Mit dem Rad vom Kaviar zur Kartoffelsuppe


2010 war das Jahr danach, war das Jahr nach der Bundesgartenschau 2009 in Schwerin. Und das Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern blieb auch2010 Spitze, erreichte zwar nicht ganz die hervorragende Übernachtungsbilanz des Buga-Jahres, war jedoch mit über 16 Gästeübernachtungen je Einwohner einsam an der Spitze – der Bundesdurchschnitt lag bei 4,5.
„Unser erklärtes Ziel ist es, wieder in die Wachstumszone zu gelangen“, erklärt Sylvia Bretschneider, Präsidentin des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern (TVMV). Dank realistischer Zugewinne bei den Übernachtungen von 1,5 bis zwei Prozent könnte zum zweiten Mal nach 2009 die Marke von 28 Millionen Übernachtungen übertroffen werden. Im bisherigen Rekordjahr schlugen 28,4 Millionen Übernachtungen zu Buche. 2010 waren es mit etwa 27,7 Millionen rund 2,5 Prozentweniger. Die Präsidentin betont aber zugleich, daß für den Verband das Vorjahr nicht nur ein Jahr der Rückgänge war: „Mecklenburg-Vorpommern konnte immerhin in den Bereichen Familien- und Campingtourismus die Spitzenposition der Bundesländer übernehmen und auch im Kinder- und Jugendtourismus weiter zulegen.“ Das zeigt, daß die vor Jahren aufgenommenen Anstrengungen, die touristischen Angebote und die Infrastruktur auf breitere Zielgruppen auszurichten, vor allem auf junge Leute und Familien, er-folgreich waren.
Bretschneider unterstreicht, daß aus mehreren Gründen Anlaß zur Hoffnung auf ein gutes Tourismusjahr 2011besteht. „Das touristische Angebot wird durch Lückenschlüsse punktuell und sinnvoll ergänzt.“ Und sie nennt als Beispiele das Steigenberger Strandhotel in Heringsdorf, die Upstalsboom Hotelresidenz in Kühlungsborn, die Jugendherberge in Prora auf Rügen, zwei Hotelprojekte in Stralsund sowie die Ferienanlage „Seedorf“ am Plauer See. Insgesamt sollen dieses Jahr 2000 bis3000 neue Betten hinzukommen. Außerdem sei an vielen Stellen mit ergänzten und verbesserten Angeboten zurechnen, bleibt sie da etwas vage.
Detaillierter äußert sich da Tobias Woitendorf, der Leiter Kommunikation und Koordination des TVMV, auf unser Nachfragen. „Wir orientieren uns verstärkt am inzwischen sehr gut aus-gebauten Wander- und Radwegenetz, auch weil viele Fernrouten unser Bundesland durchziehen.“ Dazu gehören eben den Wegen vor allem auch ein sozusagen barrierefreier Zugang zu Leihrädern. „Es muß das Normalste von der Welt werden, hier ein Rad auszuleihen und das am Zielort anderswo wieder abgeben zu können. Nur so können wir wirklich zum Radfahren verlocken: Der Zwang zur Rückkehr für die Radabgabe bedeutet, nur im Kreis fahren zu können oder womöglich preisintensive Rückfahrt mit Bahn oder anderem; das schränkt die individuelle Bewegungslust ein.“
Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern, wieder in die Wachstumszone gelangen (FOTO Pixelio/Rosel Eckstein,Pixelio/Peter Heinrich).Usedom-Urlauber haben schon seit August vorigen Jahres die Möglichkeit, die Insel mit einem der 100 strahlend-gelben UsedomRäder zu erkunden. Elf Verleih- und Rückgabestationen in Anklam und auf der Insel Usedom ermöglichen hier schon die Einwegnutzung der Leihräder wie seit Jahren in Großstädten das CityRad. Das Angebot UsedomRad wurde recht schnell sehr gutangenommen. Bis 2012 sollen die weiteren Teilprojekte – unter anderem die Verknüpfung mit dem ÖPNV-Tarifverbund – dieses Modellvorhabens „Innovatives Fahrradverleihsystem in Verbindung mit Bus- und Bahn“ realisiert sein. Damit soll es gelingen, den Feriengästen eine ernsthafte Alternative anzubieten, „damit sie ihr Auto nur noch für die An- und Abreise nutzen“, meint die Landrätin von Ostvorpommern Dr. Barbara Syrbe (Die Linke). „Das UsedomRadist ein wesentlicher Leistungsbestandteil der ‚Usedom-Card’“, sieht es Heringsdorfs Tourismus-Chef Dietmar Gutsche. Der Ausflug könne an vielen Orten ganz bequem mit dem Bus oder der Bahn fortgesetzt werden. Bernd Sievers vom Verkehrsministerium MV sieht diesen Modellversuch bundesweit gutgewürdigt: „Es ist beachtlich, daß das Konzept ,UsedomRad’ im bundesweiten Modellversuch ,Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme’ prämiert wurde.“
Woitendorf sieht in dieser Orientierung auch einen wichtigen Schritt auf die älteren Urlauber zu. Denn trotz der gesteigerten Attraktivität Meck-Pomms für junge Leute: Die demographische Entwicklung wird naturgemäß das Durchschnittsalter der Gäste schon mittelfristig steigern. Und selbst die fittesten Älteren finden an einem moderaten Radeln mehr Freude als am sportiven. Deshalb spielen in den Tourismuskonzepten laut Woitendorf auch Elektrofahrräder – Motovelos genannt –eine wichtige Rolle. Es ist einfach ein gutes Gefühl, zu wissen, daß es, wenn’s Treten zu schwer wird, trotzdem weiter vorwärts gehen wird. Rügen und Fischland-Darß-Zingst entwickelt der Tourismusverband als Motovelo-Regionen. Die Hügellandschaften der Vorpommerschen Flußlandschaft sollen alsbald folgen. Gespeist werden die Elektroräder mit Ökostrom von Greenpeace Energy. Projektträger ist der Unternehmerverband„MiLaN – Mit Lust an Natur“, der gemeinsam mit einem Elektrofahrrad-Anbieter ein flächendeckendes Netz an Verleih-Stationen aufbauen will. Das Angebot ergänzt das Projekt „Abenteuer Flußlandschaft“. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk, das unter anderem Kanutouren auf der Peene mit Gepäcktransportorganisiert und dafür im Jahr 2010 mit dem Eden-Award für das beste wassertouristische Angebot ausgezeichnet wurde. Eine große Rolle spielt für die Fremdenverkehrswirtschaft der Gesundheitsurlaub, was bei Älteren auch eine verstärkte Betreuungsintensität einschließt. Da sollte schon einmal mehr die Puls-Herz-Frequenz kontrolliert sein ... Genau in diese Richtung wird nach Woitendorf mittelfristig mehr getan werden müssen. „Die Betreuungsintensität wächst, damit werden im medizinischen Dienstleistungsbereich mehr Fachkräfte gebraucht, deutlich über die im Kurbetrieb vorhandenen hinaus“, sieht der Fachmann positive und belastende Effekte. Einerseits werden touristische Möglichkeiten eröffnet und entstehen Arbeitsplätze, andererseits sollen diese Leistungen für den Gast auch bezahlbar bleiben. „Auf jeden Fall wird es zu einer Verschmelzung der Fremdenverkehrs- mit der medizinischen Branchekommen“, ist sich der Verbandssprecher sicher. Weiß aber auch, daß dieser „neue“, fremdenverkehrsnahe medizinische Bereichwohl vor allem ein auch vom Gast privat finanzierter sein wird. Nach dem „Gartenjahr“ 2009 machen sich die Urlaubsmacher in MV andere Themen parallel zunutze. Im März und April wird eine Gemeinschaftsaktion von Tourismusverband und Agrarmarketing MV unter dem Titel „MeckPomm auf dem Teller“ auf das kulinarische Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam machen.
Hoffnung auf ein gutes Tourismusjahr 2011 (FOTO Pixelio/Peter Heinrich).Zwölf Restaurants und große Konzerne unterstützen dieses Themenmarketing. Bernd Fischer, Geschäftsführer des TVMV:„Urlaub geht durch den Magen, das zeigen uns aktuelle Untersuchungen für das Urlaubsland. 23 Prozent der Gäste entscheiden sich unter anderem wegen des gastronomischen Angebotes für Mecklenburg-Vorpommern als Reiseziel. Dieses Potential wollen wir nutzen, das Profil als Genießerland stärken und den Gästen mit der neuen Internetseite gebündelt Informationen zu Produkten und Veranstaltungen liefern“. Immerhin16 Prozent der Gäste Mecklenburg-Vorpommerns bezeichnen ihren Aufenthalt als reine kulinarische Reise. Viele besuchen eine der zahlreichen kulinarischen Veranstaltungen, die zu jeder Jahreszeit angeboten werden. Im April die Wismarer Heringstage, im Mai der „Grand Schlemm“ – eine kulinarische Strandwanderung auf Usedom – oder im Herbst die Kulinarischen Wochen auf Fischland-Darß-Zingst. Hier werden nicht nur regionaltypische Speisen angeboten, angefangen bei der Mecklenburger Kartoffelsuppe bis hin zum Pommerschen Wildschweinbraten, sondern auch Insider-Informationen. Wer weiß denn, wo’s den Maränenkaviar – eine Spezialität der Müritzfischer in der Mecklenburgischen Seenplatte – gibt? Oder wo man den Sanddorn-Secco kaufen kann ...?
Auch als Pilgerreiseziel wächst der Ruf Mecklenburg-Vorpommerns fast jahrlich. Schon der dritte Pilgerweg des Landes wird Ende April in der Mecklenburgischen Seenplatte freigegeben. Der Rundweg führt über 250 Kilometer auf zwei Routen von Friedland über Neubrandenburg nach Mirow im Landkreis Mecklenburg-Strelitz. Initiatorenwaren der Kirchenkreis Stargard und der Landkreis Mecklenburg-Strelitz zusammen mit dem Müritz-Nationalpark. Der Verlauf des Weges wird sich angeistlichen Angeboten von Gotteshäusern entlang der Strecke orientieren. Bislang konnten sich Pilger im Nordosten des Landes schon auf dem Jakobus-Pilgerweg der heiligen Birgitta von Schweden und auf dem Pilgerweg Lassan-Tribsees bewegen.
Der Urlaub auf dem Lande in Mecklenburg-Vorpommern ist bei vielen Touristen sehr beliebt. Da die Angebote immer flexibler auf den Kunden zugeschnitten sind, steigt die Anfrage stetig. Als Zielgruppen werden Familien und Großeltern mit Kindern genannt– warum zum Teufel gehören eigentlich bei Behörden oder so Grosselten nie mit zur „Familie“?! In den vergangenen Jahren kamen die meisten Urlauber aus Nordrhein-Westfalen: 16 Prozent. Gäste aus Niedersachsen nehmen mit 11,5 Prozent ebenso wie aus Baden-Württemberg mit zehn Prozent ebenfalls einen großen Anteil ein. Berliner, Bayern und Sachsen machen jeweils sieben Prozent der Urlauber aus. Die Betten der Landurlaubsunterkünfte sind im Durchschnitt an 130 Tagen belegt. So zeigt sich Mecklenburg-Vorpommern auch weit im Hinterland als attraktives Urlaubsland.
Nichtstdestotrotz verzeichnen regionale Tourismusvereine einen schwachen Rückgang der Gäste aus anderen Bundesländern bei leicht steigenden Urlauberzahlen aus Mecklenburg-Vorpommern. Experten sehen verschiedene gleichzeitig wirkende Ursachen. Der allgemeine Trend zum Urlaub in der Nähe, wird unterstützt durch die Entwicklung des regionalen Preis-Leistungs-Verhältnisses. Außerdem sind die bundesweit seit Jahren sinkenden Realeinkommen auch ein Grund, die Urlaubsausgaben stärker zu kontrollieren. Ganzabgesehen vom gewachsenen Selbstbewußtsein, ganz Deutschland als attraktives Urlaubsland zu sehen.
Vor allem aber ein Land der Jubiläen wird Mecklenburg-Vorpommern 2011sein. Da werden Reisende zu Geburtstagsgästen. Vielerorts werden Jubiläenbegangen. Das Deutsche Meeresmuseum in der Unesco-Weltkulturerbestadt Stralsund besteht 60 Jahre, die Mecklenburgische Bäderbahn Molli schnauft seit 125 Jahren zwischen den Seebädern umher und der Jahrestag der Besteigung des englischen Throns von Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz jährt sich zum 250. Mal.
FRANK FRIEDRICH
NTI-Sonderausgabe Ostsee 2011

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