„Wir haben den richtigen Weg beschritten“

Ruheständler Norbert Otto beim Apfelbaumverschneiden in seinem Garten, keinerlei Entzugserscheinungen. (FOTO Privat-Archiv)Norbert Otto war eines der CDU-Mitglieder in Erfurt, die die politische Wende vorantrieben. Er gehörte dem Bürgerkomitee und dem Interimsparlament an, saß in der letzten DDR-Volkskammer und nach der deutschen Einheit zwölf Jahre im Bundestag. Wie geht es ihm? Was macht er heute?

Straßenbauer hat er gelernt. Und Straßenbauer ist er zeitlebens geblieben. Zu DDR-Zeiten waren es Hunderte von Straßen und Gehwegen, die er mit seiner Feierabendbrigade gepflastert oder asphaltiert hat. In der Wendezeit half er, die Straße zur Demokratie zu ebnen. Und als Bundestagsabgeordneter trug er dazu bei, daß wichtige Straßen nicht an Erfurt vorbei gebaut wurden, nur daß es sich nicht mehr nur um Straßen handelte, sondern um Verkehrsprojekte großen Ausmaßes wie die A 71, den äußeren Ring um die Landeshauptstadt, um den Aus- und Neubau der Stadtbahn und das Güterverkehrszentrum … Norbert Otto hat viel für Erfurt getan und scheint doch so gut wie vergessen zu sein.

NTI: Herr Otto, Sie sind 2002 aus dem Bundestag ausgeschieden, dem Sie über drei volle Legislaturperioden hinweg angehörten. Wie geht es Ihnen?

OTTO: Gut. Ich habe mich langfristig auf den Ruhestand vorbereitet und spüre keinerlei Entzugserscheinungen.

NTI: Sie hatten gesundheitliche Probleme. Die sind offensichtlich überwunden?

OTTO: Ich fühle mich körperlich topfit, könnte Bäume ausreißen, begnüge mich aber mit unserem Garten, in dem ich zuletzt ein Stück Weg gepflastert habe.

Thüringer Bundestagsabgeordneter Norbert Otto (CDU) 1996 zur Eröffnung des Briefpostzentrums im GVZ Vieselbach, Freude über jeden neuen Investor. (FOTO Andreas Kühn)NTI: Damals sagten Sie im NTI-Interview: „Wenn heute in Bonn der Name Otto fällt, dann weiß nahezu jeder: das ist der Mann aus Thüringen, der sich so vehement für die Erfurter Stadtbahn, für das Güterverkehrszentrum, die Autobahn und die ICE-Trasse nach Erfurt einsetzt.“ Nach Ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag wurde es dann schnell sehr ruhig um Ihre Person. Konnten oder wollten Sie sich politisch nicht weiter betätigen?

OTTO: Wenn man nicht mehr in Amt und Würden steht und kaum noch Neuigkeiten zu vermelden hat, wird man schnell uninteressant für die Medien und gerät aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Das ging und geht mir sicher nicht allein so. Aber es war ohnehin nicht mein Ideal, als „Jungpionier“ in den Bundes- tag zu gelangen und ihn als Greis zu verlassen. Zwölf Jahre waren genug. Ich habe mich eingebracht und viel erreicht für Thüringen und für Erfurt. Die Familie hat in dieser Zeit zurückgestanden. Das wollte ich ändern. Und ich spürte auch – je weiter die Zeit fortschritt –, daß der Abstand zu den Menschen größer wurde. Die eigenen Antennen wurden kürzer, um alles aufzunehmen, die Fähigkeit, Impulse zu empfangen, reduzierte sich.

NTI: Ihre Partei, die CDU, war damals nicht gut auf Sie zu sprechen. Sie hätten, hieß es, Ihre Nachfolgerin im Bundestagswahlkampf nicht sonderlich unter- stützt. Frau Tillmann hat dann auch das Direktmandat an die SPD verloren und ist nur über die CDU-Liste in den Bundestag gelangt. Waren die Vorwürfe berechtigt?

„Frau Tillmann wollte meine Unterstützung nicht“, CDU-Wahlkampf für Antje Tillmann. (FOTO NTI-Archiv)OTTO:  Frau Tillmann  wollte  meine Unterstützung nicht, und ich wollte mich nicht aufdrängen. Von wegen: Jetzt kommt der Schlaumeier, der noch einmal zeigen will, wie es gemacht wird und was er draufhat. Nein, daß ich 2002 nicht noch einmal antrete, war abgemacht. Das hatte ich schon vier Jahre zuvor, gleich nach der Bundestagswahl 1998, signalisiert. Vorwürfe sind mir damals und auch später nicht zu Ohren gekommen. Im Gegenteil: Ich habe heute noch gute Kontakte zu meiner Partei.

NTI: Wenn Sie zurückblicken: Was bedeuten Ihnen die zwölf Jahre im Deutschen Bundestag?

OTTO: Sie waren die spannendste Zeit meines Lebens. Ich bin dankbar, daß ich sie erleben durfte. Dankbar vor allem, weil ich mitwirken durfte an der Zusammenführung beider deutscher Staaten und an der Entwicklung unseres Bundeslandes. Mit den Verkehrsprojekten Deutsche Einheit wurde damals eine Reihe wichtiger verkehrspolitischer Entscheidungen getroffen, die Thüringen und Erfurt wieder in die Mitte unseres Vaterlandes rückten und Voraussetzungen für ihren rasanten Aufschwung waren. Daß ich daran Anteil habe, ist für mich eine große Befriedigung.

NTI: Die Erfurter Verkehrsbetriebe sind Ihnen noch heute dankbar. Ohne Ihren Einsatz und Ihre Verbindungen bis hin ins Bundesverkehrsministerium hätte es die Stadtbahn, wie sie heute in der Landeshauptstadt existiert, wahrscheinlich nicht gegeben. Nachdem inzwischen viele der alten Evag-Mitarbeiter ausgeschieden sind – spüren Sie nach wie vor so etwas wie Dankbarkeit?

OTTO: Ruhm verblaßt. Doch die Verkehrsexperten von damals wie auch die aktuelle Geschäftsführung der Evag wissen zu schätzen, was ein Norbert Otto in den Anfangsjahren gerade für den Ausbau der Erfurter Straßenbahn zur Stadtbahn geleistet hat. Das lassen sie mich auch immer mal wieder spüren. Freie Fahrt auf Bussen und Bahnen habe ich trotzdem nicht.

Blick auf das Gewerbegebiet des Güterverkehrszentrums Erfurt-Vieselbach im März 2000 - goldrichtige Idee. (FOTO NTI-Archiv)NTI: Anders verhielt es sich mit dem Güterverkehrszentrum. Es kam nur schwer ins Laufen, stagnierte zeitweise und bereitete vorübergehend große Probleme. Als Sündenbock mußte nicht zuletzt der Bundestagsabgeordnete Otto herhalten, der damals „nebenher“ Vorsitzender des GVZ-Aufsichtsrates war. Zu Recht?

OTTO: Anfangs lief es wirklich ausgezeichnet. Das Güterverkehrszentrum erhielt sogar einen Innovationspreis. Dann aber stagnierte die Entwicklung. Das lag aus meiner Sicht vor allem am holprigen Engagement des Landes Thüringen und der Stadt Erfurt. Was nützt das beste GVZ, wenn die Anbindungen an das Straßen- und Schienennetz unzureichend sind? Und das waren sie eine längere Zeit, so daß eine Reihe von Investoren absprang. Zudem übte sich die Landeshauptstadt in Zurückhaltung. Erst als klar war, daß Vieselbach mit der Gebietsreform 1994 Erfurt zu- geschlagen wird, verstärkte die Stadt ihr Engagement. Die Verzögerungen änderten aber nichts daran, daß die Idee, die dem GVZ zugrunde liegt, goldrichtig war und ist.

NTI: Sie sind damals in Ungnade gefallen und als Aufsichtsratsvorsitzender ausgeschieden.

OTTO: Wer Erfolg hat, hat auch Neider. Ich bin damals auf eigenen Antrag hin ausgeschieden. Das Vorhaben war angeschoben; nun mußte es von der Wirtschaft weitergeführt werden. Das war nicht mehr mein Part. Auch wenn sich in die Begleitmusik manche Mißtöne mischten und die Umstände zeitweise nicht optimal waren, die Entwicklung ist genauso verlaufen, wie wir sie geplant haben. Das GVZ in Erfurt-Vieselbach ist heute das Logistikzentrum in der Mitte Deutschlands.

NTI: Nehmen Sie als Politiker im Ruhestand noch Anteil an dem, was sich in Erfurt-Vieselbach tut? Sie müßte doch eigentlich Genugtuung erfüllen, weil es im wesentlichen genau so gekommen ist, wie Sie es prophezeiten? Nur eben etwas später.

OTTO: Ich verfolge wie jeder interessierte Bürger, was sich in Vieselbach tut und freue mich über jeden neuen Investor. In jüngster Zeit hat es ja wieder einige sehr spektakuläre Ansiedlungen gegeben. Sie sind für mich späte Bestätigung, daß wir damals den richtigen verkehrspolitischen Weg beschritten haben, und stille Befriedigung für manche voreilige Kritik in früheren Jahren.

„Ich habe gemacht, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren konnte“, Thüringer Bundestagsabgeordneter Norbert Otto (CDU) im Jahr 1994. (FOTO DP-V. Georgien)NTI: Als es 1998 um die Direktkandidatur ging, hatten Sie eine Gegenkandidatin namens Dr. Anni Bellers, die mit ihrem Buch „Die DDR tickt weiter“ für heftige Kontroversen innerhalb Ihrer Partei sorgte. Sie zielte damit auch auf die „Blockflöte“ Norbert Otto. Was ist dran an diesem Vorwurf?

OTTO: Das waren keine heftigen Kontroversen innerhalb der Erfurter CDU, sondern zwischen Anni Bellers und der Partei. Die Frau kam aus dem Westen mit allen Vorurteilen eines Besser-Wessis, glaubte sich hoch überlegen und wollte uns zeigen, was wir wert sind. Eine „durchgeknallte Wessi-Tante“, charakterisierten sie meine Erfurter Parteifreunde. Sie hatte dann auch keine Chance. Aber das war nicht mehr als eine Episode, über die wir herzlich gelächelt haben. Nichtsdestotrotz wurde sie von den lokalen Medien hochgejubelt.

NTI: Leute, die Sie kennen und mit Ihnen zusammengearbeitet haben, sagen Ihnen eine gewisse Bauernschläue nach und meinen damit nicht zuletzt, wie aus dem Stadtverordneten Otto zu DDR-Zeiten ein Abgeordneter der letzten DDR-Volkskammer und schließlich ein Bundestagsabgeordneter wurde. Teilen Sie diese Auffassung?

OTTO: Ich habe gemacht, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren konnte und was notwendig war. Als Stadtverordneter ging es um die Beseitigung von Schlaglöchern oder den Bau von Spielplätzen, um undichte Fenster oder die Instandsetzung von Gehwegen. Als BGL-Vorsitzender habe ich mich eingesetzt für die gerechte Verteilung der knappen Urlaubsplätze oder die Beseitigung von Arbeitserschwernissen. Ich fühlte mich als Interessenvertreter der Bürger und habe getan, was unter DDR-Verhältnissen möglich war. Im Gegenzug mußte ich natürlich den einen oder anderen Kompromiß eingehen. Aber: Als „Staatsfeind“ hätte ich gar nichts erreicht. Ob das nun klug war, als Bauernschläue ausgelegt wird oder unter die Rubrik „Blockflöte“ fällt – das soll jeder selbst beurteilen.

Mit dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Norbert Otto sprach KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

NorbertOtto,Jahrgang1943,wurdein Erfurt geboren und ist hier zur Schule gegangen. Nachder8. Klassenahmer einedreijährigeLehrezumFacharbeiter für Straßenbau auf und erwarb parallel dazuinder AbendschuledieMittlere Reife.UmzumStudiumzugelassenzu werden, mußteder Vater, derinErfurt ein kleinesStraßenbau-Unternehmen betrieb,ineinePGH(Produktionsgenossenschaft des Handwerks) eintreten.

Norbert Otto studierte an den Ingenieurschulen für Straßenbau in Schleusingen und Cottbus (Abschluß 1964) und fand anschließend Arbeit in der Kommunalen Einrichtung Straßenwesen, aus der später die Stadtdirektion Straßenwesen (SDS) hervorging, deren wesentliche Aufgaben heute vom Straßen- und Tiefbauamt Erfurt wahrgenommen werden. In der SDS war er bis zur Wende, unterbrochen durch einen 18monatigen Wehrdienst, bis in die politischeWendehineintätig,zuerstals Bauleiter,dannalsProjektantundals Bereichsleiter.

Unmittelbar nach Beendigung des Studiums trat Norbert Otto der CDU bei, die ihn 1966 als Kandidat für die Stadtverordnetenversammlung aufstellte. Als Stadtverordneter engagierte er sich in der Ständigen Kommission Verkehr und Straßenwesen und legte als Mitglied einer Feierabendbrigade auch selbst tatkräftig mit Hand an, die Lebensverhältnisse der Bürger erträglicher zu gestalten.

Schon in dieser Phase der Engpässe und Improvisationen kamen ihm Zweifel am SED-Staat und der Rolle der Blockparteien. Die Erfurter CDU war dann auch die erste Partei, die im Herbst 1989 in der Stadtverordnetenversammlung eine eigene Fraktion bildete. Norbert Otto gehörte zu denen, die die Abwahl der SED-Oberbürgermeisterin durchsetzten; er war Mitglied des Bürgerkomitees, des Interimsparlaments und der letzten Volkskammer, die den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik besiegelte.

Für die Wahlen im Herbst 1990 nominierte die CDU Norbert Otto als Kandidat sowohl für den Bundes- als auch für den Thüringer Landtag. Beide Male wurde er direkt gewählt, verzichtete jedoch zugunsten des späteren Landtagspräsidenten Gottfried Müller auf das Landtagsmandat. In den Bundestagsausschüssen für Verkehr und Bauwesen nahm er nicht unmaßgeblichen Einfluß auf Erarbeitung und Durchsetzung der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit, die seine Vaterstadt verkehrstechnisch wieder in die Mitte Deutschlands rückten.

2002 schied Norbert Otto aus dem Bundestag aus und zog sich ins Privatleben zurück. Ehrenamtlich ist er unter anderem als stellvertretender Ortsbürgermeister und als stellvertretender Vorsitzender des heimischen Sportvereins tätig. Er ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und dreifacher Großvater. Norbert Otto lebt im Erfurter Ortsteil Möbisburg-Rhoda.

NTI-Ausgabe 9/2012

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