„Nur Schwarz oder Weiß – das gibt es nicht“

„Die Themen sind mir nicht ausgegangen“, Waltershäuser Ruheständler Manfred Windus (FOTO MW-Archiv).In der DDR studierte Manfred Windus sozialistische Betriebswirtschaft und war Leitungsmitglied eines volkseigenen Betriebes. Nach der friedlichen Revolution trug er maßgeblich zu dessen Privatisierung bei und wurde einer von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern. Das Multicar-Spezialfahrzeugwerk Waltershausen war zu DDR-Zeiten ein viel gelobter Betrieb und nach der politischen Wende eines der ersten Unternehmen in Thüringen, das festen Boden unter den Füßen gewann.

Manfred Windus ist der volkstümliche und umgängliche Typ geblieben, der er wohl immer war. Wenn er erzählt – und er hat aus seinem knapp 45jährigen Berufsleben viel zu erzählen –, dann ist immer auch eine Brise Humor dabei. Augenzwinkernd weist er im Laufe des Gesprächs auf zwei Urkunden an der Wand seines Arbeitszimmers: oben das „Banner der Arbeit“ mit der Unterschrift von Erich Honecker; unten der „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“, von Bundespräsident Roman Herzog unterzeichnet. Für den fast 70jähri- gen ist das eine wie das andere von Wert. Für ihn gibt es nicht Schwarz oder Weiß. Sondern nur Schwarz und Weiß.

NTI: Herr Windus, Ihr Berufsleben liegt fast zehn Jahre zurück. Wie ist Ihnen die Zeit danach bekommen?

WINDUS: Bestens. Mein Arbeitsvertrag lief bis zum 60. Lebensjahr. Danach sollte Schluß sein. Und darauf hatte ich mich innerlich eingestellt. Dann habe ich mich aber doch überzeugen lassen und noch ein Jahr drangehängt. Mehr war nicht drin. Ich fühlte mich – wie man heute sagt – total ausgepowert und brauchte eine Auszeit.

NTI: Was macht einer mit der so plötzlich gewonnenen Freizeit?

WINDUS: So plötzlich kam sie gar nicht. Ich wollte endlich meinen Hobbys nachgehen und fand auch gleich ein riesiges Betätigungsfeld. Walterhausen bereitete sich auf sein 900jähriges Stadtjubiläum vor, das 2009 begangen wurde, und der Bürgermeister hatte für den Hobbyfotografen und Laien­Heimatforscher Windus eine Menge ehrenamtliche Arbeit, die ich gern übernahm. Ergebnisse waren unter anderem ein Bildband über Waltershausen, eine Fülle heimatgeschichtlicher Artikel und zahlreiche Vorträge. Das hat viel Spaß gemacht.

NTI: Das Jubiläum ist inzwischen jedoch Geschichte …

WINDUS: Die Themen sind mir aber nicht ausgegangen. Ich habe einen zweiten Bildband nachgelegt, der über Waltershausen hinaus die gesamte Region bis Friedrichroda und Tabarz erfaßt. Und gegenwärtig beschäftige ich mich mit Luther und mit der Reformation in meiner Heimatstadt. Die ersten Vorträge wurden schon gehalten.

NTI: Rückblende: Als die politische Wende nahte, waren Sie stellvertretender Betriebsdirektor und verantwortlich für Materialbeschaffung und Vertrieb. Was ging in diesen Wochen in Ihnen vor?

WINDUS: Unser Werk hatte im Ostblock einen guten Namen. Die Exporte in diese Länder liefen bestens. Anders verhielt es sich mit dem sogenannten NSW­Ex­ port *). Er machte gerade einmal fünf Prozent unserer Produktion aus. Und die Fahrzeuge entsprachen in den meisten Fällen nicht den EU­Richtlinien und schon gar nicht dem westeuropäischen Standard. Vom Motor, einem Modell aus dem Jahr 1936, über die Frontscheiben, die nicht dem westdeutschen Sicherheitsstandard entsprachen, bis hin zur Nitro­Farbgebung und zu den Batterien – kaum etwas stimmte. Schon in dieser Zeit wurden die für den Westen bestimmten Fahrzeuge zu großen Teilen mit Komponenten aus dem Westen produziert.

NTI: Welche Schlüsse zogen Sie aus dieser Situation?

WINDUS: Das Ende der DDR war abzusehen; eine Wirtschafts­ und Währungsunion rückte in greifbare Nähe. Die Schlußfolgerungen waren simpel: Wenn die Leute erst einmal Westgeld in den Händen halten, dann kaufen sie keine Ostprodukte mehr, die erkennbar weit hinter dem Qualitätsstandard westeuropäischer Erzeugnisse zurückgeblieben waren. Das wäre auch das Ende unseres Betriebes gewesen. Also mußte gehandelt werden, möglichst schnell. Noch im Dezember ‘89 habe ich alle für uns wichtigen westdeutschen Zulieferer angeschrieben, unseren Betrieb vorgestellt und aufgelistet, welche Komponenten für die Weiterentwicklung unserer Multicar­Fahrzeuge von Interesse sind.

NTI: Mit welchem Erfolg?

WINDUS: Fast alle sprangen an, wohl auch deshalb, weil wir uns im Gegenzug als Vermittler zum osteuropäischen Markt anboten. Das war freilich nicht mein Verdienst allein. In Walter Botschatzki, damals Betriebsdirektor und später geschäftsführender Gesellschafter wie ich, hatte ich einen hervorragenden Partner. Und wir wußten einen ausgezeichneten Chef­Konstrukteur und engagierte Mitarbeiter an unserer Seite. Nur wo war es möglich, innerhalb kürzester Zeit ein neues Modell zu entwickeln: das „Modell 91“. Schon im März 1991 stellten wir das Fahrzeug auf der Hannover­Messe vor.

NTI: Von da an ging’s bergauf?

WINDUS: Nicht schlagartig, aber stetig. Die Messe öffnete uns viele Türen. In Hannover haben wir zusätzlich zu unseren 110 Vertragswerkstätten im Osten, die sich zum großen Teil auch als Händler selbständig gemacht hatten, Händler der alten Bundesrepublik gewinnen können. Unser Multicar, zuletzt nicht ganz zu Unrecht als „Schrottlaube“ abqualifiziert, war wieder gefragt, was zu einem guten Teil sicher auch darauf zurückzuführen war, daß die Fahrzeuge nun unter anderem mit Motoren aus dem Volkswagen­Konzern ausgestattet waren. Das machte sie zunächst vor allem in Ostdeutschland wieder interessant.

NTI: Das Waltershäuser Fahrzeugwerk hat als einziger Automobilhersteller der DDR überlebt. Wo sehen Sie die Gründe?

WINDUS: Vielleicht habe ich im Abendstudium und in den Weiterbildungsmaßnahmen, die später folgten, besser zugehört und intensiver nachgedacht als andere. Doch Spaß beiseite. Das Entscheidende für jede Produktion ist die Arbeitsproduktivität. Das wußte schon Lenin. Doch das Wirtschaftssystem in der DDR taugte dafür nicht. Es war zu starr. Strukturveränderungen scheiterten meist daran, daß damit verbundene Veränderungen in der Personalstruktur nicht durchzusetzen waren. Daran ist die DDR letztlich gescheitert. Das war uns schon vor dem Mauerfall klar. Und klar war auch, daß es keinen dritten Weg gab. Wir mußten uns auf die Marktwirtschaft einstellen. Und hatten dabei dann auch eine Portion Glück.

NTI: Das Glück des Tüchtigen?

WINDUS: Vielleicht. Mit der frühzeitigen Weiterentwicklung des Fahrzeuges waren die Weichen richtig gestellt worden. Dann haben wir in Kassel einen Berater gefunden, der sich fast wie ein Vater um sein Kind sorgte. Mit seiner Hilfe wurde nicht nur die gesamte Buchhaltung umgestellt, es wurden auch Verbindungen zu seriösen Beratern hergestellt, die gemeinsam mit unseren Technikern den Betrieb neu strukturierten und auf die veränderten Bedingungen einstellten. Auch zur Treuhand in Berlin entwickelte sich ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Dort waren in dem für uns verantwortlichen Bereich exzellente Fachleute am Werk, ehrenwerte und korrekte Herren, die uns so manche Klippe umschiffen halfen…

NTI: In der NTI ließen Sie damals sogar durchblicken, daß es unter anderem einen Liquiditätskredit „hart am Rande der Legalität“ gegeben habe. Können Sie heute Näheres dazu sagen?

Multicar-Geschäftsführer Manfred Windus (links) und Walter Botschatzki als Managerpreisträger 1993 - verschuldet bis über beide Ohren (FOTO Jens Wunderlich).WINDUS: Diese Kredite wurden in der Regel nur für das operative Geschäft gewährt; sie waren mit einem strikten Investitions­Verbot gekoppelt. Wir haben es trotzdem gewagt. Unsere Farbgebungsanlage war nach einem Brand ausgefallen. Wir brauchten dringend eine neue, ansonsten hätten wir den Betrieb damals dicht machen müssen. Da haben wir knapp drei Millionen D­Mark, die eigentlich für das operativen Geschäft bestimmt waren, in eine moderne Farbgebungsanlage investiert. Etwas später besuchten uns die für uns zuständigen leitenden Mitarbeiter der Treuhand. Ihr knapper Kommentar: „Endlich haben wir hier Leute getroffen, die ihrer Verantwortung gerecht werden und das Richtige tun.“

NTI: Sie haben demnach nur gute Erfahrungen mit der vielfach gescholtenen und geschmähten Treuhand gemacht?

WINDUS: Ohne Abstriche. Schließlich konnte die Treuhand nichts dafür, daß der gesamte osteuropäische Markt in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Unsere Verkaufszahlen schrumpften schlagartig auf knapp 20 Prozent des ursprünglichen Umsatzes. Da blieb uns gar nichts weiter übrig, als die Produktion zu drosseln und Leute zu entlassen. Auch wenn es schwer fiel und die Proteste bis hin zu Morddrohungen reichten. Ich kam mir damals vor wie ein Chirurg, der einen Arm oder ein Bein amputieren muß, um den Patienten das Leben zu erhalten.

NTI: Was letztlich ja gelungen ist. Aber gab es nicht auch andere Privatisierungsangebote als die Variante, die dann den Vorzug erhielt?

WINDUS: Die gab es. Kurzzeitig hatten wir es mit einem übelsten Burschen aus dem Westen zu tun. Er legte uns nahe, den Betrieb in den Konkurs zu fahren; die Treuhand müsse „Blutspuren vor den Werktoren sehen“, sagte er und wollten so offensichtlich den Preis drücken. Auch bot er uns eine Beteiligung an. Doch so etwas war mit uns nicht zu machen.

NTI: Das Fahrzeugwerk wurde schließlich als MBO­Unternehmen privatisiert. Die Deutsche Bank kaufte es und gründete eine Beteiligungsgesellschaft mit Ihnen und Walter Botschatzki als geschäftsführende Gesellschafter, die selbst zusammen knapp 25 Prozent der Anteile erwarben. War das nicht ein Risiko?

WINDUS: Sicher, sogar ein beträchtliches. Doch die Konsequenzen habe ich damals verdrängt. Ich stand vor der Wahl, entweder in diesem und für dieses Unternehmen weiterhin Verantwortung zu tragen oder mir woanders eine Arbeit zu suchen. Ich blieb und verschuldete mich bis über beide Ohren. Vielleicht hätte ich abgesagt, wenn die Treuhand uns nicht Mut gemacht und die Privatisierung über ein Management­Buyout nahegelegt hätte. Andererseits: Wir hatten die Weichen sehr früh und in die richtige Richtung gestellt. Die Entwicklung des Unternehmens ließ sich gut an. Warum also nicht mit uns als Teilhaber? Nach knapp drei Jahren war der Kredit abbezahlt.

NTI: Sie sind mehrfach mit ziemlich hohen Auszeichnungen geehrt worden. Die NTI würdigte Sie zum Beispiel 1993, als Sie zusammen mit Walter Botschatzki den Managerpreis erhalten hatten. 1998 folgte der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Und zu DDR­Zeiten waren Sie in Ihrem Kollektiv Träger des Banners der Arbeit. Was sind Ihnen diese Auszeichnungen heute wert.

WINDUS: Für mich hat es nie nur Schwarz oder Weiß gegeben, sondern immer Schwarz und Weiß mit vielen Grautönen dazwischen. Die eine Ehrung ist mir heute so lieb wie die andere. Ich habe immer das Glück gehabt, meinen Job fachlich so gut zu erledigen, daß politische Umstände eine untergeordnete Rolle spielten. Das Banner der Arbeit haben wir 1979 für den Serienanlauf des Multicar 25 erhalten; Managerpreis und Verdienstorden wurden für die erfolgreiche Überleitung des Betriebes in die Marktwirtschaft vergeben. An allem hatte ich Anteil. Darauf darf ich doch auch heute noch ein wenig stolz sein.

NTI: Sie sind nun seit knapp zehn Jahren im Ruhestand. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung am Standort Waltershausen ein?

WINDUS: Als ich ausschied, war das Werk ein funktionierendes Unternehmen mit ausgeglichenen Betriebsbilanzen. Schon 1998 war der Standort Waltershausen in der Hako­Gruppe aufgegangen, die später wiederum von einer deutschlandweit agierenden Stiftung übernommen wurde. Ich verhehle nicht, daß mir eine Landesbeteiligung anfangs lieber gewesen wäre, doch die aufeinanderfolgende Eingliederung in die beiden finanzstarken Gruppen ist Waltershausen gut bekommen. Soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, steht das Unternehmen heute auf soliden Fundamenten. Die Produktionspalette mit drei Standardmodellen, von uns noch angeschoben, stimmt. Fertigung und Entwicklung sind unter einem Dach vereint. Unsere Nachfolger machen einen guten Job. Daß ich zu dieser Entwicklung beigetragen durfte, das erfüllt mich durchaus mit einer gewissen Befriedigung.

 

Mit Manfred Windus, mehrfach ausgezeichneter Unternehmer aus Waltershausen, sprach KLAUS RANGLACK.

*) NSW = nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet

 

Zur Person

Manfred Windus, Jahrgang 1943, wurde in Waltershausen geboren und ist dort aufgewachsen. Nach der Mittleren Reife (1959) nahm er im VEB Fahrzeugwerk seiner Heimatstadt eine Lehre als Industrie-Kaufmann auf, der er später auf dem zweiten Bildungsweg an der Fachschule für Ökonomie in Plauen ein vierjähriges Betriebswirtschaftsstudium folgen ließ (Abschluß als Ingenieur-Ökonom 1972).

Mit Ausnahme der Armeezeit hat Manfred Windus seinem Ausbildungsbetrieb stets die Treue gehalten. 1975 wurde er zum Leiter der Abteilung Materialwirtschaft, später zum Direktor für Materialwirtschaft und 1983 zum stellvertretenden Betriebsdirektor berufen. Gemeinsam mit Walter Botschatzki, der 1987 Betriebsdirektor geworden war, führte er den Betrieb durch die wirtschaftlichen Wirren der Nach-Wende-Zeit. Mit Hilfe der Treuhand und der Deutschen Bank, die das Fahrzeugwerk von der Treuhand kaufte und als Beteiligungsgesellschaft fortführte, trieben beide die Privatisierung (1991) voran, erwarben selbst Anteile und leiteten die als geschäftsführende  Gesellschafter.

1998 ging das nunmehr als Multicar Spezialfahrzeuge GmbH firmierende Unternehmen in den Besitz der Hako Werke GmbH (heute Hako GmbH) mit Sitz in Bad Oldisloe über. 2004 trat der damals 61jährige nach knapp 45jähriger Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand. Ende der 60er Jahre war Manfred Windus, der einer Handwerkerfanilie entstammt, vorübergehend Mitglied der Blockpartei LDPD und gehörte ab 1983 bis zur politischen Wende der SED an, ohne herausgehobene Funktionen auszuüben. In den 90er Jahren war er einer der Vizepräsidenten der Industrie- und Handelskammer Erfurt. Darüber hinaus bekleidete er mehrere Ehrenämter. So war er unter anderem Honorarkonsul des Königreiches Schweden (bis 2004), Handelsrichter und Mitglied im Verband der Automobilindustrie.

Manfred Windus ist verheiratet, Vater einer Tochter und zweifacher Großvater. Er lebt in Waltershausen, hat als Hobbyfotograf zwei Bildbände über Waltershausen und Umgebung herausgebracht und zahlreiche Beiträge zur Heimatgeschichte verfaßt. Wanderungen und ein großer Garten füllen den Rest seiner Freizeit aus.

 

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