Gesteigerte Vorfreude

Prerower Strand-Szene (FOTO Frank Friedrich)
Mecklenburg-Vorpommern hatte 2009 die bisher beste touristische Jahresbilanz vorzuweisen. Nun geht man im Norden daran, diesen Erfolg zu wiederholen und auszubauen.
Mecklenburg­Vorpommerns Ostseeküste hat deutschlandweit die meisten Sonnenstunden im Jahr. Es können bis zu 2.158 Stunden werden. Der Wert wurde im Ortsteil Darß auf der Halbinsel Fischland­Darß­Zingst gemessen, und ist der absolute Rekord. Auf Rügen scheint die Sonne aber auch rund 100 Stunden mehr als in München.

(FOTO Frank Friedrich)Der große Trumpf ist jedoch eine statistische Größe, was bedeutet, daß darauf nicht mit absoluter Sicherheit Verlaß ist. Denn auch der Hauptfeind des Tourismus in Mecklenburg­Vorpommern (MV) kommt von oben – es ist der Regen. Und der schlug 2011 besonders hartnäckig zu, obwohl nicht nur an der Ostsee, sondern in ganz Deutschland. Beim Blick hinauf in die grauen Wolken wurde es so manchem in der Branche schwer ums Herz. Damit sind bereits im zweiten Jahr in Folge die Übernachtungszahlen in MV gesunken. Vor allem Betreiber von Campingplätzen hatten zu kämpfen. Hoteliers hingegen gewannen dem Jahr auch Positives ab.
Seit 2010 sinken die Übernachtungszahlen im Land wieder, wenn auch moderat. 2009 wurden 28,4 Millionen Übernachtungen erreicht, 2010 „nur“ 27,7 Millionen. Der Tourismusverband erwartet 2011 insgesamt rund 27,6 Millionen Übernachtungen für das gesamte Jahr. 100.000 weniger als im Jahr davor. Das wäre im Jahr nach der Buga zu erwarten gewesen, hieß es 2010. „Klar, bei dem Wetter“, heißt es in diesem Jahr. Alle hoffen, daß im Jahr 2012 keine dritte Erklärungsvariante herhalten muß.
„Geschadet hat der verregnete Sommer sicherlich, aber auf der anderen Seite haben die Hoteliers viel Einfallsreichtum bewiesen und ihren Gästen trotz des schlechten Wetters viel bieten können“, sagte der Tourismusverbandsgeschäftsführer Bernd Fischer.
Zwischen den Stranddünen verstecken sich in Prerow die Feriendomizile der FKK-Freunde vom Regenbogencamp. (FOTO Frank Friedrich)Doch obwohl sich Fischer bemüht, selbst dem Regenjahr etwas Positives ab zugewinnen, sprechen die Zahlen eine klare Sprache. In den Monaten Juli und August gab es beispielsweise rund 500.000 Übernachtungen weniger als im Vorjahreszeitraum. Der deutlich sonnigere Herbst allerdings sorgte dafür, daß sich das Gesamtminus zwischen Januar und Ende September insgesamt nur bei 0,6 Prozent bewegt. Und rein statistisch müßte nach einem solch verregneten Sommer die Wahrscheinlichkeit gering sein, daß es im kommenden wieder so schlecht wird wie im letzten Jahr, macht Bernd Fischer Mut. Doch 2012 könnte schon das nächste Problem um die Ecke kommen. Denn ein verregneter Sommer zieht einen Rattenschwanz hinter sich her: den Schlechtwetter­Erinnerungseffekt. Wer seinen Urlaub über zwei Wochen im Regen verbringen mußte, der ist tendenziell eher unwillig, im darauf folgenden Jahr wieder an den Ort des abgesoffenen Urlaubs zu reisen, tauscht Deutschland vielleicht sogar lieber gegen eine absolut sonnensichere Gegend im Ausland ein.
Doch auch hier beschwichtigt Bernd Fischer: „Auswirkungen wird es sicherlich geben, aber unsere Erfahrung zeigt: Stammgäste lassen sich durch ein verregnetes Jahr meist nicht abschrecken.“ Fischer hofft jedenfalls darauf, daß das Regenjahr 2011 nicht allzu stark auf das kommende Jahr ausstrahlt.
Ausritt ans Meer. (FOTO Frank Friedrich) Die Tourismusbranche sorgt sich um die Situation. Nicht umsonst startete man eine Herbstkampagne, um das Geschäft zu beleben. Auch eine außerplanmäßige Frühjahrskampagne für 2012 ist geplant. Der Verband hofft, daß die Bemühungen fruchten. So schenkte man den Gästen in Mecklenburg­Vorpommern im Herbst erstmals einen Urlaubstag: Unter dem Titel „Premium genießen. Last Minute zahlen“ boten vom 4. Oktober bis 19. Dezember landesweit rund 100 Hotels, Pensionen und Jugendunterkünfte eine Übernachtung gratis an. Herbsturlauber durften dementsprechend einen Tag länger zwischen Ostseeküste und Seenplatte bleiben als sie bezahlten.
„Die Schönheit der Region im Herbst ist es wert, von noch mehr Gästen erlebt zu werden“, erklärte Bernd Fischer die Aktion. „Ob Jazz im Schloß, Kunst in einer Galerie, Wild und Fisch auf dem Teller oder Leselust in den Literaturhäusern des Landes – die Möglichkeiten sind zahlreich“, erklärte der Geschäftsführer. Die Aktion zeige auch, daß die Gastgeber in allen Urlaubsregionen Mecklenburg­Vorpommerns im Sinne der Gäste an einem Strang ziehen würden. Der Tourismusverband als Initiator erhofft sich nun auch eine gesteigerte Vorfreude auf den nächsten Sommerurlaub im Nordosten.
Gastfreundliches Prerow, kleine Wegweiser an privaten Häusern. (FOTO Frank Friedrich)Bereits innerhalb der vergangenen zehn Jahre haben stetig mehr Menschen einen Herbsturlaub in Mecklenburg­Vorpommern verbracht. Zwischen Oktober und Dezember 2010 wurden 4,2 Millionen Übernachtungen gezählt, 2001 waren es im gleichen Zeitraum noch lediglich 3,3 Millionen. In dieser Jahreszeit präsentiere sich der Nordosten äußerst farbenfroh. Bunt gefärbte Wälder, eine bewegte Ostsee, rastende Kraniche oder das spezielle Herbstlicht lockten in die Natur, viele kulinarische und kulturelle Veranstaltungen zogen Genießer an.
Neben der Herbstkampagne zu den geschenkten Urlaubstagen bietet Mecklenburg­Vorpommern in der Nebensaison noch mehr: 168 Hotels locken bei der schon traditionellen Herbst­Winter­Aktion für rund fünf Monate mit Sonderpreisen von 55 beziehungsweise 66 Euro für eine Übernachtung im Doppelzimmer samt Frühstück oder aber mit mehrtägigen Wohlfühl­Arrangements. Die Angebote galten vom 22. Oktober bis 19. Dezember 2011 sowie vom 2. Januar bis 31. März 2012. Und selbst fürs Baden muß der Winter in MV kein Hindernis sein. Von Oktober bis April dauert jedenfalls die Badesaison der „Rostocker Seehunde“. Sonnabends und sonntags treffen sie sich um 10 Uhr, um sich vom Strand in Warnemünde aus in die Ostsee zu begeben. Gäste sind dazu willkommen. Zumindest zuschauen kann man ja mal beim Winterurlaub in Warnemünde, um sich dann bis zum nächsten Winterurlaub abzuhärten und es dann doch zu wagen.
Ein Tip für Mutige: Nur das Rein­ und Rausgehen ist das Schlimmste. Meist ist nämlich das Wasser der Ostsee zur Winterszeit deutlich wärmer als die Lufttemperatur. Und die Anlässe, das erste Eisbaden unter Anleitung zu absolvieren, sind in MV zahlreich. Fast überall gibt es Freaks, die ein Weihnachts­, Silvester­ oder Faschingsschwimmen veranstalten. Auf den Umsatz vieler Restaurants im Land wirkte sich der Regensommer 2011 nicht negativ aus. So registrierten die Restaurants laut einer aktuellen Umfrage der Industrie­ und Handelskammer Neubrandenburg allein bis Ende August einen Umsatzzuwachs von 4,5 Prozent.
Große Zuwächse gab es in dieser Saison auch bei den Jugendunterkünften. Die Übernachtungszahlen nahmen laut Tourismusverband im ersten Dreivierteljahr 2011 um satte sechs Prozent zu. Besonders gut startete die neue Jugendherberge in Prora in ihre erste Saison. „Wir waren im Sommer komplett ausgebucht“, sagte Mitarbeiterin Sandra Härtel.
Die Peenebrücke in Wolgast, sie ist Deutschlands größte und schönste Waagebalken-Klappbrücke. (FOTO Frank Friedrich)Die Museen im Land profitierten erwartungsgemäß vom mauen Sommerwetter. 250.000 Menschen kamen im Juli und August beispielsweise ins Stralsunder Ozeanum. „Der verregnete Sommer war für uns zuträglich, denn dadurch konnten wir das sonnige Frühjahr ausgleichen“, sagte eine Museumssprecherin.
Im Rostocker Schiffahrtsmuseum ist man mit den Besucherzahlen ebenfalls zufrieden. „Wir hatten aufgrund des verregneten Sommers phasenweise deutlich mehr Besucher an Bord und wer den unser Vorjahresergebnis in diesem Jahr voraussichtlich leicht über­schreiten“, sagt Museumsleiter Peter Danker­Carstensen. Im vergangenen Jahr hatten 27.000 Menschen das Museum besucht.
Die Wassermassen von oben hatten auch den Kreidefelsen bei Saßnitz zugesetzt. Doch das ist nicht nur ein Phänomen des Regensommers 2011 gewesen. Die aktuellen Abbrüche betrafen die Küste im Norden Rügens über eine Länge von hundert Metern zwischen Kieler Ufer, Kolliker Or und dem Königsstuhl im Nationalpark Jasmund.
Die landschaftlichen Veränderungen waren also beträchtlich, aber nicht so schmerzlich wie die Ereignisse von 2005. Damals waren die durch ein Gemälde von Caspar David Friedrich fast schon weltberühmt gewordenen Wissower Klinken abgebrochen. Etwa 50.000 Kubikmeter stürzten in die Tiefe.
Ursache war damals neben der Meeresbrandung, die ständig die Küstenlinien formt, der Druck von pleistozänen Ablagerungen aus dem Landesinneren. Gefrorenes Niederschlagswasser sprengte dann nach Einsetzen von Tauwetter die Felsmassen ab. Der Ort ist für Wanderer am besten über den Hochuferweg durch die Buchenwälder von Jasmund zu erreichen. Vom östlichen Stadtstrand von Saßnitz sind es etwa zwei Kilometer bis dahin.
Attraktives Ortszentrum, Zinnowitzer Bäderarchitektur. (FOTO Frank Friedrich)Es gibt übrigens Streit darüber, ob der Maler Caspar David Friedrich auf seinem Gemälde wirklich die Wissower Klinken abgebildet hat. Die soll es in der Gestalt, wie sie vor sechs Jahren dann verschwanden, zur Zeit des Malers gar nicht gegeben haben. Es könnte sich auch um die Kleine Stubbenkammer handeln. Oder Friedrich ließ sich einfach nur von dem Gesamtpanorama inspirieren und malte dann ohne konkretes Vorbild.
In einigen Büchern heißt es inzwischen schon vorsichtiger: Die Wissower Klinken hätten Caspar David Friedrich zu dem Bild inspiriert. Ganz sicher hat der berühmte Romantiker aber nicht die „Wissower Kliniken“ gemalt, wie es vor einiger Zeit in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß. Aber wie dem auch sei – als Werbeträger und willkommene Geschichte für den Tourismus in MV ist der Maler in jedem Fall ein Glücksfall.
Zumal es auch andere berühmte Bilder von Friedrich gibt, deren Vorlage zweifelsfrei feststeht. Beispielsweise das Kloster Eldena in Greifswald. Es wurde im 13. Jahrhundert erbaut. Das Zisterzienserkloster war offenbar auch der Anstoß zur Stadtbildung von Greifswald. Es spielte also eine durchaus bedeutende Rolle in der Frühzeit Pommerns.
Im Zuge der Reformation wurde das Kloster in ein Amt umgewandelt und verfiel spätestens im Dreißigjährigen Krieg. So fand Anfang des 19. Jahrhunderts Caspar David Friedrich das Kloster nur noch als Ruine vor, die er zum Motiv für mehrere seiner Werke machte. Und auch hier führte die Bekanntheit Friedrichs zu einer größeren Aufmerksamkeit für das Malobjekt.
1828 begannen erste Ausgrabungsarbeiten, und nach Plänen des preußischen Gartengestalters Peter Joseph Lenne wurde auf dem Klostergelände ein Park angelegt. 1968 kam eine Freilichtbühne hinzu, wodurch das Klostergelände für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden konnte. 1995 und 1996/97 veranlaßten das Landesamt für Denkmalpflege und die Stadt Greifswald abermals Ausgrabungen sowie Sicherungs- und Sanierungsarbeiten, die schließlich zur Errichtung einer Kulturstätte der Euroregion Pomerania führten.
Zinnowitzer Wege, die Seebrücke führt zur Taucherglocke. (FOTO Frank Friedrich)Ein Kulturort ganz anderer Art hat eine viel jüngere Geschichte. Es ist der Flugplatz Rechlin­Lärz, von dem zuletzt Jagdbomber vom Typ Mig­27 starteten. 1994 wurde der Flugplatz wieder für die zivile Nutzung geöffnet.
Der nördliche Teil des Geländes wurde am 30. April 2003 von dem Verein Kulturkosmos Müritzsee e. V. gekauft, der dort alljährlich das „Fusion Festival“ veranstaltet. Die auf dem Gelände befindlichen zwölf großen Flugzeugbunker werden dazu als Veranstaltungsorte genutzt.
Das Festival für Musik, Theater und Performance­Kunst erfreut sich großer Beliebtheit. Ein deutliches Zeichen dafür ist, daß im Jahr 2010 erstmals die Tickets auf 53.000 Stück limitiert und nur im Vorverkauf vertrieben wurden. Ab 2012 sollen die Tickets nur noch im Losverfahren verkauft werden. Damit hat sich in MV eine Veranstaltung etabliert, die als subkulturell, alternativ und weitgehend unkommerziell gelten kann.
So wie einst in Woodstock wollen die Veranstalter eine Art Parallelgesellschaft entstehen lassen. In einem „Ferienkommunismus“ sollen Zwänge und Kontrollen wegfallen. Die Veranstalter legen nach eigenen Angaben großen Wert auf gegenseitige Toleranz sowie eine umweltschonende und unkommerzielle Ausrichtung des Festivals. So gibt es keine Großsponsoren und damit auch keine Werbung auf dem Festivalgelände.
Das Programm ist abwechslungsreich und umfaßt beinahe den gesamten Bereich der elektronischen Musik von Minimal über Techno bis Goa. Geboten werden jedoch auch Stile, die näher am Mainstream sind, oder Skurrilitäten wie finnischer Tango.
Da sind die Touristiker in Mecklenburg­Vorpommern aus ganz anderem Holz geschnitzt. Eines ihrer Ziele ist ein einheitlicheres Erscheinungsbild des Landes für die Gäste. Auf dem Tourismustag in Rostock stellten der Landestourismusverband und die ausführende Berliner Agentur „fischerAppelt, furore“ das Marken und Kommunikationskonzept 2022 vor, mit dem unter anderem „die Gästeansprache“ vereinfacht werden soll.
Die einschneidendste Veränderung in der kommunikativen Ausrichtung wird die künftige Konzentration auf vier Urlaubswelten sein, die an die Stelle der bisherigen Themen­, Farben­ und Katalogvielfalt treten werden. Die Urlaubswelten „Natur und Aktivität“, „Familie und Kinder“, „Genuß und Kultur“ und „Lifestyle und Trends“ seien das Ergebnis eingehender Analysen zu Markt und Wettbewerb.
Hinter den vier Urlaubswelten liegt jeweils eine umfängliche Matrix aus unterschiedlich gewichteten touristischen Themen sowie Tourismusregionen und ­orten. „Die Urlaubswelten bündeln das bisherige Themenmarketing und bieten die Möglichkeit, variable und daher paßgenaue Kommunikationslinien und Kampagnen zuzuschneiden, Streuverluste zu minimieren und flexibel auf die sich schnell ändernden Anforderungen und Märkte zu reagieren“, erklärte Jürgen Seidel, Präsident des Landestourismusverbandes.
„Als wichtigster Imageträger für Mecklenburg­Vorpommern wird der Tourismus auch in Zukunft die Landesmarke konsequent stärken“, erläuterte Seidel weiter. Man wolle nicht alles neu machen, sondern das Gute noch besser. Neu eingeführt wird der Slogan „Urlaub ist unsere Natur“, der für die Imagewerbung eingesetzt wird und im dop­pelten Sinne auf die Qualität der Landschaft und der Gastgeber im Land verweist.

GERD POSPISCHIL

Sonderausgabe Ostsee 2012
 

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