Highlights 1996

NTI-Titel 4 1996
NTI 4/96: Mut zur Vision
Als Klaus-Dieter Böhm, der Kaufmann aus dem Badischen, der sich im thüringischen Bad Sulza ein neues Wirkungsfeld gesucht hatte, zum ersten Mal öffentlich von der "Toscana des Ostens" sprach, wurde er mitleidvoll belächelt. Und prompt von den Einheimischen attackiert: "Wir sind Thüringer und keine Ost-Toscaner". Auch das NTI-Titelthema "Die Toskana des Ostens - Mehr als eine fixe Idee?" der Ausgabe 4/96, das die, allen Umständen zum Trotz, mehr und mehr Gestalt annehmende Vision von Enthusiasten ausführlich darzustellen versuchte, erschien einer Vielzahl von Kritikussen als Leitthema übertrieben und sei zumindest einen Zeitschriftentitel nicht wert.
Die Zeiten änderten sich. Jahre später bilanzierte die NTI in Ausgabe 3/99: "Inzwischen wächst im Rahmen der Toskana-Idee eine Region zusammen: Bad Bibra, Bad Kösen, Bad Sulza mußten etwas tun, um mit ihren Bädern nicht baden zu gehen, und wollten das gemeinsam. Seit dem Vorjahr definiert eine Willenserklärung eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Gestaltung und Vermarktung der hiesigen Toskana-Region bezüglich des Kurwesens und des Fremdenverkehrs. Es entstand ein Projekt, das inzwischen die Kommunalparlamente mittragen, und das die zuständigen Ministerien Sachsen-Anhalts und Thüringens fördern."

NTI-Titel 9 1996
NTI 9/96: Erste und letzte umfassende Bilanz
Die Stadt Weimar, Anfang 1995 zahlungsunfähig, konnte ihre Finanzen zusammen mit einem Externen Controller, dem Verwaltungswissenschaftler Prof. Horst Krautter, sanieren - ein Novum in der deutschen Kommunalgeschichte. Die kommunale Selbstverwaltung blieb dabei voll erhalten. Im NTI-Interview zog Krautter erstmals eine umfassende Bilanz seiner zweijährigen Tätigkeit. "Am Ende dieses Jahres steht die Stadt Weimar so gut - aber auch so schlecht - wie jede vergleichbare Stadt in den jungen Bundesländern da." Zur Frage, wie die erreichte Haushaltsdisziplin gesichert werden könne, erklärte der Professor: "Wir haben für die Stadt Weimar gemeinsam eine maßgeschneiderte Ablauforganisation entwickelt. Dabei werden Budgetierungen in der Verantwortung der Amtsleiter und Amtsleiterinnen eingeführt; die Dezernenten haben die Controllingaufgabe. Diese Regelungen schaffen Eigenverantwortung auf Ämterebene. Eigenverantwortung führt zu Motivation, und kostenbewußt handeln kann nur, wer die betriebswirtschaftlichen Vorgänge erkennt. Es wird ein umfassendes Schulungskonzept für die nächsten beiden Jahre entwickelt." Prof. Horst Krautters erste umfassende Bilanz seiner Tätigkeit, mit der er Weimar vor dem Verlust der kommunalen Selbstverwaltung bewahrte, sollte auch seine letzte sein: Der 64jährige erlag am 23. Dezember 1996 in einer Stuttgarter Klinik einem schweren Krebsleiden.

NTI-Titel 10 1996
NTI 10/96: Entwappnete Kampagne
Die einstige Oberbürgermeister-Aussage, daß eine Stadt wie Weimar unbedingt ein solides wirtschaftliches Fundament brauche, um einmal das Ziel einer europäischen Kulturhauptstadt zu erreichen, war der Aufhänger für eine vom Verlag der NTI gemeinsam mit mittelständischen Unternehmen der Stadt konzipierte Anzeigenkampagne. Unter dem Motto "Weimar wirkt" sollte sich bis zum Kulturstadtjahr 1999 möglichst pro Ausgabe jeweils ein Weimarer mittelständischer Betrieb mit seinem Anspruch an das Vorhaben 1999 präsentieren. Etwa 60 Unternehmen und Institutionen hatten den Verlag bei der Erarbeitung und Vorbereitung dieser Image-Kampagne für ihre Stadt unterstützt. Zur Bekräftigung des Anliegens, sich pro Weimar zu artikulieren, wurde die Veröffentlichung des Stadtwappens im Rahmen der Aktion von den meisten Beteiligten von "Weimar wirkt" ausdrücklich gewünscht. Die Aktion sollte die finanziell arg gebeutelte Kulturmetropole keinen Pfennig kosten. Die Unternehmen wollten sich selbst in diese Serie einkaufen, wobei die Hälfte der Kosten jeweils der Verlag tragen würde.
"Doch der Amtsschimmel demonstrierte allen Ideen und Vorstellungen einheimischer Mittelständler zum Trotz, wer in der Stadt das Sagen hat", kommentierte die NTI in Ausgabe 10/96 enttäuscht. Das Weimarer Stadtwappen sei anscheinend Eigentum der Stadtverwaltungsbürokraten. Die Oberen nämlich würden darüber entscheiden, wer sich überhaupt mit dem Weimarer Wappentier schmücken dürfe! Im Vorfeld der geplanten Kampagne hatte die NTI vorsichtshalber einen höchst offiziellen Antrag an den Leiter der Hauptabteilung im Haupt- und Personalamt der Stadtverwaltung Weimar gestellt. Dem Bittgesuch, 1. einem Abdruck des Wappens für die "Nullnummer" in NTI 9/96 mit der Darstellung der traditionsträchtigen Gutenberg Druckerei GmbH Weimar und 2. einer möglichst ständigen Veröffentlichung des städtischen Symbols in der ab Ausgabe 11/96 geplanten monatlichen Fortsetzung der Serie "Weimar wirkt" mit jeweiliger Porträtierung eines einheimischen Unternehmens zu genehmigen, wurde nicht stattgegeben: "Nach Rücksprache mit unserem Rechtsamt, kann Ihr Antrag nicht befürwortet werden. Uns ist außer der Firma ,Gutenberg Druckerei' nicht bekannt, welche Firmen Sie in Folge vorstellen wollen", erteilte Hauptabteilungsleiter Eckhardt auf dem Briefbogen des "Oberbürgermeisters der Stadt Weimar" dem Anliegen eine Abfuhr.
"Damit steht fest", ließ daraufhin die NTI die Stadtväter, Leser und Geschäftspartner wissen, "daß unter ,Weimar wirkt' auf den Abdruck des Wappens der Stadt verzichtet wird." Es komme für den Verlag der NTI nicht in Frage, sämtliche für eine solche Anzeigenveröffentlichung vorgesehenen Unternehmen womöglich zuvor einzureichen, um danach kategorisieren zu müssen, welche Firmen den Weimarer Stadtvätern genehm sind und welche nicht.

NTI-Titel 11 1996
NTI 11/96: Mutiger Trotz
Mit dem Weg des geringsten Widerstandes hatten sich zumindest die deutschen Tageszeitungen schnell auf die Seite staatlicher Sprach-Reformer geschlagen, indem sie versicherten, die umstrittene Rechtschreibreform ab 1. August 1998 umzusetzen. Somit werde "im Tagesblätterwald eine alte Sprache von einem Tag auf den anderen gegen eine neue, staatlich diktierte Sprachvariante ausgetauscht", wetterte die NTI im Heft 11/96. "Und die ,Spiegel'-Befürchtung, ,daß sich das entbehrliche Regelwerk im Laufe der Zeit weiträumig ausbreitet', tritt womöglich schneller ein, als angenommen. Bald sind wir wohl unsere Sprache los!" Zwar habe sich die Redaktionsmannschaft der NTI bereits mit den neuen Bestsellern von Bertelsmann und der Duden-Redaktion ausgerüstet, allerdings "hat sich die NTI nach ausgiebiger Beschäftigung mit den neuen Vokabelbüchern dazu entschlossen, die Nachschlagewerke in die unterste Schublade zu verfrachten." Die Botschaft der Redaktion an die NTI-Leser: "Vor dem ernsthaften Versuch, uns dem unsinnigen Regelwerk nicht zu beugen und statt dessen das bisherige Deutsch zu pflegen, ist uns nicht bange." In Ausgabe 12/96 druckte die NTI eine Stellungnahme von Bernhard Ulbrich, Pressereferent im Thüringer Kultusministerium, ab: "‚Sprachelos' überschreiben Sie Ihren Artikel zur Rechtschreibreform. Sprachlos war sicher auch mancher Leser ob Ihres mutigen Trotzes ... Nach dem Inkrafttreten ist die neue Rechtschreibung verbindlich für Behörden und Schulen. Am Kaufwillen Ihrer Leser werden Sie vermutlich in naher Zukunft erkennen können, ob die Idee, es dem ‚Spiegel' (der seinerzeit noch das Ignorieren der neuen Rechtschreibregeln beschwor, Anmerkung der Redaktion) gleichzutun, etwas gebracht hat. Die Nachschlagewerke sollten Sie vielleicht vorsorglich gut aufheben. Denn wer zu spät kommt, ..."
Jahre später, nämlich Ende 2005, wurde die NTI für ihre Konsequenz von einem Rudolstädter Regionalmagazin ausdrücklich gewürdigt: "Daß die NTI nicht einfach den Weg des geringsten Widerstandes geht, kommt auch sprachlich zum Ausdruck. Von Rechtschreibreform-Anfang an bis heute ist sie konsequent den alten Regeln treu geblieben."

Ausgewählt und aufgeschrieben von JÖRG SCHUSTER

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Sonneberger Potentiale

Die Ausgabe 4/2017 berichtet über das geplante bayerisch-thüringische Oberzentrum.

Werbung