„Mein Weg war vorgezeichnet“

 „So kann es weitergehen.“ (FOTO Klaus Ranglack)Kein Minister der Thüringer Landesregierung ist in der NTI so oft zu Wort gekommen wie er. Dies lag freilich weniger daran, daß er emsige PR-Leute an seiner Seite wußte, als vielmehr daran, daß er sein Amt so lange ausübte wie kein anderer vor und nach ihm: Dr. Volker Sklenar war 19 Jahre Minister für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt. Als 65jähriger trat er 2009 in den Ruhestand.

Volker Sklenar (CDU) war 19 Jahre, von 1990 bis 2009, Minister für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt in Thüringen. Viermal in Folge zog er als Direktkandidat in den Landtag ein. Seine Amtszeit verlief weitgehend unspektakulär. Wie geht es ihm? Was denkt er heute über seine aktive politische Zeit?

NTI: Herr Sklenar, wie bekommt Ihnen der Ruhestand?

SKLENAR: Sehr gut. Ich fühle mich wohl, habe viel mehr Bewegung als zu Ministerzeiten und inzwischen einige Pfunde weniger auf der Hüfte als früher. Da auch die Pension stimmt, gibt es keinen Grund zur Klage.

NTI: Wie vertreiben Sie sich jetzt Ihre Zeit?

SKLENAR: Mit meiner Frau hole ich nach, wozu wir vorher nicht gekommen sind. Ich interessiere mich für alles, lese viel und bin häufig in und außerhalb von Deutschland auf Reisen. So kann es weitergehen.

NTI: Wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten: Was würden Sie anders machen?

SKLENAR: Nichts. Mein Weg war vorgezeichnet. Der Großvater, bei dem ich groß wurde, war Bauer, und auch ich wollte nie etwas anderes werden. Ich habe für den Beruf gebrannt. Die praktische Arbeit, ob im Stall oder auf dem Feld, war mir nie eine Last. Da kenne ich mich aus, auch heute noch. Sicher gab es Momente, wo ich gezögert habe. Beispielsweise hielt ich nicht viel von den Agrar-Industrievereinigungen, die Anfang der 80er Jahre aus dem Boden gestampft wurden. Da wollte ich eigentlich nicht mittun ...

NTI: ... eigentlich, Sie taten dann aber doch mit?

SKLENAR: Die Gründer des AIV Berlstedt haben mich damals, 1984, bekniet. Wer, wenn nicht du, soll es machen, argumentierten sie, und verwiesen auf meine Erfahrungen, die ich in 20 Jahren Landwirtschaft gewonnen hatte. Schließlich habe ich mich breitschlagen lassen und mußte hinterher feststellen, daß die Arbeit doch sehr interessant war.

NTI: Interessant inwiefern?

SKLENAR: Unter dem Dach des AIV Berlstedt hatten sich unter anderem 22 Tierproduktionsbetriebe zusammengefunden, die von einem kleinen Stab betreut wurden. Das war ein Fort- schritt gegenüber den Einzel-LPG. Wir hatten es aber auch mit drei Kreisverwaltungen und drei SED-Kreisleitungen zu tun, was eine Menge Bürokratie, Administration und Ungereimtheiten mit sich brachte. In dieser Zeit habe ich tiefe Einblicke in das System gewonnen und viel dazugelernt.

NTI: Ihre Vorbehalte gegen die Agrar-Industrievereinigungen haben sich später doch noch bestätigt?

SKLENAR: Teilweise schon. 1988 begann die Entwicklung zu stagnieren. Es gab erste Auflösungserscheinungen. In den AIV wuchs die Einsicht, daß es so nicht weitergehen könne, daß sich etwas ändern müsse. Aber keiner fand den Mut, Konsequenzen zu ziehen. Die Stimmung unter den Mitarbeitern wurde von Woche zu Woche schlechter – ähnlich wie in den Kombinaten und Betrieben – und mündete schließlich in Protestaktionen, die zum Teil ähnliche Ausmaße annahmen wie in den Städten.

NTI: In diesen bewegten Wochen wurden Sie nach Neumark delegiert und dort zum Direktor des Volkseigenen Gutes befördert, das auf Schweinemast spezialisiert war. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

SKLENAR: Der Aufstand war in vollem Gange, als ich die Aufgabe übernahm. Die Leitung des Gutes hatte sich mit vielen Vorwürfen auseinanderzusetzen; mehr als einmal mußte ich hören, daß wir doch alle unter einer Decke stecken würden. Die Situation verschärfte sich von Tag zu Tag. Einerseits hatten wir kaum noch Futter für die Tiere, andererseits wurden wir unsere Schweine nicht mehr los. Da half kein Lamentieren. Da mußte nach vorn gedacht werden und jeder mit anpacken. Wir sind dann in den Westen gefahren, haben dort Futter eingekauft und in Hessen Schweine verkauft. Und nebenher noch die Heizung auf Öl umgestellt. Eine wüste Zeit.

NTI: Aber genutzt haben die Anstrengungen am Ende wenig?

SKLENAR: Wie man‘s nimmt. Wir haben wieder Fuß gefaßt und ein Teil der Leute hatte weiterhin Arbeit, auch, weil später Betriebsteile ausgegliedert wurden und sich selbständig gemacht haben. Heute ist das ehemalige Gut in holländischer Hand. Von einst über hundert Mitarbeitern sind meines Wissens etwa 20 geblieben.

NTI: Rückblende: Sie waren 21 Jahre Mitglied der DBD, einer Blockpartei. Was hat Sie damals zu diesem Schritt bewogen?

SKLENAR: Das war während meines Studiums. Unsere Seminargruppe war der Uni-Leitung ein Dorn im Auge: zu kritisch und aufmüpfig. Außerdem gehörte ihr kein einziger Genosse an, aber einige Kommilitonen, die in der Bauern-Partei waren. Die haben mich und andere geworben. Die Studienjahrgangsleitung beorderte zudem zwei Genossen aus anderen Seminargruppen zu uns. Das hat offensichtlich gereicht.

NTI: Während der politischen Wende haben Sie die DBD verlassen und sind in die CDU eingetreten, eine andere Blockpartei. Hat Sie der Vorwurf, eine Blockflöte zu sein, je getroffen?

SKLENAR: Überhaupt nicht. Er mag unterschwellig vielleicht vorhanden gewesen sein, hat im großen und ganzen aber keine Rolle gespielt. Ich kann mich jedenfalls nicht darüber beklagen.

NTI: Wie kam es 1990 zum Wechsel in die CDU?

Thüringer Landwirtschaftsminister Volker Sklenar(CDU) im Jahr 1992 mit dem damaligen Herkunftszeichen „Original Thüringer Qualität“ - Keine Gedanken an Ressortwechsel verschwendet (FOTO Claus Bach).SKLENAR: Die DBD hörte 1989 auf zu existieren und ich stand vor der Wahl, aufzuhören oder einer anderen Partei beizutreten. Fürs Aufhören fühlte ich mich noch zu jung. Christine Lieberknecht, heute Thüringens Ministerpräsidentin und schon damals eine der führenden Christdemokraten im Weimarer Land, sprach mich an und ich war angetan von den Zielen, die sich die CDU für die demokratische Umgestaltung Thüringens gestellt hatte. Also ließ ich mich nicht lange bitten. Die CDU nominierte mich dann als Direktkandidaten für den Landtag; ich wurde gewählt und fand mich Ende des Jahres als Minister in der Landesregierung wieder.

NTI: Sie wollten, sagten Sie eingangs, nie etwas anderes werden als Landwirt. Und nun Minister? Wie paßt das zusammen?

SKLENAR: Landwirtschaft war mein Leben. Das hätte ich unter anderen Umständen bis zur Rente gemacht. Als Josef Duchac damals auf mich zukam und sagte, ich müsse das Landwirtschaftsressort übernehmen, bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich kannte zwar alles in der Landwirtschaft. Aber für ein ganzes Land Verantwortung übernehmen? Das ging doch weit über meine Vorstellungen hinaus. Wir haben in der Familie tagelang gegrübelt und beraten. Schließlich gab die Zusage den Ausschlag, daß mir gute Aufbauhelfer aus Rheinland- Pfalz und Hessen zur Seite gestellt würden. So ist es dann auch gekommen. Vor allem in Dr. Jürgen Hartmann, meinem Staatssekretär, hatte ich eine starke Stütze. Mit seiner ruhigen und souveränen Art haben wir so manche Klippe umschifft.

NTI: Können Sie sich noch an Ihre erste Maßnahme als Minister erinnern?

SKLENAR: Nein, es wird wohl eine Anordnung im Zusammenhang mit dem Aufbau des Ministeriums gewesen sein. Am besten in Erinnerung geblieben sind mir dagegen die ersten beiden Jahre im Amt und im Landtag. Nicht nur, weil sie voller Arbeit steckten, sondern vor allem, weil wir nach vorn geschaut und viel improvisiert haben. Als Bernhard Vogel Ministerpräsident wurde, war es mit der langen Leine vorbei. Er ließ mich zwar weiterhin gewähren, aber wenn es um den Haushalt für mein Ministerium ging, dann prallten schon mal verschiedene Meinungen hart aufeinander. Das war erst recht der Fall, als mein Ressort nach der Landtagswahl 1994 um Umwelt und Naturschutz erweitert wurde.

NTI: Was ist aus Ihrer Zeit geblieben? Gibt es Dinge, die Sie auch heute noch mit Genugtuung erfüllen?

SKLENAR: Wenn ich auf die 19 Jahre als Abgeordneter und Minister zurückschaue, dann überwiegt eindeutig das Positive. Bei allen Problemen, die es gab – und es gab viele –, es war eine gute Zeit. Unser Ministerium galt als offenes Haus. Der Minister und seine Mitarbeiter waren für alle da, die Rat und Hilfe brauchten. Unterschiedliche Meinungen wurden ausdiskutiert. Lösungen gesucht, Kompromisse gefunden. Das lief eigentlich immer gut ...

NTI: ... obwohl der Landwirt Sklenar mit Umwelt- und Naturschutzfragen vorher wenig am Hut hatte?

Thüringer Christdemokraten Christine Lieberknecht und Volker Sklenar in Heichelheim - Ziele für eine demokratische Umgestaltung (FOTO wst-Archiv).SKLENAR: Zugegeben, in beiden Fachgebieten hatte ich andere Auffassungen als die Spezialisten. Daraus resultierten zuweilen schon heftige Diskussionen. Manchmal haben wir uns stundenlang gefetzt. Das tat dem freundschaftlich- kollegialen Verhältnis untereinander aber keinen Abbruch. Ich habe bis zur Stunde das beste Verhältnis mit allen, die damals daran beteiligt waren. Am Ende haben wir immer eine Lösung gefunden. Entgegen kam mir dabei allerdings, daß die personelle Besetzung des Hauses über Jahre hinweg relativ konstant blieb. Und daß meine Mitarbeiter exzellente Fachleute waren, die eigen- verantwortlich und mit großem Einsatz arbeiteten. Dafür bin ich bis heute dank- bar. Und durchaus auch ein bißchen stolz.

NTI: Im nachhinein betrachtet: Was ist weniger gut gelaufen?

SKLENAR: Darüber habe ich später häufiger nachgedacht. Das eine oder andere hätte man sicher anders machen können. Ob es am Ende aber auch besser gewesen wäre, läßt sich im nachhinein schlecht sagen. Ich glaube, wir haben damals alles in allem vernünftig agiert. Wir waren immer um Kompromisse bemüht und haben sie selbst bei den kompliziertesten Vermögensfragen gefunden. Auch die Wiedereinrichtung bäuerlicher Einzelbetriebe und der Umbau der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ist gut über die Bühne gegangen: nach dem Motto, jeder ist seines Glückes Schmied. Bei uns hatte jeder eine Chance, und viele haben sie genutzt.

NTI: Also 19 Jahre nur eitler Sonnenschein?

SKLENAR: Natürlich nicht. Doch ich war und bin nicht nachtragend. Mit einer Ausnahme vielleicht. Anfang der 90er Jahre war ich als Minister auch Vorsitzender des Vereins für Jugend, Umwelt und Landwirtschaft mit Sitz in Weimar- Schöndorf, der sich um Jugendliche kümmerte, die aus zerrütteten Familien stammten, gestrauchelt waren oder keinen Bock auf Schule und Berufsausbildung hatten. Die Sache lief gut, bis einer, der nicht zum Zug gekommen war, eine gründliche Revision forderte. Dabei stellte sich heraus, daß Fördergelder falsch eingesetzt worden seien. Man unterstellte mir, wir hätten uns bereichert. Aber wir hatten das Geld, wie schnell klar wurde, in gutem Glauben für einen anderen als den vorbestimmten Zweck eingesetzt. Die Jugendlichen sahen das genauso und demonstrierten für die Leitung. Dennoch bin ich frei- willig gegangen. Und wurde 1994 auch als Direktkandidat mit großer Mehrheit wiedergewählt. Der JUL existiert heute noch und arbeitet mit gutem Erfolg.

NTI: Ihre Amtsführung verlief weitgehend unspektakulär. Sie haben selten für überschwängliche und erst recht nicht für negative Schlagzeilen gesorgt. Worauf führen Sie das zurück?

Thüringer Landwirtschaftsminister Volker Sklenar in einem NTI-Interview mit dem damaligen NTI-Reporter Andreas Wentzel, kein Minister ist so oft zu Wort gekommen (FOTO PP­Archiv).SKLENAR: So unspektakulär ging es nun auch wieder nicht zu. Ich erinnere nur an das Wismut-Erbe, den Teersee Rositz oder die Werra-Versalzung – Probleme, die dem Freistaat Thüringen bis heute zu schaffen machen. Rositz zum Beispiel wird nach meiner Einschätzung noch etwa 50 Jahre benötigen, ehe es dem Land kein Sorgen mehr bereitet. Von den Ausmaßen der Umweltschäden, die uns die DDR hinterließ, hatten wir anfangs doch gar keine Vorstellungen. Sie traten erst nach und nach zutage. Und ich finde, daß die Fachleute bisher wirklich gute Arbeit geleistet haben. Was in vier Jahrzehnten versäumt wurde, läßt sich nun einmal nicht in 20 Jahren geradebiegen. Aber ich bin nach wie vor der Meinung: Wir haben damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

NTI: Was auch für die Werra-Versalzung gilt?

SKLENAR: Bei Kali und Salz sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit K und S-Managern. Ich glaubte, Problemlösungen während eines Treffens auf den Weg bringen zu können und hatte nach stundenlangen Beratungen so gut wie nichts erreicht. Kali und Salz ist ein Konzern, der in der Bundesrepublik eine mächtige Lobby besitzt. Die Ergebnisse sehen wir: Bis heute läuft Kali-Sole in den Fluß. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

NTI: In Erinnerung geblieben sind auch die Auseinandersetzungen  mit den Bündnisgrünen und dem BUND. Als dem Landwirtschaftsministerium 1994 Naturschutz und Umwelt zugeordnet wurden, sei der Bock zum Gärtner gemacht worden, hieß es aus ihren Reihen. Am Ende der Legislaturperiode regte sich keiner mehr darüber auf. Wie ist Ihnen das gelungen?

SKLENAR: Die Arbeit ist aus meiner Sicht nach einem halben Jahr reibungslos gelaufen – einfach deshalb, weil wir von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit den großen Bundesverbänden an- strebten. Es gab regelmäßige Treffen mit Vertretern des Naturschutzbundes und des Bundes für Umwelt und Naturschutz. Wir suchten gemeinsam Lösungen, und meist wurden Kompromisse erzielt, bei denen jeder das Gesicht wahrte. BUND und Nabu spürten schnell, daß wir um Ausgleich bemüht waren. Ich bin ein Mann der Kompromisse. In diesem Amt ging es nicht ohne Kompromisse.

NTI: Zur Ihren Aufgaben gehörte der Waldzustandsbericht, der anfangs jährlich, später im Abstand von zwei Jahren vorzulegen war. Zwar wurden zeitweise Verbesserungen festgestellt, die Situation hat sich nach mehr als 20 Jahren aber nicht wesentlich entspannt. Wo sehen Sie die Ursachen?

SKLENAR: Bäume wachsen langsam. Es dauert eben seine Zeit, zumal ja auch die Luftverschmutzungen nicht schlagartig aufgehört haben.

NTI: 1995, so war damals in der NTI zu lesen, erklärten Sie, daß sich Thüringen für die „ökologische Variante“ des Waldumbaus entschieden habe, für eine „gezielte und sanfte Neuaufforstung von Mischwäldern“. 20 Jahre später müßte davon doch eigentlich etwas zu spüren sein?

SKLENAR: In der Tat, wir haben die Weichen für den Mischanbau frühzeitig gestellt und diese Variante dann auch immer vorangetrieben. Die Aufzucht von Mischwäldern erfordert ein anderes technisches Herangehen. Aber ich gebe Ihnen recht, inzwischen müßte man schon Fortschritte sehen.

Thüringer Koalitionsregierungskabinett am 6. November 2009 im Thüringer Landtag, zunehmendes Befremden (FOTO Andreas Kühn).

 

NTI: Damals schätzten Sie auch ein, daß der Zustand der Thüringer Wälder der schlechteste unter den neuen Bundesländern sei. War das am Ende Ihrer Amtszeit immer noch der Fall?

SKLENAR: Leider ist es nach wie vor so. Dafür muß ich wohl meinen Kopf hinhalten.

NTI: 1994 bilanzierten Sie in der NTI; daß von 130.000 Beschäftigten, die zu DDR-Zeiten in der Thüringer Landwirtschaft arbeiteten, gerade einmal 30.000 geblieben sind. Ein Ende dieser Entwicklung war damals nicht abzusehen ...

SKLENAR: ... Inzwischen sind es nach meinem  Überblick  nur noch knapp 25.000 ...

NTI: ... und die Agrarbetriebe suchen händeringend Nachwuchs; sie wollen ihn sogar aus dem Ausland anwerben. Was ist schiefgelaufen?

SKLENAR: Einerseits hat die moderne Landtechnik viele Arbeitsplätze überflüssig gemacht, andererseits ist eine große Zahl Landarbeiter nach dem Erreichen des Rentenalters ausgeschieden. Das Arbeitskräftereservoir ist inzwischen erschöpft. Kluge Betriebsleiter haben das rechtzeitig erkannt. Leider zu wenige. Ich wollte die DDR-Praxis fortsetzen und hatte frühzeitig einen Ausbildungsgang zum Facharbeiter mit Abitur eingeführt. Daran nahmen anfangs immer um die 20 junge Leute teil. In meiner letzten Legislatur haben wir dann aber immer weniger Lehrlinge gefunden, so daß diese Ausbildung schließlich eingestellt wurde. Das ist schade. Eigentlich hätte sie verstärkt werden müssen.

NTI: Die EU will die Fördermittel für die Landwirtschaft kürzen, was die großen Thüringer Agrargenossenschaften besonders hart treffen soll. Wie ernst ist die Situation wirklich?

SKLENAR: Daß Kürzungen kommen würden, wußten wir seit langem. Die Thüringer Betriebe sind mit EU-Mitteln bisher gut bedacht worden; zweimal wurde die Förderperiode sogar verlängert. Ab 2014 wird es nun definitiv weniger Geld geben. Das könnte vor allem für die Betriebe schwieriger werden, die sich auf eine Produktionslinie spezialisiert haben. Aber das gilt es abzuwarten. Schließlich waren schon andere, viel kompliziertere Situationen zu meistern. Da wurde zwar auch erst gebarmt. Aber dann kam man doch damit zurecht.

NTI: Sie waren 19 Jahre Minister in ein und demselben Ressort. Hatten Sie nie andere Ambitionen?

SKLENAR: Nie. Wie heißt es so schön: Schuster bleib bei deinen Leisten. In diesem Metier kannte ich mich aus; hier wußte ich gute Leute an meiner Seite. Ein Ressortwechsel oder gar mehr – darauf habe ich zu keiner Zeit einen Gedanken verschwendet.

NTI: Wie intensiv verfolgen Sie die aktuelle Thüringer Landwirtschafts- und Umweltpolitik noch?

SKLENAR: Ich lese Zeitung und bin als Vorsitzender der Stiftung Naturschutz Thüringen weiterhin mit vielen Fragen aus meinem ehemaligen Verantwortungsbereich konfrontiert. Natürlich verfolge ich das aktuelle Geschehen. Aber ich halte mich weitestgehend raus. Es hat ein Generationenwechsel statt- gefunden. Neue Ideen sind gefragt. Da mische ich mich nicht ein.

NTI: Also auch kein Kommentar zur Arbeit Ihres Nachfolgers?

SKLENAR: Er macht seine Arbeit.

NTI: Und zur Arbeit der Thüringer Koalitionsregierung?

SKLENAR: Die verfolge ich mit zunehmendem Befremden. Zu unserer Zeit wurde auch gestritten. Aber man muß doch mal zu Potte kommen. Ich erinnere mich an Auseinandersetzungen, die zu Zeiten der ersten Koalition mit der SPD geführt wurden. Die dauerten manchmal bis tief in die Nacht hinein. Am Ende aber sind wir mit einer Meinung rausgekommen und haben die auch öffentlich vertreten.

NTI: Sie spielen auf die unendlichen Diskussionen um die Verwaltungs- und Gebietsreform an?

SKLENAR: Die Gebietsreform ist nur der Gipfel des Eisbergs. Klar dürfte doch sein, daß angesichts des Bevölkerungsrückganges in Thüringen etwas unternommen werden muß. Sachsen und andere haben es uns vorgemacht. Sicher ist es in einem Land, das einst Musterland deutscher Kleinstaaterei war, nicht einfach. Aber da muß man durch. Zu meiner Zeit gab es 40 Landwirtschaftsämter. Geblieben sind sieben. Und es geht auch. Besser sogar. Die Umweltämter wurden gar sämtlich aufgelöst. Heute weint ihnen keiner eine Träne nach.

NTI: Am 22. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Ihre Partei, die CDU, will in Thüringen alle neun Wahlkreise gewinnen. Ein realistisches Ziel? Und: Welche Partei stellt nach dem 22. September Kanzlerin oder Kanzler?

SKLENAR: Kanzlerin wird wohl Angela Merkel bleiben; sie wird dann eine Koalition aus CDU und SPD anführen, denn ich glaube nicht, daß die FDP wieder so viele Stimmen gewinnt, daß es noch einmal für Schwarz-Gelb reicht. SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück kämpft nach meinem Dafürhalten auf verlorenem Posten, selbst wenn er noch die Kurve kriegen sollte. Und ob die Thüringer CDU ihr Wahlziel erreicht, ist längst nicht sicher. Wer beispielsweise hätte vor Jahresfrist schon den Linken zugetraut, daß sie bei den Kommunalwahlen gleich drei Landratsämter und ein kreisfreies Rathaus gewinnen würden. Aber wie heißt es doch: Stecke deine Ziele nur immer recht hoch, das Leben streicht schon ab.

NTI: In Thüringen wird 2014 ein neuer Landtag gewählt. Wagen Sie hier eine Prognose?

SKLENAR: Das fällt mir noch schwerer. Die SPD weiß zur Stunde noch nicht mal, wen sie als Spitzenkandidaten ins Rennen schicken will. Fest scheint mir nur zu stehen, daß ihr Wirtschaftsminister, der Herr Machnig, sich bei nächster Gelegenheit nach Berlin absetzen wird. Und die CDU hat in den vergangenen Jahren auf dem Land zuviel Zustimmung eingebüßt, als daß man sich dort eines Übergewichts sicher sein kann. Aber noch ist Zeit. Wenn sie genutzt wird und alle in der Partei wieder mit einer Stimme sprechen, wird es vielleicht noch etwas.

Mit Thüringens langjährigem Minister für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz, Volker Sklenar, sprach KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

Dr. Volker Sklenar, Jahrgang 1944, wurde in Mittweida geboren und ist im benachbarten Seifersbach aufgewachsen. Nach der Grundschule absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre, die er 1964 als Feldwirt mit Abitur beendete. Ein einjähriges Praktikum in Neustadt an der Dosse mit dem Abschluß als Facharbeiter für Pferdezucht folgte. Anschließend studierte er in Jena und Leipzig Landwirtschaft (Diplom 1970, Promotion zum Dr. agr.1973). Ab1972 war er als Abteilungsleiter für Tierproduktion in der LPG Großobringen (Kreis Weimar-Land) tätig. 1984 wechselte er in gleicher Funktion und Tätigkeit in die Agrar- Industrievereinigung Berlstedt (AIV). Im November 1989 wurde er zum Direktor des Gutes Neumark berufen.

Von 1969 bis zur politischen Wende war Volker Sklenar Mitglied der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD). Nachdem sich die Partei 1989 aufgelöst hatte, schloß er sich im Jahr darauf der CDU an, die ihn wenig später als Direktkandidaten für die Wahl zum ersten Thüringer Nachwende-Landtag benannte. Dreimal (1994, 1999, und 2004) verteidigte er in den Folgejahren sein Mandat, ehe er 2009 aus dem Landtag ausschied.

Mit der Regierungsbildung holte ihn Ministerpräsident Josef Duchac 1990 als Minister für Landwirtschaft und Forsten in das Kabinett, dem er dann unter den Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Dieter Althaus (alle CDU) bis 2009 angehörte. 1994 wurde sein Ressort um Naturschutz und Umwelt erweitert. Nach 19jähriger Tätigkeit als Minister trat er 2009 in den Ruhestand, in dem er sich bis heute als Vorsitzender der Stiftung Naturschutz Thüringen für Belange des Umwelt- und Naturschutzes engagiert.

Volker Sklenar ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und vierfacher Großvater. Er lebt in Weimar, liest viel und ist häufig im In- und Ausland auf Reisen.

NTI-Ausgabe 3/2013

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