Gingst aufgebaut

Noch heute gilt der Dank den Helfern.

Ein Helfer aus Südthüringen hatte mir im Frühjahr 2014 in Thüringen von dieser Solidaritätsaktion vor 64 Jahren erzählt, als auch er in Gingst mit geräumt und aufgebaut hat. Unsere Verabredung für den Sommer und vielleicht ein Treffen mit Klingbeils kam nicht mehr zustande, weil der Thüringer Helfer inzwischen verstarb. „Die Helfer sind ja auch alle aus unserer Generation“, sagt Erika K., „und bald sind gar keine Zeitzeugen mehr da für diese große Aktion, die von einer Regierung für einen stark betroffenen Teil der Bürger initiiert und unterstützt wurde.“ Dankbarkeit für jede Hilfe schwingt in ihren Worten mit. Deshalb ist es für Klingbeils wichtig, daß die Erinnerungsplastik in der Ortsmitte bis in alle Zeiten für diese Leistung dankt – und daß sie selbst aktiv waren und noch sind für die Gemeinde.

Die beiden inzwischen betagten Zeitzeugen haben einen Fundus an historischen Kostümen und Uniformen zusammengetragen, der nicht nur Volksfeste an der Küste schmückt, sondern sogar von Theatern und Filmproduzenten genutzt wird. Fast 500 sind es. Ursprung war die 750-Jahr-Feier 1982. Erika war Jahrzehnte in der Gemeindeverwaltung die „Kulturdezernentin“ und wollte zum Festzug geschichtliche Höhepunkte auch historisch getreu darstellen …

 

„Noch heute sind wir mit historischen Modeschauen unterwegs auf der Insel und auf dem Festland, verleihen auch Kostüme“, berichtet Eckard K., der dann die „Fetzen“ immer durchs Land kutschiert. Historische Bademode neben Störtebeker-Kluft, Uniformen neben Roben … Er sei zwar im Gegensatz zu seiner Frau – auf Rügen geboren, also Rüganerin – auf alle Zeiten ein „Zugezogener“, doch fühle er sich keineswegs so. Und beweist es mir mit einem Einblick in sein kleines, privates, rügen-bestimmtes Geflügelmuseum, das von Züchtern aus dem ganzen Bundesgebiet besucht wird.

FRANK FRIEDRICH

 

Sie berichten vom Großbrand 1950: Erika und Eckard Klingbeil.

Fotos (4): FRANK FRIEDRICH

Neubau anstelle der abgebrannten Pfarrscheune: Neue Steinhäuser.

Eckard Klingbeil trug Bilddokumente von 1950 zusammen: In der abgebrannten Friedensstraße.

 

 

 

„Alles weg!“

Von vielen Bränden wurde Gingst auf Rügen in den vergangenen Jahrhunderten heimgesucht. 1699 zum Beispiel schlug der Blitz in den Kirchturm ein. Das Feuer war so stark, daß sogar die Glocken schmolzen. Weitere zehn große Brände folgten. Der Brand von 1950 war der letzte Großbrand – mit verheerenden Folgen. „Aber auch mit einer überwältigenden Hilfe aus der ganzen DDR damals“, erzählen Erika (84) und Eckard Klingbeil (78) in der Neuen Thüringer Illustrierten. „Sonst gäbe es Gingst nicht mehr.“ Sie erinnern sich an die Katastrophe:

ERIKA KLINGBEIL: Am Freitagnachmittag war’s, der 25. August 1950. Fast alle Erwachsenen waren auf den Feldern bei der Ernte. Nur Kinder und Jugendliche waren im Ort.

ECKARD KLINGBEIL: …ich half meinem Vater bei den Kartoffeln auf dem nahen Feld.

ERIKA KLINGBEIL: Ich arbeitete in der Fleischerei meines Vaters hier in der Friedensstraße 9. Tagelang schon war’s knochentrocken, wohl 30 Grad an diesem Mittag. An der Pfarrscheune gleich paar Meter weiter von meinem Elternhaus machten einige Hochzeitsspiele. Kurz vor zwei zündelten zwei Jungen mit Streichhölzern. – Der Pfarrerssohn soll einer gewesen sein. – Im Nu stand wohl die reetgedeckte Scheune in Flammen.

ECKARD KLINGBEIL: Wir vom Feld den Qualm und die Flammen sehen – und schnellstens zurück, um irgendwie zu helfen.

ERIKA KLINGBEIL: Ich bemerkte im Haus das Feuer nicht. Mein Vater war wie jeden Freitag beim Friseur. Auf dem Rückweg sah er den Brand und schlug überall Alarm. Alle guckten raus und sahen Flammen und Rauch. Sofort wurde zu Pumpen gegriffen. Wir halfen mit Wassereimern aus der Fleischerei. Vor allem versuchten wir, die umliegenden Häuser zu schützen, naß zu halten, damit sie nicht durchs Feuer vernichtet wurden.

ECKARD KLINGBEIL: Das ist nicht gelungen. Das Gingster Feuerwehrfahrzeug war gerade einen Tag vorher zur Reparatur gebracht worden. – Trotz der Feuerwehren von der Insel und bis aus Rostock und Greifswald brannten die Rohrdächer hell und schnell ab wie Fackeln. Bis in die Nacht brannte der halbe Ort weg.

ERIKA KLINGBEIL: Wir hatten großes Glück, daß an unserem Steinhaus nicht viel Schaden entstand, nur im linken Flur. Auch weil wir mit einer Handpumpe die Wände naß hielten. Rundum waren die flachen Häuser abgebrannt bis zum Boden.

ECKARD KLINGBEIL: Den Anblick am nächsten Morgen wünscht man niemandem. Fast alle Häuser im Ostteil des Ortes, Lehmkaten mit Rohrdach, waren Asche … 17 Wohnhäuser, Hausrat, viel Getreide und 16 Ställe, viele Scheunen, ein Sägewerk: Alles weg!

ERIKA KLINGBEIL: 35 Familien waren plötzlich obdachlos.

ECKARD KLINGBEIL: An diesem Tag schon versprach die DDR-Regierung den Gingstern, daß alle innerhalb kurzer Zeit wieder in ihre Häuser einziehen können. Sie forderte auf, „Helft Gingst!“ und Tausende Einwohner der jungen DDR halfen.

ERIKA KLINGBEIL: Inzwischen waren alle Betroffenen bei Nachbarn oder Verwandten vorerst untergekommen. Schon in der Nacht rückten dann die ersten Bautrupps an. Mit Helfern von Kap Arkona bis Suhl. Auf dem Sportplatz wurden Zelte und Toiletten für die Helfer aufgestellt.

ECKARD KLINGBEIL: Im Hafen Klein Kubitz kam schon am zweiten Tag das erste Schiff mit Material an. Ein Schiffer aus Stralsund hatte dort Baustoff-Spenden gesammelt und hergebracht. Wir, die Erwachsenen wie auch die Kinder in Gingst, waren von dieser Hilfe und Solidarität überwältigt!

ERIKA KLINGBEIL: Die drei Fleischereien im Ort kochten gemeinsam für die Helfer, deren Zahl immer weiter auf ein paar tausend wuchs und denen der Eintopf Kraft gab. Die obdachlosen Kinder wurden eingekleidet und über die Landverschickung vom Unglücksort weggebracht zur Erholung von dem Schreck. Alle Gingster halfen neben der Ernte natürlich auch mit.

ECKARD KLINGBEIL: Wirklich aus allen Teilen der Republik waren Helfer hier, fast alles FDJler. Und genau 48 Tage nach dem Brand standen bezugsfertig neue Häuser, aus Stein und mit Ziegeldach, an den Stellen, wo die alten Katen abgebrannt waren. Das Versprechen der Regierung war erfüllt. – Viele der Häuser stehen noch heute, nach 1990 auch schön saniert und modernisiert.

ERIKA KLINGBEIL: Auf dem Kirchhof entstand ein Jahr später ein Zweifamilienhaus, ein „von der Jugend für die Jugend“ gebautes „Haus der Jugend“ als Freizeittreff. Das hat sich über Jahrzehnte zum kulturellen Zentrum des Ortes entwickelt.

ECKARD KLINGBEIL: Insgesamt 6000 Auswärtige halfen hier, Baumaterial kam sogar aus Thüringen. Geld, Möbel, Kleidung wurden gespendet.

ERIKA KLINGBEIL: Mit einer der Helferinnen – sie kam damals als 16jährige aus Neubrandenburg – sind wir inzwischen befreundet. Wir trafen sie erst vor einigen Jahren wieder, als sie hier sehen wollte, was aus Gingst geworden ist.

Aufgeschrieben von FRANK FRIEDRICH.

 

Seit dem 1. Mai 1976 erinnert ein Gedenkstein des Stralsunder Bildhauer Hans-Peter Jaeger auf dem Gingster Markt an den Großbrand: Vier Bronzereliefs zeigen Szenen des Brandes und des Wiederaufbaus.

 

 

Zur Sache

Gingst

Der Ort liegt etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Bergen auf Rügen unweit der Insel Ummanz. In acht Ortsteilen leben rund 1300 Einwohner.

Der kleine Ort hat auch ein eigenes Wappen: Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern genehmigte 1999 der Gemeinde das Wappen „Gespalten von Grün und Gold; vorn ein gestürztes goldenes Schwert mit runden Parierstangenköpfen, an denen jeweils eine herabhängende goldene Waagschale befestigt ist; hinten ein pfahlweise gestelltes rotes Weberschiffchen, welches mit einer gestürzten und geöffneten roten Schere belegt ist.“ – Wehrhaftigkeit (Als Parierstange wird das Querstück zwischen Griff und Klinge des Schwertes oder Messers bezeichnet.) und das Weberhandwerk werden also besonders hervorgehoben.

Das Angerdorf „Ghynxt“ wurde 1232 erstmals urkundlich erwähnt und ist neben Garz und Bergen einer der bedeutendsten Marktflecken auf Rügen gewesen. Gingst war Handwerkszentrum. Von hier kamen die Damastwebereien auf der Insel. 1774, in der Zeit der Schweden-Pommern-Herrschaft, wurde hier bereits die Leibeigenschaft abgeschafft, was die Entwicklung des Handwerks förderte.

Im Gingster Pastoratsmoor wurde 1937 eine Pfahlbausiedlung aus dem Neolithikum gefunden. Drei Meter lange, spitze Stangen sollen aus dem Moor gezogen worden sein, außerdem seien mehrere Gefäße und Scherben gesichert worden, Steinwerkzeuge wurden gefunden, aber nicht aufbewahrt.

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