„Meine drei Söhne waren mir immer wichtiger“

 VL-Archiv).Sie zählte zu den herausragenden Bürgerrechtlern der untergegangenen DDR. 1983 mit Berufsverbot belegt und 1988 ausgebürgert, war sie dann eine der treibenden Kräfte der friedlichen Revolution: Vera Lengsfeld, 61, geboren in Sondershausen. Nach 15 Jahren im Deutschen Bundestag zog sie sich 2005 aus der aktiven Politik zurück. Was macht sie heute?

Das Grundstück am Stadtrand von Sondershausen ist riesengroß: 12.000 Quadratmeter; davon zwei Drittel Wald. Vera Lengsfeld weilt gern hier, sagt von sich, daß sie eine „leidenschaftliche Gärtnerin“ sei. Ebenso gern streift sie durch die Wälder rund um ihre Geburtsstadt, genießt Natur und Landschaft und das Zusammensein mit nächsten Verwandten. Die meiste Zeit des Tages aber verbringt sie an ihren Schreibtischen in Berlin und Sonders- hausen. Die 61jährige sitzt über einem Tagebuch der friedlichen Revolution in der DDR und Osteuropa. Vorbild dafür ist Walter Kempowskis „Echolot. Ein kollektives Tagebuch von 1943 – 1949“.

NTI: Frau Lengsfeld, 2005, nach 15 Jahren im Deutschen Bundestag, haben Sie Ihre politische Karriere im vereinigten Deutschland beendet. Da waren Sie gerade 53 Jahre alt. Wollten Sie nicht länger? Oder hat Sie Ihre Partei, die CDU, fallengelassen?

LENGSFELD: Weder das eine noch das andere. Ich hätte schon noch eine Legislaturperiode im Bundestag mitgearbeitet, hatte aber bei den vorgezogenen Wahlen 2005 das Pech, daß mein Wahlkreis aufgelöst wurde und ich in einem anderen, gerade neugebildeten Wahlkreis antreten mußte; übrigens das dritte Mal, daß mir dieses Mißgeschick passierte. Die beiden Male zuvor hatte ich mich nach intensiver Kampfkandidatur durchgesetzt; diesmal war die Lage aussichtslos. Die Zeit für den Wahlkampf war einfach zu kurz, um im neuen Wirkungsbereich heimisch zu werden.

NTI: Sie sind trotzdem nicht in ein Loch gefallen?

LENGSFELD: Nein, ich wollte ohnehin nur noch eine Legislaturperiode  und danach etwas anderes machen. Darum war ich auch nicht besonders enttäuscht, daß es nach zuvor fünf erfolgreich bestandenen Wahlen im sechsten Anlauf nicht mehr geklappt hat. Meine Söhne studierten noch und freuten sich, daß die Mutter nun mehr Zeit hatte. Nach Aufforderung der Berliner CDU kandidierte ich 2009 noch einmal, verfehlte den Einzug in den Bundestag aber knapp, weil die CDU mehr als gewöhnlich Direktmandate erzielt hatte. Ein neuerliches Angebot, für die gerade vollzogene Bundestagswahl zu kandidieren, habe ich abgelehnt.

NTI: Was haben Sie seitdem gemacht?

LENGSFELD: Ich habe meinen Wunsch in die Tat umgesetzt und arbeite sehr erfolgreich als freischaffende Autorin. Beispielsweise ist 2006 mein Buch „Neustart“ erschienen, in dem ich Erlebnisse und Erfahrungen meines politischen Lebens niedergelegt habe. Die Analyse, die ich damals getroffen habe, ist in den Kernpunkten noch heute gültig. Darüber hinaus bin ich Mitglied von zwei Internet­Plattformen, für die ich Artikel über aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen schreibe – Beiträge, die von namhaften Zeitungen im In­ und im deutschsprachigen Ausland gedruckt werden. Hinzu kommen diverse Aufträge und Vortragsreisen, die bis Usbekistan und Korea führten. Das alles macht viel Spaß.

NTI: Sie waren eine der prominentesten Bürgerrechtlerinnen in der DDR, sind mit Berufsverbot belegt und ausgebürgert worden. Ihren Schritt in die Grüne Partei haben viele Menschen nachvollziehen können. Ihre spätere Entscheidung für die CDU weniger. Stehen Sie auch heute noch so bedingungslos dazu, wie Sie es damals im NTI­Interview formulierten?

LENGSFELD: Ohne jede Abstriche. Die Linke ist eine undemokratische Partei, die totalitäre Ziele verfolgt. Sie schreibt in ihrem Programm, daß sie den Systemwechsel will. Mit anderen Worten: Sie will die Demokratie abschaffen. Mit dieser Partei gibt es für mich keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit. Die Bündnisgrünen haben sich damals mehrheitlich anders entschieden. Deshalb habe ich der Partei den Rücken gekehrt.

 „Wir haben doch viel mehr bekommen, als wir je erträumten.“ (FOTO NTI-Archiv).NTI: In besagtem NTI­Interview haben Sie schonungslos mit den Bündnisgrünen abgerechnet. Die Partei sei von einer „schleichenden Annäherung“ zur „offenen Anbiederung“ an die PDS übergegangen, sagten Sie damals. Gilt Ihr Urteil noch? Trifft es auch auf die heutige Verfassung der Bündnisgrünen zu?

LENGSFELD: Die offene Anbiederung der Bündnisgrünen an die inzwischen dreimal umbenannte SED hat sich leider fortgesetzt. Inzwischen wird längst ganz offiziell über eine Tolerierung nachgedacht. Ich bin überzeugt: Falls Rot­Rot­Grün jemals auch nur ein einziges Mandat mehr erreicht als das konservative Lager, dann tun sich die drei zusammen. Andererseits: Die Chancen der Post­ Kommunisten schrumpfen. Die Partei hat nichts zu bieten. Das erkennen inzwischen immer mehr Menschen. Früher oder später wird Die Linke aus dem Bundestag verschwinden.

NTI: Und die Bündnisgrünen?

LENGSFELD: Die Bündnisgrünen haben keine positive Entwicklung genommen; sie sind auf dem Weg zu einer Verbotspartei. Ihre Vorstellungen sind zum Teil grenzwertig. Jüngstes Beispiel: der „Veggie­Day“. Auch wenn die Parteioberen noch abwiegeln, der fleischlose Tag kommt, sobald sie an die Regierung gelangen. Aber der Bürger braucht keine staatlichen Vorgaben, wann er was essen darf. Vegetarier finden in Kantinen und Hotels jederzeit vegetarische Kost vor.

NTI: Das scheint uns aber eher eine marginale Forderung zu sein ...

LENGSFELD: Es gibt tatsächlich Schlimmeres. In Göttingen zum Beispiel sind Mitglieder der Grünen Jugend unlängst gewaltsam gegen Vertreter der Alternative für Deutschland vorgegangen. Sie haben Plakate abgerissen und Passanten die Wahlwerbung der AfD aus den Händen gerissen. Die Führung nahm es kommentarlos hin. Obwohl die Partei doch einst jeder Gewalt abgeschworen und „Freiheit für Andersdenkende“ gefordert hatte. Oder die Haltung der Grünen zur Sperrklausel bei Europa­Wahlen: Anfangs haben sich Göring­Eckardt und Co. dagegen ausgesprochen, jetzt sagen sie „Ja“ zu einer Drei­Prozent­Hürde ... Wieder wird ein Grundziel der Grünen mißachtet. Nein, meine Skepsis gegenüber dieser Partei ist mit den Jahren nur größer geworden.

Bündnisgrüne Spitzenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt mit Grünen-Urgestein Joschka Fischer während eines  Besuchs im Wielandgut Oßmannstedt im Jahr 2005, Forderung eines „Kultur des Weniger“ ist unglaubwürdig (FOTO WST-Archiv).NTI: Vor allem mit Olaf Möller, der unlängst im NTI­Interview eine Rückkehr in die Politik nicht ausschloß, und mit Katrin Göring­Eckardt, die inzwischen bis an die Spitze der Partei aufrückte, sind Sie damals in der NTI hart ins Gericht gegangen. Ist Ihre Enttäuschung geblieben?

LENGSFELD: Von Herrn Möller habe ich noch nie etwas gehalten. Er ist ein Tyrann, ein Egomane, ein Demagoge. Wann immer wir uns begegnet sind, gab es Krach. Mich interessiert nicht, was er über mich äußert ... Politik ist für mich ohnehin keine persönliche Angelegenheit. Wie Parteien für mich auch nie geistige Heimat waren und sind, sondern Vereinigungen, in denen sich Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen zusammenfinden und von daher gemeinsame politische Ziele verfolgen. Als ich die Bündnisgrünen verließ, habe ich die Positionen der anderen Parteien genau abgewogen und festgestellt, daß die größten Schnittmengen zur CDU bestanden.

NTI: Und was werfen sie Katrin Göring­Eckardt vor, die zur jüngsten Bundestagswahl sogar Spitzenkandidatin der Bündnisgrünen war?

LENGSFELD: Von Frau Göring­Eckardt stammt die Forderung nach einer „Kultur des Weniger“. Dies bedeutet für sie jedoch nicht, daß sie auf einen Teil der Amtsausstattung der stellvertretenden Bundestagspräsidenten verzichtet, obwohl fünf Vize inzwischen die Arbeit von früher zwei machen. Das ist unglaubwürdig.

NTI: Olaf Möller hat Ihnen damals prophezeit, daß Sie, nachdem Sie Ihre Schuldigkeit getan hätten, im „Reliquienschrein der Christdemokraten“ verschwinden würden. In der Öffentlichkeit sind Sie heute kaum noch präsent. Hat Olaf Möller am Ende doch recht behalten?

LENGSFELD: Herrn Möller sei gesagt, daß ich heute noch weitaus präsenter bin als zu meiner Zeit als Bundestagsabgeordnete.

NTI: In einem Autorenbeitrag für die NTI haben Sie im Dezember 1993, damals hießen Sie noch Vera Wollenberger, ein „düsteres Bild“ von der Lage der ostdeutschen Frauen gezeichnet und ihre Situation als „nahezu trostlos“ eingeschätzt. Als Ursache nannten Sie das „Versagen der Politik“. Die politische Hauptverantwortung trug in jener Zeit die CDU, in die Sie knapp vier Jahre später übertraten. Ein Widerspruch?

LENGSFELD: Ich bin nicht wegen ihrer Frauenpolitik zur CDU gegangen. Aber ich habe wesentlich dazu beigetragen, daß sich die Frauenpolitik der Union veränderte. Die Frauengruppe in der Fraktion erhielt mit mir eine starke Stimme. Was uns nicht paßte, haben wir angeprangert und gemeinsam vieles durchgesetzt. Daß Frauenpolitik heute in der Bundesrepublik einen hohen Stellenwert einnimmt, hat ihre Wurzeln auch und nicht zuletzt in der Arbeit dieser Gruppe.

NTI: Hat sich die Lage der ostdeutschen Frauen denn inzwischen gebessert?

LENGSFELD: Sie hat sich gebessert, aber noch nicht in dem Maße, wie es wünschenswert wäre. Vor allem jüngere Frau­ en haben es oft schwer. Sie werden teilweise regelrecht bestraft, wenn sie Kinder kriegen. Da werden Karriereaus­ sichten in Frage gestellt, von Weiterbildung oder Studium abgeraten und unverhohlen vor Schwangerschaft gewarnt. Rückkehrer aus den alten Bundesländern und neuerdings auch ausländische Arbeitskräfte heißt man willkommen. Warum nicht auch – und vor allem! – eine Willkommenskultur für Kinder? Ich denke dabei nicht zuerst an Geldzuwendungen für die Mütter. Viel wichtiger noch sind Bedingungen, die sie nicht diskriminieren und in ihrer beruflichen Entwicklung beschneiden, sondern unterstützen und ermutigen, sich zu bilden und im Beruf zu bestehen.

NTI: Eine ketzerische Frage: Sie waren zu DDR­Zeiten eine engagierte Bürgerrechtlerin, die nur wenig jüngere Angela Merkel FDJ­Sekretärin. Merkel wurde später Bundeskanzlerin; Sie zogen sich fast zur gleichen Zeit aus der Politik zurück ...

LENGSFELD: Darauf eine ketzerische Antwort. Ich habe nie danach gestrebt, Ministerin oder gar Bundeskanzlerin zu werden. Meine drei Kinder waren mir immer wichtiger als jede politische Karriere. Das habe ich sowohl bei den Bündnisgrünen wie in der CDU durchgekämpft. Als Mutter auf jedes Dorffest? Das kam nicht in Frage. Die Parteibasis hat das akzeptiert; die Funktionäre nicht.

NTI: 1998 übernahm die SPD Regierungsverantwortung. Sie warfen Ihrer Partei, der CDU, damals in der NTI „gravierende Fehler“ und „Versäumnisse“ vor. 2005 gelangte die CDU zurück an die Macht. Offensichtlich hat sie aus ihren Fehlern gelernt?

LENGSFELD: Die Situation hat sich seitdem völlig verändert. Das Problem besteht heute darin, daß sich die etablierten Parteien kaum noch voneinander unterscheiden. Sie sind viel zu sehr auf den Staat fixiert. CDU, SPD, Bündnisgrüne und FDP sind keine Parteien im ursprünglichen Sinne mehr, sondern bilden eine Einheitspartei. Sie werden von vielen bereits als Parteienkartell wahrgenommen.

NTI: Kann es sein, daß jene Bürgerrechtler der DDR, die für ihre Überzeugung Haftstrafen und Ausbürgerung in Kauf nahmen, heute weniger gefragt sind als in den ersten Jahren nach der politischen Wende?

LENGSFELD: Mitnichten. Bürgerrechtler genießen ein hohes soziales Prestige. Und das kann ihnen keiner mehr nehmen. Ich sage dies nicht nur für mich – ich bin bestens beschäftigt und fühle mich von der Politik keineswegs an den Rand gedrückt –, das gilt für alle 3000 Bürgerrechtler bis hin zum Bundespräsidenten. DDR­Bürgerrechtler gehören dem Bundestag an, sind Landtagsabgeordnete oder arbeiten in kommunalen Parlamenten mit. Ich darf das sagen, weil ich zu vielen von ihnen noch gute Kontakte unterhalte.

NTI: Wenn Sie auf Ihre Zeit als Bürgerrechtlerin in der DDR zurückschauen, wie denken Sie heute darüber? Hat sich Ihr Einsatz gelohnt?

LENGSFELD: Na klar. Wir haben doch viel mehr bekommen als wir je erträumten. Als die Menschen 1989 auf die Straßen gingen, hatten wir maximal eine erträgliche DDR im Sinn. Daß dann die Mauer fiel und das gesamte System in sich zusammenbrach – das haben doch die wenigsten geglaubt. Das war eine Sternstunde, die eigentlich unbeschreiblich ist. Ich versuche es trotzdem.

NTI: Was versuchen Sie?

LENGSFELD: Nach dem Vorbild von Walter Kempowski arbeite ich derzeit an einem kollektiven Tagebuch, das die Ereignisse des Jahres 1989 vom ersten bis zum letzten Tag schildert: nicht nur meine Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen, sondern die vieler Mitstreiter; nicht nur in der DDR und in der Bundesrepublik, sondern in ganz Osteuropa. Das Projekt ist weit fortgeschritten; die Veröffentlichung für 2014, das 25. Jahr des Mauerfalls, geplant. Ich habe viel recherchiert und war oft selbst überrascht, wie viel ich inzwischen vergessen habe. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an die Menschenkette, die im Spätherbst 1989 nahezu lückenlos von Süd nach Nord quer durch die untergehende Republik reichte?

NTI: Sie haben zwei Parteiverfahren über sich ergehen lassen, waren also SED­Mitglied. Was hat Sie wann bewogen, dieser Partei beizutreten?

LENGSFELD: Den Anstoß dazu gab mein erster Mann. Ich war schon immer ein kritischer Geist und mit manchem in der DDR nicht einverstanden. Opposition aber gab es nicht.

„Wenn du etwas verändern willst, dann mußt du in die Partei gehen“, riet er mir damals. Wie sich schnell heraus­ stellte, war das ein Irrtum – ein Irrtum, den ich mit vielen anderen Bürgerrechtlern teilte. Und wie viele von ihnen, bin auch ich später aus der Partei ‘rausgeflogen.

„Bürgerrechtler genießen ein hohes soziales Prestige.“, CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld während einer Diskussionsrunde mit Erstwählern im Juni 1998 in Weimar (FOTO Andreas Kühn).NTI: Welche„Verfehlungen“mußtemandamalsbegangen haben, um vor ein Parteigericht zu gelangen?

LENGSFELD: An mein erstes Parteiverfahren kann ich mich kaum noch erinnern. In Diskussionen mit meinen Chefs an der Akademie der Wissenschaften in Berlin habe ich wohl zu oft andere als die Parteipositionen vertreten. Beim zweiten Mal waren meine Aktivitäten in der Friedens­ und Umweltbewegung der Grund: wann ich wo was gesagt habe. Nur: Was man mir konkret vorwarf, stimmte nicht. Meine Parteigruppe bestätigte mich gleich in mehreren Punkten. Trotzdem wurde ich ausgeschlossen, allerdings nicht von der Parteigruppe, wie das laut Statuten hätte sein müssen, sondern von einem Gremium, das extra für dieses Verfahren zusammengestellt worden war.

NTI: Sie waren seit 1983 mit Berufsverbot belegt und sind 1988 ausgebürgert worden. Wie sind Sie in dieser Zeit über die Runden gekommen?

LENGSFELD: Ich habe mich auf die Imkerei verlegt und damit in einem halben Jahr mehr Geld verdient, als ich mit meiner beruflichen Arbeit je bekommen habe. Es half mir dann auch über die knapp zwei Jahre hinweg, die ich nach meiner Ausbürgerung in England zubrachte.

NTI: Wurden Ihre Hoffnungen und Wünsche, die Sie mit der politischen Wende verbunden haben, erfüllt?

LENGSFELD: Auf ganzer Linie. Wofür wir gestritten haben, ist heute gesetzlich garantiert: Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Bildungsfreiheit ... Selbstverständlichkeiten sind es allerdings nicht. Sie müssen vielmehr täglich verteidigt werden. Demokratie ist keine feststehende Größe. Sie ist auch anstrengend. Sie verlangt permanenten Einsatz.

„Demokratie ist auch anstrengend. Sie verlangt permanenten Einsatz.“, Model-Auftritt der Wahlkämpferin Vera Lengsfeld im September 1998 auf einem CDU-Bürgerfest auf dem Weimarer Theaterplatz (FOTO WST-Archiv).NTI: Wie intensiv verfolgen Sie das aktuelle politische Geschehen? Ist Ihr Rat in Ihrer Partei heute noch gefragt? LENGSFELD: Einmal Politikerin, immer Politikerin. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Und ich habe durchaus den Eindruck, daß meine Meinung nach wie vor gefragt ist. Zumindest werde ich von vielen Kreisverbänden meiner Partei und immer wieder zu Veranstaltungen der Konrad­Adenauer­Stiftung eingeladen. Wie schon gesagt: ich bin bestens ausgelastet. Ich muß niemanden mehr etwas beweisen; und ich genieße es, frei von allen Parteizwängen zu sein.

NTI: Ihr Mann war Stasi­Mitarbeiter und hat vor allem Sie bespitzelt. Das war sicher Ihr schwerster Schicksalsschlag. Herr Wollenberger ist vor einigen Jahren gestorben. Haben Sie inzwischen Frieden mit ihm schließen können?

LENGSFELD: Das ist Privatsache. Das wurde damals gegen meinen Willen in die Öffentlichkeit gezerrt. Dagegen war ich machtlos. Nur soviel. Er hat mich um Verzeihung gebeten. Wir haben uns ausgesöhnt.

Gesprächspartner war KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

Vera Lengsfeld, Jahrgang 1952, wurde im thüringischen Sondershausen geboren und ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Nach der Oberschule (Abitur 1970) studierte sie in Leipzig und Berlin Geschichte und Philosophie (Diplom 1975). Erste berufliche Station war das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Seit den 70er Jahren engagierte sich Vera Lengsfeld, die 1977 SED-Mitglied geworden war, in der Opposition gegen das SED-Regime. 1978 mußte sie sich wegen „Abweichlertum“ einem Parteiverfahren stellen. Sie wurde innerhalb der Akademie in das Institut für Informationen zwangsversetzt. 1980 wechselte sie in den Berliner Verlag Neues Leben, dem sie bis 1983 angehörte.

Als Mitbegründerin des „Pankower Friedenskreises“, einem der ersten halblegalen Oppositionskreise in der DDR, war Vera Lengsfeld in der Folgezeit Mitorganisatorin zahlreicher Veranstaltungen der DDR- Friedens- und Umweltbewegung. In einem zweiten Parteiverfahren wurde sie 1983 „wegen Mitarbeit in der Bürgerrechtsbewegung“ aus der SED ausgeschlossen und mit Berufs- und Reiseverbot belegt.

Davon unbeeindruckt, setzte Vera Lengsfeld ihre Arbeit in der unabhängigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung der DDR fort. Wegen versuchter Teilnahme mit eigenem Plakat an der offiziellen Liebknecht- und Luxemburg- Demonstration wurde sie im Januar 1988 verhaftet, „wegen versuchter Zusammenrottung“ verurteilt und nach einem Monat Haft in den Westen abgeschoben. Sie ging nach England und nahm in Cambridge ein Studium der Religions-Philosophie auf. Am Morgen des 9. November 1989 kehrte sie nach Berlin zurück und war am Abend an der Bornholmer Brücke dabei, als die Mauer fiel.

Kaum in Berlin eingetroffen, schloß sich Vera Lengsfeld der Grünen Partei der DDR an, die wenig später mit den westdeutschen Grünen fusionierte und sich von da an Bündnis 90/Die Grünen nannte. 1996 verließ sie die Partei und trat mit ihrem Bundestagsmandat zur CDU über.

Vera Lengsfeld war Mitglied der Verfassungskommission des Runden Tisches in Berlin, der ersten freigewählten DDR- Volkskammer und gehörte dann von 1990 bis 2005 dem Deutschen Bundestag an, in dem sie unter anderem im Untersuchungsausschuß „Verschwundenes DDR-Vermögen“ mitarbeitete. 1990 wurde sie mit dem Aachener Friedenspreis, 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie ist Mitbegründerin und langjähriges Vorstandmitglied des Bürgerbüros für die Verfolgten der DDR-Diktatur (seit 1996) und des Gedenkstättenvereins des Stasi- Gefängnisses Berlin-Hohenschönhausen (seit 2003).

Seit 2005 ist Vera Lengsfeld als freischaffende Autorin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen vor allem umfangreiche zeitgeschichtliche Arbeiten und Publikationen (2006: „Neustart“; 2011: „Ich wollte frei sein“). Ihr Lebensmittelpunkt ist Berlin mit Nebenwohnsitz in Sondershausen. Sie ist geschieden, hat drei Söhne und ist zweifache Großmutter.

NTI-Ausgabe 8/2013

 

 

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