„Probleme sind Fliegendreck“

Als Wissenschaftler und Parlamentarier erfahrener Roland Hahnemann heute, Suche nach einer Betätigung (FOTO Dagmar Knäbel).361 Stimmen fehlten, sonst säße Dr. Roland Hahnemann auch heute noch im Thüringer Landtag. So aber mußte der Ewig-Parteilose nach 19 Jahren parlamentarischer Arbeit sein Mandat aufgeben und sich ins Privatleben zurückziehen. Wie beurteilt er rückblickend seine Zeit als Abgeordneter? Was macht er heute?

Dr. Roland Hahnemann gehörte zu den Akademikern im Thüringer Landtag. „Er bevorzugt Sacharbeit und Sachargumente. Legt Fallstricke aus und holt sie ein, wenn sich der politische Gegner darin verfangen hat. Und strapaziert seine Zuhörer zuweilen mit geradezu philosophischer Tiefgründigkeit“, stand damals in der NTI über ihn zu lesen. Unvergessen bis heute seine Solidarität mit dem Schicksal der Kalikumpel in Bischofferode. Während ihres 21tägigen Hungerstreiks war er mitten unter ihnen. Erfolglos zwar. Aber ungebrochen.

NTI: Herr Hahnemann, Sie waren 53 Jahre alt, als Sie 2009 aus dem Thüringer Landtag ausgeschieden sind. Warum? Wollten Sie nicht mehr? Oder hat Sie Die Linke, der Sie als Parteiloser in vier Legislaturperioden gedient hatten, fallen gelassen?

HAHNEMANN: Von beiden etwas. Nach 19 Jahren im Landtag schien es mir an der Zeit, etwas Neues zu versuchen und Jüngeren das Feld zu überlassen. Die Linke, die mich bei vier Landtagswahlen zuvor auf sichere Plätze gesetzt hatte, war offensichtlich ähnlicher Ansicht. Sie ordnete mich 2009 auf ihrer Landesliste weit hinten ein: Platz 49. Chancenlos. Offensichtlich war sie mit mir und vor allem mit meiner Parteilosigkeit nicht mehr zufrieden. Ich wollte aber nicht einfach alles hinschmeißen und habe darum als Direktkandidat der Linken bis zum letzten Tag Wahlkampf in Saalfeld gemacht. Am Ende fehlten mir 361 Stimmen. Wie ich finde, ein ordentlicher Abgang.

NTI: Sie wurden als Parteiloser über die Landesliste der Linken, die sich damals noch Linke Liste­PDS nannte, in den ersten Thüringer Nachwende­Landtag und zwei Jahre später von der Fraktion sogar zum Vorsitzenden gewählt. Wie kam es dazu?

HAHNEMANN: Die Ereignisse im Herbst 1989 haben mich, der bis dahin ein weitgehend unpolitischer Wissenschaftler war, aus der Reserve gelockt. Ich war fasziniert von dem, was sich anbahnte, und schloß mich dem Bürgerforum der Stadt Jena an, in dem wir die Geschicke der Stadt bis zu den Kommunalwahlen im Mai 1990 begleiteten. In dieser Zeit lernte ich auch Leute von der SED­PDS kennen, die sich rückhaltlos für weitreichende demokratische Reformen ein­ setzten. Wir lagen gedanklich auf ähnlicher Linie. Sie haben mich wenig später gefragt, ob ich auf ihrer Landesliste für den Landtag kandidieren wolle, und ich habe zugesagt.

NTI: Die Linke plazierte Sie danach noch dreimal auf einem ihrer vorderen Listenplätze. Trotzdem wollten Sie nicht Mitglied der Partei werden. Ihr politischer Gegner, Olaf Möller von den Bündnisgrünen, sprach damals in der NTI von Unredlichkeit und taktischer Distanz, „wenn einer für diese Partei Politik macht, aber nicht eintreten will“. Sind Sie später doch noch Mitglied geworden?

Thüringer Landtagsabgeordneter Roland Hahnemann (Mandat Linke Liste/PDS) im Hungerstreik mit den Kalikumpels in Bischofferode im Juli 1993, „Versprechen eingelöst“ (FOTO Erhard Schorcht).HAHNEMANN: Nein. Meine Forderung lautete damals: keine Mitgliedschaft als Voraussetzung für eine Mitarbeit. Daran hat sich auch später nichts geändert. Ich mag Parteien eigentlich nicht. Das entspricht meiner inneren Haltung und resultiert aus historischen Erfahrungen. Ursprünglich spielten Parteien im demokratischen System zweifellos eine wichtige Rolle; inzwischen aber haben sie das demokratische System weitgehend annektiert. Bürgerinteressen werden Parteiinteressen unterworfen. Das kann ich nicht gut heißen.

NTI: Der NTI sagten Sie damals, daß Sie „die DDR als Ganzes nie in Frage gestellt“ hätten, daß Sie ein „rechtes Kind dieses Staates“ gewesen seien und sich in der Solidarität seiner Gemeinschaft immer geborgen gefühlt hätten. Gilt diese Einschätzung auch heute noch?

HAHNEMANN: Damit war beschrieben, wie ich in der DDR gelebt und wie ich die DDR erlebt habe. Soll heißen: Ich bin keiner aus dem Widerstand gewesen, wie sie nach der politischen Wende plötzlich zuhauf herumliefen. Ich habe das Leben eines DDR­Bürgers gelebt und war vom Sozialismus als etwas Neues überzeugt. In den letzten Jahren der DDR fühlte ich mich allerdings immer weniger frei. Und ich habe begonnen, umzudenken. Aber ich war kein Held. Ich muß mich nicht stilisieren, wie es dann Mode wurde. Dazu stehe ich. Was nicht heißen soll, daß ich der DDR nachtrauere.

NTI: Ihr beruflicher Werdegang läßt auf einen eher unpolitischen Menschen schließen. Trotzdem haben Sie sich 1989 in den revolutionären Prozeß eingebracht. Wie kam es dazu?

HAHNEMANN: In der Wissenschaft hatte ich meinen Platz gefunden. Da ging es relativ unpolitisch zu. Mit der SED hatten wir wenig bis nichts zu tun. Aber schon damals stand für mich fest: keine Partei. Klar, manchmal hat man sich schon mit seinen Vorgesetzten angelegt und – bildlich gesprochen – dem Direktor auch mal die Zunge ‘rausgestreckt. Das blieb aber ohne Folgen. Man konnte dennoch ein guter Wissenschaftler werden. Nein, mein politisches Engagement begann erst im Herbst ‘89. Den Prozeß, der damals in Gang gesetzt wurde, fand ich richtig.

NTI: Als gebürtiger Sachse vier Legislaturperioden im Thüringer Landtag: Welchen Stellenwert haben diese 19 Jahre in Ihrem Leben, das doch eigentlich auf wissenschaftliche Arbeit ausgerichtet war?

Hahnemann-Widersacher Olaf Möller (Bündnis 90/Die Grünen); „Unredlichkeit und taktische Distanz“ (FOTO WST-Archiv).HAHNEMANN: Ich bin als Kleinstkind nach Thüringen gekommen, habe hier die Schule besucht, studiert und lebe hier. Von daher bin ich ein Thüringer, ohne allerdings ein ausgeprägtes regionales Empfinden zu besitzen. Vielmehr fühle ich mich eher als so etwas wie ein „Weltbürger“. In Abwandlung von Schiller: Meine Heimat ist dort, wo meine Bücher stehen. 1989 habe ich mich umorientiert und dann die Entscheidung getroffen, die Wissenschaft aufzugeben und fortan politisch tätig zu werden. Wenn ich Bilanz ziehe, dann entsprechen die 19 Jahre im Thüringer Landtag nicht nur meinem halben Berufsleben, sie waren auch absolut dominant. Ich habe damals eine bewußte Entscheidung getroffen, die ich nach meinem Dafürhalten dann auch immer aufrecht, klar und wahrhaftig vertreten habe.

NTI: Wie schätzen Sie mit dem Abstand der Jahre die Wirkung Ihrer Tätigkeit als Abgeordneter ein?

HAHNEMANN: Wir waren – und Die Linke ist es noch immer – Oppositionspartei. Zu jeder parlamentarischen Demokratie gehört Opposition. Die Linkspartei hat diese Rolle trotz Ausgrenzung und eigener Schwächen im Übergangsprozeß von der DDR zu demokratischen Verhältnissen in der Bundesrepublik gut ausgefüllt. Sie war und ist wichtig für alle jene, deren Lebensleistungen und Auffassungen oft genug zur Disposition standen. Und sie war und ist wichtig für das Geschichtsbild, das einmal über diese Zeit gezeichnet werden wird. Obwohl wenig bis nichts Greifbares auf der Habenseite steht: Ich bin zufrieden mit diesen 19 Jahren.

NTI: Was überwiegt? Stolz auf das als Abgeordneter Geleistete oder Frust über die parlamentarischen Niederlagen?

HAHNEMANN: Eher der Stolz auf das, was wir geleistet haben. Wenn Erfolg nur von den Abstimmungen im Parlament abhängt, dann überwiegen die Niederlagen bei weitem. Ja, wir haben 19 Jahre weitestgehend für den Papierkorb gearbeitet. Wir haben aber auch 19 Jahre Interessen und Widersprüche aufgegriffen und vertreten, zum Teil sogar von Angelegenheiten, von denen wir nicht gedacht hätten, daß wir für sie einmal in die Bresche springen würden. Opposition ist in einem demokratischen System unverzichtbar, anderes Denken und Handeln, sonst verkrampft und verkrustet das System.

NTI: Zu den spektakulärsten Ereignissen gehörte unzweifelhaft der Hungerstreik der Kalikumpel in Bischofferode. Sie haben damals mit gehungert – weil Sie an ein gutes Ende glaubten? Oder war es – was manche Ihnen vorwarfen – reiner Populismus?

HAHNEMANN: Wir waren lange vor Beginn des Arbeitskampfes in Bischofferode und ich habe den Bergleuten versprochen, daß ich mich im Falle eines Hungerstreiks zu ihnen legen würde. Die Politik hat die Kaliwerker verkauft; das Parlament erwies sich als machtlos. Da habe ich mein Versprechen ohne Not eingelöst. Mit Liegen war allerdings nicht viel. Die 21 Tage waren geprägt von vielen Aktivitäten. Wir haben Abordnungen aus ganz Deutschland empfangen, die sich mit unserem Kampf solidarisierten. Und wir haben unsererseits in ganz Deutschland um Solidarität geworben. Als Atheist habe ich fast sämtliche Kirchenlieder, die damals „Kampfmittel“ waren, gelernt und mitgesungen.

NTI: Bernhard Vogel, der damals Ministerpräsident war, hat das Aus der Kaligrube in Bischofferode als eine der schwersten Niederlagen seiner Amtszeit in Thüringen bezeichnet. Was war es für Sie?

HAHNEMANN: Ich habe gleiches empfunden. Der Unterschied bestand nur darin: Vogel ist nicht so weit gegangen, die zu benennen, die die Schuld an der Liquidierung des Kalibergbaus in dieser Region tragen. Er sprach zwar davon, daß man in Bischofferode die „Fratze des Kapitalismus“ gesehen habe, verschwieg aber geflissentlich, wer sich hinter dieser Fratze verbarg. Es waren die knallharten Interessen des Konzerns Kali + Salz, der einen lästigen Konkurrenten los werden wollte und die Unterstützung der Herrschenden in Deutschland besaß.

NTI: In einem Autorenbeitrag für die NTI legten Sie im September 1993 die Auffassung Ihrer Fraktion zum Entwurf der Thüringer Landesverfassung dar. Unter anderem haben Sie angesichts wachsender rechtsextremistischer Gefahren „Antifaschismus als Staatsziel“ eingefordert. Dazu ist es nicht gekommen. Fühlen Sie sich nach den Mordanschlägen und Raubüberfällen des Jenaer Neonazi­Trios im nachhinein bestätigt?

HAHNEMANN: Eine antifaschistische Klausel in der Landesverfassung wurde von den anderen Parteien damals immer abgelehnt. Man könne nicht ein Ziel formulieren und damit andere ausschließen, hieß es. Die deutschen Verbrechen der Nazizeit sind weltweit noch in Erinnerung, und perverse neonazistische Tendenzen waren schon damals nicht zu übersehen. Ich bleibe dabei – und die aktuelle Entwicklung gibt mir recht –, daß eine antifaschistische Klausel in der Landesverfassung ihre volle Berechtigung gehabt hätte.

NTI: Wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten: Was würden Sie anders machen?

HAHNEMANN: Da fällt mir auf Anhieb gar nichts ein. Wenn ich es recht bedenke: Ich würde, glaube ich, unter den gleichen Umständen weitest­ gehend alles so machen, wie es gelaufen ist. Würde ich etwas anderes sagen, wäre das doch nur Ausdruck dafür, daß ich mit meinem Leben bis hierhin unzufrieden wäre. Das bin ich aber nicht … Eines vielleicht doch: Ich hätte nicht so lange im Landtag bleiben und früher mit der Neuorientierung beginnen sollen. Trotzdem bin ich jedoch gegen die Begrenzung der Zahl von Legislaturperioden. Die Bedingungen im parlamentarischen Ablauf sollten vielmehr so gestaltet werden, daß neue Leute mit neuen Ideen jederzeit in das Geschehen eingreifen können.

NTI: Haben sich Ihre Erwartungen nach der friedlichen Revolution erfüllt? Was hätten Sie sich eventuell anders gewünscht?

HAHNEMANN: Ich würde nicht von friedlicher Revolution sprechen. Wende oder Umbruch trifft es besser. Und da hätte ich mir gewünscht, daß wir etwas Neues machen, neue Dinge ausprobieren, die Impulse aus dem „Chaos“ für Neues, für eine soziale Gesellschaft aufgreifen, statt uns ein gegebenes politisches System mit einer vorhandenen Währung überstülpen zu lassen. Die Zusammenführung der beiden deutschen Staaten war nicht mehr als ein Anschluß der DDR an die BRD. Ich hätte mir gewünscht, daß beide Länder den Weg zu einem neuen Niveau gegangen wären.

Damaliger Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU); „Er verschwieg geflissentlich, wer sich hinter der ‚Fratze des Kapitalismus’ verbarg.“ (FOTO NTI-Archiv).NTI: Nehmen Sie heute noch Anteil am politischen Geschehen in Thüringen?

HAHNEMANN: Ich verfolge das Geschehen, praktischen Anteil nehme ich kaum noch. Die Probleme, die in der Heimat hohe Wellen schlagen, relativieren sich, wenn man sie aus der Ferne wahrnimmt. Ja, sie erscheinen einem im Vergleich zu den Sorgen, die die Menschen in anderen Ländern niederdrücken, eher wie Fliegendreck. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrere Länder Südamerikas besucht. Ganz Deutschland regt sich auf, daß Rindfleisch mit Pferdefleisch gestreckt wurde. In Bolivien, Peru oder Paraguay zum Beispiel sorgen sich die Menschen um sauberes, fließendes Wasser. Das sind völlig andere Dimensionen.

NTI: Südamerika? Was treibt Sie dort hin? Abenteuerlust?

HAHNEMANN: Ich bin auf der Suche nach einer Betätigung, in der ich mein Wissen und meine Erfahrungen als Wissenschaftler und Parlamentarier weitergeben kann. Das scheint mir am ehesten auf dem Gebiet der internationalen Entwicklungshilfe möglich zu sein. Entsprechende Bewerbungen bei staatlichen und privaten Entwicklungshilfe­Organisationen blieben allerdings erfolglos. Mit 55 Jahren sei ich zu alt, und außerdem stünde ich zu weit links, sagte mir ein Insider. Daraufhin habe ich mich auf eigene Kosten und mit eigener Orientierung auf den Weg gemacht.

NTI: Mit welchem Ergebnis?

„Ja, wir haben 19 Jahre weitgehend für den Papierkorb gearbeitet“, Roland Hahnemann 1995 in der PDS- Fraktion des Thüringer Landtags (FOTO Dieter Schmidt).HAHNEMANN: Noch bin ich nicht fündig geworden, was wohl vor allem daran liegt, daß mein Einsatzgebiet eng begrenzt ist. Ich suche eine Betätigung und einen Ort, wo man mich brauchen kann bei der Gestaltung freier demokratischer Verhältnisse. Staatliche und private Entwicklungshilfe­Organisationen verfolgen handfeste Interessen: neue Märkte, Rohstoffgewinnung, politischen Einfluß. Ich will in Ländern helfen, die vor der Frage stehen: Welches demokratische Modell sollen wir wählen und wie müssen wir es unter unseren Gegebenheiten gestalten? Dabei will ich nicht Schulmeister sein, sondern Mitarbeiter, also keiner, der ein fertig gepacktes Paket mitbringt, sondern Helfer auf eigenen Wegen zu demokratischen Verhältnissen. In Umbruchländern wie Venezuela, Nikaragua oder Ecuador scheint mir Hilfe dieser Art am ehesten gefragt zu sein.

NTI: Sie sind jetzt 59 Jahre alt. Die Pension nach 19 Jahren im Landtag dürfte stimmen … HAHNEMANN: ... sie stimmt dank einer Regelung, die der erste Nachwende­Landtag für seine Mitglieder beschlossen hat. Finanziell muß ich mir keine Sorgen machen …

NTI: … trotzdem wollen Sie noch einen neuen Versuch starten?

HAHNEMANN: Die nächste Reise wird mich wieder nach Südamerika führen. Nach Venezuela, Nicaragua oder Ecuador. Aller guten Dinge sind drei …

NTI: Bleiben wir in Thüringen – welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit der Koalition aus CDU und SPD?

HAHNEMANN: So intensiv verfolge ich die Politik nicht mehr, Bundes­ wie Landespolitik. Angesichts der generellen Probleme dieser Welt spielen sie für mich eher eine marginale Rolle. Ich halte nichts davon, eine Fliege zu einem Elefanten aufzublasen, wie es Koalitionäre tun, wenn sie sich nicht gerade in den Haaren liegen.

NTI: Hätte eine Koalition aus Linkspartei und SPD dem Land mehr gebracht?

HAHNEMANN: Schwer zu sagen. Aber so eine Koalition ist für das Bewußtsein demokratischer Verhältnisse wichtig. Und sie wäre gut gewesen, weil die Leute dann erlebt hätten, daß das, was sie gewählt haben, auch zustande kommt. Doch das liegt in der Verantwortung der gewählten Politiker. Ihre Entscheidung verdeutlicht im konkreten Fall wieder einmal und sehr explizit: Es geht ihnen selten um Bürgerwillen, sondern meist um Herrschaft. Ob sich eine rot­rote Koalition allerdings gegen Großindustrie und Finanzkapital besser behauptet hätte, vermag ich nicht zu beurteilen.

NTI: Die Linke ist im Thüringer Landtag stärkste Oppositionskraft. Wie schätzen Sie ihre Arbeit ein?

HAHNEMANN: Wie gesagt: So intensiv verfolge ich die Thüringer Politik nicht mehr.

NTI: Nächstes Jahr wird ein neuer Landtag gewählt: Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang?

HAHNEMANN: Nein. Mit meinen Prognosen lag ich bisher immer daneben.

NTI: Sollte Die Linke nach der Landtagswahl im nächsten Jahr eine Koalition mit der SPD anstreben – vorausgesetzt natürlich, daß das Wahlergebnis diese Möglichkeit zuläßt?

HAHNEMANN: Sie sollte. Alles andere wäre unlauter. Bei einer Regierungsbildung sind immer alle Möglichkeiten auszuschöpfen, und keiner sollte so tun, als sei eine Koalition mit der Linken etwas Ehrenrühriges und Die Linke als politische Bewegung in dieser Gesellschaft ein Schmuddelkind. Das kann sich die politische Klasse auf Dauer nicht leisten; damit diskreditiert sie alle Linkswähler.

NTI: Wer sollte dann die neue Regierung führen? Bodo Ramelow oder der SPD­Spitzenkandidat, den zur Stunde noch keiner kennt?

Thüringer Die Linke-Ministerpräsidentenanwärter Bodo Ramelow (im Jahr 2000 als PDS-Fraktionsvizechef); Fähigkeit, Leute für ein Ziel zusammenzuführen FOTO Andreas Kühn).HAHNEMANN: Ich schätze Bodo Ramelow außerordentlich, kenne ihn aber nicht so gut, daß ich sagen könnte, er wäre der Traum von einem Ministerpräsidenten. Doch egal, wer nach der Landtagswahl 2014 Ministerpräsident wird, er müßte eine Menge von Bodo Ramelow haben: seine Prinzipien, seine Streitlust und seine Fähigkeit, Leute für ein Ziel zusammenzuführen. Bodo Ramelow könnte aber auch der starke, aufmüpfige und kritische Vorsitzende einer linken Fraktion sein, die die eigene Regierung nicht nur stützt, sondern kritisch begleitet und kontrolliert.

Mit dem langjährigen parteilosen Landtagsabgeordneten Dr. Roland Hahnemann sprach KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

Dr. Roland Hahnemann, Jahrgang 1954, wurde im sächsischen Riesa geboren und ist in Gräfenroda nahe Arnstadt aufgewachsen. Nach Abitur (1972) und Militärdienst (1974) nahm er in Jena ein Lehrerstudium auf (deutsch-englisch), das er mit einem Studium der Germanistik fortsetzte (Staatsexamen und Diplom als Germanist 1980). Ein dreijähriges Forschungsstudium und die Promotion zum Dr. phil. (1983) schlossen sich an. Erste berufliche Station waren Stellen als Archivar und Bibliothekar an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität. 1985 wechselte er an die Akademie der Wissenschaften der DDR, wo er bis 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Sprachwissenschaft tätig war.

Im Herbst 1989 schloß sich Roland Hahnemann, der zu DDR- Zeiten weitgehend unpolitisch geblieben war, dem Bürgerforum der Stadt Jena an und lernte hier auch Vertreter der sich neu formierenden SED-PDS kennen, die ihm eine Kandidatur für die Landtagswahl anboten. Über die Linke Liste/PDS gelangte er in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag. Dort bekleidete er zunächst die Funktion eines parlamentarischen Geschäftsführers, ehe er zur Halbzeit der Legislatur zum Vorsitzenden der Fraktion gewählt wurde. Während der folgenden Wahlperiode war er Vizepräsident des Thüringer Landtages (1994 bis 1999). Nach 19 Jahren als Abgeordneter beendete er 2009 seine politische Laufbahn.

Danach widmete sich Roland Hahnemann zunächst der Sanierung seines Eigenheims in Erfurt und machte sich dann auf die Suche nach einer Aufgabe, in der sich akademisches Wissen und politische Erfahrungen zusammenführen lassen. Seine Hoffnung, in einem der nach demokratischen Verhältnissen strebenden südamerikanischen Länder als Entwicklungshelfer eine neue Herausforderung zu finden, erfüllt sich bisher nicht. Noch in diesem Jahr will er aber einen neuen Anlauf unternehmen.

Roland Hahnemann ist geschieden und Vater einer Tochter. Er lebt in Erfurt. Seine Freizeit gehört praktischen Arbeiten im Eigenheim sowie dem Studium philosophischer und psychologischer Literatur.

NTI-Ausgabe 5/2013

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