„Weiterer Einsatz nicht erwünscht“

 „Wir reisen viel und halten unseren Garten in Schuß.“ (FOTO Klaus Ranglack)Hartmut Sieckmann (FDP) war Thüringens erster und bislang einziger Minister für Umweltschutz und Landesplanung. In seiner vierjährigen Amtszeit wurden Grundlagen und Rahmenbedingungen geschaffen, die im wesentlichen noch heute gültig sind. Was macht er heute? Wie denkt er über seine Zeit als Minister?

Seinen Namen kannten vordem die wenigsten. Zum ersten Male wurde er im Januar 1990, als die FDP Thüringen gegründet wurde, öffentlich. Wochen später war Hartmut Sieckmann Spitzenkandidat der Liberalen für die erste Landtagswahl nach der politischen Wende. Und wenige Monate darauf Minister. Vier Jahre, die er den „Höhepunkt meines beruflichen Lebens“ nennt, regierte er mit in Thüringen. Doch ebenso schnell, wie er gekommen war, verschwand er wieder von der Bildfläche ...

NTI: So unverhofft, wie sie 1990 ins Rampenlicht traten, tauchten Sie vier Jahre später auch unter. Gewöhnlich fallen Leute aus hohen Ämtern weich. Wohin hat es Sie 1994 verschlagen?

SIECKMANN: Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit zurück in die Wirtschaft, als Prokurist und später als Geschäftsführer in Rudolstadt-Schwarza und in Bad Blankenburg. Die FDP stellte im ersten Landtag nach der friedlichen Revolution drei Minister. Und alle drei haben nach meinem Dafürhalten gute Politik gemacht. Der damalige Ministerpräsident, Herr Vogel, zeigte sich dennoch unbeeindruckt. Während er seinen Freunden auf der Suche nach neuen Jobs hilfreich zur Seite stand, mußten wir uns selbst kümmern.

NTI: Das klingt ein wenig wehmütig.

SIECKMANN: Nur ein bißchen. Enttäuschung trifft es wohl eher. Aber das ist überwunden, wenn auch nicht vergessen. Ich habe mich damit abgefunden und das Beste aus der neuen Situation gemacht. Das ist auch ganz gut gelungen.

NTI: Sie waren ein unbeschriebenes Blatt, als Sie 1990 in die Politik traten. Was hat Sie bewogen, diesen Schritt zu tun?

 Als Quereinsteiger dem Land verpflichtet. (FOTO Andreas Kühn)SIECKMANN: Ich war parteilos und niemals ein Freund des Sozialismus. Das begann schon in der Schulzeit, als man mir aufgrund meiner sozialen Herkunft den Besuch der Oberschule verwehrte und mich anfangs sogar in ein Internat steckte, um mich vom nicht-sozialistischen  Elternhaus zu trennen. Nach der Wende wurden Leute gebraucht, die nicht konform mit der SED gegangen waren. Da fühlte ich mich angesprochen. Aber ich wollte nicht nur zugucken, was sich wie entwickelt, sondern auch Verantwortung übernehmen und mittun. So schaute ich mir die Parteien an, die damals existierten. Sie waren allesamt staatstragend gewesen, und zum Teil saßen in ihren Gremien Leute, die mit der Stasi zusammengearbeitet hatten. Übrig blieb die FDP, eine neue Partei ...

NTI: ... die Sie in Thüringen sogar mit aus der Taufe hoben.

SIECKMANN: Ja, aber das war dann eher einem Zufall zu danken. An einer Tankstelle fand ich einen Aufruf, der zur Gründungsversammlung der FDP nach Jena einlud. Ich bin hingefahren. Es war nur ein kleiner Kreis, der sich da versammelt hatte. Aber alles Leute, die etwas verändern und sich einbringen wollten in die demokratische Umgestaltung Thüringens. Obwohl ich, damals wie heute, nicht alle Positionen der Partei teilte – hier fühlte ich mich politisch aufgehoben. Danach begann allerdings der Streß. Es war wie ein Sog. Eins zog das andere nach sich: Erarbeitung des Wahlprogramms, Kandidatenkür mit mir als Spitzenkandidat und landauf landab ungezählte Wahlveranstaltungen. Aber es hat sich gelohnt ...

NTI: ... die FDP übersprang die Fünf-Prozent-Hürde deutlich und zog in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag ein.

SIECKMANN: Wir erzielten 9,3 Prozent der Wählerstimmen. An der FDP ging nichts vorbei ...

NTI: ... und auch nicht an ihrem Spitzenkandidaten Hartmut Sieckmann. Er wurde dann aber „nur“ Umweltminister?

SIECKMANN: Um genau zu sein: Minister für Umwelt und Landesplanung. Für mich stand von vornherein fest, daß ich im Falle einer Regierungsbeteiligung der FDP nur ein Amt übernehme, von dem ich Ahnung habe. Das traf im besonderen Maße auf den Umweltschutz zu. Auf dieser Strecke hatte ich im Kombinat Robotron viele Jahre gearbeitet. Da kannte ich mich weitgehend aus.

NTI: Wenn Sie auf Ihre Zeit als Minister zurückblicken, wie fällt Ihr Urteil aus?

 „Wir haben viel bewegt.“ (FOTO Erhard Schorcht)SIECKMANN: Die vier Jahre als Minister in Thüringen waren eine hoch interessante Zeit, nicht nur für mich, sondern für alle, die damals Verantwortung übernahmen. Wir haben viel bewegt, viel entschieden und erlebt, wie es bei- nahe von Tag zu Tag voranging. In jenen vier Jahren wurden die Grundlagen geschaffen, auf denen sich Thüringen dann so erfolgreich entwickelt hat. Ich bin stolz und es erfüllt mich noch heute mit Genugtuung, daran Anteil gehabt zu haben. Die vier Ministerjahre sind der Höhepunkt meines beruflichen Lebens. Nie und nimmer hätte ich gedacht, einmal so hoch aufzusteigen.

NTI: Sie haben damals, so vermittelt ein Blick in alte NTI-Bände, ziemlich unspektakulär gewirkt. Unser Archiv enthält aus Ihrer Amtszeit vor allem Fotos, die Sie bei Einweihungen, Eröffnungen oder auf Veranstaltungen zeigen. Und Sie haben öffentlich kaum für Widerspruch gesorgt. Lief wirklich alles so glatt?

SIECKMANN: Nicht immer glatt, am Ende aber doch – vor allem dank der fast tausend Mitarbeiter im Ministerium und draußen in den Ämtern und Behörden – äußerst erfolgreich. Die regionalen Entwicklungspläne, die wir damals erarbeiteten, haben im Kern noch heute Bestand. Und nahezu alle Gesetze, die aus meinem Verantwortungsbereich kamen – Naturschutz-, Wasser- und Abfallgesetz – wurden zwar in den folgenden Legislaturperioden ergänzt und verfeinert, bilden aber noch heute die Grundlage der Arbeit.

NTI: Zum Beispiel?

 Gebietsreform als Voraussetzung für eine Verwaltungsreform. (FOTO Dieter Schmidt)SIECKMANN: Wenn Thüringen heute und noch auf längere Sicht keine Probleme mit dem Trinkwasser hat, dann wurden dafür in den Anfangsjahren die Weichen gestellt. Das Länder übergreifen- de Biosphärenreservat Rhön, das heute als vorbildliches Naturschutzprojekt gilt, geht auf die gemeinsame Initiative von Hessen, Bayern und Thüringen zurück. Und wenn Thüringen heute eines der wenigen Bundesländer ist, die den Natur- und Umweltschutz in ihren Verfassungen verankert haben, dann geht dies auf meine Initiative zurück. Ich habe dafür gestritten, daß ihre Belange im Thüringer Grundgesetz Platz fanden.

NTI: Die Gesetze aus Ihrer Zeit gelten im wesentlichen noch heute. Die Verwaltungsstrukturen aber haben sich grundlegend geändert. Schon Ihr Nachfolger führte Umweltschutz und Landwirtschaft in einem Ministerium zusammen. Zum Vorteil des Anliegens?

SIECKMANN: Über die Arbeit meiner Nachfolger will ich mir kein Urteil erlauben. Das gehört sich nicht; ich bin nicht mehr involviert. Aber natürlich habe ich Vorstellungen.

NTI: Welche?

SIECKMANN: Ich hätte mir zum Beispiel ein Ministerium gewünscht,dasUmweltschutz,LandesplanungundVerbraucherschutzvereint.SpeziellfürdenUmweltschutzunddienachgeordnetenBehördenpräferiereichzudemeinevertikaleStruktur mit einem Landesumweltamt. Andere Länder halten es so und sind damit erfolgreich. Dann das leidige Thema Gebietsreform, über das gegenwärtig wieder heftig gestritten wird. EineGebietsreformistnachmeinerAuffassungVoraussetzung für eineVerwaltungsreform.Gemeindezusammenschlüsse bildendabeikeineHindernisse.ImGegenteil:Siekönnensehr hilfreich sein. Und dann das weite Feld der Geothermie.

NTI: Geothermie?

 Weichen gestellt. (FOTO wst-Archiv)SIECKMANN: Die Nutzung der Erdwärme. Erdwärme birgt ein großes Potential, besonders im Zusammenhang mit der Verfüllung der Kalischächte. Leider wird es nicht genutzt! Den Verfahrenstechniker in mir schmerzt es, wenn er zur Kenntnis nehmen muß, daß Kalilauge massenweise in die Werra eingeleitet wird. Es gibt genügend Verfahren, die Kalilauge aufzubereiten. Offensichtlich haben Wirtschaft und Politik verpaßt, den Betrieb rechtzeitig umzustellen.

NTI: Was unweigerlich die Frage aufwirft, welchen Stellenwert das Wissen heute besitzt, das der Umweltminister Sieckmann während seiner Amtszeit erlangt hat?

SIECKMANN: Die Amtszeit war zu Ende und ein weiterer Einsatz in einer öffentlichen Einrichtung wurde von Herrn Vogel nicht gewünscht. Das werfe ich ihm bis heute massiv vor.

NTI: Wenn Sie Ihre Zeit im Landtag und als Minister mit den Gepflogenheiten und Gegebenheiten der Gegenwart vergleichen – wo sehen Sie die entscheidenden Unterschiede?

SIECKMANN: Ich sehe vor allem einen: Wir haben damals nicht parteipolitisch gedacht und gehandelt, sondern für das Land. Das mag unserer Herkunft geschuldet sein. Im Osten gab es jene Generation von Politikern nicht, die sich innerhalb und mit Hilfe ihrer Parteien von Sprosse zu Sprosse hochgedient haben. Wir – zumindest die Quereinsteiger – fühlten uns nicht nur der Partei verpflichtet, sondern zuerst und vor allem dem Land. Diese Haltung ist heute kaum noch anzutreffen.

NTI: Auch in der Thüringer Koalitionsregierung?

SIECKMANN: Sie ist hier sogar besonders ausgeprägt. Da haben sich zwei Partner zusammengefunden, die vor allem dadurch auffallen, daß sich jeder auf Kosten des anderen profilieren will. Sie halten das Land mit schier unendlichen Auseinandersetzungen in Atem und stolpern von einem Kompromiß zum anderen. Um zusammenzubleiben, wird vor allem geflickt und gekittet.

NTI: In Ihrer Partei, der FDP, sieht es nicht viel besser aus. Oder täuscht dieser Eindruck?

SIECKMANN: Was die Arbeit der Landtagsfraktion und ihres Vorsitzenden betrifft, teile ich diese Auffassung nicht. Uwe Barth, der übrigens als persönlicher Referent in meinem Ministerium begann, macht seine Sache sehr, sehr gut.

NTI: Hätte er denn auch das Zeug, nach der Landtagswahl 2014 Thüringens nächster Umweltminister zu werden?

  Wieder stärker dem Mittelstand und seinen Problemen zuwenden. (FOTO wst-Archiv)SIECKMANN: Das ist Zukunftsmusik. Aber die Chancen für die FDP, ihre Sitze im Landtag zu verteidigen oder sogar zu vermehren, bestehen durchaus. Dafür müßte sich die Landespartei allerdings deutlicher von der Politik der Bundespartei absetzen und stärker wieder dem Mittelstand und seinen Problemen zuwenden, der ja die eigentliche Klientel der FDP war und ist. Die Fraktion weiß das. Ihre Mitglieder arbeiten fleißig, sind beweglich und viel im Land unterwegs. Ich habe große Hoffnungen, daß es mit dem Wiedereinzug in den Landtag klappen wird.

NTI: Sie raten der Landes-FDP, sich deutlicher von der Bundespartei abzusetzen? Was bemängeln Sie an Parteichef und Wirtschaftsminister Philipp Rößler und Co.?

 „Nie und nimmer hätte ich gedacht, einmal so hoch aufzusteigen.“ (FOTO Dieter Schmidt)SIECKMANN: Ihre gegenwärtige Situation ist schwierig. Philipp Rößler ist sicher ein intelligenter Mann, kommt mit seinen Vorstellungen aber schlecht rüber und bei der Mehrzahl der Bundesbürger nicht sonderlich gut an. Die Partei sollte sich wieder stärker dem Mittelstand zuwenden. Auch Handwerker, Lehrer und Beamten müßten sich besser vertreten fühlen als das zur Zeit der Fall ist. Bedauerlich, daß sich die Partei mit ihren Forderungen nach Abschaffung der Praxisgebühr nicht durchzusetzen vermochte. Das wäre eine Tat, die der Bevölkerung spürbare Entlastungen und der FDP politische Akzeptanz und sicher auch Wählerstimmen gebracht hätte.

NTI: Bleibt die Frage nach dem derzeitigen Befinden des einstigen Ministers?

SIECKMANN: Ich fühle mich mit meinen

69 Jahren wohlauf. Die Familie, die in weniger guten Zeiten fest zu mir stand, ist gesund. Wir reisen viel und halten unseren Garten in Schuß. Nach wie vor engagiere ich mich für das Bauhaus- Museum in Weimar. Und der Kontakt mit den Kollegen von damals ist noch ziemlich eng. Vom früheren Landtagspräsidenten Gottfried Müller (*)  habe ich unlängst die Präsidentschaft der Vereinigung ehemaliger Abgeordneter des Thüringer Landtags übernommen. Ihr gehören rund 70 Ehemalige an. Wir treffen uns regelmäßig – unter anderem an Orten, deren Entwicklung wir damals mitgeprägt haben. Dabei finden dann auch stets sehr erfrischende Diskussionen statt – weit entfernt von dem politischen Gezänk, das uns Regierung und Opposition heute so oft bieten.

Mit Thüringens ehemaligem Minister für Umweltschutz und Landesplanung, Hartmut Sieckmann, sprach

KLAUS RANGLACK.

*) Anmerkung: Der frühere Thüringer Landtagspräsident Gottfried Müller wurde unter der Rubrik „Damals in der NTI“ in Ausgabe 3/2012 vorgestellt.

 

Zur Person

Hartmut Sieckmann, Jahrgang 1943, wurde in Bautzen geboren und kam im Februar 1945 nach Weimar. Er erlernte den Beruf eines Werkzeugmachers und erwarb parallel dazu – da ihm der Besuch einer Oberschule aus politischen Gründen verwehrt worden war – in der Abendschule die Hochschulreife (1963). Anschließend nahm er an der TU Dresden ein Maschinenbau-Studium auf, das er 1969 als Diplom-Ingenieur abschloß. Danach fand er im Kombinat Robotron Arbeit, in dem er zunächst als Projektierungsingenieur (bis 1975), später als Kombinatsbeauftragter für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (bis 1987) und als Fachingenieur für Reinhaltung der Luft (bis 1990) tätig war.

Anfang 1990 gehörte der bis dahin Parteilose zu den Gründern der FDP in Thüringen. Zeitweise war er Mitglied des FDP-Bundesvorstandes und bis 1994 stellvertretender Landesvorsitzender. Über die Landesliste der FDP gelangte er als Spitzenkandidat am 14. Oktober 1990 in den ersten freigewählten Thüringer Nachwende-Landtag und wurde in der Koalitionsregierung aus CDU und FDP Minister für Umweltschutz und Landesplanung.

Nachdem die FDP zur Landtagswahl 1994 an der Fünf-Prozent- Hürde gescheitert war, kehrte Hartmut Sieckmann in die Wirtschaft zurück. Er arbeitete als Prokurist unter anderem in einer Forschungseinrichtung in Rudolstadt-Schwarza und war später bis zu seiner Pensionierung in Bad Blankenburg Geschäftsführer in einem Unternehmen des Wärmeanlagenbaus. Daneben gehörte er mehrere Jahre dem Bundesfachausschuß Umwelt der FDP-Bundestagsfraktion an. Er ist Mitglied des Kreisvorstandes Weimar der FDP und leitet als Präsident die Geschicke der Vereinigung ehemaliger Abgeordneter des Thüringer Landtags. Als Kuratoriumsvorsitzender eines Kunstvereins engagiert er sich außerdem für das Bauhaus-Museum in Weimar.

Hartmut Sieckmann ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und zweifacher Großvater. Er lebt in Weimar, pflegt den Garten am eigenen Haus, reist gern und viel und schaut sich dabei vor allem in den Museen deutscher Städte um.

 

NTI-Ausgabe 7/2012

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