgestein war Ihnen der Machtwechsel in Erfurt sicher nicht willkommen. Welche Hoffnungen setzten Sie in die neue Thüringer Landesregierung?

LUTHER: Ich war am Vorabend der Wahl des Ministerpräsidenten unter den Demonstranten vor dem Landtag in Erfurt. Doch ich sage auch: In einer Demokratie hat jeder eine Chance verdient. Und Bodo Ramelow macht seinen Job derzeit sehr geschickt. Die große Frage aber ist, ob er alles das, was er jetzt verspricht, auch finanzieren kann. Warten wir es ab.

NTI: Was halten Sie von der Ankündigung Ihres neuen Landesvorsitzenden, Mike Mohring, der die Vergangenheit der CDU aufarbeiten will?

LUTHER: Gegenfrage: Ist in den vergangenen 25 Jahren nicht schon genug darüber geredet und veröffentlicht worden? Sicher, es hat Leute gegeben, die des persönlichen Vorteils wegen oder aus anderen Gründen in die CDU eingetreten sind. Wir an der Basis haben über diese Damen und Herren nur gelächelt. Das „C“ im Namen der Partei hat uns zu Außenseitern abgestempelt. Wir waren damit von vornherein ausgegrenzt.

NTI: Bei dem im Dezember verstorbenen Udo Jürgens fängt das Leben mit 66 an. Sie sind 62. Was kommt jetzt?

LUTHER: Jetzt kommt vor allem meine Familie. Dann die immer noch recht zahlreichen Ehrenämter. Und schließlich meine Hobbys. Im Augenblick ist das vor allem der Karneval, mit dem alles angefangen hat. Daneben fordern mich unsere Hühner, Kaninchen und Schafe, die versorgt werden wollen. Die Zuchthühner haben mir auf Ausstellungen schon so manche Auszeichnung eingebracht. Und nach wie vor bin ich auch sportverrückt. Da die Kniegelenke aber nicht mehr mitmachen wollen – wahrscheinlich die Nachwehen meiner aktiven Zeit als Fußballer –, muß ich mich weitgehend aufs Zuschauen beschränken. Dafür widme ich meinem privaten Sport-Museum um so mehr Zeit. Darin häufen sich inzwischen viele Erinnerungsstücke an große Wintersporttage und ehemalige Wintersportgrößen wie Kati Wilhelm, Sven Fischer oder Reinhard Heß.

NTI: Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich für Ihren Landkreis Schmalkalden-Meiningen?

LUTHER: Daß er seine gute Entwicklung fortsetzt: Industrie, Handel und Gewerbe ebenso wie die Fachhochschule in Schmalkalden und die Polizeihochschule in Meiningen. Ich drücke dem Theater Meiningen die Daumen, daß es seine Stellung unter den deutschen Bühnen ausbaut. Und daß unsere Kreiswerke, die Krankenhaus, Alten-Pflegeheim, Krematorium, Nahverkehr und Abfallentsorgung unter einem Konzerndach vereinen, auch in Zukunft ein stabiles Wirtschaftsunternehmen bleiben. Immerhin erwirtschaften hier 700 Beschäftigten einen Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro. Nicht zu vergessen die Autobahnkirche in Bibra. Ich hoffe sehr, daß sie demnächst viele Kraftfahrer zur Einkehr bewegt. Am 26. Juni dieses Jahres wird der moderne Neubau, für den der Förderverein rund 200.000 Euro an privaten Spenden zusammengetragen hat, seiner Bestimmung übergeben.

Also: Alles Gute SM!

Mit dem ehemaligen Landrat von         Schmalkalden-Meiningen, Ralf Luther, sprach KLAUS RANGLACK.

 

Ruheständler Ralf Luther (2. von links) beim Kabarettistischen Frühschoppen mit Fredi Breunig am 28.Dezember 2014 in Wargolshausen in Franken, mit dabei Ex-Biathlet Sven Fischer und der Journalist Rudi Dümpert: „Nun kann ich mir die Termine aussuchen.“

Fotos (2): RL-ARCHIV

Ehemaliger Landrat Ralf Luther mit Ehefrau Gisela: „22 Jahre sind eine sehr lange Zeit.“

Schmalkalden-Meininger Landrat Ralf Luther (CDU) im März 2000 auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin: „Ich war Gefangener des Terminkalenders.“

Foto: ANDREAS KÜHN

„SM“-Landrat Ralf Luther (CDU) begrüßt Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 26. März 2002 im Kreis: Rückblick mit ruhigem Gewissen.         Foto: NTI-ARCHIV

NTI-Titel zum 100. Deutschen Wandertag in Schmalkalden, Ausgabe 6/2000: Stetig steigender Touristenzustrom.

„Sportverrückter“ Ralf Luther mit roter Perücke beim Empfang der Thüringer Winter-Olympiasieger Ende Februar 2002 im Oberhofer Kurpark: „Die ganze Region profitiert davon.“                                                      Foto: WST-ARCHIV

Landrat Ralf Luther und Thüringer Wirtschaftsminister Franz Schuster (beide CDU) am Thüringen-Stand auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin im März 2000: „Der Tourismus steuert etwa so viel zum Wirtschaftswachstum des Landkreises bei wie die Automobil-Zulieferindustrie.“                                   Fotos (2): ANDREAS KÜHN

Damaliger Schmalkalden-Meininger Landrat Luther im April 1998 beim Studium der Neuen Thüringer Illustrierten im Landratsamt: „In jeder Hinsicht positive Bilanz.“

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