Der „Redeweltmeister“

 FS-Archiv).Einmal Gewerkschafter, immer Gewerkschafter: Mit 18 Jahren trat Frank Spieth der IG Metall bei, wurde 1975 jüngster DGB-Kreisvorsitzender der Bundesrepublik und war nach der politischen Wende als erster DGB-Landesvorsitzender in Thüringen die unüberhörbare Stimme der Arbeitnehmer. Vier Jahre im Bundestag folgten. Und auch jetzt, im Ruhestand, läßt ihn die Gewerkschaftsarbeit nicht los. Zur Mai-Feier im hessischen Alsfeld rief er die Menschen zu entschiedenem Engagement gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit auf.

Zwei Seelen wohnen in der Brust des Frank Spieth. Als er noch im Herzen der Erfurter Altstadt zu Hause war, empfand er den Lärm, der nahezu jede Nacht bis ins Schlafzimmer schwappte, zeitweise schon als störend, obwohl er – ein leidenschaftlicher Tänzer – selbst kaum eine der kubanischen Nächte auf dem Wenigemarkt ausließ. Jetzt, da er im neuen Eigenheim am Stadtrand lebt und an Sommerabenden hin und wieder gern in die Innenstadt zurückkehrt, genießt er das abendliche Flair in vollen Zügen ...

 

NTI: Herr Spieth, Sie sind 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden. Da waren Sie 62 Jahre alt, hätten also gut und gern noch eine Legislaturperiode anschließen können. Warum haben Sie es nicht getan?

SPIETH: Ich habe es versucht. Aber ich wollte nicht den sicheren Platz auf der Landesliste, den mir die Partei anbot, sondern das Direktmandat im Wahlkreis Erfurt­Weimar gewinnen. Die Arbeit als Bundestagsabgeordneter, so anstrengend und aufreibend sie auch war, hat Spaß gemacht. Als DGB­ Vorsitzender habe ich an den Rädern des politischen Betriebes mit gedreht; als Abgeordneter konnte ich vielen Menschen konkret helfen. Das hätte ich schon gern fortgesetzt und wollte dafür die direkte Zustimmung der Wähler. Am Ende haben 1500 Stimmen gefehlt ...

NTI: ... und Sie fielen aus allen Wolken?

SPIETH: Nein. Das Risiko war mir natürlich bewußt. Und ich hätte auch gern gewonnen. Am Ende aber war ich nicht wirklich enttäuscht. Vier Jahre Bundestag haben gereicht, auch wenn ich es schade fand, weil man als Abgeordneter doch einigesbewegenkann.SchoneineinfachesAnschreibenmit dem Wappen des Bundestages im Kopf hat oft gereicht ... IchhabedasKapitelBundestagdannauchschnellabgehakt. Als Schwerbeschädigter hätte ich ohnehin mit 60 in Rente gehen können. So war es damals auch geplant.

NTI: Sicher war es nicht Ziel Ihrer Lebensplanung, den beruflichen Werdegang als linker Bundestagsabgeordneter zu beenden?

SPIETH: Nie. Ich stand auch in der Gewerkschaft politisch links und habe diesen Standpunkt stets konsequent vertreten. Auch und vor allem gegenüber der Politik. Der DGB Thüringen hat zahlreiche Vorschläge unterbreitet und Alternativen entwickelt, um die fortschreitende De­Industriealisierung im Land zu stoppen und die soziale Lage der Arbeitnehmer zu verbessern. Sie wurden von der Landesregierung leider nur selten aufgegriffen, um so mehr jedoch von der Opposition unterstützt. Aus ihren Reihen gab es auch schon damals Angebote für einen Sitz im Landtag ...

NTI: ... die Sie ablehnten. Warum?

SPIETH: Damals standen Fragen von existentieller Bedeutung auf der Tagesordnung: eben die De­Industriealisierung, Sozialabbau, Tarifbruch, Mindestlohn, die zum Teil noch heute aktuell sind. Da wollte ich nicht die Politik einer Partei machen, mich nicht auf parteipolitische Positionen reduzieren lassen, sondern unabhängig bleiben und Partei für die Arbeitnehmer sein. Ich habe als DGB­ Funktionär immer streng Parteipolitik von der Gewerkschaftsarbeit getrennt. An erster Stelle standen die Positionen der Gewerkschaft, mit denen ich in der Partei unterwegs war. Außerdem: Ich fand die Arbeit im Parlament als nicht sonderlich ergiebig und glaubte, als Gewerkschafter vielleicht mehr erreichen zu können.

NTI: Außenstehende hatten dennoch manchmal den Eindruck, daß es Sie in die Politik zog. Sie waren langjähriges SPD­Mitglied, haben die Partei mit einem Paukenschlag verlassen und mit der Linkspartei eine neue Kariere gestartet. Da vermutete mancher schon Absicht oder sogar Berechnung. Zu Recht?

SPIETH: Nach 38 Jahren in der SPD bin ich 2003 ausgetreten. Die SPD befand sich damals in Regierungsverantwortung. Sie hat Deutschland in den Jugoslawien­Krieg hineingezogen, Rente und Gesundheitsleistungen gekürzt und Hartz IV durchgesetzt: Entscheidungen, die ich als Kriegsgegner und Gewerkschafter nicht mehr mittragen wollte. Wir sind gegen die eine wie gegen die andere Sturm gelaufen. Vergeblich. Als dann die Agenda 2010 kam, ist das Faß übergelaufen. In einem dreiseitigen Brief an die SPD Thüringen habe ich meinen Austritt begründet. Eine Antwort gab es nicht.

„Als die Agenda 2010 kam, ist das Faß übergelaufen.“, Wahlplakat für den PDS-Bundestagskandidaten Frank Spieth im Jahr 2005 (FOTO DL-Archiv).NTI: Die Linkspartei hat Sie 2005 als Kandidat für den Bundestag gewonnen. Sind Sie auch Mitglied der Partei geworden?

SPIETH: Es war meine Bedingung. Ich wollte in keine andere Partei. Das wurde auch akzeptiert. Ich bin dann über die Landesliste in den Bundestag gelangt. Die Belastungen waren dort noch ein Grad schärfer als in meiner Zeit als DGB­ Landesvorsitzender. 65 Redebeiträge in vier Jahren, mehr als jeder andere Thüringer Abgeordnete, stehen zu Buche – der MDR hat mich gar den „Redeweltmeister im Bundestag“ genannt. Und dazu ungezählte Bürgergespräche, Begegnungen, Veranstaltungen.

NTI: Ein Leben für die Gewerkschaft und zum Abschluß Bundestagsabgeordneter. Was bedeuten Ihnen die vier Berliner Jahre?

SPIETH: Ich möchte sie keinesfalls missen. Sie sind bis heute mit viel Erkenntnis­ gewinn verbunden. Als gesundheitspolitischer Sprecher, der tief mit der Materie vertraut war, habe ich vielen Menschen in konkreten persönlichen Lebenssituationen helfen können – und zwar nur deshalb, weil ich Mitglied des Bundestages war. Und auch einiger Einfluß auf die Gesetzgebung in Sachen Gesundheitspolitik war möglich, wenngleich nicht auf die Grundausrichtung, so doch auf das eigentliche Gesetzgebungsverfahren und das Handwerkliche.

NTI: Sie und Ihre Genossen, so die landläufige Meinung, haben vorwiegend für den Papierkorb gearbeitet? Wie fällt Ihre Bilanz von vier Jahren Bundestag aus?

SPIETH: Der Eindruck mag über die Medien entstanden sein; er trifft aber nur begrenzt zu. Wer hat denn Hartz IV immer wieder in den Fokus der Diskussionen gerückt, Anträge eingebracht und Gesetzentwürfe vorgelegt? Und wer ist der entschiedenste Verfechter für einen Mindestlohn? Das war und ist doch Die Linke. Sie hat nicht unmaßgeblich dazu beigetragen, daß der Druck auf die Regierenden mit den Jahren immer größer wurde, daß die Rente mit 67 in der SPD wieder auf den Prüfstand kommt und sogar die CDU inzwischen von einer „Lohnuntergrenze“ spricht. Das war doch primär Die Linke. Ohne sie hätte es die zum Teil über Jahre währenden Auseinandersetzungen wohl nicht gegeben.

NTI: Über die Liste der Linkspartei sind Sie in den Bundestag gelangt. Wie fühlte man sich in einer Fraktion, die von den anderen Parteien eher als notwendiges Übel angesehen wurde?

SPIETH: Das war schon ein merkwürdiges Gefühl. Vor allem die Thüringer SPD­Abgeordneten haben mich geschnitten. Das war schon eine interessante Erfahrung, diese Politik der Unberührbarkeit. Das Verhältnis zu den anderen Abgeordneten entspannte sich dagegen recht schnell. Im Laufe der Zeit sind so­ gar Beziehungen entstanden, die fast freundschaftlicher Art waren und bis heute fortbestehen.

NTI: Ohne die friedliche Revolution, die manche lieber Wende oder Umbruch nennen, wäre Ihr Lebensweg mit Sicherheit anders verlaufen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

SPIETH: Gleich nach der politischen Wende wurden hessische Gewerkschafter nach Thüringen gesandt, um den Kollegen des FDGB beim Umbruch ihrer Organisation beratend zur Seite zu stehen. Ich war einer davon und bin damals mit der Vorstellung nach Apolda gekommen, den Menschen beim Aufbau eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu helfen. Sie sollten den Neubeginn vor allem aus eigener Kraft leisten und sich dazu Partner im Westen suchen. Denn es gab durchaus Dinge, die es wert waren, daß man sie verteidigt. Doch die Ereignisse überschlugen sich; viele gute Vorsätze wurden über Bord gespült.

NTI: Sie sind dann sogar DGB­Landesvorsitzender in Thüringen geworden. Wie kam es dazu?

SPIETH: Kollegen aus Thüringen, die ich im Verlaufe der ersten Monate kennen­ lernte, haben mich gefragt, ob ich für das Amt des Landesvorsitzenden kandidieren wolle. Ich habe nicht spontan zugesagt, aber die Herausforderung, einen neuen Landesverband aufzubauen und beim demokratischen Umbruch in Thüringen 30jährige gewerkschaftliche Erfahrungen einzubringen, übte doch großen Reiz aus. Der DGB in Berlin lehnte mich allerdings zunächst ab, wohl weil ich ihm zu links eingestellt war. Und ich war in einigen Einzelgewerkschaften auch nicht unumstritten. Die Wahl ging dann auch sehr knapp aus. Aber so ist das in der Demokratie: Die Mehrheit entscheidet.

NTI: Was fanden Sie vor?

SPIETH: Ich war überrascht und auch ein wenig enttäuscht. Die Arbeiterklasse im Osten erwies sich längst nicht so selbstbewußt, wie sie uns im Westen damals er­ schienen ist. Viele Belegschaften begriffen den Ernst der Lage meist erst, nachdem ihnen das Wasser schon bis zum Halse stand. Erst dann begannen sie, um ihre Betriebe zu kämpfen. Da war es in den meisten Fällen aber schon zu spät. Hätte man sich früher und entschiedener gewehrt, ich glaube, dann wäre manches vielleicht anders gelaufen. Das gilt vor allem für die Bereiche Forschung und Entwicklung. Die großen betrieblichen Einheiten, die konkurrenzfähig gewesen wären, wurden zerschlagen. Statt dessen sind verlängerte Werkbänke entstanden.

NTI: Welche Rolle spielte der DGB Thüringen in dieser Zeit?

SPIETH: Wir haben rechtzeitig auf diese Entwicklung hingewiesen. Nach unseren Vorstellungen mußte Geld in die Hand genommen werden, um den Ausverkauf von Forschung und Entwicklung aufzuhalten. Fördereinrichtungen wie die Thüringer Aufbaubank und die Thüringer Industrie­Beteiligungsgesellschaft, die schließlich ins Leben gerufen wurden, gehen auf unsere Vorschläge zurück. Sie kamen aber zu spät und verfügten über zu geringe finanzielle Mittel. Immerhin: einiges wurde gerettet.

NTI: Nicht wenige hielten Sie anfangs für einen „Besserwessi“. Der will hier schaffen, was er drüben nicht geschafft hat, hieß es. Hat Sie das gestört, getroffen oder haben Sie es akzeptiert?

„Falsche strategische Ansätze.“, Thüringer DGB-Vorsitzender Frank Spieth im Jahr 1996 in einem NTI-Interview (FOTO Andreas Kühn).SPIETH: Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Sicher, anfangs war eine wachsen­ de Anti­Wessi­Stimmung zu spüren. Davon wurde ich jedoch oft ausdrücklich ausgenommen. Mehr als einmal hat man mir gesagt, „du bist einer von den Guten“. Vorwürfe haben mir vor allem Vertreter aus den Regierungsparteien gemacht –, daß unsere Forderungen mit den politischen Realitäten nicht im Einklang stünden. Aber die Geschichte hat bewiesen, daß es nicht so war. Siehe Aufbaubank und Industrie­Beteiligungsgesellschaft. Oder unsere Vorschläge zur Cluster­Bildung mit eigenen Forschungs­ und Entwicklungsabteilungen. Der DGB hat sie 1994 als erster vorgelegt. Und auch sie haben sich später als richtig erwiesen. Das sehr erfolgreich arbeitende Automobil­Cluster ist der beste Beweis dafür.

NTI: Der Eindruck bleibt, daß Sie mit eisernem Besen aufgeräumt haben?

SPIETH: Wir haben einen neuen DGB­ Landesverband aufgebaut. Die „alten“ politischen Spitzenfunktionäre hatten darin keinen Platz mehr. An ihre Stelle traten neue Leute, die zum Teil sogar in der DDR aufgewachsen waren. Fach­ lich gute Frauen und Männer blieben. Warum hätten wir sie ‘rausschmeißen sollen?

NTI: Ihr erster Amtssitz war das Haus der Gewerkschaften in Erfurt. Sie wollten, daß es dem DGB übertragen wird. Das hat nicht geklappt. Wie tief sitzt der Stachel noch?

SPIETH: Es wurmt schon noch. Das Haus am Juri­Gagarin­Ring wurde mit den Beiträgen der Gewerkschaftsmitglieder aus Erfurt erbaut. Es war also nie ein „FDGB“­Haus, sondern ein Haus der Gewerkschaften. Die DGB­Zentrale lehnte den Kauf trotzdem ab. Der Komplex wurde daraufhin Erfurt übertragen. Die Stadt wollte es ursprünglich auch verkaufen, forderte 18 Millionen D­Mark und fand keinen Käufer. Wir boten acht Millionen D­Mark und hätten alle Investitionen getragen. Doch das war der Stadt zu wenig. Letztlich blieb sie auf dem Haus sitzen und mußte sogar noch acht Millionen D­Mark für Sanierung und Umbau aufwenden. Als Haus der sozialen Dienste finde ich es aber nun okay.

NTI: Wenn Sie auf Ihre Jahre als Gewerkschafter in Thüringen zurückschauen: Wie fällt die Bilanz aus?

SPIETH: Gemischt. Wären unsere Aktivitäten und Vorschläge zum Tragen gekommen, stünde Thüringen heute möglicher­ weise besser da. Das haben wir nicht hingekriegt. Das bedauere ich. Es bleibt eine ernüchternde Bilanz: 2013 haben wir 140.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze weniger als 1992. Das ist keine Erfolgsbilanz. Wir haben es nicht geschafft, die Regierenden von unseren Vorstellungen zu überzeugen. Das empfinde ich schon als Niederlage.

NTI: Eines Ihrer wichtigsten Felder als Gewerkschaftsfunktionär war die Lohn­ und Tarifpolitik. Sie stritten vehement für die Angleichung von Löhnen und Gehältern in Ost und West. Mit mäßigem Erfolg. Der Osten hinkt auch 22 Jahre nach der Einheit hinter dem Westen zurück.

SPIETH: An der Situation hat sich in der Tat wenig geändert. Die Lücke ist geblieben. Der Osten hinkt bei Löhnen und Gehältern immer noch um durchschnittlich 25 Prozent hinterher. Daran wird sich auch mit einem Mindestlohn, sollte er endlich kommen, wenig ändern. Die Forderung von 8,50 Euro ist inzwischen 15 Jahre alt. Seitdem sind die Lebenshaltungskosten derart gestiegen, daß die betroffenen Arbeitnehmer auch in Zukunft kaum von ihrer eigenen Hände Arbeit leben können.

NTI: Ihr Vorschlag?

SPIETH: Eine Kommission aus Experten von Wirtschaft, Politik und Gewerkschaft muß her, die die Mindestlöhne jährlich bestimmt. In Großbritannien und anderen Ländern wird das längst mit Erfolg praktiziert.

NTI: Im NTI­Interview vor mehr als zehn Jahren – da waren Sie noch Vorsitzen­ der des DGB Thüringen – haben Sie so­ wohl die Arbeitsmarktpolitik der rot­ grünen Regierung unter Kanzler Schröder als auch die im Wahlprogramm von CDU/CSU unterbreiteten Gegenvorschläge als „falsche strategische Ansätze“ bezeichnet. Schröder gewann die Wahl 2002 zwar noch einmal, mußte drei Jahre später aber weichen. Seitdem regieren CDU und CSU wieder. Die Arbeitslosigkeit ging spürbar zurück. Offen­ sichtlich hatten und haben Merkel und Co. die besseren Rezepte?

SPIETH: Hatten und haben sie nicht. Es gibt zwar mehr Beschäftigung, aber zu Lasten von Billigjobs, Teil­ und Leiharbeit. Denn gleichzeitig ist die Zahl jener in die Höhe geschnellt – auf 1,5 Millionen Menschen inzwischen –, die weitgehend von den sogenannten Tafeln leben, die früher schlicht Suppenküchen hießen. Auf der einen Seite immer verschämtere Armut; auf der anderen Seite unverschämter Reichtum. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß in Deutschland eines Tages amerikanische Verhältnisse einziehen würden. Außerdem: Die Statistiken der Regierung sind geschönt. Als einziges objektives Kriterium gilt die Entwicklung des Arbeitszeitvolumens in Vollzeitäquivalent gerechnet, in Voll­ zeitstellen. Dieses Verhältnis stagniert seit langem.

NTI: Auch Thüringen scheint unter den fünf ostdeutschen Ländern die besseren Rezepte zu haben. Die Arbeitslosenquote sank zuletzt unter acht Prozent. Offensichtlich wurde unter CDU­Führung auch in Thüringen vieles richtig gemacht?

SPIETH: Thüringen kann auf eine gute Entwicklung seines Mittelstandes verweisen, doch die gleicht den Verlust an Arbeitsplätzen nicht aus. Das Land steht insgesamt sicher etwas besser da unter den ostdeutschen Ländern, aber die vergleichsweise niedrigere Erwerbslosenquote spiegelt die reale Situation unzureichend wider. Es fehlen in Thüringen vor allem große Unternehmen, die selbst auch und nicht zuletzt Aufträge an kleine und mittlere Unternehmen der Region vergeben.

NTI: Seit 2009 ist das Wirtschaftsressort der Landesregierung in SPD­Hand. Was haben Sie an Minister Matthias Machnig auszusetzen?

„Gegen die verlängerten Werkbänke ist er machtlos.“, Thüringer Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) (FOTO Andreas Kühn).SPIETH: Der Mann ist zwar äußerst umtriebig, hat nach meinem Dafürhalten auch einiges in Bewegung gebracht: Vergaberichtlinien nur an Unternehmen, die Mindestlöhne zahlen; Wirtschaftsförderung für die, die Lohnstandards einhalten; oder die Forcierung der Cluster­Bildung, um auf den Märkten gemeinsam als Finalproduzenten aufzutreten. Das waren Grundforderungen der Gewerkschaft, und sie bedeuten ohne Frage Fortschritte gegenüber seinen Vorgängern. Mehr läßt sich derzeit wahrscheinlich auch nicht durchsetzen. Gegen die verlängerten Werkbänke ist er machtlos. Die Förderung von Logistik­ unternehmen scheint mir übertrieben. Sein Einsatz für den Fortbestand Thüringer Solarproduzenten ist halbherzig.

NTI: Mit einer Prognose sollten Sie recht behalten: „Spätestens im Jahr 2005 gibt es mehr Ausbildungsplätze als Jugendliche, die in die Ausbildung drängen“, sagten Sie damals in der NTI und prophezeiten wachsenden Fachkräftemangel. Diese Situation ist mit Verspätung eingetreten. Für Sie wahrscheinlich jedoch kein Grund zur Zufriedenheit?

SPIETH: Das war kein Lesen im Kaffeesatz, sondern auf der Basis knallharter Daten prognostiziert. Wenn die Vorher­ sage mit einiger Verspätung eingetreten ist, dann haben Ausbildungsinitiativen die Ausbildungsnot zunächst gemindert. Inzwischen ist die Lage um­ geschlagen. Sie wird sich mit dem massenhaften Ausscheiden von Beschäftigten, die aus Arbeit in Rente gehen, sogar noch dramatisch verschärfen. Das kann natürlich nicht befriedigen. Die Rückgewinnung von Fachleuten wird daran wenig bis nichts ändern. Es fehlen strategische Maßnahmen für längere Zeiträume. Politiker aber denken nur von Wahl zu Wahl. Machnig macht da jetzt eine rühmliche Ausnahme. Er hat ein strategisches Papier erarbeiten lassen, das bis 2020 reicht. Dieser Mann, so meine Wahrnehmung, tut Thüringen gut.

NTI: Sie prognostizierten seinerzeit im NTI­Interview auch, daß mit dem „drastischen zunehmenden Fachkräftemangel ... für die Arbeit der Gewerkschaften wieder bessere Zeiten“ anbrechen würden. Ist davon schon etwas zu spüren?

SPIETH: Eine positive Entwicklung deutet sich an. Ein zartes Pflänzchen zwar nur. Aber es scheint sich etwas zu bewegen.

NTI: Als ein Herr Spieth DGB­Vorsitzen­ der in Thüringen war, schallte es oft zornig durchs Land. Inzwischen geht es sehr viel gemäßigter zu. Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihrer Nachfolger?

SPIETH: Über die Arbeit eines Nachfolgers zu reden, gehört sich als Ehemaliger nicht. Daran halte ich mich. Was ich dagegen kritisiere, ist die Fusion der DGB­Landesverbände Hessen und Thüringen, die auf Druck der Berliner Zentrale zustande kam. Sie wurde noch zu meiner Zeit auf den Weg gebracht und gegen unseren heftigsten Widerstand durchgedrückt. Selbst der damalige Thüringer Ministerpräsident Vogel stand auf unserer Seite und hat das auch in einem persönlichen Brief an den Bundesvorsitzenden zum Ausdruck gebracht. Es half alles nichts. Ich mußte den Beschluß umsetzen. Für mich eine glatte Fehlentscheidung. Unsere Warnungen haben sich inzwischen bestätigt. Thüringen ist heute ein Appendix des hessischen DGB.

NTI: Wie intensiv verfolgen Sie heute noch die Landes­ und Gewerkschaftspolitik in Thüringen?

SPIETH: Sehr intensiv.

NTI: Nächstes Jahr wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt. Wagen Sie eine Prognose?

SPIETH: Wie es im Moment ausschaut, wird die herrschende Partei auch die herrschende bleiben. Möglicherweise kommt es nur zu einem Wechsel des Koalitionspartners. Ich glaube und er­ warte nicht, daß sich die Ergebnisse von 2009, als Rot­Rot­Grün möglich war, wiederholen werden. Wohin das Pendel letztlich ausschlägt, kann ich nicht sagen.

NTI: Sie waren SPD­Mitglied und wurden zuletzt von den Linken protegiert. Beide Parteien hätten in Thüringen – Sie sagten es – schon 2009 eine Regierung bilden können. Die Koalition scheiterte an den Machtinteressen ihrer Spitzenpolitiker. Sollten sie 2014 einen neuen Anlauf unternehmen, falls es das Wahlergebnis zuläßt?

SPIETH: Wenn die Koalitionsvereinbarung stimmt, ja! Die CDU regiert Thüringen inzwischen länger als 20 Jahre. Da schleichen sich Entwicklungen ein, die nicht gut für das Land sind. Demokratie lebt vom Wechsel. Aber natürlich nicht um jeden Preis.

NTI: Nun also Pensionär: Wie bekommt Ihnen der Ruhestand?

SPIETH: Glänzend.

NTI: Im Gegensatz zu vielen anderen Aufbauhelfern aus dem Westen sind Sie mit Ihrer Frau in Thüringen geblieben und haben in Erfurt gerade Ihr neues Haus gebaut und bezogen. Was hält Sie hier?

SPIETH: Erfurt ist eine ausgesprochen schöne, hochattraktive Stadt. Hier stimmt alles: das Wohnumfeld, die geographische Lage in der Mitte Deutschlands, die guten klimatischen Bedingungen. Das Wichtigste aber: Wir haben viele gute Freunde gewonnen. Wir wohnen gern in Erfurt.

 

Mit Thüringens ehemaligem DGB­ Vorsitzenden und Ex­Bundestagsabgeordneten Frank Spieth sprach KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

 

Frank Spieth, Jahrgang 1947, wurde im hessischen Wetzlar geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er den Beruf eines technischen Zeichners und fand anschließend in einem metallverarbeitenden Unternehmen seiner Heimatstadt Arbeit.

In jungen Jahren bereits gewerkschaftlich organisiert, übernahm er im Unternehmen Buderus die Funktion eines Jugendvertreters. 1971 wechselte er als Jugendsekretär zum DGB in Gießen und ab 1972 in Fulda. Noch im gleichen Jahr übernahm er die DGB-Nebenstelle Lauterbach, nun- mehr zuständig für das gesamte Spektrum der gewerkschaftlichen Arbeit. Als der DGB 1975 durch Zusammenlegung die Kreisorganisation Vogelsberg gründete, wurde Frank Spieth zum Vorsitzenden gewählt, der er dann bis 1992 blieb.

Schon in den Monaten nach der politischen Wende war Frank Spieth als Berater regelmäßig in Thüringen unterwegs. Im Mai 1992 wählte ihn die Gründungs-Delegiertenkonferenz in Erfurt mit knapper Mehrheit zum ersten DGB-Landesvorsitzenden Thüringen. Nachdem er 2005 in den Deutschen Bundestag gewählt worden war, trat er zu den Gewerkschaftswahlen im Frühjahr 2006 nicht mehr an. Als 20jähriger war Frank Spieth 1967 der SPD beigetreten. 2003 verließ er die Partei, die bis 2005 in Regierungsverantwortung stand, aus Protest gegen die deutsche Beteiligung am Jugoslawien-Krieg und die Agenda 2010. Zur Bundestagswahl 2005 kandidierte er für die PDS auf Platz vier der Landesliste und war in der folgenden Legislaturperiode unter anderem gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Mit ihrer Gründung wurde er Mitglied der Linken.

Frank Spieth ist verheiratet, Vater von drei Kindern und zweifacher Großvater. Er lebt im neuen Heim am Stadtrand von Erfurt und nutzt die gewonnene Freizeit vor allem für Reisen im modernen Wohn- mobil, mit dem er und seine Frau jährlich mehrmals auf Europatour ist.

 

NTI-Ausgabe 7/2013

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