"Für mich zählt nur Apolda"

Er war einer der Wortführer im Apoldaer Herbst ’89. Meldete sich in den Kirchen zu Wort. Sprach auf den Montags-Demos. Saß mit am Runden Tisch. Und machte immer wieder seiner Sehnsucht nach Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit Luft. Als sie ihn dann fragten, ob er mehr zu bieten habe als lautstarke Forderungen, da konnte und wollte er nicht kneifen. 16 Jahre, von 1990 bis 2006, lenkte Michael Müller (Demokratischer Aufbruch, dann CDU) als Bürgermeister die Geschicke seiner Heimatstadt Apolda.

 

 

Vielleicht wäre er noch heute Apoldas erster Bürger. Doch nach 16 Jahren als Stadtoberhaupt trat er 2006 zur Direktwahl nicht mehr an. „Ich wollte vor der Rente noch mal etwas anderes machen“, begründete er damals seinen Abgang von der kommunalpolitischen Bühne: gehen, solange ihn seine Wähler gern sehen und nicht gehen müssen, weil sie ihn nicht mehr sehen können. Helmut Kohl sei ihm warnendes Beispiel gewesen. Der Alt-Kanzler habe seinerzeit die Zeichen der Zeit nicht erkannt und dafür die Quittung bekommen. So wollte Apoldas Bürgermeister Michael Müller nicht enden.

NTI: Herr Müller, wir hatten erwartet, auf einen Pensionär zu treffen, der den Ruhestand in vollen Zügen genießt. Statt dessen finden wir einen Mann vor, der mit beiden Beinen mitten im Berufsleben steht. Was machen Sie?

MÜLLER: Ich bin der für Technik zuständi­ge Geschäftsführer der EVA, der Energie­versorgung Apolda. Als Bürgermeister war es von Anfang an mein Bestreben, Strom, Gas und Fernwärme unter dem Dach eines Stadtwerkes zu bündeln. Spä­ter sind weitere Unternehmungen hinzugekommen, darunter die Apoldaer Bäder, die Jahr für Jahr nicht unerheb­liche Defizite einfahren. Über den Stadt­werke-Verbund werden diese Verluste kompensiert; außerdem überweisen wir an die Stadt als Mitgesellschafter Di­vidende, die je nach Höhe unseres Betriebsergebnisses jährlich bis zu 1,8 Millionen Euro beträgt.

NTI: Sie wurden unmittelbar nach der politischen Wende Bürgermeister und waren dann 16 Jahre Apoldas erster Bür­ger. Müssen wir Sie mit Erfurts Ex-OB Ruge, mit dem Ex-Landtagsabgeordneten Schwäblein oder mit Ex-Ministerpräsident Althaus in einen Topf werfen, die ihre politischen Karrieren beendeten, um in der Wirtschaft besser bezahlte Stellen zu übernehmen?

MÜLLER: Zwischen meinen beiden Arbeitsstellen bestehen zwar Größenunterschiede. Aber sie sind nicht so exorbitant wie mancher vielleicht glaubt. Das liegt zum einen an der Größe der Stadt und zum anderen an der Größe der EVA. Apolda ist eine kleine Stadt, und die EVA dementsprechend ein kleines Unternehmen. Das Bürgermeister-Gehalt war nicht üppig, aber gut: für Eingeweihte: Es war eine B 3. Jetzt sind meine Bezüge auch umsatz- und ertragsabhängig. Ich bin damit sehr zufrieden. Aber es ist nicht so, daß ich nun reich werden würde. 

NTI: Sie zählten 52 Lenze, als Sie der Kommunalpolitik den Rücken kehrten. Andere erklimmen in diesem Alter die nächsten Sprossen auf der politischen Karriereleiter. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

MÜLLER: 16 Jahre Bürgermeister – das war mehr als ich anfangs vorhatte. Ich habe das Amt gern und mit großem Engagement ausgeübt. Doch ich wollte vor der Rente noch mal etwas anderes machen; als Weltmeister aus dem Ring steigen und nicht als einer, der seinen letzten Boxkampf verlor. Nach Höherem stand mir nie der Sinn. Für mich zählte nur Apolda. Da lag der Wechsel zur EVA nahe, zumal ich mit dem Unternehmen seit Jahren aufs engste verbunden war: zunächst von Amts wegen als Aufsichtsratsvorsitzender und ab 1999 als nebenamtlicher Geschäftsführer. Außerdem reizten mich die Aufgaben, vor denen das Unternehmen mit der Liberalisierung des Energiemarktes stand.

NTI: Liegen die Ursachen für Ihren Abschied aus der Kommunalpolitik vielleicht auch in der angespannten Situation, in der sich Apolda damals befand: von Weimar geschnitten, von Jena nicht ernst genommen; riesige Einkaufzentren, die gegen den Willen Apoldas auf der grünen Wiese im nahen Isserstedt errichtet wurden, klamme kommunale Kassen …?

MÜLLER: Das war es nicht. Ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen, sondern immer Apoldas Positionen bezogen. Konsequent. Und im Zweifelsfall gegen jeden. Ohne Ansehen der Person.

NTI: Immerhin haben Sie schon mal den Vorsitz des Ausschusses der Regionalen Planungsgemeinschaft Mittelthüringen hingeschmissen …

MÜLLER: Dafür waren andere Gründe maßgebend, vor allem die zahlreichen Ausnahme-Tatbestände, die der Freistaat den großen Handelsketten einräumte. Kleinen Städten wie Apolda wurde quasi jeder Quadratmeter Einkaufsfläche vorgeschrieben. Vor den Stadttoren aber, auf den grünen Wiesen, schossen die Supermärkte wie Pilze aus dem Boden. Als dann im Nachgang sogar eine nochmalige Erweiterung des Globus-Supermarktes in Isserstedt genehmigt wurde und Ikea in Erfurt sein Möbelzentrum dort baute, wo es eigentlich nach den Regeln der Raumordnung nicht errichtet werden durfte, platzte mir der Kragen. Isserstedt hat uns verdammt weh getan. Und schmerzt heute immer noch.

NTI: Ihre Worte damals in der NTI: „Wenn ich mal keine Visionen mehr habe, trete ich spätestens ab.“ War das 2006 der Fall?

MÜLLER: Visionen gab es schon noch einige. Beispielsweise eine Drei-Felder-Halle. Erst später kam mir die Idee, wie man das Vorhaben doch noch möglich machen könnte. Aber das ist Schnee von gestern. Demnächst wird Apolda über eine Drei-Felder-Halle verfügen. Die Bauarbeiten sind im Gange.

NTI: Sie galten schon zu DDR-Zeiten als streitbar. Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

MÜLLER: Die Mauer fiel, als sich einige hundert Apoldaer in der Lutherkirche zusammengefunden hatten. Ich stand gerade am Mikrofon. Da kam einer in die Kirche gestürmt und rief, im Fernsehen hätten sie gesagt, die Mauer sei offen. Erst ungläubiges Staunen und Zweifel, dann viele Fragen. Da habe ich kurzerhand die Versammlung beendet und empfohlen, nach Hause zu gehen und den Fernseher anzustellen. Die Freude war überschwenglich. Ein großer Schritt auf dem Weg hin zu mehr Freiheit war getan.

NTI: Was trieb Sie in den Wochen der friedlichen Revolution an?

MÜLLER: Ich hatte in der DDR immer ein Problem damit, daß uns alles vorgeschrieben wurde und daß alles reglementiert war. Mit einem Wort: Die ideologische Bevormundung, der ich in diesem Land ausgesetzt war, ging mir wider die Natur. Und obwohl ich nie die Absicht hatte, der DDR den Rücken zu kehren, fühlte ich mich eingesperrt. Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit – das war es, was ich wollte. Dafür habe ich unterm Dach der Kirche geworben. Dafür ging ich auf die Straße. Dafür saß ich am Runden Tisch.

NTI: Stichwort Runder Tisch. Worum ging es Ihnen konkret?

MÜLLER: Zum einen um den Aufbau eines demokratischen Systems, in dem der Wille der Bevölkerung das Maß der Dinge ist. Zum anderen um unser Apolda, das seinen Charakter als historisch gewachsene Kleinstadt zu verlieren drohte. Entsprechende Pläne der SED-Kreis- und -Bezirksleitung lagen vor. Erste Abrißmaßnahmen waren bereits im Gange. Der Generalbebauungsplan sah gleich hinter der katholischen Kirche eine mehrgeschossige Plattenbausiedlung vor, die schon im Modell wie ein Fremdkörper wirkte. Der Runde Tisch forderte den sofortigen Stopp der Arbeiten. Der wurde dann auch durchgesetzt.

NTI: Sie gehörten in Ihrer Heimatstadt zu den Mitbegründern des Demokratischen Aufbruchs, der wenig später mit der Blockpartei CDU verschmolz. Warum ist der Demokratische Aufbruch gescheitert?

MÜLLER: Der Demokratische Aufbruch, dessen Apoldaer Vorsitzender ich war, hatte auf Dauer keine Überlebenschance. Er war überflüssig geworden, und das um so mehr, als sich die Forderungen des DA im Programm der CDU Punkt für Punkt wiederfanden: allen voran der Wunsch nach schneller Vereinigung der beiden deutschen Staaten und nach Überwindung der wirtschaftlichen Misere in Ostdeutschland. Die Menschen trauten Kanzler Kohl und seiner Partei am ehesten zu, diese Ziele zu erreichen. Die Ergebnisse der Volkskammerwahl im März 1990 waren dafür eindeutiger Beleg. Der DA blieb mit enttäuschenden 2,4 Prozent auf der Strecke; die CDU wurde mit mehr als 40 Prozent in Apolda stärkste Partei.

NTI: „Durch uns ist die CDU hier eine andere geworden“, antworteten Sie damals auf eine entsprechende Frage der NTI. Wie ist das zu verstehen?

MÜLLER: Als uns klar wurde, daß für den DA im politischen Spektrum der untergehenden DDR kein Platz war, haben sich unsere Mitglieder neu orientiert. Ein Teil wandte sich der SPD zu; andere gingen zur CDU. Für meine Freunde und für mich bedeutete die CDU das kleinere Übel. Wir schlossen uns der CDU an und setzten unsere Stimme und unser Gewicht ein, um diese Partei in Apolda zu erneuern. Das ist uns nach meiner Einschätzung im wesentlichen auch gelungen. Deshalb sind die meisten von uns bis heute CDU-Mitglieder geblieben.

NTI: Als die politische Wende einsetzte, arbeiteten Sie als Konstrukteur in einem kleinen Apoldaer VEB. Monate später waren Sie Bürgermeister. Wie kam es dazu?

MÜLLER: Das habe ich mich später auch gefragt. Die Antwort ist einfach. So ein Karrieresprung war nur in dieser revolutionären Situation möglich. Wir wollten die alten Funktionäre in die Wüste schicken und standen damit zugleich vor der Frage: Wer soll es nun machen? In der Stadtverordneten­versammlung hatte sich unmittelbar vor der Kommunalwahl die Allianz für Deutschland zusammengefunden, bestehend aus CDU, DA und DSU. Mit der FDP wurde eine Koalition gebildet. Ihre Vertreter haben mich gefragt, ob ich mir das Amt des Bürgermeisters zutraue. Ich hatte mich in den Mona­ten zuvor immer wieder für die Belange Apoldas eingesetzt. Da konnte und wollte ich nun nicht kneifen.

 

„So ein Karrieresprung war nur in dieser revolutionären Situation möglich.“

NTI: Sie sind auf dieser Stadtverordnetenversammlung mit der Mehrheit der Allianz und der FDP zum Stadtoberhaupt gewählt worden und sahen sich von einem Tag auf den anderen mit völlig neuen Aufgaben konfrontiert. Hatten Sie je das Gefühl, scheitern zu können?

MÜLLER: Nein, denn ich bin nicht ganz unvorbereitet ins Rat­haus eingezogen. Ich habe mich in Albstadt und Groß-Gerau, unseren damaligen Quasi-Partnerstädten in Baden-Württemberg und Hessen, umgesehen und von dort dann auch viel Ver­waltungshilfe erfahren: Natürlich verlief der Anfang et­was holprig. Aber das war in dieser Umbruchzeit nur allzu verständlich. Jedenfalls muß ich meine Sache zur Zufriedenheit der Apoldaer gemacht haben. Denn sie haben mich bei den Direktwahlen 1994 und 2000 jedesmal im Amt bestätigt.

NTI: Wenn Sie Bilanz Ihrer 16 Jahre als Bürgermeister ziehen: Was erfüllt Sie mit Genugtuung?

MÜLLER: Vor allem, daß wir – wenngleich mit Einschränkun­gen – die wirtschaftliche Struktur unserer Stadt in eine gute Richtung gelenkt haben. Die friedliche Revolution hat in Apolda kein Betrieb schadlos überstanden. Das Thüringer Obertrikotagen-Kombinat mit rund 2700 Beschäftigten überlebte nicht; Betriebe wie das Feuerlöschgerätewerk oder Laborchemie schmolzen auf ein Minimum ihrer ursprünglichen Belegschaften zusammen. Die Folge: Im Herbst 1991 erreichte die Arbeitslosenquote mit 27 Prozent ihren Tiefpunkt.

NTI: Wie reagierte die Stadt auf diese Entwicklung?

MÜLLER: Die Stadt hat damals vor allem auf eine kleingliedrige Wirtschaftsstruktur orientiert, Unternehmensgründungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ge­fördert und an der B 87 ein größeres Gewerbegebiet erschlossen: finanzielle Kraftakte, die sich im Laufe der Jah­re jedoch auszahlten. Heute liegt die Ar­beitslosenquote zwischen acht und neun Prozent. Gleichzeitig stieg das Gewerbe­steuer-Aufkommen stetig, erreichte im vergangenen Jahr fast acht Millionen Euro und macht damit inzwischen ein Drittel des städtischen Verwaltungshaus­haltes aus. Doch die solide wirtschaftliche Entwicklung weist noch ein weite­res sehr erfreuliches Ergebnis auf. Seit drei, vier Jahren halten sich Zu- und Weg­züge die Waage. Trotzdem: Den Ver­lust von zirka 10.000 Einwohnern seit 1990 hat die Stadt bis heute nur schwer verkraftet.

NTI: Welche Ihrer Visionen ist auf der Strecke geblieben?

MÜLLER: Abstriche mußten vor allem bei städtebaulichen Vorhaben gemacht werden. Als gebürtigem Apoldaer schwebte mir – blauäugig wie ich damals war – eine Stadt vor, so schön, wie sie im Grunde nie gewesen ist: restaurierte Häuser, anheimelnde Straßen und Gassen, kleinteiliger Handel. Die Wirklichkeit sah dann doch etwas anders aus. Das eine oder andere Vorhaben blieb auf der Strecke. Und manches Gebäude, das ich gern erhalten gesehen hätte, wurde abgerissen. Dennoch, meine ich, ist es gelungen, den Charakter Apoldas als Kleinstadt zu bewahren. Zumal sich auch in anderer Hinsicht viel getan hat. Apolda ist durch die Eingemeindung von sechs Orten beträchtlich gewachsen, nennt heute unter anderem eine Stadthalle, das Hotel am Schloß, Schwimmhalle und saniertes Freibad und ein Kunsthaus sein eigen und unterhält Städtepartnerschaften, die bis in die USA reichen.

NTI: Eine Ihrer wichtigsten Aufgaben sahen Sie als Stadtoberhaupt darin, die Tradition als Einkaufsstadt im Umfeld von Weimar und Jena neu zu beleben. Sie setzten dabei vor allem auf die Entwicklung des Stadtzentrums – damals zum Teil gegen den Willen der Händler. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

MÜLLER: Teils, teils. Von Anfang an war es unser Anliegen, daß die Apoldaer zu­erst in Apolda einkaufen und daß die Leute aus der näheren Umgebung zum Einkaufen nach Apolda fahren. Da wa­ren die Supermärkte in Isserstedt vor den Toren Jenas und in Süßenborn vor den Toren Weimars natürlich höchst kontra­produktiv. Sie wirken wie ein Stachel im Fleisch und sind über die Jahre hin­weg ernsthafte Konkurrenten geblieben. Nur unter größten Widerständen, in die sich zum Teil auch Einzelhändler unserer Stadt einreihten, haben wir am Ende doch unsere beiden innerstädtischen Einkaufszentren – Marktpassage und Kaufland – durchsetzen können. Sie tra­gen heute nicht unmaßgeblich zur At­traktivität des Apoldaer Stadtzentrums bei. Ein Makel aber blieb: Der gehobene Bekleidungshandel macht um Apolda einen großen Bogen. Dafür fehlt es in unserer Region wohl auch an der notwendigen Kaufkraft.

NTI: Zugleich hatten Sie und Ihre Verbündeten sich die Rettung des Textilstandortes Apolda auf die Fahnen geschrieben – gegen die Absicht der Treuhand, die der Strick- und Wirkwarenindustrie Ihrer Stadt geordnetes Sterben verordnet hatte. Wenn Sie zurückblicken: Hat sich der Einsatz gelohnt?

MÜLLER: Wir haben den „Krieg“ gegen die Treuhand verloren, gleichzeitig jedoch einige Achtungserfolge erzielt. Von den einst rund 7000 Beschäftigten sind etwa hundert in einer Handvoll kleinerer Unternehmen geblieben. Die 400jährige Tradition Apoldas als Standort der Textilindustrie lebt also fort, wenngleich nur noch auf Sparflamme und unter großen Kraftanstrengungen. Doch das ist inzwischen nahezu überall in der Bundesrepublik der Fall. Die deutsche Textilindustrie hatte ihren Zenit schon in den 1980er Jahren überschritten. Immerhin ist es aber gelungen, daß der Name Apolda in der Fachwelt heute wieder einen guten Klang hat. Dazu hat sehr wesentlich auch der Apoldaer Designpreis beigetragen, um den sich von Mal zu Mal viele künftige Modemacher, also Studenten vieler europäischer Hochschulen, bewerben.

NTI: Der Industrie- und Gewerbepark an der B 87 war etwa zur Mitte Ihrer Amtszeit nur halb ausgelastet. Sie haben sich trotzdem nicht beirren lassen. Er sei, sagten Sie, „die Zukunft für die Region“. Haben Sie recht behalten?

MÜLLER: Für den wirtschaftlichen Neuanfang war dieser Industrie- und Gewer­bepark lebensnotwendig. Dazu gab es keine Alternative. Trotzdem ließen Un­ternehmensansiedlungen anfangs auf sich warten. Das lag vor allem an der Verkehrsinfrastruktur. Bis zur Autobahn in Mellingen sind es zwar nur zwölf Kilometer, doch die waren damals mit Hindernissen gespickt. Zweimal mußte die Eisenbahn-Magistrale gequert werden. Dabei ging viel Zeit verloren …

NTI: Sie haben damals in die Trickkiste gegriffen …

MÜLLER: Wir haben das Dilemma seinerzeit Ministerpräsident Vogel demonstriert. Während einer seiner Kreisberei­sungen standen wir geschlagene 30 Mi­nuten vor geschlossener Schranke. Danach ging dann alles ziemlich schnell mit dem Brückenbau. Apolda hat in das Vorhaben sehr viel investiert. Doch der Aufwand zahlte und zahlt sich jedes Jahr aufs neue aus: Inzwischen wurde der Gewerbepark zweimal erweitert. Bis zu 1500 Beschäftigte fanden dort Arbeit, darunter viele Frauen, die nach dem Zu­sammenbruch der Textilindustrie arbeits­los geworden waren.

NTI: Damals in der NTI äußerten Sie sich unter anderem auch zuversichtlich, daß eines Tages im Schötener Bach wieder Fische „drin“ seien. Sind sie wieder drin?

MÜLLER: Ich habe mehrfach schon kleine gesehen. Aber selbst wenn keine Fische drin wären: der Schötener Bach führt, nachdem der Ortsteil Schöten an das Apoldaer Abwassernetz angeschlossen wurde, wieder glasklares Wasser.

NTI: Und sind die Parkplätze in Apolda, worauf Sie damals mit Stolz verwiesen, heute immer noch gebührenfrei?

MÜLLER: Im Gegensatz zur Mehrzahl der Thüringer Städte können Besucher in Apolda nach wie vor gebührenfrei parken. Kunden und Besucher sollen ihr Geld in unseren Geschäften oder Gaststätten ausgeben und nicht in die Parkuhren stecken, lautete meine Devise …

 

„Kunden und Besucher sollen ihr Geld in unseren Geschäften oder Gaststätten ausgeben und nicht in die Parkuhren stecken.“

 

NTI: Das Verhältnis Ihrer Stadt zu Weimar und Jena zog sich wie ein roter Faden durch Ihre Amtszeit. Ein gemeinsames Entwicklungskonzept scheiterte damals am, wie Sie es formulierten, „Egoismus“ der beiden Nachbarn. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

MÜLLER: Apolda ist seit Jahren wie Jena und Weimar Teil der sogenannten Impulsregion. Davon versprechen wir uns einiges, vor allem der Fremdenverkehr profitiert. Zwischen den touristischen Zentren Weimar, Jena und Naumburg ge­legen, gilt Apolda schon heute für Rei­severanstalter als guter Standort. Un­ser Hotel am Schloß und andere Apoldaer Übernachtungsstätten jedenfalls sind inzwischen zu jeder Jahreszeit ganz gut ausgelastet. Mein subjektiver Eindruck: Das Verhältnis zu Weimar hat sich gebes­sert. Als es damals um die Entwicklung des Städtetourismus ging, wollten die Weimarer uns nicht. Sie hatten Sorge, daß die Vereinsziele verwässert würden. Apol­da hat sich trotzdem behauptet. Das und anderes, zum Beispiel das Kunsthaus, ist in Weimar nicht verborgen geblieben.

NTI: Und wie kommen Apolda und Jena miteinander aus?

MÜLLER: Nach meinem Dafürhalten war das Verhältnis zu Jena früher schon mal besser. Derzeit beobachte ich eine gewisse Überheblichkeit in Jena gegenüber Apolda, für die ich eigentlich keinen Grund sehe.

NTI: Weimar war 1999 Kulturstadt Europas. Sie wollten vom großen Kuchen etwas abbekommen. 15 Jahre später: Was ist davon geblieben?

MÜLLER: Seither ist kaum etwas passiert, sieht man mal vom Städtetourismus ab, der sich gut entwickelt. Geblieben ist eigentlich nur eine große, dem „Dicken Peter“ des Kölner Doms nachempfundene Kunststoff-Glocke, die seinerzeit mit dem Weltglockengeläut und einem Volksspektakel in Apolda aufgestellt wurde und noch heute eine kleine At­traktion darstellt. Damit sind wir auch in den Veranstaltungskalender zum Kul­turstadtjahr gelangt. Darüber hinaus haben wir dieses europäische Ereignis damals gemeinsam mit dem Landkreis aus eigener Kraft mit einer Reihe Veranstaltungen unterstützt, zum Beispiel mit dem Designpreis, einer Modenacht und den Ausstellungen im Kunsthaus. Wieviel man davon in Weimar wirklich wahrgenommen hat, ist schwer einzuschätzen. Die Veranstaltungen waren aber allesamt gut besucht.

NTI: Ist Ihre Stadt 25 Jahre nach der Wende aus dem Schatten der beiden „Überstädte“ getreten?

MÜLLER: Aus dem Schatten nicht; aber der Kernschatten ist nicht mehr so hart. Apolda ist seinen eigenen Weg gegangen und hat mit dem, was die Stadt zum Wohle ihrer Bürger erreichte, zunehmend an Stolz und Selbstbewußtsein gewonnen. Doch auch Weimar und Jena sind nicht stehengeblieben. Wir haben uns angenähert. Wir müssen uns nicht ver­stecken, wenngleich die Konkurrenz im­mer noch groß ist. Und fest steht: Nach wie vor können wir uns, was Ein­wohnerzahl und Wirtschaftskraft anlangt, mit Jena nicht messen. In punkto Wirtschaftskraft mit Weimar inzwischen aber wohl.

NTI: Wenn es in Thüringen zu einer rot-rot-grünen Landesregierung kommt, wird es auch eine Verwaltungs- und Gebietsreform geben. Muß Apolda dann um seinen Status fürchten?

MÜLLER: Das könnte in der Tat passieren. Meine ursprüngliche Befürchtung, daß der Kyffhäuserkreis, das Weimarer Land und der Landkreis Sömmerda zu­sammengelegt werden könnten, scheint vorerst vom Tisch zu sein. In diesem Fal­le wäre wahrscheinlich Sömmerda Sitz der Kreisverwaltung geworden. Im Au­genblick ist wohl wieder alles offen. Da­bei: Ich bin nicht gegen eine Gebietsreform. 17 Landkreise und fünf kreisfreie Städte sind für das kleine Thüringen sehr viel. Da läßt sich schon einiges machen. Wenn zugleich mit einer Gebietsreform auch eine Funktionalreform durchgeführt wird, dann kann sich das für Apolda sogar positiv auswirken, zumindest dann, wenn die so oft beschworene Bürgernähe erhalten bleibt.

NTI: Die Thüringer sind gespalten: Rot-Rot-Grün mit einem Ministerpräsidenten der Linkspartei an der Spitze oder Schwarz-Rot mit Christine Lieberknecht. Wofür plädieren Sie? Und warum?

MÜLLER: Um es klar zu sagen, die CDU hat Fehler gemacht und doch Stimmen dazu gewonnen. Trotzdem bin ich enttäuscht, daß die SPD sich nun als Steigbügelhalter für die SED-Nachfolger hergibt. Noch mehr enttäuschen mich allerdings die Bündnisgrünen. Sie, die auch einen entscheidenden Beitrag zur Abschaffung der DDR geleistet haben, verkaufen nun ihre Seele, indem sie sich mit den Nachkommen jener ins Bett legen, die für den Unrechtsstaat DDR verantwortlich waren. Nein, diese Koalition ist nicht gut für Thüringen. Ich plädiere für Schwarz-Rot, wobei die CDU allerdings über personelle Alternativen nachdenken sollte.

NTI: Ihre Visionen für Apolda?

MÜLLER: Ich wünsche mir, daß die Lan­desgartenschau, die 2017 in Apolda statt­findet, in jeder Hinsicht das bewirkt, was wir uns erhoffen. Daß Industrie und Gewerbe ihre erfolgreiche Entwicklung fortsetzen und damit das Steueraufkommen Jahr für Jahr steigt. Und daß es in absehbarer Zeit gelingt, die An­bindung an die Autobahn zu verbessern. Es muß ja nicht gleich der vierspurige Ausbau der B 87 sein. Schon die eine oder andere Überholspur könnte Abhilfe schaffen. Eine gute Infrastruktur ist lebenswichtig. Gerade für Apolda.

NTI: Der Ruhestand rückt näher. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?

MÜLLER: Bis dahin ist noch Zeit. Aber ich könnte von heute auf morgen in den Ruhestand treten und hätte keinen Augenblick Langeweile. Meine große Leidenschaft ist die Musik. Ich blase Trompete und Flügelhorn und bin damit gleich in zwei Orchestern aktiv. Und ich bin passionierter Modelleisenbahner, der seit vier Jahren an einer großen Anlage baut. Als ich mit den Arbeiten begann, hatte ich mir einen Zeitrahmen von zehn Jahren gesetzt. Obwohl inzwischen einiges passiert ist, denke ich, daß es immer noch zehn Jahre braucht, ehe das Werk zu Ende geführt ist.

Mit Apoldas erstem Nach-Wende-Bürgermeister Michael Müller sprach KLAUS RANGLACK.

 

„Ich wollte vor der Rente noch mal etwas anderes machen“: Der Apoldaer Nachwendebürgermeister Michael Müller ist heute einer von zwei Geschäftsführern der Energieversorgung. Foto: MM-ARCHIV

Apoldaer Stadtoberhaupt Müller 1996 in einem NTI-Gespräch: „Wir haben den ‚Krieg’ gegen die Treuhand verloren.“

Foto: ANDREAS KÜHN

 

Bürgermeister Michael Müller im Badeoutfit zur Übergabe der Schwimmhalle Apolda im Jahr 1991: „Es ist gelungen, den Charakter Apoldas als Kleinstadt zu erhalten.“

Foto: NTI-ARCHIV

 

Apoldaer Bürgermeister Michael Müller (CDU) im Jahr 1994 als Initiator für ein Oldi-Museum: „Visionen gab es einige.“   Foto: HM-ARCHIV

Apoldaer Stadtchef Michael Müller 1997 beim traditionellen Bockbieranstich: „Nach Höherem stand mir nie der Sinn.“ Foto: WST-ARCHIV

NTI-Titel zum Textilstandort Apolda, Ausgabe 4/1999: „Tradition lebt fort.“

 

 

Zur Person

Michael Müller, Jahrgang 1954, wurde in Apolda geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Abitur (1972) und eineinhalbjäh­rigem Armeedienst studierte er in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, Ma­schinenbau (Diplom 1978) und war anschließend bis 1990 als Konstrukteur von Sonder-Verarbeitungsmaschinen nacheinander in zwei kleineren volkseigenen Betrieben seiner Geburtsstadt tätig.

Zu DDR-Zeiten parteilos geblieben, en­gagierte sich der praktizierende Katholik früh in der Bürgerrechtsbewegung. Er nahm an den Versammlungen in Kirchen und an den Montags-Demonstrationen in Apolda teil, ergriff selbst wiederholt das Wort und wurde einer der Moderato­ren des Bürgerdialogs. Mit Gleichgesinnten gründete er den Demokratischen Aufbruch (DA), wurde dessen Ortsgruppenvorsitzender und saß in den Wendemonaten mit am Runden Tisch. Als sich der DA auflöste, gehörte er zu den Mitgliedern, die sich der CDU anschlossen.

Nach den Kommunalwahlen im Mai 1990, für die er selbst nicht angetreten war, schlug ihn die Allianz für Deutschland, be­stehend aus CDU, DA, DSU und die FDP, als gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters vor. Michael Müller wurde im ersten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit gewählt und war dann auch bei den folgenden zwei Direktwahlen erfolgreich. 2006 trat er nicht noch einmal an. Zu sei­ner Verabschiedung zeichnete ihn der Apol­daer Stadtrat mit der Ehrenmedaille der Stadt aus, einer Ehrung, die während seiner Amtszeit eingeführt worden war.

Im gleichen Jahr übernahm Michael Müller als einer von zwei Geschäftsführern die Leitung der Energieversorgung Apolda (EVA), für die er kraft seines Amtes be­reits seit 1990 als Vorsitzender des Aufsichtsrates und seit 1999 als nebenamtlicher Geschäftsführer tätig war. Er ist Mitglied mehrerer Vereine, gehört zwei Orchestern an und investiert einen Teil seiner Freizeit in den Aufbau einer großen Modelleisenbahnanlage. Michael Müller ist verheiratet, hat drei eigene und zwei angeheiratete Kinder sowie fünf Enkelkinder. Er lebt in Apolda.

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