Freude am Schnitzen

Der letzte Holzpferdeschnitzer.

„Waffenrod hat kein Pferd und sind auch im ganzen Dorf nicht mehr als sechs Karrenpferde zu finden, so auf der Straße gehen und selten daheim anzutreffen.“ Diese Beschreibung aus dem Jahre 1853 wurde schon damals ad absurdum geführt: Nach dem Niedergang des Bergbaus und des Hüttenwesens im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Holzpferdeschnitzerei zu einem neuen Erwerbszweig, weil sie auf der Verarbeitung einheimischer Rohstoffe beruhte. Der einzige Rohstoff, der ausreichend zur Verfügung stand, war Holz. Und Pferde gab’s also in Massen …

Zwangsläufig hatte sich das Handwerk der Holzschnitzerei hier in dieser Region entwickelt. Bedingt durch die geographischen Gegebenheiten spielte in den Bergdörfern Waffenrod und Hinterrod die Landwirtschaft stets eine untergeordnete Rolle. Und nur in diesen beiden Dörfern des oberen Eisfelder Waldgebietes, entwickelte sich dann speziell die Holzpferdeschnitzerei.

„Wir hatten hier vor 1990 bis zu 25 Holzpferdeschnitzer“, berichtet mir Herbert Kreußel. Der 69jährige ist gemeinsam mit einem über 80jährigen Kollegen übriggeblieben. Mit den beiden wird das Handwerk Holzpferdeschnitzerei aussterben. Doch noch galoppieren zig Pferde zwischen zehn Zentimeter und einem Meter Risthöhe aus seiner Werkstatt in dem Ortsteil von Eisfeld. In dritter und letzter Generation seiner Familie dreht er weiter die Pferdeleiber und schnitzt Hälse, Köpfe und Beine. Nachfolger wird es nicht geben, die Kinder arbeiteten zwar in der Werkstatt mit, entschieden sich jedoch nach 1990 gegen das Handwerk mit völlig ungewisser Zukunft.

Bis dahin hatten die Holzpferdeschnitzer alle Hände voll zu tun. Die Rohlinge wurden „unten in Eisfeld“ vervollständigt, erhielten Farbe, Mähne, Schwanz, Zaumzeug und so weiter und gingen in den – Export ins „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“ (NSW). Vor allem aus der Bundesrepublik – zu deren Grenze es aus Waffenrod nur wenige hundert Meter waren – flossen die Valutamark ins DDR-Staatssäckel, nur West-Pfennige blieben den Schnitzern.

Doch nach 1990 war das Geschäft vorbei, die Schnitzer mußten sich selbst am Markt behaupten, gaben nach und nach auf. Herbert Kreußel blieb dabei. Statt des Rohlings fertigte er nun seine „Pferdchen“ vollständig bis zum verkäuflichen Produkt – sogar samt Wild-West-Planwagen. Mit „echten“ Mähnen und Schwänzen zum Beispiel aus Katzenfell und -haaren. Mit Schaukelpferdkufen oder auf Bodenplatte mit Rädern oder „freifüßig“. Kreußel fertigt 15 in Größe und Ausstattung unterschiedliche Modelle. Jedes Pferd ist von Hand gedrechselt und geschnitzt. Aus sieben Teilen entsteht ein Pferd, jedes für sich ein einzigartiges Unikat. Und es sind nicht nur „Pferdchen“, wie Kreußel sie nennt. Er fertigt auch Schaukelpferde, die Körpergewichte bis zu 150 Kilogramm aushalten. „Neulich waren mal zwei Frauen in die Werkstatt gekommen, beide über die 80 Jahre. Als sie die Schaukelpferde sahen, kletterten sie spontan drauf und waren nochmal die kleinen Mädchen beim Schaukeln“, freut sich der Handwerker über die Freude, die sein Spielzeug – durchaus für manchen sogar mit Sammlerwert! – anderen bringt.

Inzwischen ist Kreußel auch ein bundesweit bekanntes Gesicht des Landkreises Hildburghausen geworden. Er ist auf jeder Grünen Woche für Hildburghausen anzutreffen, zeigt sein Handwerk und verkauft seine Pferdchen. Übers Jahr hat er dann gut zu tun mit den Anfragen und Aufträgen von dort und von Urlaubern und Besuchern hier. Ein paar seiner Vierbeiner hat er immer vorrätig. „Ich kann doch Familien nicht auf später vertrösten, wenn die hier reinschauen“, meint er. Dann paßt er auch seine Preise den Möglichkeiten der Kunden an. „Ich kann einem Kind doch nicht das Spielzeug zeigen und dann können sich die Eltern das nicht leisten!“ So gibt’s das geschichtsträchtige hölzerne Pferdchen auch mal für 20 Euro, wenngleich auf dem Weihnachtsmarkt, Volksfest oder von Liebhabern ein Vielfaches eingenommen werden könnte. „Ich schnitze nur noch aus Freude und um Freude zu bereiten. Meine Spielzeuge sind genauso wie vor Jahrzehnten aus natürlichen Produkten, aus Linde oder Weymouthskiefer, und völlig ungefährlich mit lösemittelfreien Kinderspielzeugfarben, Echtleder und -fell.“

Dabei wollte Herbert K. selbst gar nicht in die Holzschnitzerei einsteigen. Er lernte Werkzeugmacher und gab nur zögerlich dem Drängen der Eltern nach. „Unglaublich und schade, daß ich heute sozusagen der letzte Holzpferdeschnitzer der Welt bin!“

FRANK FRIEDRICH

Der letzte Holzpferdeschnitzer Herbert Kreußel: „Ich kann einem Kind doch nicht das Spielzeug zeigen und dann können sich die Eltern das nicht leisten!“

Fotos (2): FRANK FRIEDRICH

NTI Ausgabe 02-2015

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Auf Luthers Spuren

Die Ausgabe 3/2017 berichtet über ein ereignisreiches Jahr in der Wartburgregion.

Werbung