„Solange ich stehen kann, bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen“

Er ist das Erfurter Gesicht der friedlichen Revolution in der DDR. Schon in früher Jugend kam Matthias Büchner mit dem „real existierenden Sozialismus“ ins Gehege. Litt unter staatlichem Druck und wurde schließlich ein entschiedener Streiter gegen die Allmacht der SED und ihres Sicherheitsapparates. Während der friedlichen Revolution war er eine der herausragenden Persönlichkeiten. Später brachte er sich vielseitig in die demokratische Umgestaltung ein. War maßgeblicher Akteur der Stasi-Auflösung. Und gehörte vier Jahre dem ersten Thüringer Nach-Wende-Landtag an, ehe es still und stiller um ihn und die Bürgerrechtsbewegung wurde.

Wer sich mit Matthias Büchner auf ein Gespräch einläßt, muß Zeit mitbringen, zumal, wenn es in Erfurts Künstlerkneipe, dem Speicher in der Waagegasse, stattfindet. Doch wenn der 61jährige mit dem wallenden grauen Bart erst einmal ins Erzählen gerät, spielt Zeit keine Rolle mehr. Da breitet sich ein Leben voller Höhen und Tiefen aus, voller Glücksmomente und Enttäuschungen, daß man damit Bücher füllen könnte – und irgendwann vielleicht sogar füllen wird. Darin stünde sicher auch diese Episode von der Blockade der Volksammer am 12. Januar 1990: „Wir hatten Wind davon bekommen, daß sich die Stasi hinter den Kulissen in ein neues Amt für Verfassungsschutz umwandeln wollte. Dagegen mußte sofort etwas unternommen werden. Deshalb riefen wir die Erfurter zur Donnerstags-Demo auf, mit uns nach Berlin zu kommen. 30.000 jubelten uns zu. Am Bahnhof fanden sich dann aber gerade 34 Personen ein. Wir sind trotzdem gefahren und haben die vorbereiteten Flugblätter unter anderem an 400 Berliner Taxi-Fahrer verteilt, die die Volkskammer anschließend mit hupenden Autos blockierten … Ich habe unsere Forderungen an Hans Modrow übergeben. Der hat mir in die Hand versprechen müssen, daß es dieses neue Amt nicht geben wird.“

NTI: Herr Büchner, Ihr Name war in den vergangenen Tagen noch einmal in aller Munde. Die Medien feierten Sie als einen der letzten Widerstandskämpfer und Bürgerrechtler. Fühlten Sie sich geschmeichelt? Geehrt? Oder waren Sie vielleicht gar enttäuscht?

BÜCHNER: Die Enttäuschung überwog. Allerdings nicht darüber, daß der 25jährigen Wiederkehr des Mauerfalls gedacht, das Ereignis gefeiert und damit wieder ins Bewußtsein der Menschen gerückt wurde, sondern vielmehr, weil ich gehofft hatte, daß mir in diesen Tagen die Möglichkeit geboten wird, öffentlich und offiziell mit einem politischen Kontrahenten zu streiten. Konkret: mit Bodo Ramelow.

NTI: Hat es Sie überrascht, wie viele Widerstandskämpfer plötzlich in den Medien zu Wort kamen? Gemessen an ihrer Zahl, hätte die friedliche Revolution doch eigentlich schon Jahre früher einsetzen müssen?

BÜCHNER: In der Tat, in den Medien tauchen von Jahr zu Jahr mehr Heldinnen und Helden auf. Das erstaunt mich schon. Aber das will ich nicht näher kommentieren.

NTI: Sie gelten als einer der maßgeblichen Leute, die die Auflösung der Stasi in der DDR vorantrieben und zu einem Ende führten. Manche sagen sogar, daß Sie zusammen mit anderen die gefährlichste Last der friedlichen Revolution getragen haben. War Ihnen das in jenen Wochen bewußt?

BÜCHNER: Nur am Rande. Es hat mysteriöse Unfälle auf Autobahnen gegeben, von denen Mitglieder der Bürgerkomitees betroffen waren. Und es gab auch mehrere Anschläge auf mich, die jedoch allesamt glimpflich verlaufen sind und mich in meiner Haltung nicht beirrten. Noch bis 2012 wurde ich bedroht. Übrigens neuerdings wieder: seitdem ich öffentlich und unmißverständlich gegen diese rot-rot-grüne Landesregierung Front mache.

NTI: Um so tiefer muß doch der Stachel sitzen, daß ausgerechnet in der Thüringer Landtagsfraktion der Linken seit Jahren zwei Abgeordnete sitzen, die wegen ihrer Stasi-Verstrickungen als „parlamentsunwürdig“ gelten. Seit wenigen Tagen sind die beiden sogar Teil des rot-rot-grünen Bündnisses und können mit ihren Stimmen Regierungsentscheidungen beeinflussen …

BÜCHNER: Die beiden interessieren mich nicht; sie sind für das große Ganze unwichtig. Doch ich kann nicht verstehen, daß in einer Fraktion Leute geduldet werden, die einst Schwerter und Schilde der Partei waren und ihre Mitbürger ausspionierten. Über viele Jahre hinweg habe ich in Vertrauensausschüssen zur Evaluierung von stasi-belasteten Leuten mitgearbeitet. An meiner Formulierung, die ich damals einbrachte, halte ich nach wie vor fest: Wer wissentlich mit dem SED-Sicherheitsapparat zusammenarbeitete und damit Dritte schädigte oder ihre Schädigungen billigend in Kauf nahm, hat in öffentlichen Ämtern nichts zu suchen.

NTI: Vor wenigen Tagen wurde mit Bodo Ramelow der erste Linkspolitiker zum Ministerpräsidenten eines Bundeslandes gewählt. Sie gehörten zu denen, die sich – wie vor 25 Jahren – unter anderem auf dem Erfurter Domplatz versammelten und ihrem Unmut freien Lauf ließen: damals für Meinungs-, Wahl- und Reisefreiheit; diesmal gegen ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis, obwohl es doch in freier, demokratischer Abstimmung möglich wurde. Warum?

BÜCHNER: An dem Wahlergebnis gibt es nichts zu kritisieren. Es kam in einem demokratischen Akt zustande. Zu kritisieren aber ist, daß das Ziel der SED-Nachfolger laut eigenem Parteiprogramm nach wie vor der von ihnen apostrophierte Sozialismus ist. Der Sozialismus hat sich als definierte Übergangsphase zum Kommunismus jedoch für alle Zeiten desavouiert. Wenn die Wähler auch nur geahnt hätten, daß Sozialdemokraten und Grüne dies jetzt ignorieren, hätte das Wahlergebnis möglicherweise anders ausgesehen. Es bleibt abzuwarten, wie Bodo Ramelow seine Richtlinienkompetenz, die er als Regierungschef hat, gegenüber SPD und Bündnisgrünen einsetzen wird.

NTI: Es gibt einen Brief, den Sie an alle Abgeordneten des neuen Thüringer Landtages richteten. Darin stellen Sie fest, daß sich die SED nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 nicht lizensieren ließ, mithin keine eigenständige Körperschaft sei, keinerlei Rechtsgeschäfte hätte tätigen dürfen und daher eine kriminelle Vereinigung sei …

BÜCHNER: Darüber hätte ich gern mit Bodo Ramelow öffentlich diskutiert. Er hat meinen Brief zwar beantwortet und geschrieben, daß wir durchaus miteinander reden könnten. Aber nicht öffentlich. Auf die Fakten ging er jedoch nicht ein. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang für mich auch die Haltung der SPD. Sie macht heute die gleichen Fehler wie in den 40er und 50er Jahren, als sie sich der Zwangsvereinigung zur SED beugen mußte. Nur: Heute begeben sich die Sozialdemokraten freiwillig unter die Haube der SED-Nachfolger. Meine Frage bleibt: Wie können sie einer Partei, die rechtsidentisch mit einer kriminellen Organisation ist, die Zukunft Thüringens anvertrauen? Ich will das nicht.

NTI: Im ersten Zorn nannten Sie den 5. Dezember 2014, an dem Bodo Ramelow zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt wurde, einen „schwarzen Tag für Thüringen“. Später meinten Sie, daß mit Rot-Rot-Grün in Thüringen das „Abendland nicht untergeht“ und beglückwünschten Bodo Ramelow sogar zu seiner Wahl. Haben Sie sich mit ihm und der neuen Regierung inzwischen abgefunden?

BÜCHNER: Ich habe Bodo Ramelow gratuliert, gute Gesundheit und präsidiale Weisheit gewünscht. Und er hat mir versichert, daß er mich in schwierigen Fragen zu Rate ziehen wolle. Bodo Ramelow, mit dem ich übrigens per Du bin, ist für mich kein Feind, sondern ein politischer Gegner. Deswegen wollte ich mit ihm auch öffentlich diskutieren.

NTI: Maßlos enttäuscht hat Sie, Sie deuteten es schon an, die Rolle der Thüringer SPD. Erst der Schritt an die Seite der Linken. Dann kaum personelle Konsequenzen für die deftigste Wahlniederlage. Und nun eine schier endloses Feilschen um Posten. Welche Chancen räumen Sie der SPD ein, als Juniorpartner der Linken in den nächsten fünf Jahren aus ihrem Tief herauszukommen?

BÜCHNER: Die SPD als älteste demokratische Partei Deutschlands hat für den Rechtsstaat unglaublich viel geleistet. Es ist mir ein Rätsel, warum sie das alles jetzt in Thüringen aufs Spiel setzt. Doch die Thüringer Sozialdemokraten werden es überstehen. Nicht heute und morgen; denn an der Seite der Linkspartei – da bin ich mir sicher – wird die SPD in absehbarer Zeit nicht den erhofften Sprung aus der Krise machen. Sie wird eher weiter Stimmen vor allem an die Linken verlieren. Ich prognostiziere für die nächste Landtagswahl ein einstelliges Ergebnis.

NTI: Sie sind über die Jahre hinweg ein hochpolitischer Mensch geblieben. Was hat Sie in den Monaten der politischen Wende in die Politik getrieben?

BÜCHNER: Die Gründe reichen weit zurück, bis in die Schulzeit. Ich stamme aus einem bürgerlich-christlichen Elternhaus, in dem Wahrheit und Wahrhaftigkeit oberste Gebote waren. Mit zwei Ausnahmen: Was zu Hause gedacht und gesprochen wird, gehört nicht in die Öffentlichkeit. Und in der Schule, wo das große Lügen begann, wird nur das gesagt, was die Schulleitung hören will. Anderenfalls hatte die Familie mit Repressalien zu rechnen. Daran habe ich mich zunächst auch gehalten. Später aber immer weniger, und das mit weitreichenden Konsequenzen …

NTI: … Konsequenzen welcher Art?

BÜCHNER: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, der einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zum Ziel hatte, verweigerte ich den Wehrdienst und jede Eidesformel auf die DDR. Diverse Schikanen folgten auf dem Fuße. Ich durfte, zum Beispiel, kein Abitur machen. Ich wurde von der Abendschule verwiesen. Ich mußte die Lehre als Bauarbeiter abbrechen. Der Zwang bewirkte allerdings mehr und mehr das Gegenteil. Ich hielt mit meiner Meinung nun erst recht nicht mehr hinterm Berg. Als dann einer meiner Jenaer Gesinnungsfreunde im Gefängnis aus ungeklärten Umständen zu Tode kam und ein anderer mißhandelt und schließlich in den Tod getrieben wurde, wollte ich nicht mehr stillhalten, sondern ebenfalls meinen Beitrag leisten, diese SED und ihren Machtapparat zu entmachten …

NTI: … um was an ihre Stelle zu setzen?

BÜCHNER: Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, daß es einen dritten Weg gibt. Das erwies sich jedoch als romantische Illusion.

NTI: Wo und wie haben Sie den Fall der Berliner Mauer erlebt?

BÜCHNER: Den Mauerfall habe ich während unserer Demo auf dem Domplatz mitbekommen. Eine Journalistin aus Frankreich hatte mit ihrem Riesen-Handy, so groß und so schwer wie eine Autobatterie, in Berlin angerufen und bei dieser Gelegenheit erfahren, daß „ab sofort und unverzüglich Reisen ins westliche Ausland“ erlaubt seien. Im Bürgerkomitee waren wir der Meinung, darüber zunächst nichts verlauten zu lassen, damit die Leute nicht fluchtartig den Domplatz verlassen. Wir wollten zuerst unsere Demo zu Ende führen.

NTI: Was haben Sie in diesen Augenblicken empfunden?

BÜCHNER: Große Freude natürlich. Aber auch Genugtuung. Denn ich war immer fest davon überzeugt, daß Deutschland eines Tages wieder eins werden würde. Schon 1980, zum 60. Geburtstag meiner Mutter, hätte ich darauf jede Wette angenommen. Als ich dann am Abend des 9. November mit meiner Mutter in Zella-Mehlis telefonierte, sagte sie: Wir haben uns damals über deinen Optimismus amüsiert. Aber du hast immer weiter geschaut und gedacht. In diesem Augenblick war ich auch sehr stolz auf die Menschen der friedlichen Revolution.

NTI: Sie sind einer der Mitinitiatoren des Neuen Forums, das für einen „besseren Sozialismus“ angetreten war. Dieser Wunsch erwies sich als Illusion. Wie denken Sie heute darüber?

BÜCHNER: Das Wort „Sozialismus“ kam im Programm des Neuen Forums gar nicht vor. Das haben andere hineininterpretiert. In unserem Aufruf, der sich an alle Bürger der DDR richtete, also auch an die SED-Mitglieder, war lediglich von zwei deutschen Staaten, die zunächst nebeneinander fortbestehen sollten, die Rede. Damit war jedoch – wie sich schnell herausstellte – kein Blumentopf zu gewinnen. Die Mehrheit der DDR-Bürger wollte die deutsche Einheit. Und zwar sofort. Trotzdem: Das Neue Forum war die erste Oppositionsbewegung in der DDR, die sich öffentlich als solche bekannte. Sie war auch zahlenmäßig mit Abstand die stärkste Gruppierung unter allen Neugründungen. Ich bin froh, dabeigewesen zu sein.

NTI: Das Neue Forum war vor der Landtagswahl 1990 sehr siegessicher. Mindestens 20 Mandate hoffte man zu erringen. Es wurden dann gerade zwei. Was haben Sie und Ihre Mitstreiter in Thüringen falsch gemacht?

BÜCHNER: Der größte Fehler war wohl der unsägliche Beschluß der drei Landesvorstände für eine Listenverbindung von Grünen, Demokratie Jetzt! und Neuem Forum. Das Neue Forum, das zu diesem Zeitpunkt 200.000 Mitglieder zählte, wurde zuerst aufgeführt und stellte auch den ersten Listenplatz, mußte dann aber den beiden anderen die vorderen Listenplätze überlassen. Eine Rolle hat wahrscheinlich auch die Umbenennung der grünen Partei in „Bündnis 90/Die Grünen“ gespielt. Mit diesem Namen haben die Grünen quasi die gesamte Bürgerbewegung der untergegangenen DDR vereinnahmt und viele Sympathisanten auf ihre Seite gezogen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß wir allein ein weitaus besseres Ergebnis erzielt hätten.

NTI: Die gemeinsame Fraktion zerbrach nach zwei Jahren. Woran lag es?

BÜCHNER: In der Fraktion war vereinbart worden, daß zunächst Christine Grabe von den Grünen den Vorsitz übernimmt. Zur Halbzeit der Legislaturperiode sollte ihr dann Siegfried Geißler*) vom Neuen Forum im Amt folgen. Daran haben sich die drei Grünen und der Abgeordnete von Demokratie Jetzt! jedoch nicht gehalten. Sie liehen sich einen Parlamentarier von der PDS aus, gründeten eine eigene Fraktion und schlossen die beiden Vertreter des Neuen Forums aus. Siegfried Geißler und ich waren fortan fraktionslose Abgeordnete. Wir haben in diesen zwei Jahren ein enormes Arbeitspensum erledigt, unter anderem alle Ausschüsse aufgearbeitet, weil wir einer künftigen Fraktion des Neuen Forums geordnete Unterlagen übergeben wollten. Aber dazu ist es leider nicht mehr gekommen …

NTI: … weil sich im Neuen Forum die Auflösungserscheinungen häuften?

BÜCHNER: Inzwischen hatten sich die politischen Verhältnisse entscheidend verändert. Die Voraussetzungen, unter denen das Neue Forum angetreten war, existierten nicht mehr. Bis 2002 hatte sich die oppositionelle Bürgerbewegung, die nie Partei sein wollte, de facto aufgelöst.

NTI: Nach dem Scheitern des Neuen Forums: Warum wechselten Sie nicht in eine der neuen Parteiengründungen, beispielsweise zu den Bündnisgrünen oder in die SPD?

BÜCHNER: An Angeboten hat es damals nicht gemangelt. Beinahe von allen Seiten. Es gab auch eine Reihe von Gesprächen. Ein Beitritt kam für mich nicht in Frage – aus hygienischen Gründen. Ich war Sprecher einer Bürgerrechtsbewegung.

NTI: Wie fällt Ihr Urteil über die Jahre als Landtagsabgeordneter aus? Was erfüllt Sie mit Genugtuung? Was ist aus Ihrer Sicht falsch gelaufen?

BÜCHNER: Aktive Menschen machen Fehler. Außerdem: Mir ist auch übel mitgespielt worden. Das ist wohl das Risiko, wenn man sich politisch exponiert. Was hätte ich anders machen sollen? Vielleicht hätten wir uns damals stärker gegen die Fraktionsgemeinschaft zur Wehr setzen sollen. Aber das ist Spekulation. Die Wogen der friedlichen Revolution haben mich in politische Ämter gespült, und ich war stets bemüht, sie auszufüllen, so anständig und konsequent wie möglich. Ich glaube, das ist mir oft genug auch gelungen.

NTI: Mit der NTI haben Sie Anfang 1992 die „Raststätten-Affäre“ ins Rollen gebracht. Der damalige Innenminister Willibald Böck von der CDU bestritt, eine Spende über 20.000 D-Mark entgegengenommen zu haben und mußte später doch einräumen, daß Sie Ihre Anschuldigungen zu Recht erhoben hatten. Wie ist Ihr Verhältnis heute? Immerhin ist „Willi, der Hammer“ nach seinem Ausscheiden aus der Politik auch Freiberufler wie Sie geworden.

BÜCHNER: Ich habe damals den Schmierzettel beschlagnahmt, auf dem Willibald Böck den Empfang von 20.000 D-Mark quittierte, und dem Untersuchungsausschuß zur Verfügung gestellt. Die Veröffentlichungen in der Neuen Thüringer Illustrierten waren dabei sehr hilfreich. Der Fall ist ausgestanden. Willibald Böck und ich – wir reden und frotzeln manchmal auch miteinander.

NTI: Sie wollten damals nicht sagen, wie Sie in den Besitz der ominösen Spendenquittung gelangten, die Willibald Böck schließlich zu Fall brachte. Verraten Sie es heute?

BÜCHNER: Nein. Als stellvertretender Vorsitzender des Petitionsausschusses im Landtag habe ich damals viele Briefe erhalten und zahlreiche vertrauliche Gespräche geführt. Leute schrieben und erzählten mir Dinge, die sie um Kopf und Kragen gebracht hätten, wären sie öffentlich geworden. Diese Vertraulichkeit besteht bis heute fort, ebenso die Immunität des Abgeordneten, der nach wie vor nicht gezwungen werden kann, seine Schweigepflicht zu brechen. Nur soviel: Besondere Situationen verlangen unkonventionelle Maßnahmen. Das war hier der Fall.


„Besondere Situationen verlangen unkonventionelle Maßnahmen.“

 

NTI: Als freischaffender Künstler ist man auch und nicht zuletzt auf öffentliche Aufträge angewiesen. Hat sich Ihre politische Karriere dabei als Vorteil erwiesen oder war sie vielleicht eher hinderlich?

BÜCHNER: Eher letzteres. Die Auftragslage ist zur Zeit extrem schlecht. Ich habe mich als Landtagsabgeordneter in der Politik aufgerieben, auf jede Ausstellung verzichtet und künstlerisch so gut wie nicht gearbeitet. Für mich galt: Erst wenn mich keine politischen Ämter mehr fordern, kehre ich in mein Atelier zurück. Schwere Schicksalsschläge und häufige Krankheiten ließen mich jedoch nur bedingt dazu kommen. Meiner finanziellen Lage hat die Zeit in der Politik nicht gutgetan.

NTI: In der Mai-Ausgabe 2011 verrieten Sie der NTI, daß Sie eine Dokumentation über das Neue Forum in Angriff genommen hätten. Wie weit ist die Arbeit inzwischen fortgeschritten? Wird Sie irgendwann in gedruckter Form vorliegen?

BÜCHNER: Mein Archiv habe ich jetzt weitgehend in Ordnung gebracht. Inzwischen sind mehr als 440.000 Blatt geordnet, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß die Thematik beträchtlich erweitert werden muß. Mir ging es nicht nur um die Geschichte des Neuen Forums, ich denke, daß es wichtig ist, die gesamte DDR-Opposition zu reflektieren und ihre Entwicklung der Geschichte der SED gegenüberzustellen. Der Liedermacher Wolf Biermann, gegen dessen Ausbürgerung ich seinerzeit mit vielen anderen Künstlern Sturm gelaufen bin, wünscht sich allerdings eher eine Art Schelmenroman von mir. Das Vorwort hat er, wie er so ist, schon vor Jahren geschrieben.

NTI: Sie waren vier Jahre Landtagsabgeordneter: Wollten Sie in diesen Zeiten, da Thüringen offensichtlich in zwei große politische Lager geteilt ist, noch einmal Politiker sein? Immerhin: Mit 61 sind Sie nur drei Jahre älter als Bodo Ramelow?

BÜCHNER: Ich hätte 1994 gern noch eine zweite Legislaturperiode angeschlossen. Das haben unglückliche Umstände aber verhindert. Die Unterstützerunterschriften, die ich als Einzelkandidat benötigte, wurden dem Wahlausschuß leider eine halbe Stunde zu spät übergeben und waren damit hinfällig. Dabei hatte ich gute Chancen. Laut ZDF-Prognose rangierte mein Name gleich hinter dem von Ministerpräsident Bernhard Vogel an zweiter Stelle. – Was heute noch gilt: Solange ich stehen kann, bin ich grundsätzlich bereit, Verantwortung zu übernehmen. In welcher Weise, das entscheiden die politischen Zustände. Zu meiner Lebensplanung gehört es allerdings nicht, auch nur irgendein Amt anzustreben.

Mit dem Bürgerrechtler, ehemaligen Landtagsabgeordneten und Künstler Matthias Büchner sprach KLAUS RANGLACK.

*) vgl. Damals in der NTI – Siegfried Geißler: „Demokratie leben heißt: Demokratie vorleben“, NTI 2/2013

 

Matthias Büchner während eines NTI-Gesprächs im Jahr 2011 in seiner Wohnung in Erfurt: „Ich habe mich als Landtagsabgeordneter in der Politik aufgerieben.“

Foto: NTI-ARCHIV

Stasiauflöser und Landtagsabgeordneter Matthias Büchner (Neues Forum): „Noch bis 2012 wurde ich bedroht.“

Foto: JANE DULFAQAR

Matthias Büchner (Neues Forum) während einer Talk-Runde im Weimarer Hotel Dorotheenhof: „An Angeboten hat es damals nicht gemangelt.“

Foto: ANDREAS KÜHN

Bürgerrechtler Matthias Büchner übergibt dem damaligen DDR-Regierungschef Hans Modrow (SED-PDS) ein Dokument mit Forderungen gegen die Stasiumwandlung in ein Amt für Verfassungsschutz: „Er hat mir in die Hand versprechen müssen, daß es dieses Amt nicht geben wird.“

Foto: MB-ARCHIV

Fraktionslose Thüringer Landtagsabgeordnete Siegfried Geißler und Matthias Büchner: „Wir haben in diesen zwei Jahren ein enormes Arbeitspensum erledigt.“

Foto: DIETER SCHMIDT

Rede des Landtagsabgeordneten Büchner (Neues Forum) im Kugellagerwerk Zella-Mehlis im Juli 1993: „Die Wogen der friedlichen Revolution haben mich in politische Ämter gespült, und ich war stets bemüht, sie auszufüllen, so anständig und konsequent wie möglich.“ 

Foto: ERHARD SCHORCHT

Von Matthias Büchner in der Raststättenaffäre belasteter damaliger Thüringer Innenminister Willibald Böck (CDU) im Jahr 1992: „Der Fall ist ausgestanden. Wir reden und frotzeln manchmal auch miteinander.“

Foto: JANE DULFAQAR

NTI-Ausgabe 10-2014

Zur Person

Matthias Büchner, Jahrgang 1953, wurde in Zella-Mehlis geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Abschluß der 10. Klasse (1970) nahm er eine Lehre als Baufacharbeiter auf, die er jedoch unter anderem wegen Wehrdienstverweigerung vorzeitig abbrechen mußte. Auch der Erwerb des Abiturs auf der Abendschule wurde ihm verwehrt, ebenso später das Studium an allen staatlichen Bildungseinrichtungen. Nach erfolgreicher Sonderreifeprüfung nahm er in Potsdam 1972 ein Theologiestudium auf, das er aus familiären Gründen (schwere Erkrankung des Vaters) aber nicht zu Ende führen konnte. Ein Erfurter Gartenbaubetrieb ermöglichte ihm schließlich auf dem zweiten Bildungsweg eine Ausbildung zum Gärtner, Blumenbinder und Arbeitsplatzgestalter, ehe er 1979 seine künstlerischen Neigungen zum Beruf machte.

Zehn Jahre war Matthias Büchne dann als freischaffender Maler, Grafiker und Gestalter tätig. Zu seinen herausragenden Arbeiten gehören eine großflächige keramische Wandgestaltung mit dem Titel „Menschen in Bewegung“ unter den Berliner Rathaus-Arkaden und der große Grafikzyklus „Angst“. Weitere Arbeitsaufträge, zum Beispiel die Gestaltung des Jugendklubs „Zur Löwenburg“ in Erfurt, wurden konspirativ verhindert. 2001 würdigte ihn der Thüringer Landtag mit einer Personalausstellung.

Schon in den 70er Jahren engagierte sich Matthias Büchner in der Bürgerrechtsbewegung. 1970 war er in Erfurt Mitbegründer der ersten ökumenischen Taizé-Gruppen und Mitinitiator der „Offenen Arbeit“ der evangelischen Kirchen in der DDR. Seitdem stand er unter ständiger Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Er arbeitete in verschiedenen oppositionellen Gruppen mit, unter anderem in Erfurt, Dresden und Leipzig. 1973 wurde er in Warschau wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ verhaftet, an das MfS übergeben und auf unbestimmte Zeit mit einem Reiseverbot für alle Länder belegt.

Am 18. September 1989 wurde in Erfurt die erste Thüringer Basisgruppe des Neuen Forums gegründet. Matthias Büchner war Mitglied der Initiativgruppe, DDR- und Bezirkssprecher sowie später, zeitweise gleichzeitig, auch Landes- und Bundessprecher. Er gehörte zu den Organisatoren der wöchentlichen Donnerstag-Demos in Erfurt, initiierte zahlreiche thematische Arbeitsgruppen im Neuen Forum und war Mitorganisator der DDR-weit ersten Besetzung einer Stasi-Bezirkszentrale durch Erfurter Bürger (4. Dezember 1989). Darüber hinaus war er Mitinitiator und Gründungssprecher des ersten Bürgerkomitees und seines Bürgerrates in der DDR, Mitglied des Runden Tisches im Bezirk Erfurt und Sicherheitsberater des Zentralen Runden Tisches in Berlin, Sonderbeauftragter der freigewählten DDR-Volkskammer zur Kontrolle der Auflösung des DDR-Sicherheitsapparates und Mitglied des Politisch Beratenden Ausschusses zum Neuaufbau des Landes Thüringen.

Zur Landtagswahl 1990 zog Matthias Büchner in den ersten Thüringer Nach-Wende-Landtag ein und bildete zusammen mit weiteren fünf Abgeordneten der Grünen und von Demokratie jetzt! eine gemeinsame Fraktion, die Mitte der Legislaturperiode jedoch an politischen Differenzen zerbrach. Zur Landtagswahl 1994 bescheinigte ihm unter anderem das ZDF die zweitbeste Wahlprognose aller Kandidaten, doch wurden die notwendigen Unterstützerunterschriften zu spät eingereicht, so daß er zur Wahl nicht antreten durfte.

Bis 2002 blieb Matthias Büchner im Neuen Forum aktiv. Gleichzeitig arbeitete er wieder als Freischaffender. Er malt und schreibt im eigenen „Atelier Idee“, das er 2004 in Erfurt eröffnete. Auf ihn geht unter anderem auch die Idee für den Krimi „Hannas Baby“ zurück, der inzwischen mehrfach sowohl im ZDF als auch bei Arte lief.

Matthias Büchner ist geschieden, Vater eines Sohnes und lebt in Erfurt.

 

„Büchner ist sauber“

 

Überzeugende Entlastung: 1992 geriet selbst der Stasiaufklärer Matthias Büchner kurzzeitig unter Stasi-Verdacht.

 

 

Der bekannteste Thüringer Bürgerrechtler und Stasiaufklärungsaktivist Matthias Büchner (Neues Forum) stand 1992 plötzlich selbst unter Stasiverdacht. Es kursierten Gerüchte, daß in den Stasiunterlagen angeblich auch Beweise und Berichte zu finden wären, nach denen Büchner selbst in der DDR gespitzelt haben könnte. Die Neue Thüringer Illustrierte erhielt als einzige Redaktion die Möglichkeit, diesen Verdacht im Beisein von Büchners Rechtsanwalt Jörg Tischendorf zur publizistischen Auswertung zu prüfen.

Zwei Redakteure nahmen Tage und Wochen lang Einsicht in die vorliegenden mehrere Meter langen Stasi-Akten und damit auch in das Leben und die tiefste Privatsphäre des für die DDR-Oberen stets unbequemen Matthias Büchner. Einer wie er wäre natürlich nach den Vorstellungen des Geheimapparates ein idealer IM gewesen, weil bei ihm wohl niemand je Verdacht geschöpft hätte, ausspioniert zu werden. Die Stasi hatte, das ging aus den Unterlagen hervor, zumindest Überlegungen darüber angestellt, ob man es wagen könne, einen wie Matthias Büchner vielleicht für eine IM-Tätigkeit anzuwerben.

Im Juni konnte der Landtagsabgeordnete dann durch einen in der NTI erfolgten Abdruck eines Stasi-Beschlusses, den Versuch der Anwerbung Büchners zum IM zu beenden, aus den über ihn geführten Akten von jeglichem Verdacht überzeugend entlastet werden. Darüber hinaus bestätigte Joachim Schlaack, IMB der Stasi und „Nachbar“ des Bürgerrechtlers, in einem NTI-Interview in der Ausgabe 6/1992, daß der „Paradiesvogel“ kein Stasi-Mitarbeiter war: „Herr Büchner unterlag der Überwachung. Und ist sauber. Ich hätte es gewußt. Das erkläre ich an Eides Statt.“

JÖRG SCHUSTER

 

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