Highlights 2003

NTI-Titel 3 2003
NTI 3/2003: "Schlechte Arbeit"
Zündstoff für die Kunstgeschichtsforschung: Cor Engelen, studierter Philosoph und Kunsthistoriker aus Belgien, zweifelt einen gut Teil der hohen und höchsten bildhauerischen Kunstwerke Europas, auch Mitteldeutschlands, in ihrer Echtheit und ursprünglichen Datierung an. Im NTI-Exklusivgespräch äußerte Engelen ausgerechnet Zweifel bei den angeblich wichtigsten, weil ältesten Stücken des Erfurter Doms.
Das Gotteshaus schmückt sich vor allem mit einer mehr oder weniger einmaligen Bronzeplastik namens "Wolfram" sowie unter anderem einer alten Mariendarstellung mit dem Christuskinde auf dem Schoß, dem sogenannten Marienthron. Dompfarrer Dr. Reinhard Hauke: "Die Wolframfigur wird auf 1160 geschätzt und gilt damit als erste freistehende Bronzeplastik Deutschlands." Aber auch hier gibt es keine Herkunftsgeschichte von Anfang an; die Plastik wurde erst im letzten Jahrhundert von der Kunstgeschichte "entdeckt" und eingeschätzt. Ein erster Quellennachweis, der mit lateinischen Worten auf die Stiftung dreier Kerzen für eine "Wolfram" genannte Figur hinweist, stammt immerhin von 1425, aber nicht aus dem 12. Jahrhundert.
"Es ist eine künstlerisch sehr schlechte Arbeit, die nicht in das 12. oder 13. Jahrhundert paßt", urteilte Engelen und blieb eine Begründung für seine Behauptung nicht schuldig. "Beispielsweise ist der Fuß, auf dem die Figur steht, mit derselben extra mit Streben verbunden, damit sie überhaupt stehen kann. Plastiken aus jener Zeit stehen immer selbsttragend auf den Füßen - das ist neben der ästhetischen auch eine statische Frage. Der Kopf des Wolframs ist deutlich blank geschliffen - etwa so als sei er 800 Jahre lang immer wieder geputzt worden; manche Falten dagegen auf dem Gewand sind so scharf, als wären sie gestern gefertigt. Das paßt nicht zusammen. Der Wolfram hat keinen richtigen Zweck, und allein dem Aussehen nach kann er nicht aus der angeblichen Zeit stammen. Dafür gibt es keine Vergleiche. Viele Zeichen deuten darauf hin, daß die Figur nicht älter als 200, höchstens 250 Jahre ist."
Auch der Marienthron - angeblich von 1160 (!) - weise ein eindeutig falsches Merkmal auf, das in jener Zeit nicht vorkommen konnte. "Der kleine Jesus hält die Weltkugel hier in der rechten Hand: unmöglich für das 12. Jahrhundert und in den nachfolgenden 200 Jahren. Auf allen vergleichbaren Plastiken, auf allen vergleichbaren Miniaturen, die nachweislich aus dieser Zeit stammen, ist es immer anders: Der Heiland trägt die Kugel links, und er muß sie links tragen. Im frühen Mittelalter eine eindeutige Symbolik."
Für Erfurts Dompfarrer Dr. Reinhard Hauke wäre es kein Problem, wenn sich herausstellen sollte, daß die Wolframfigur wesentlich jünger wäre, als bislang angenommen: "Für mich ist die religiöse Aussage entscheidend. Man kann die Kunstwerke ja ganz verschieden werten: liturgisch, oder im Bezug zur thüringischen Geschichte, oder rein kunsthistorisch. Ich denke, die Denkmalpflege ist vielleicht am ehesten die Instanz, die sich dagegen wehren würde, weil es vielleicht auf eine Entwürdigung eines für die Stadt bedeutsamen Kunstwerkes hinausläuft", gab er sich gegenüber der NTI gelassen.

NTI-Titel 8 2003
NTI 8/2003: Kritik unerwünscht

Bärbel Grönegres, die Geschäftsführerin der Thüringer Tourismusgesellschaft (TTG), mit dem Hang zur Selbstherrlichkeit, machte Schluß mit der NTI, weil wegen der "geringsten Zuwächse der neuen Bundesländer bei Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr" vornehmlich gegen ihre Arbeit Kritik geäußert worden war. Dabei hatte die freistaatliche Tourismuschefin, die einst jung und unerfahren aus den alten Bundesländern auf diesen Posten geholt worden war, Fehler dafür ausschließlich bei anderen ausgemacht: Seit ihrem Amtsantritt vor sechs Jahren habe sich an der zersplitterten Struktur der Tourismusverbände nämlich nichts geändert. Zu einer Zusammenarbeit könne man diese nicht zwingen. Mit einigen gebe es seit Jahren ein gutes Miteinander. Andere verweigerten sich, resümierte sie reichlich hilflos im NTI-Interview in Ausgabe 8/2003 und beklagte, "daß es bei vielen Mitarbeitern vor Ort auf der einen Seite einfach an der fachlichen Qualifikation und auf der anderen Seite an der notwendigen Zeit fehlt." Kritik an ihrer eigenen Arbeit mag Frau Grönegres dagegen weniger. "Mit dem Druck von bunten Prospekten, dem Umhertingeln auf Messen, dem Abhalten von Tourismuskongressen allein läßt sich offensichtlich kein Draht zur Basis schaffen. Anstatt auf Ideen und Angebote von unten zu warten, wäre es längst an der Zeit gewesen, auf die Leute vor Ort zuzugehen, ihre Probleme in Erfahrung zu bringen, ihre tatsächlichen Möglichkeiten zu erwägen und konkrete Vorhaben herauszukitzeln, Initiativen anzuregen und zu ermutigen", merkte die NTI in der gleichen Ausgabe an und fiel damit nun endgültig bei der Tourismuschefin in Ungnade.
"Ich bin jetzt mehrfach in Folge von der NTI ausgesprochen unfair behandelt worden und werde meine Konsequenzen ziehen", teilte Frau Grönegres per E-Mail einem Mitarbeiter der Neuen Thüringer Illustrierten am 9. September 2003 mit. "In Zukunft lehne ich jede Zusammenarbeit mit diesem Blatt ab und möchte Sie bitten, auch nicht wieder wegen Interviews für die NTI nachzufragen."
Weil in der NTI seit jeher auch Vertreter der Tourismusbasis zu Wort kommen dürfen und dabei auch schon mal von Leuten mit der "fehlenden fachlichen Qualifikation" gegen die Arbeit der TTG-Spitze polemisiert worden war, hatte Grönegres auch zuvor des öfteren ihr Mißfallen zur Fremdenverkehrsberichterstattung in der Neuen Thüringer Illustrierten geäußert. Ein Interview anläßlich des fünfjährigen Bestehens der TTG kam nur dank des Fingerspitzengefühls und diplomatischen Geschicks des Interviewers überhaupt zustande, nachdem Frau Grönegres in einem Vorgespräch mit einem Mitarbeiter darauf bestanden hatte, daß ihr keine kritischen Fragen gestellt werden dürften.

Ausgewählt und aufgeschrieben von JÖRG SCHUSTER

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