Highlights 1995

NTI-Titel 6 1995
NTI 6/95: Brave Seite
Für eine polemische Auseinandersetzung mit dem führenden Thüringer Sozialdemokraten Gerd Schuchardt kam der "UNZ", der PDS-nahen Linken Zeitung für Thüringen, ein Vorfall zwischen dem freistaatlichen Spitzenpolitiker und der Neuen Thüringer Illustrierten gerade recht: "Nach der Veröffentlichung eines Interviews mit dem SPD-Spitzenkandidaten in der NTI im Vorjahr meldeten sich Schuchardts Vorzimmermänner in der Redaktion. Der Oppositionsführer sei nicht so oft abgelichtet worden wie sein Kontrahent Vogel, hatte man beim Nachzählen festgestellt", wurde die Juni-Ausgabe der NTI in der "UNZ" zitiert, um dem politischen Widersacher der Lächerlichkeit preiszugeben. Eigenwerbung unter dem gemeinen Volk und kleinkarierte Prinzipienreiterei mache sich für den Aufsteiger Schuchardt momentan nicht mehr erforderlich, hatte die NTI zu dem im 94er Wahlkampf gegen sie erhobenem Vorwurf des Verstoßes gegen die Chancengleichheit weiterhin angemerkt und damit auf die neue Situation des "Anpassers Schuchardt" 1995 abgezielt: Als stellvertretender Ministerpräsident, Landesvorsitzender seiner Partei und Wissenschaftsminister tanze er gleich auf drei Hochzeiten. Vom seinerzeit zur Schau gestellten kämpferischen Elan sei nicht viel geblieben, resümierte die NTI: "Nunmehr in Amt und Würden zeigt sich Schuchardt als‚ ein Thüringer in Thüringen' (Wahlvokabel) eher von der braven Seite."

NTI-Titel 10 1995
NTI 10/95: Den Adel leben

Heinrich XIII. Prinz Reuß gehört als Angehöriger des Fürstenhauses Reuß jüngerer Linie, konkret als Mitglied der zuletzt bis 1918 die reußischen Länder in Thüringen regierenden Familie, zum Stammbaum ältesten Thüringer Adels. Und er habe vor, sich mit seiner Familie wieder in der alten Heimat anzusiedeln, erklärte der Prinz im NTI-Interview und damit erstmals gegenüber einem Thüringer Presseorgan: "Ich selbst habe ein starkes Empfinden nach hier, obwohl ich in Hessen geboren wurde. Das liegt wohl daran, daß wir als Thüringer erzogen worden sind." Der berühmte Satz "Adel verpflichtet" bedeute für ihn, so der Prinz gegenüber der Neuen Thüringer Illustrierten weiter, relativ hohes Verantwortungsgefühl herzuleiten und zwar für den gesamten Lebensbereich. "Insofern ist es schon schön, daß man mit Hinblick auf die Geschichte eine Chance hat, den Adel zu leben, ohne 20.000 Hektar Land haben zu müssen. Bei uns jedenfalls sind die Besitzfragen außen vor, wie ebenso politische Ambitionen. Abgesehen von Ausnahmen spielt der Anspruch auf politische Führungsrollen in Staat und Gesellschaft in Adelskreisen keine Rolle mehr. Warum auch, Regierungsformen kommen und gehen."

NTI-Titel 11 1995
NTI 11/95: Projekt 2000
Als eine Aufgabe, die es über die Jahrtausendwende hinaus zu bewältigen gilt, hatte die Architektenkammer Thüringen die Plattenbausanierung definiert. Die "Platte" - keineswegs eine DDR-Erfindung, sondern an sich in Frankreich geboren - stellte für Ostdeutschland ein Vorhaben von bislang nicht bekannter Dimension dar. "Immerhin wohnt hierzulande ein Drittel der Bürger in Plattenbauten. In der Landeshauptstadt Erfurt gar jeder zweite Bewohner", stellte die NTI fest. "Das enorme Ausmaß an Uniformiertheit und mehr noch der hohe und allgemeine Verschleiß an den Gebäuden fordert ein komplexes Herangehen. Neben der Sanierung als solches bedeutet das, Fragen zu Landschaftsplanung, Städtebau, Architektur, aber auch zum Verkehr ebenso zu thematisieren wie Fragen nach langfristigen Eigentums- und tragbaren privaten Finanzierungsmodellen." Diesem Aufgabenfeld, vermeldete die NTI in Ausgabe 11/95, wolle sich das Ende Oktober erstmals herausgegebene "Journal zur Plattenbausanierung", ab 1996 mit einem Erscheinungsrhythmus von zwei Ausgaben pro Jahr konzipiert, stellen. Das vom Verlag der Neuen Thüringer Illustrierten auf der Bau-Fachmesse Leipzig 1995 vorgestellte vornehmlich ostdeutschlandweit vertriebene Fachzeitschriftenprodukt erfreute sich breiten Interesses von Vertretern der verschiedensten Branchenbereiche. "Denn das ,Projekt 2000' braucht Transparenz und vor allem die Möglichkeit für alle Beteiligten - vom Mieter über den Bauarbeiter bis zum Wissenschaftler, Städteplaner und Politiker - sich auszutauschen", erklärten die Herausgeber den Anspruch ihres neuen Titels.
Ab 1999 erscheint das Journal zur Plattenbausanierung dann unter dem Nachfolgetitel OSTBAU als Fachzeitschrift für die gesamte Bauwerkserhaltung und Wohnungswirtschaft in den neuen Bundesländern. Nicht nur der Titel war neu, auch der Erscheinungsrhythmus hatte sich geändert: Statt bisher zweimal erscheint das Verlagsprodukt fortan viermal im Jahr. Und das dann auch über das Jahr 2000 hinaus bis heute.

NTI-Titel 12 1995
NTI 12/95: Autonome Republik

"Wir hätten es besser wissen müssen: Willibald ,Hammer' Böck wird es der NTI nie verzeihen", merkte die NTI spöttelnd an. "Ausgerechnet die Provinzillustrierte aus Thüringen spielte damals das Zünglein an der Waage. In der 92er Februar-NTI wurde erstmals die Quittung über 20.000 D-Mark abgedruckt, die zweifelsfrei Böcks Unterschrift trug und in der ,Raststätten-Affäre' 1992 zum Rücktritt des umstrittenen Innenministers führte." Der inzwischen wieder in den CDU-Landesvorstand aufgestiegene Politiker erwies sich als nachtragend und ließ sich auf eine Porträt-Recherche unter dem Arbeitstitel "Böck - das Eichsfelder Original" für die Ausgabe 12/95 vorsorglich nicht ein. "Herr Böck darf beruhigt sein", stellte die NTI klar, "in unserer Eichsfeld-Story wird - und daran war auch nie gedacht - er keinesfalls aufs Korn genommen. Vielmehr geht es um das Verhältnis der ,Autonomen Republik' zu Rest-Thüringen und zu den westdeutschen Eichsfelder Brüdern und Schwestern." Das Resümee des NTI-Autors fiel dann durchaus erstaunlich aus: "Für das Eichsfeld - geteilt, aber nie getrennt - steht die Wiedervereinigung noch aus."

NTI 12/95: Teurer Nachtwächter
Die einzige WM-Teilnahme einer DDR-Fußballnationalmannschaft mit dem Sieg gegen den späteren Weltmeister BRD und das bislang einzige Olympiagold einer deutschen Mannschaft sind vor allem mit einem Namen verbunden: Georg Buschner. Anläßlich des 70. Geburtstages des einstigen DDR-Erfolgstrainers sprach NTI mit dessen Nachfolger beim FC Carl Zeiss Jena, Hans Meyer. Zwar wäre, so Meyer, die Teilnahme an der 74er WM ohne Schorsch nicht denkbar gewesen. Doch höher stehe für ihn, was in der Öffentlichkeit so nicht gewertet werde, der Olympiasieg in Montreal. Denn dort hätten drei, vier Mannschaften gespielt, die zur Weltspitze zählten.
Und weiter sagte Meyer über Buschner: "Was nach Montreal folgte, war schon ein bißchen geprägt von Resignation. Resignation gegenüber diesem ganzen administrativen System, das seinen Vorstellungen von erfolgsorientierter Arbeit entgegenstand. Da hat er vieles vorausgesehen. Im Verband ist unmittelbar vor Montreal der ehemalige Kanute Werner Lembert Generalsekretär geworden. Nach dem Finalsieg gegen Polen kam der kleine Lembert freudetrunken auf Buschner zugestürmt: Schorsch, das war unser Anfang! Da war der fünf Wochen Generalsekretär und hat schon mit dem Fußball den Olymiasieg gefeiert. Und was antwortete Schorsch, der allen Grund gehabt hätte, dieses große Ding zu bejubeln, ganz nüchtern: Werner, hoffentlich war das nicht schon das Ende."
Meyer erinnerte sich, daß eben dieser "Schorsch" nie die Unterstützung erhalten habe, "die er für seine Arbeit gebraucht hätte". "In anderen Ländern wäre er auf Händen getragen worden. In der DTSB-Zentrale, da hat man sich nicht entblödet, mußte er einmal als Nachtwächter arbeiten. Weil da alle mal mit Nachtdienst dran waren. Der teuerste Nachtwächter, den die DDR je beschäftigte."

Ausgewählt und aufgeschrieben von JÖRG SCHUSTER

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