„Wir sind keine periphere Region mehr“

Vorpommern-Greifswalder Landrätin Dr. Barbara Syrbe (Die Linke), Blick für Probleme in der Heimat schärfen. (FOTO LK VG-ARCHIV)Die Verbindung zu ihrer Heimat Thüringen ist zu keiner Zeit abgerissen. Aber von ihrer Insel bekommt Dr. Barbara Syrbe (Die Linke), Landrätin des Landkreises Vorpommern-Greifswald, inzwischen niemand mehr herunter. „Ich habe im Sand von Usedom buchstäblich Wurzeln geschlagen und liebe dieses Eiland sehr“, erzählt die gerade wiedergewählte Landrätin im NTI-Interview.
NTI: Erst einmal Frau Dr. Syrbe, und so viel Ehre muß für eine gebürtige Thüringerin sein, recht herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl als Landrätin. Unsere jährliche und seit sieben Jahren erscheinende „Ostsee“­Sonderausgabe der Neuen Thüringer Illustrierten verfolgt eigentlich ein ganz einfaches Ziel: Sie soll die Thüringer sowie die Menschen in den an grenzenden Bundesländern neugierig machen, auf die Wieder­ oder die Neu­entdeckung Mecklenburg­Vorpommerns. Und das vor allem für die Zeiten jenseits der Sommermonate, wo naturgemäß die Sonne, das Meer und der Strand genügen dürften. Was hat Ihr Landkreis in dieser Hinsicht mit der Ostseeküste und ihrem Hinterland zu bieten, wo und wann ist es bei Ihnen am schönsten?

SYRBE: Herzlichen Dank für die Glückwünsche, mittlerweile hat mich der intensive Arbeitsalltag einer Landrätin wieder voll im Griff. Ich wäre jedoch nicht angetreten, wenn ich diese Aufgabe nicht gerne machen würde. Natürlich ist der 40 Kilometer lange Sandstrand von Usedom auf den ersten Blick kaum zu übertreffen, dennoch hält das sogenannte Hinterland eine Vielzahl von Ausflugs­ und Urlaubsmöglichkeiten bereit: So muß man auch die Reize des Stettiner Haffs und der Stadt Ueckermünde mit ihrem malerischen Marktplatz in einem Atemzug nennen. Die Hansestadt Greifswald mit ihrer Universität, dem Markt, dem maritimen Flair im Fischerdorf Wieck und ihrer Lage am Bodden lockt alleine mit so vielen Attraktionen, daß man allein in der Stadt Urlaub machen könnte. Im Hinterland wartet zudem eine Vielzahl von Herrenhäusern und Seen darauf, entdeckt zu werden. Unser Kreis erstreckt sich bei einer Gesamtgröße von rund 4000 Quadratkilometern beispielsweise mit der Penkuner Seenlandschaft bis weit ins Brandenburgische hinein.
NTI: Würden Sie es uns Thüringern verzeihen, wenn wir von Vorpommern­Greifswald eigentlich nur die Insel Usedom so richtig kennen und welche Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Kulturangebote entgehen uns bei einer solchen Betrachtung?
SYRBE: Ich zähle einfach ein paar weitere Beispiele auf: Die Peene als „Amazonas des Nordens“, die Uecker, die Zarow und Randow sowie der Ryck bei Greifswald laden Paddler und Naturfreunde ein, ihren Verlauf zu erkunden und seltene Tiere wie Biber und Fischotter sowie Seeadler zu beobachten. Mit den Bromer Bergen liegt zwischen Strasburg und Rothemühl zudem ein eiszeitlicher Endmoränen­Rücken, der mit Altbuchenbeständen und vielfältigem Tierbestand allemal einen Besuch wert ist. Angrenzend an die Insel Usedom können mari­tim Inspirierte auch die Hafenstädte Wolgast und das polnische Swinemünde entdecken. Während natürlich das Kulturangebot in Greifswald hervorragend ist, machen gleichzeitig nahezu flächendeckend kleinere Kulturvereine, Ateliers und Museen zu Recht auf sich aufmerksam. Dabei reicht die Bandbreite vom „Kulturverein Weitblick“ im kleinen Bugewitz über den Skulpturenpark in Katzow bis hin zur authentischen Frühzeit-Siedlung „Ukranenland“ bei Torgelow an der Uecker. Dazwischen gibt es überall Fachwerkkirchen und Häuser aus Feldsteinen, die immer wieder am Wegesrand zum Betrachten dieser reizvollen Ensembles einladen.
NTI: Zu einem ganz anderen Thema: Vor ziemlich exakt fünf Jahren führten wir schon einmal ein Gespräch für unsere Ostsee­Sonderausgabe. In diesem Interview hatten Sie sich vehement gegen eine erneute Gebietsreform in Mecklenburg­Vorpommern ausgesprochen, unter anderem mit dem Argument, daß der bis September bestehende Landkreis Ostvorpommern fast so groß wie das Saarland gewesen ist. Nun ist aber die Gebietsreform und der neue Landkreis Vorpommern­Greifswald mit der Hansestadt Greifswald als Verwaltungszentrum ein Fakt: Mit welchen Konsequenzen für die von Ihnen vertretenen Bürgerinnen und Bürger rechnen Sie?
Der Strand von Usedom ist kaum zu übertreffen. (FOTO LK VG-ARCHIV)SYRBE: Das ist richtig. Fest steht, daß niemand der Partner, die jetzt im neuen Großkreis Vorpommern­Greifswald zusammenarbeiten, die Reform befürwortet hat. Nun haben wir diese gesetzestreu umzusetzen und tun alles dafür, daß unsere Bürgerinnen und Bürger die Auswirkungen so wenig wie möglich spüren müssen. Ich denke, dies ist uns sogar in der ersten „heißen Phase“ unmittelbar nach dem Termin zur Umsetzung des Kreisstrukturreformgesetzes – das heißt wirklich so – gut gelungen. An diesem Ziel, daß der Bürger die von ihm gewünschten Leistungen der Behörde möglichst nah am Wohnort in üblicher Weise problemlos erhält, halten wir auch in Zukunft fest. Was wir nicht verhindern können, sind die weiten Wege, die einige Mitarbeiter, Kreistagsmitglieder und Bürger, die sich im Ehrenamt engagieren, nun häufig zurücklegen müssen.
NTI: Der alte Landkreis Ostvorpommern war, wie es auf neudeutsch ein wenig verharmlosend heißt, ein strukturschwacher Landkreis mit einer im Vergleich relativ hohen Arbeitslosenquote. Der soeben neugeschaffene Landkreis Vorpommern­Greifswald sei nun, so der Greifswalder Oberbürgermeister Arthur König in der „Ostsee­Zeitung“ vom 5. September, der problematischste Landkreis Mecklenburg­Vorpommerns überhaupt, weil mit über 100 Millionen Euro am meisten verschuldet und gleichzeitig mit der höchsten Abwanderungsrate. Teilen Sie diese Einschätzung, welche Lösungswege sehen und fordern Sie von der Landesregierung und wie wird der Landkreis möglicherweise von der prosperierenden Universitäts­ und Hansestadt Greifswald profitieren können?
SYRBE: Richtig ist mit Sicherheit, daß man mit dem Landkreis Vorpommern­Greifswald ein sehr inhomogenes Gebilde geschaffen hat. Die prosperierende Hanse­ und Universitätsstadt Greifswald steht für das eine Extrem. Das flache Land mit schwacher Infrastruktur und hoher Arbeitslosigkeit verkörpert das Gegenteil. Ich bin trotz dieser nicht einfachen Ausgangslage ein optimistischer Mensch geblieben und sehe durchaus auch die Vorteile, potentiellen Investoren gegenüber auf Greifswald und Usedom verweisen zu können. Neben der anhaltenden Abwanderung ist beispielsweise schon vor Jahren eine, wenn auch geringere, Zuwanderung getreten. Das sind beileibe nicht nur Rentner, die bei uns ihren Lebensabend verbringen wollen, sondern auch junge Familien, die aus Überzeugung der Großstadt den Rücken kehren, um aufs Land zu ziehen. Ohne Hilfe von der Landesregierung besteht überhaupt keine Möglichkeit, die Schulden, deren Gros durch unterfinanzierte Sozialleistungen der Altkreise hervorgerufen wurden, in den Griff zu bekommen. Wir müssen dennoch sparen, alternative Lösungsmodelle suchen und für Hiergebliebene sowie Neubürger und Rückkehrer gleichermaßen an Attraktivität zulegen. Das erfordert einiges an „Umbaumaßnahmen“ – vor allem hinsichtlich der Phänomene des demographischen Wandels und der Daseinsvorsorge für unsere Bürgerinnen und Bürger.
NTI: Im NTI­Interview im Jahr 2006 sprachen Sie von den Ängsten auf beiden Seiten, die einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen der deutschen Region Vorpommern mit der Hansestadt Greifswald und der polnischen Woiwodschaft mit den Schwergewichten Stettin und Swinemünde entgegenstehen würden. Dabei benannten Sie ganz konkret die Angst der Deutschen vor einem unfairen Wettbewerb aufgrund des Lohngefälles sowie die Angst der Polen um ihre Betriebe und Immobilien vor deutschen Spekulanten. Bestehen diese Befürchtungen angesichts der nun gänzlich offenen Grenzen weiter, wie hat sich die deutsch­polnische Zusammenarbeit auf den verschiedenen Gebieten in den vergangenen fünf Jahren entwickelt und könnte nicht genau die eine nachhaltige Lösung für die Probleme Ihres Landkreises sein?
Der malerischer Strand mit Seebrücke auf Usedom ist immer einen Besuch wert. (FOTO LK VG-ARCHIV)SYRBE: Die insbesondere vom äußersten rechten politischen Spektrum geschürten Ängste vom überfallartigen Eintreffen polnischer Kräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben sich nicht bewahrheitet. Andere Ziele wie Großbritannien, in denen sich polnische Fachkräfte schon seit langem einen guten Ruf erworben haben, sind für unsere Nachbarn weitaus attraktiver. Umgekehrt ist natürlich auch nicht jeder Deutsche, der in der Republik Polen Geschäfte machen möchte, ein Immobilienhai. Ich denke es geht darum, solche Ressentiments abzubauen und das geht am besten im persönlichen Gespräch: Wir stehen mit unseren Partnern aus den polnischen Verwaltungen in ständigem Austausch und treffen uns regelmäßig zu Gesprächen. In der Tat leben wir zwischen Greifswald und Stettin. Hinzu kommt die Achse Stettin­Hamburg über die A20, die rasche Verbindung nach Berlin über die A11 sowie die Bahn­ und Seeverbindungen. Wir sind also längst keine sogenannte periphere Region mehr, sondern befinden uns ganz im Nordosten Deutschlands „mittendrin“ in Europa. Ich hoffe, daß wir mit dieser Drehkreuz-Lage in bezug auf unsere eigene Infrastruktur und unsere derzeit noch prekäre Beschäftigungssituation zukünftig etwas zum Guten wenden werden können.
NTI: Frau Dr. Syrbe, Sie waren die erste deutsche Landrätin mit PDS­Mandat und sind nun seit über zehn Jahren in dieser Funktion. Welche Illusionen bezüglich der Umsetzbarkeit linker Politik im Alltagsgeschäft haben Sie in dieser Zeit verloren, was halten Sie generell von der Lernfähigkeit der politisch Verantwortlichen, wenn man zum Beispiel die aktuelle Finanzkrise, das nach wie vor ungelöste Afghanistan­Problem oder die immer weiter wachsende Kluft bei den Einkommen betrachtet, und wo findet man die linke Handschrift in Ihrem Aufgabenbereich?
SYRBE: Zunächst gebe ich mich keinerlei Illusionen hin, denn beide Wahlen zur Landrätin waren reine Personenwahlen. Das bedeutet, daß jegliche Programmatik im Auge der Wählerin und des Wählers erst einmal zurücksteht. Gleichzeitig sprechen die Wählenden der Amtsinhaberin ein enorm hohes Maß an Vertrauen aus, das sich in eine ebenso große Pflicht wandelt, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen. Zudem macht man als Landrätin so gut wie keine Parteipolitik, sondern ich leite die Verwaltung, welche die Beschlüsse des Kreistages umzusetzen hat. Berücksichtigt man die schon erwähnte Schere zwischen der Masse der Einkommen und der Preissteigerung von Dingen des täglichen Lebens, fällt es eigentlich immer leichter, mit kritischen linken Standpunkten in der Bevölkerung Gehör zu finden. Wenn Sie sich die Großbanken vergegenwärtigen, die in der Krise um Steuergelder betteln und wieder in der Gewinnzone angekommen Dividenden ausschütten sowie Boni verteilen, haben Sie derzeit wenig Probleme, auch Menschen anderer Parteien zu finden, die dies kritisch sehen. Ich will sagen, meine Partei hat sich der politischen Realität in Deutschland ein Stück weit geöffnet und gleichzeitig haben die Menschen heute eine hohe Sensibilität für soziales Unrecht entwickelt. Das macht es mir leicht, in meiner Arbeit die richtigen Entscheidungen auch fundiert zu begründen. Ich habe den Eindruck, von weiten Teilen der Bevölkerung verstanden zu werden. Wenn sich dies dann mit Teilen des Parteiprogramms der Linken deckt, um so besser. Bei manchen Entscheidungen wie der Bundeswehrreform schlagen auch zwei Herzen in meiner Brust: Als Linke sehe ich Auslandseinsätze der Truppe kritisch und wünsche eine kleine Armee. Als Landrätin begrüße ich jede Arbeitsstelle in unserem Landkreis und bin auf das Wohl der Soldatinnen und Soldaten bei uns bedacht.
NTI: Eine naheliegende Frage am Ende: Wo macht eine Landrätin, die auf der Sonneninsel Usedom lebt, eigentlich selbst Urlaub und was verbindet Sie noch mit Thüringen?
SYRBE: Das sage ich Ihnen gerne – ich war vor wenigen Tagen noch in Thüringen auf Verwandtschaftsbesuch. Die Verbindung ist zu keiner Zeit abgerissen. Aber auch die andere Komponente Ihrer Frage ist richtig: Von meiner Insel bekommt mich niemand herunter. Ich habe im Sand von Usedom buchstäblich Wurzeln geschlagen und liebe dieses Eiland sehr! Der jüngste Urlaub ging in die Schweiz, ganz einfach, weil mein Lebensgefährte von dort stammt. Auch dieses Land ist wunderbar und der Szenenwechsel mit einem ganz anderen Alltag schärft den Blick für Probleme in der Heimat.

Das Interview führte JÜRGEN RAABE.

Sonderausgabe Ostsee 2012
 

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